Darf die DDR als totalitär bezeichnet werden? - Chronik einer kontroversen deutschen Diskussion


Vordiplomarbeit, 2003

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Grundlegungen
B. I. Zur Genese eines kontroversen Begriffs
B. II. Erste theoretische Konzeptionen
B. III. Drei klassische Totalitarismustheorien

C. Darf die DDR als totalitär bezeichnet werden?
C. I. Die „lebendige Totalitarismustheorie“
C. II. Totalitarismus vs. systemimmanenter Ansatz
C. III. Der ostdeutsche „Konsens“
C. IV. Die Diskussion seit dem Untergang der DDR

D. Schlussbetrachtung

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

„Heute kann sich zum ersten Mal ein antitotalitärer Konsens bilden, der diesen Namen verdient, weil er nicht länger selektiv ist. Jedenfalls können liberale Haltung und demokratische Gesinnung der Geburts-hilfe durch Antikommunismus oder Antifaschismus erst dann entbehren, wenn sich die politische Sozialisation der Nachwachsenden nicht mehr unter dem polarisierenden Generalverdacht gegen innere Feinde vollzieht.“ Jürgen Habermas[1]

A. Einleitung

Wenn Karl-Heinz Roth im Untertitel seines Buches von der „Wiedergeburt der Totalita-rismustheorie“[2] spricht, dann impliziert er damit, dass es so eine allgemein gültige und anerkannte Theorie geben würde, auf die sich alle – positive wie negative – Kritik konzentriert. Dass dem nicht so ist, weiß Roth natürlich genau, womit man beim Dilemma angekommen wäre, welchem die Totalitarismusdebatte seit Jahrzehnten unterliegt: Erstens gibt es nicht die allgemein anerkannte, unangefochten stehende Theorie. „Die Zahl der Totalitarismusansätze ist Legion“,[3] um mit Eckhard Jesse zu sprechen. Eine große Anzahl von Personen hat sich mit dem Thema befasst: Politologen, Historiker, Psychologen, Germanisten, Juristen oder einfach nur Interessierte, die Liste ließe sich fortsetzen. Eine integrative Totalitarismusforschung steht noch aus[4] und ist auch nötig, wenn man die bis heute bestehende inter- und intradisziplinäre Zerstrittenheit betrachtet. Zweitens: Das Wort Totalitarismus polarisiert die Diskutanten, wie kaum ein anderer gesellschaftswissenschaftlicher Begriff. Loben die einen die Möglichkeiten des Vergleiches von Herrschaftssystemen angeblich gleicher Struktur, und fordern auf zum antitotalitären Konsens, um die Demokratie zu schützen,[5] werfen wiederum die anderen den einen Gleichsetzung unterschiedlichster Systeme und damit vor allem Nivellierung national-sozialistischer Verbrechen vor,[6] bzw. bemängeln die Abhängigkeit des Begriffs von der aktuellen „politischen Wetterlage“. Oder, und damit sind wir wieder bei Karl-Heinz Roth, die Befürworter einer Verwendung des Totalitarismusbegriffs werden per se in die (neu-) rechte Ecke gestellt, beziehungsweise, wenn sie ehedem einmal dem Totalitarismusbegriff negativ gegenüberstanden, ihn inzwischen aber befürworten, als „nekrophile Renegaten“ bezeichnet.[7] Deswegen kann Roth auch von der Totalitarismustheorie sprechen, für ihn gibt es tatsächlich nur eine, nämlich die, welcher er den Kampf angesagt hat.

Eine besondere Bedeutung hat die Diskussion von je her in Deutschland, welches innerhalb eines Jahrhunderts gleich zwei solcher totalitärer Diktaturen erlebte, eine von rechts und eine von links, jedenfalls sagen das die einen. Das sehen die anderen nun wieder gar nicht gerne, sie befürchten, dass durch den Vergleich von Drittem Reich und DDR ein Gleichsetzen beider politischer Systeme erfolgt. Dies ist der Kern eines Streits, den diese Hausarbeit zum Thema hat. Dazu sind im ersten Kapitel zunächst Grundlagen zu schaffen. In aller Kürze wird auf die Begriffsgeschichte sowie die ersten theoretischen Konzeptionen, nebst dreier Klassiker, einzu-gehen sein, um einen leichteren Einstieg in das Thema zu finden.

