Ausführlicher Überblick über das Thema "Stillen"


Seminararbeit, 2004

44 Seiten, Note: ohne


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Anatomie der Brust und die Physiologie des Stillens
2.1 Lage und Aufbau der Brust bei der geschlechtsreifen Frau
2.2 Die Entwicklung der Brustdrüse und die Physiologie der Laktation
2.2.1 Mammogenese und Laktogenese (Die Entwicklung der Brust)
2.2.2 Galaktogenese (Das Ingangkommen der Laktation)
2.2.3 Galaktopoese und Galaktokinese (Aufrechterhaltung der Milchproduktion)
2.2.4 Die empfohlene Stilldauer
2.2.5 Das Abstillen
2.2.5.1 Das natürliche Abstillen
2.2.5.2 Das primäre und sekundäre Abstillen
2.3 Faktoren die die Milchproduktion beeinflussen
2.3.1 Kreislauf der gestörten Milchbildung

3. Die Zusammensetzung der Muttermilch
3.1 Die Hauptkalorienträger
3.1.1 Proteine
3.1.2 Fett
3.1.3 Kohlenhydrate
3.2 Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine
3.3 Immunaktive Komponenten
3.3.1 Passiver unspezifischer Schutz
3.3.2 Passiver spezifischer Schutz
3.3.3 Aktiver unspezifischer Schutz
3.4 Wachstumsfaktoren

4. Auswirkungen des Stillens auf die Gesundheit von Mutter und Kind
4.1 Auswirkungen des Stillens auf die Gesundheit der Mutter
4.1.1 Kurz- und mittelfristige Effekte
4.1.2 Langfristige Schutzwirkungen – Brustkrebs (Mammakarzinome)
4.2 Langfristige Auswirkungen des Stillens auf die Gesundheit des Kindes
4.2.1 Immunologische Entwicklung
4.2.2 Allergien
4.2.3 Diabetes mellitus
4.2.4 Leukämien im Kindesalter
4.2.5 Kardiovaskuläre Risiken
4.2.6 Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes
4.2.7 Stillen und Suchtrisiko
4.2.8 Sozialpsychologische Aspekte des Stillens

5. Ist Muttermilch austauschbar?

6. Abschluss

7. Quellenverzeichnis
7.1 Literatur
7.2 Internet

8. Anhang
8.1 Stillquoten in Deutschland (Quelle: SuSe Studie, 1997/1998)
8.2 Längsschnitt durch die weibliche Brustdrüse
8.3 Schematische Darstellung der funktionellen Einheit der Brustdrüse
8.4 Schematische Darstellung der Brustdrüsenentwicklung
8.5 Laktation nach der Geburt
8.6 Hormonspiegel während Schwangerschaft und Laktation
8.7 Prolaktin- und Östrogenausschüttung beim Stillen
8.8 Kreislauf der gestörten Milchbildung

1. Einleitung

Als Mutter einer elf Monate alten Tochter motivierten mich vor allem meine persönlichen Erfahrungen rund um das Stillen dieses Thema zu wählen.

Die Muttermilch ist einzigartig und unnachahmlich. Trotz aller Versuche ist es bis heute nicht gelungen sie vollständig zu kopieren. Alle Muttermilchersatzprodukte bleiben das, was der Begriff ausdrückt: Ein Ersatz, der das Original nicht erreicht.

Nach Schätzungen von UNICEF (2001) werden mit Vollendung des ersten Lebensjahres weltweit ca. 80% und nach zwei Jahren etwa 50% der Kinder noch teilweise gestillt. (Scherbaum u.a., 2003, S. 54).

Die erste Studie zu Stillen und Säuglingsernährung in Deutschland, die SuSe-Studie, durchgeführt vom Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund (FKE) zeigte auf, dass eine Vollstilldauer von sechs Monaten von 13% der Mütter und von vier Monaten von 45% der Mütter erreicht werden. (Przyrembel, 2001, S. 273 f). Ziel dieser Arbeit ist es nicht, die Gründe für diese niedrigen Stillquoten[1] zu erörtern, obwohl dies eine sehr interessante Fragestellung wäre.