Dem Grundanliegen der Arbeit entsprechend, einen chronographischen Überblick über die Diskussion zu bieten, ob die DDR als ein totalitäres System bezeichnet werden darf, ist der Hauptteil der Arbeit in vier Zeitabschnitte unterteilt. Davon widmen sich drei der Diskussion vor 1989, zweimal aus bundesrepublikanischer Sicht, einmal aus Sicht der DDR-Wissenschaft. Letztere konnte aufgrund der recht wenigen Publikationen kurz behandelt werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Betrachtung der in der BRD zwischen 1949 und1989 erschienen Beiträge. Hier kam es, nachdem der Totalitarismusansatz zunächst nahezu unan-gefochten verwandt wurde, vor allem gegen Ende der sechziger Jahre zu einem Paradigmen-wechsel, der zu einer Ablehnung des Konzeptes bei vielen Forschern führte. Die Gründe die zu diesem Wechsel führten, sollen hier ausführlich dargestellt werden, denn sie strahlen auch auf die Diskussion nach 1989 aus, dem Thema des vierten Abschnitts. Die Schlussbetrachtung wird diese Hausarbeit abschließen.

Die verwandte Literatur ist dabei so zahlreich, dass eine Einteilung in Primär- oder Sekundär-literatur nicht sinnvoll erscheint. Jeder Zeitabschnitt brachte andere Protagonisten hervor, deren Namen mehr oder weniger mit der Diskussion verbunden sind. Dennoch ragen mit dem Politikwissenschaftlern Eckhard Jesse und Klaus Schroeder zwei Herausgeber und Autoren heraus, die sich dem Thema seit 1989 sehr intensiv widmen und deswegen auch teils heftig von ihren Gegnern angegriffen werden. Beider Publikationen waren für die Erstellung dieser Ausarbeitung sehr hilfreich. Die angegebenen Quellen sind alle im Original gesichtet worden. Insofern eine Beschaffung von Originalen nicht möglich war, oder im Verhältnis zum letztendlichen wissenschaftlichen Nutzen einen unangemessen hohen Aufwand darstellten, resp. die fremdsprachigen Originale nicht übersetzt werden konnten, wurde indirekt zitiert. Alle indirekten Zitate sind dabei ausreichend gekennzeichnet worden.

B. Grundlegungen

B. I. Zur Genese eines kontroversen Begriffs

In den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts trat in der Sowjetunion, in Italien und in Deutschland eine bis dato unbekannte, vergrößerte, intensivierte und dyna-misierte politische Gewalt in Erscheinung,[8] die den Anspruch erhob, das ganze menschliche Leben zu gestalten. Schnell wurde klar, dass diese politische Gewalt gänzlich neuer Art sei, nicht erklärbar mit bisherig genutzten Termini wie Despotie, Autokratie, Diktatur.[9] Diesen Begriffen fehlte, als kennzeichnende Gemeinsamkeit, eben jenes, den gesamten Lebensbereich durchdringende, totale Element.

Dass der bis heute so umstrittene Begriff totalitär und sein Substantiv Totalitarismus nach-weislich im Italien der frühen zwanziger Jahre geprägt wurde, ist heute ebenso bekannt wie un-strittig. Seine Entstehungsgeschichte ausführlich wiederzugeben ist hier nicht der Raum, dazu ist eine Reihe guter Literatur erschienen, auf die verwiesen werden muss. Nur soviel: Ursprünglich wurde die erstmalige Verwendung von totalitär, bzw. Totalitarismus den italienischen Faschisten selbst zugeschrieben. Diese These gilt inzwischen als widerlegt. Tatsächlich benutzte Mussolini das Wort totalitär zum ersten Mal in einer Rede am 22. Juni 1925, zum Abschluss des vierten Parteikongresses der Partito Nazionale Fascista (PNF). Er bezeichnete das Ziel, die italienische Nation zu faschistisieren, als seinen und seiner Partei „unerbittlichen totalitären Willen.“[10]

Nachweislich vor Mussolini verwendete einer seiner politischen Gegner, der große Liberale Italiens, Giovanni Amendola,[11] die Bezeichnung totalitär erstmals am 12. Mai 1923, in einem Artikel über den Missbrauch von regionalen Wahlverfahren durch die Faschisten. Der Hintergrund war, dass Mussolinis Getreue in den Gemeinden Italiens die Bürgermeister und Stadtvertretungen gewaltsam zum Rücktritt zwangen oder eine kommissarische Verwaltung einsetzten. Daran schlossen sich Neuwahlen an, bei der sowohl die letztlich erfolgreiche, als auch die unterlegene Kandidatenliste von den Faschisten selbst aufgestellt wurde.[12] Eine echte Opposition wurde unterdrückt. Amendola bezeichnete dieses System als „systema totalitario“, welches für die Faschisten als geeignet erschien die „absolute ... und unkontrollierbare Herrschaft in der kommunalen Politik und Verwaltung zu übernehmen.“[13] Jens Petersen weißt darauf hin, dass die Bedeutung des Begriffs totalitär zunächst also eher in einem technischen Sinne verstanden wurde, als Bezeichnung eines missbräuchlichen Wahlverfahrens. Indem Amendola, im November des selben Jahres, ebenfalls in einem Artikel, vom „totalitären Geist“ als der spezifischen Charakteristika der italienischen, faschistischen Bewegung spricht, hat er die Bedeutung des Begriffs bereits erheblich erweitert.[14] Schon im Jahre 1924 hat sich die Wortschöpfung offensichtlich derart etabliert, dass sie in den allgemeinen Sprachgebrauch der italienischen antifaschistischen Opposition Einzug gehalten hatte. Nach Petersen verwendet der junge Sozialist Lelio Basso erstmalig am 2. 1. 1925 in einem Aufsatz in der Zeitung La Rivoluzione Liberale das Substantiv Totalitarismus (totalitarietà).[15]

Es bleibt also festzuhalten, dass die Begriffe totalitär und Totalitarismus ursprünglich von den politischen Gegnern der Faschisten geprägt wurden. Beide Worte wurden „erfunden“, um Mussolini und seine Gefolgsleute kritisieren und bekämpfen zu können. Offensichtlich waren nicht theoretische Überlegungen, sondern der reale politische Kampf ursächlich für die Entstehung. Darauf deutet auch eine sprachanalytische Betrachtung der italienischen Ursprungswörter totalitario und totalitarietà hin, denn beide Neologismen stellen sprachlich einen Nonsens dar, weil sie Superlative von totale und totalità sind, die jedoch schon die höchste Steigerungsform darstellen, mithin ihrem Sinn und ihrer Bedeutung nach gar nicht mehr steigerungsfähig sind.[16] Mit diesem philologischen Paradoxon wollten die italienischen Antifaschisten offenbar die historische Neuartigkeit und Gefährlichkeit dieser Form von politischer Gewalt kennzeichnen, wozu totale und totalità eben nicht mehr ausreichten.[17]