Diese Arbeit kann nicht alle Aspekte rund um das Thema Stillen behandeln, so habe ich mich lediglich auf einige ausgewählte Schwerpunkte konzentriert. Dabei werde ich folgendermaßen vorgehen: Im zweiten Kapitel erläutere ich die Anatomie der Brust und die Physiologie des Stillens. Im dritten Kapitel gehe ich auf die Zusammensetzung der Muttermilch ein, welches zum besseren Verständnis des vierten Kapitels, das die Auswirkungen des Stillens auf die Gesundheit von Mutter und Kind behandelt, beiträgt. Um abschließend die Einzigartigkeit der Muttermilch jeder Säugetierspezies hervorzuheben, werde ich im fünften Kapitel der Frage nachgehen: Ist Muttermilch austauschbar?

2. Die Anatomie der Brust und die Physiologie des Stillens

2.1 Lage und Aufbau der Brust bei der geschlechtsreifen Frau

Die Brust ist ein Hautanhangsgebilde (Hautorgan), das sich von den Schweißdrüsen ableitet. Sie besteht aus der Brustwarze (Mamille) einschließlich des Warzenhofs (Areola), dem Drüsen-, Fett- und Bindegewebe sowie der darüber liegenden Haut. Das Drüsengewebe ist vollständig von einer Faszie des Musculus pectoralis major eingehüllt. Zwischen Drüsengewebe und Haut liegt wie ein Polster das Unterhautfettgewebe. Dieses ist durchzogen von bindegewebigen Septen, den Cooper-Ligamenten. Sie haben die Aufgabe der Verankerung des Brustdrüsengewebes im Unterhautfettgewebe und an der Unterlage, dem Muskulus pectoralis major.[2]

In der Mitte der voll entwickelten, halbkugeligen Brust befindet sich der 1,5 bis 2,5 cm große Warzenhof (Areola mammae), die Brustwarze (Mamille oder Papille) in der Mitte des Warzenhofs hebt sich einige Millimeter von der Oberfläche ab. Auf dem ganzen Warzenhof verteilt zeigen sich kleine, flache Erhebungen von individueller Anzahl, in ihnen liegen unmittelbar unter der Haut in der schmalen subkutanen Gewebsschicht die apokrinen Drüsen, Glandulae areolares Montgomery, kurz Montgomery-Drüsen genannt. Sie sondern schon während der Schwangerschaft eine talgartige Substanz ab mit dem Ziel, die Haut der Brustwarze geschmeidig zu halten[3]. Ihre Ausführungsgänge münden in der Oberfläche der Areola und in die großen Milchausführungsgänge.

Etwa 8 bis 15 Milchausführungsgänge, die so genannten Milchporen, enden in der Brustwarzenoberfläche. Sie kommen von den teils schon in der Mamille, teils erst unterhalb der Brustwarzenbasis liegenden Sinus lactiferi (Milchsäckchen oder
-seen). Die Milchseen, in denen sich die Muttermilch ansammeln kann, setzen sich in die Milchgänge fort. Dabei teilen sie sich nach kurzer Strecke in 15 bis 20 Hauptmilchgänge, die jeweils eine variable Anzahl von kleinen Milchgängen abgeben.

An deren Endigungen führen die terminalen, kapillaren Milchgänge zu den abschließenden Alveolen. Ein Hauptmilchgang mit seinen Untereinheiten wird als Milchlappen[4] (Lobus) bezeichnet.

Jeder davon abgehende kleinere Milchgang mit den terminalen, kapillaren Milchgängen und den anschließenden Alveolen heißt Milchläppchen (Lobulus).