Außerdem ist zu konstatieren, dass totaitario und totalitarietà von den Faschisten über-nommen wurden, um sich damit selbst zu beschreiben. Sie machten also einen Begriff der politischen Gegnerschaft zu einem eigenen und das nicht ohne gewissen Trotz, wie ein Auszug einer Rede des Parteidirektoriumsmitglieds der PNF, Roberto Forges, deutlich macht: „Wenn die Gegner uns sagen, wir seien totalitär, Dominikaner, unversöhnlich, tyrannisch, dann erschreckt vor diesen Adjektiven nicht. Akzeptiert sie mit Ehre und Stolz ...Weiset keines zurück! Jawohl wir sind totalitär! ... Wir wollen tyrannisch sein.“[18] Hier wird ein Unterschied zum deutschen Nationalsozialismus und sowjetischen Bolschewismus deutlich, wo eine solche Selbstcharakterisierung der Machthaber nicht erfolgte.[19] Dabei übersahen die italienischen Faschisten offensichtlich, dass der Begriff totalitär von ihren Gegnern zunehmend auch dazu benutzt wurde, um auf Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen italienischem Faschismus und sowjetischen Bolschewismus aufmerksam zu machen.[20] Und wieder war es Amendola, der beide Systeme als eine „totalitäre Reaktion auf Liberalismus und Demokratie“ bezeichnete und einen Vergleich für angebracht hielt.[21] Er sollte damit den Grundstein für den empfindlichsten Punkt legen, der die an der Totalitarismusdiskussion Beteiligten bis heute beschäftigt.

B. II. Erste theoretische Konzeptionen

Darauf, dass der Totalitarismusbegriff „erfunden“ wurde, um als politischer Kampfbegriff eingesetzt zu werden, ist im ersten Abschnitt dieses Kapitels hingewiesen worden. Es dauerte nicht lange, bis sich dem Thema auch die Politikwissenschaft widmete, wobei die Grundlagen in den USA gelegt wurden. Dies hing ohne Zweifel auch mit dem Auftreten des deutschen Nationalsozialismus zusammen, dessen totalitäres Wesen nicht mehr zu übersehen war.[22] Die ersten wissenschaftlichen Symposien zum Thema fanden 1935 in Minneapolis und Ende 1939 in Philadelphia statt.[23]

In Minneapolis wies unter anderem Max Lerner darauf hin, dass neben der „konstitutionellen“ und der „konterrevolutionären“ Diktatur, ein neues „Grundmuster“ getreten sei, welches durch das faschistische und das kommunistische System repräsentiert werde.[24] Trotz der grundsätzlichen Unterschiede von Faschismus und Kommunismus hinsichtlich Ziele und Lebensanschauung, identifiziert Lerner Gemeinsamkeiten wie die Machtergreifung durch eine Bewegung, deren Führer eine Ideologie bestimmt, die Verschmelzung von Partei und Staat sowie die Nutzung moderner Formen der Massenbeeinflussung einschließlich „systematischen Terrors.“[25]

Während der zweiten Konferenz in Philadelphia schien sich die These von der Wesensver-wandtschaft beider Systeme zu bestätigen, wurde doch nur etwa drei Monate zuvor, am 23. August 1939, der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen. Aus diesem Grunde stand die Frage, ob denn ein Vergleich des faschistischen mit dem bolschewistischen System statthaft sei, überhaupt nicht mehr zur Debatte.[26] Vielmehr wurde darüber diskutiert, ob sich der Totalitarismus aus Formen früherer, autokratischer oder despotischer Staatsformen entwickelt habe, oder tatsächlich etwas völlig Neues in der Geschichte darstellt, mithin sui generis, also von eigener Art, sei. Das Zusammengehen von Hitler und Stalin war schließlich auch dafür verantwortlich, dass dem identifizierenden Begriff der totalitären Herrschaft zum entscheidenden Durchbruch verholfen wurde.[27] Außerdem zeigen sich hierbei überdeutlich die realpolitischen Einflüsse, die auf die theoretischen Totalitarismuskonzeptionen immer wirkten, was von deren Kritikern auch oft bemängelt wurde. Schon zwei Jahre später, nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion, wird dieser Einfluss nämlich dazu führen, dass der Totalitarismusbegriff aus der westlichen Politikwissenschaft fast völlig verschwindet. Schließlich hatten sich die „liberalen“ mit einer der „totalitären Mächte“ verbünden müssen, um den Hitlerschen Totalitarismus zu besiegen.[28] Ein Vergleich von Bolschewismus mit deutschem Faschismus war von nun an tabu. Nach dem Überflüssigwerden dieses Zweckbündnisses und mit dem Aufbrechen des Kalten Krieges, wurde der Begriff wieder umso heftiger verwandt.

B. III. Drei klassische Totalitarismustheorien

Wie einleitend schon erwähnt, existiert eine Vielzahl unterschiedlichster Totalitarismus-theorien. Der Sinn dieser Arbeit besteht nicht darin, einen kompletten Überblick zu geben.[29] Exemplarisch sollen hier nur drei in aller Kürze benannt werden: Das Konzept der Politischen Religionen von Eric Voegelin, die Theorie von Hannah Arendt sowie das, im Sinne von Max Weber, idealtypische Totalitarismusmodell von Carl Joachim Friedrich und seinem Mitarbeiter Zbigniew Brzezinski. Allen drei Konzepten ist gemeinsam, dass sie im Allgemeinen zu den klassischen Totalitarismustheorien gezählt werden.

Eric Voegelins, schon 1939 erschienene Buch, Die Politischen Religionen,[30] ist ein ge-schichtsphilosophischer Ansatz und war lange in Vergessenheit geraten. Seit einiger Zeit erfreut er sich wieder größerer Resonanz, ein Umstand, der vor allem Hans Maier zu verdanken ist, welcher sich offensichtlich seinem Konzept verbunden fühlt.[31] Zweifelsohne gehört Voegelins sprach- und geistreiche Abhandlung zum Interessantesten was das Thema zu bieten hat. Im Gegensatz zu Arendt und Friedrich/Brzezinski sieht er den Totalitarismus nicht als neuartiges Phänomen des 20. Jahrhunderts, sondern vielmehr als zwangsläufigen Endpunkt ideologischer Strömungen der Vergangenheit an. Für ihn besteht ein Zusammenhang zwischen der geistigen Bewegung der Gnosis und den modernen rechten und linken Ideologien.[32] In dieser gnostischen Tradition würde unter anderem auch Hegel mit seiner These stehen, nach der „das Volk als Staat ... die absolute Macht auf Erden sei.“[33] Da für Voegelin die Menschen- gemeinschaft allerdings immer auch ein „Bereich religiöser Ordnung“[34] sei, die Religion jedoch durch die Absolutheit des Staates aus dem Leben des Menschen verdrängt werden würde, könnten demzufolge die faschistischen und kommunistischen Massenbewegungen dies ausnutzen und die freigewordenen Stelle des Transzendenten besetzen. Voegelin begreift also die Entstehung des Totalitarismus als einen allgemeinen Abfall von Gott.[35] So interessant und nachvollziehbar diese Argumentation auch ist, bleibt doch die Frage, ob sich der Totalitarismus mit der Gnosis erklären lässt, oder ob nicht eher umgekehrt der Versuch, die „ideologische Gestalt des Totalitarismus zu fassen, zu einem völlig neuen, stark extensiven Verständnis von Gnosis geführt hat.“[36]

Die Debatte über den Totalitarismus wurde entscheidend von Hannah Arendts Buch The Origins of Totalitarianism beeinflusst.[37] Arendt sieht totale Herrschaft als eine völlig neue Herrschaftsform an, welche als Kennzeichen die Ideologie und den Terror hat.[38] Die Ursachen sieht sie, anders als Voegelin, in dem Untergang der Klassenherrschaft, welche zum Entstehen einer selbstwert- und orientierungslosen Masse führe. Die Grundprämisse Arendts ist also die, dass totale/totalitäre Herrschaft als Resultat der Verlassenheit von Menschen entsteht. Daran könne dann die totalitäre Ideologie ansetzen, wobei der Einzelne durch die Erzeugung von Angst durch den Terror gefügig gemacht werde.[39] Diese stark vereinfachende Wiedergabe Arendts Konzeption muss hier genügen. Im Rahmen des Hauptteils dieser Arbeit, wird noch kurz auf die Kritik der westdeutschen DDR-Forschung an der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt einzugehen sein.

[...]