Die Alveolen (Milchbläschen) sind die eigentlichen funktionellen Einheiten der Brustdrüse[5] zur Zeit der Laktation. Sie sind von einer einfachen Schicht milchsezernierender Zellen ausgekleidet und von einem Netz myoepithelialer, kontraktiler Zellen umgeben. Die Myoepithelzellen finden sich nicht nur um die Alveolen, sondern speziell um die terminalen und intralobulären Milchgänge herum. Es sind sternförmige Muskelzellen, die sich durch Fortsätze miteinander verbinden. Durch Kontraktion dieser Muskeln wird die Milch von den Alveolen in die Ausführungsgänge gepresst. Ihre Kontraktion kommt nicht über Nervenfasern, sondern humoral über das Hormon Oxytocin zu Stande. An das Myoepithel der Alveole grenzt unmittelbar das intralobuläre Mantelgewebe an, welches von Nerven, Blut- und Lymphgefäßen durchzogen ist und der Ernährung des Drüsengewebes dient. Es spielt bei der Physiologie und Pathologie des Brustdrüsengewebes eine bedeutende Rolle, da sich hormonelle Zyklusveränderungen, Schwellungszustände durch Wassereinlagerungen und proliferative Wachstumsvorgänge, dort abspielen. Auch Entzündungsreaktionen wie bei der Mastitis gehen vom Mantelgewebe aus.

Form und Größe der Brust sind von Frau zu Frau unterschiedlich. Der Fettgewebeanteil der Brust variiert beträchtlich, während der Drüsengewebeanteil relativ konstant ist. Form und Größenveränderungen sind in erster Linie eine Folge der Schwangerschaft(en), nicht des Stillens. (Mändle u.a., 2000, S. 404 ff)

2.2 Die Entwicklung der Brustdrüse und die Physiologie der Laktation

Laktation bedeutet das Ingangkommen und die Aufrechterhaltung der Milchproduktion sowie die Abgabe der Muttermilch durch die weibliche Brustdrüse im Anschluss an die Schwangerschaft.

Einteilung der Phasen der Brustdrüsenentwicklung und –funktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach dieser Einteilung erscheint die Laktationsaufnahme und –erhaltung als endokrines Geschehen, es treten das harmonische Zusammenspiel zwischen den mütterlichen und kindlichen Stillreflexen, sowie ihre Wirkungen auf die Hormonausschüttung in den Hintergrund. Um zu einer befriedigenden Stillbeziehung zu gelangen, muss auch letztgenanntes berücksichtigt werden. (Mändle u.a., 2000, S. 407 f)

2.2.1 Mammogenese und Laktogenese (Die Entwicklung der Brust)

Die intrauterine Entwicklung der Milchdrüsen ist am Ende der sechsten Schwangerschaftswoche erkennbar. Mit etwa 15 Wochen entwickeln sich die in dem embryonalen Gewebe angelegten Zellen zu 15 - 25 Epithelstreifen, den späteren Brustsegmenten. Die Bildung von Blutgefäßen (Vaskularisation) und spezifischen apokrinen Drüsen (Montgomerysche Drüsen) vollzieht sich zum selben Zeitpunkt. Mit 8 Monaten ist die Bildung der Milchgänge abgeschlossen und es findet die Aufgliederung in alveoläre Strukturen statt, die von vermehrter Vaskularisation und der Bildung von Fett- und Bindegewebe begleitet wird. Die frühen Stadien intrauteriner Brustentwicklung vollziehen sich unabhängig von jeglicher spezifischer hormoneller Einwirkung. Nur die Hauptmilchgänge sind bei der Geburt ausgebildet.[7] Trotzdem kann es vorkommen, dass die plazentaren Geschlechtshormone, die im letzten Stadium der Schwangerschaft in den Kreislauf des Feten gelangen, die Brust des Neugeborenen dazu stimulieren, am zweiten bis dritten Tag nach der Geburt Milch („Hexenmilch“) abzusondern.[6]

Diese Sekretion geht in den nächsten Tagen oder Wochen von selbst zurück. (AFS, 1998, S. 20)

Die eigentliche Mammogenese beginnt mit der Thelarche um das 11. Lebensjahr herum. Die Ovarien beginnen unter Einfluss der Gonadotrophine[8] mit der Follikelreifung, was sich in ansteigenden Östrogenkonzentrationen widerspiegelt. Die Brustdrüse reagiert auf diesen Östrogenstimulus mit einem Wachstum des Gangsystems. Die Milchgänge nehmen an Länge zu, die Epithelauskleidungen falten sich ein und beginnen am Ende der Milchgänge Knospen auszubilden. Sie bilden die Vorstufen der zukünftigen Drüsenläppchen. Ovulation und Menstruationen finden zu dieser Zeit noch nicht statt. (Mändle u.a., 2000, S. 409)