[1] Aus seiner Rede zur letzten Sitzung der Bundestagsenquetekommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“. Vgl. Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (12. Wahlperiode des Deutsche Bundestages), hrsg. vom Deutschen Bundestag, Stuttgart und Frankfurt/M. 1995, Bd. IX, S. 689

[2] Vgl. Karl-Heinz Roth, Geschichtsrevisionismus, Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie, Hamburg 1999

[3] Vgl. Eckhard Jesse, Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: ders. (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert, Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1999, S. 19

[4] Vgl. Klaus-Dietmar Henke, Achsen des Augenmerks in der historischen Totalitarismusforschung, in: ders. (Hrsg.) Totalitarismus, Sechs Vorträge über Gewalt und Reichweite eines klassischen Konzepts der Diktatur-forschung, Dresden 1999, S. 17

[5] Neben Jürgen Habermas z. B.: Karl Dietrich Bracher, Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln/Berlin 1969, S. 534 oder Klaus Schroeder, Der SED-Staat – Geschichte und Strukturen der DDR, München 1998, S. 634

[6] Vgl. Wolfgang Wippermann, Totalitarismustheorien, Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997 Wippermann lehnt jedwede Totalitarismustheorie aus dem Grunde ab, weil sie nicht imstande wäre, die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen zu erklären. Dies ist der „Rote Faden“ des ganzen Buches.

[7] Vgl. Roth 1999, S. 10

[8] Vgl. Hans Maier, Voraussetzungen und Durchbruch totalitärer Politik im 20. Jahrhundert, in: Klaus-Dietmar Henke, Die Verführungskraft des Totalitären, Dresden 1997, S. 14

[9] Vgl. Hans Maier, „Totalitarismus“ und „Politische Religionen“, Konzepte des Diktaturvergleichs, in: Jesse (vgl. Anm. 3), S. 119

[10] ital.: „la nostra feroce volonta totalitaria“, vgl. Jens Petersen, Die Entstehung des Totalitarismusbegriffs in Italien, in: Jesse (vgl. Anm. 3). Der Artikel wurde 1978 erstmals abgedruckt in: Manfred Funke (Hrsg.), Ein Studien-Reader zur Herrschaftsanalyse moderner Diktaturen, Düsseldorf 1978

[11] Eine kurze Biographie zu Amendola ist zu finden in: Richard Brütting, Italien-Lexikon, Berlin 1995, S. 80

[12] Vgl. Petersen 1978, S. 104

[13] Vgl. Giovanni Amendola, Maggioranza e Minoranza, in: Il Mondo vom 12. 5. 1923. Zitiert nach: Petersen 1978, S. 104

[14] Vgl. Giovanni Amendola, Un anno dopo, in: Il Mondo vom 2. 11. 1923. Zitiert nach: Petersen 1978, S. 104

[15] Unter dem Pseudonym Prometeo Filodemo, L’ antistato, in: La Rivoluzione Liberale vom 2. 1. 1925. Zitiert nach: Petersen 1978, S. 107

[16] Vgl. Norbert Kapferer, Der Totalitarismusbegriff auf dem Prüfstand, Ideengeschichtliche, kompara-tistische und politische Aspekte eines umstrittenen Terminus, Dresden 1995, S. 20

[17] Vgl. Martin Jänicke, Totalitäre Herrschaft, Anatomie eines politischen Begriffes, Berlin 1971. Jänicke gehört zu den Autoren, die den Ursprung der besagten Begriffe noch den italienischen Faschisten selbst zu-schreiben. Dennoch ist vor allem der erste Teil seines Buches lesenswert, da er sehr genau auf das Nebenein-ander von total und totalitär eingeht, indem er die Theorie des totalen Staates der profaschistischen deutschen Staatslehre dem Begriff des totalitären im italienischen Faschismus gegenüberstellt.

[18] Die Rede wurde am 28. 2. 1926 in Florenz gehalten. Vgl. Petersen 1978, S. 109

[19] Auch die spanischen Faschisten wollten einen totalitären Staat errichten. Im Gegensatz zu den drei oben genannten Beispielen erfolgte die Realisierung allerdings am unvollständigsten. Vgl. Jänicke 1971, S. 48 ff.

[20] Vgl. Wippermann 1997, S. 11

[21] Rede vom 20. 3. 1924, Zitiert nach: Petersen 1978, S. 108

[22] Vgl. Eckhard Jesse, Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: Ders. (vgl. Anm. 3), S. 13

[23] Vgl. Wippermann 1997, S. 16

[24] Vgl. Max Lerner, in: Bruno Seidel und Siegfried Jenkner (Hrsg.), Wege der Totalitarismusforschung, Darmstadt 1968, S. 30 ff.

[25] Vgl. ebd., S. 39 ff.

[26] Vgl. Wippermann 1997, S. 18

[27] Vgl. Jänicke 1971, S.76

[28] Vgl. Ernst Nolte, Deutschland und der kalte Krieg, München 1974, S. 144

[29] Ein sehr differenzierter und zugleich kurzer Überblick ist zu finden in: Martin Greiffenhagen, Reinhard Kühnel und Johann Baptist Müller, Totalitarismus, Zur Problematik eines politischen Begriffs, München 1972, S. 27 ff. Hier erfolgt eine Fünfteilung der Bedeutung des Begriffs Totalitarismus; als historisch durchgängiger Typ extrem autokratischer Herrschaft, als Gnosis, als Machiavellismus, als Rousseauismus und als Phänomen des 20. Jahrhunderts

[30] Ein unveränderter Neudruck erfolgte 1993, Eric Voegelin, Die Politischen Religionen, München 1993. Ursprünglich Erich Voegelin, nahm er Eric 1938 nach seiner Emigration aus Deutschland in die USA an.

[31] Hans Maier war bis 1999 Inhaber des Guardini-Lehrstuhls für christliche Weltanschauung an der Universi-tät München.

[32] Vgl. Greiffenhagen/Kühnel/Müller 1972, S. 30

[33] Vgl. Voegelin 1993, S. 13

[34] Vgl. ebd., S. 6

[35] Vgl. Peter J. Opitz, Nachwort, in: Voegelin 1993, S. 83. Hier soll dem Interessierten der Vorschlag unter-breitet werden, das sehr gute Nachwort von Opitz vor der Lektüre von Voegelins Abhandlung zu lesen.

[36] Vgl. Greiffenhagen/Kühnel/Müller 1972, S. 31

[37] Diese amerikanische Ausgabe (New York 1951) ist vermutlich auf äußeren Druck oder Wunsch hin entstanden. Auch der Titel ist offenbar so von Arendt nicht gewollt worden, worauf auch der Titel der deutschen Ausgabe, Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft (Frankfurt/M. 1955) vier Jahre später hinweist. Ebenso ist in der deutschen Version weniger von Arendts emotionaler Betroffenheit zu spüren und es fehlen das Vorwort und die Abschließenden Bemerkungen der Originalausgabe. Vgl. Ursula Ludz, Über den Totalitarismus, Texte Hannah Arendts aus den Jahren 1951 und 1953, mit einem Kommentar von Ingeborg Bachmann, Dresden 1998. In dieser Publikation wurden erstmalig Vorwort und Abschließende Bemerkungen übersetzt abgedruckt.

[38] Vgl. Arendt 1955, Bd. III, S. 237 ff.

[39] Vgl. Klaus Schroeder, Totalitarismustheorien, Begründung und Kritik, Berlin 1994, S. 7

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Darf die DDR als totalitär bezeichnet werden? - Chronik einer kontroversen deutschen Diskussion
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Politische Religion
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
34
Katalognummer
V28501
ISBN (eBook)
9783638302609
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit sehr ausführlichem Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Darf, Chronik, Diskussion, Politische, Religion
Arbeit zitieren
Kai Posmik (Autor), 2003, Darf die DDR als totalitär bezeichnet werden? - Chronik einer kontroversen deutschen Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28501

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