Mit Einsetzen der Menarche (etwa 1 bis 2 Jahre später) ist die zweite Entwicklungsphase der Brustdrüse gekommen. Unter dem Einfluss von Progesteron beginnt die Ausbildung des Läppchensystems. Das Mantelgewebe der Gänge und Läppchen nimmt an dieser Proliferation teil und wird volumenmäßig größer. Die Brustwarze beginnt sich unter dem gemeinsamen Einfluss von Progesteron und Östrogen zu pigmentieren. Eine optimale Brustgewebsstruktur entwickelt sich nur bei einem ausgewogenen Synergismus von Östrogenen und Progesteronen. Nach Abschluss der Pubertät bis zur ersten Schwangerschaft ruhen die Wachstumsvorgänge der Brustdrüse, die aber den hormonellen Reizen des Menstruationszyklus unterliegt. (Mändle u.a., 2000, S. 409)

Laktogenese:

Während der Schwangerschaft entwickelt sich die Brustdrüse zum Sekretionsorgan.[9] Die funktionellen Anteile der Brustdrüse unterliegen dann Ausdifferenzierungs- und Wachstumsprozessen, welche in erster Linie von den plazentaren Hormonen Östrogen, Progesteron, humanes Plazentalaktogen[10] (HPL), Prolaktin (PRL) und anderen[11], gesteuert werden. Unter dem Einfluss von Östrogen, Progesteron und Prolaktin kommt es zu einer starken duktalen, lobulären und alveolären Größenzunahme. Milchgänge und Alveolen vervielfachen sich und entwickeln sich so schnell, dass bei vielen Frauen schon nach 5 –8 Wochen die Brüste sichtbar größer sind und sich schwerer anfühlen Die Proliferationsvorgänge führen dazu, dass das Drüsengewebe zum großen Teil das Fett- und Bindegewebe verdrängt. In der zweiten Schwangerschaftshälfte vollzieht sich unter dem Einfluss von PRL und HPL die Drüsendifferenzierung. Die alveolären Zellen entwickeln sich zu dem für die Milchbildung notwenigen präsekretorischen Epithel. (Mändle u.a., 2000, S. 409) HPL induziert eine große Zahl an Prolaktinrezeptoren[12], die es danach gleich besetzt hält. Auf diese Weise hindert es das sehr viel aktivere Prolaktin daran die Laktation zu initiieren. (Peters, 1987, S. 14)

Ab der Mitte des zweiten. Trimenons (4. – 6. Schwangerschaftsmonat) bildet das Drüsenepithel bereits geringe Mengen Kolostrum, das bei manchen Frauen auch austreten kann. Die vollständige Ausdifferenzierung des Alveolarepithels in aktive, milchbildende und –ausscheidende Drüsenzellen wird durch die antagonistische Wirkung der Steroidhormone, insbesondere durch das Progesteron[13], verhindert. (Mändle u.a., 2000, S. 409) Diese Hemmung ist so stark, dass selbst kleine Stücke zurückbleibenden Plazentagewebes das Ingangkommen der Laktation nach der Geburt verzögern können. Die Vorbereitung der Brüste auf das Stillen ist aber so wirkungsvoll, dass die Laktation sogar schon in der 16. Woche beginnen könnte, wenn die Schwangerschaft unterbrochen würde. (AFS, 1998, S. 22)

2.2.2 Galaktogenese (Das Ingangkommen der Laktation)

Mit der Laktation verdoppelt sich nahezu das Gewicht der Brust gegenüber ihrem Gewicht vor der Schwangerschaft. Die Haut erscheint dünner, die Venenzeichnung ist deutlich erkennbar. (Scherbaum u.a., 2003, S. 84)

Das Ingangkommen der Laktation ist ein ausschließlich hormonelles Geschehen und wird vom Milchbildungshormon Prolaktin gesteuert. Nach der Geburt sinken die sehr hohen Progesteron- und Östrogenspiegel im mütterlichen Blut rasch ab, und geben so die Prolaktinrezeptorwirkung frei. Die alveolären Zellen werden von präsekretorischen in aktiv milchbildende und –freisetzende Drüsenzellen umgewandelt. Der durch das Prolaktin angestoßene Prozess der Milchbildung benötigt von der Auslösung bis zur vollen Wirksamkeit etwa 30 – 40 Stunden. Während dieser Zeit wird vom Drüsenepithel Kolostrum gebildet. (Mändle u.a., 2000, S. 410)

In den ersten drei bis vier Tagen nach der Geburt unterliegt die Laktogenese und Absonderung von Kolostrum dem genannten endokrinen Regelkreis, unabhängig davon, ob die Frau stillt oder nicht. (Scherbaum u.a., 2003, S. 84)

Anschließend vollzieht sich in der Zusammensetzung der Milch eine schnelle Umwandlung. Die Laktosebildung steigt an und damit wird auch das Milchvolumen größer, weil Laktose der osmotisch aktivste Bestandteil der Milch ist. (AFS, 1998, S. 22) Die Brustdrüsen werden hart, prall und häufig schmerzhaft. Die oberflächliche Gefäßzeichnung wird noch prominenter, die Haut erscheint gespannt und „heiß“. Bei manchen Frauen kann es zu diesem Zeitpunkt auch zu subfebrilen Temperaturen kommen, die eine nichtentzündliche Reaktion auf den Übertritt von Milcheinweiß ins mütterliche Gewebe sind. Diese Symptome, die auch als „Milcheinschuss“ bezeichnet werden, sind die Folge der Milchansammlung in den Alveolen und kleinen Milchgängen, der Venen- und Lymphstauungen und der dadurch bedingten Brustgewebsödembildung. Die Alveolen und die kleinen Milchgänge können wegen der Elastizität des Brustgewebes die gebildete Milch bis zu 48 Stunden speichern. (Mändle u.a., 2000, S. 410)

Vorausgesetzt es liegt ein hormonell günstiges Milieu vor, unterliegt danach die Steuerung der Milchproduktion der Mamillenstimulation (also durch das Saugen des Kindes oder einer Pumpe), sowie der Milchentnahme. Bleiben diese aus, geht die Milchproduktion sehr rasch zurück. (Scherbaum u.a., 2003, S. 84 f)

Da der Prozess der Laktation sehr energieintensiv ist, ist es aus evolutionärer Sicht gesehen vernünftig, sowohl eingebaute Sicherungen gegen verschwenderische Überproduktion als auch Mechanismen zu haben, die die prompte Reaktion auf erhöhten Bedarf des Säuglings ermöglichen. Nicht der Spiegel der mütterlichen Hormone, sondern die Effektivität des kindlichen Saugens und oder der Milchentnahme ist ausschlaggebend dafür, wie viel Milch in jeder Brust gebildet wird. Beide Brüste unterliegen denselben hormonellen Einflüssen, aber die Menge, die sie jeweils produzieren, entspricht der, die der Säugling jeweils entnimmt. (AFS, 1998, S. 22)

2.2.3 Galaktopoese und Galaktokinese (Aufrechterhaltung der Milchproduktion)

Die Aufrechterhaltung der Milchproduktion ist ein Zusammenspiel von mechanischen, neuronalen und hormonalen Steuerungsmechanismen. Mütterliche und kindliche Stillreflexe spielen dabei die Hauptrolle. Sie sind für ausreichende Produktion und Abgabe der Stillhormone[15] verantwortlich. Die für den Laktationsprozess notwenigen Stillhormone sind:[14]

- Prolaktin; auch Milchbildungshormon genannt (Induktion der Milchsynthese und –freisetzung in den Alveolen und kleinen Milchgängen),
- Oxytocin; auch Milchspendehormon genannt (Induktion der Milchabgabe aus den Alveolen und den kleinen Milchgängen in die größeren Ductus und Sinus lactiferi). (Mändle u.a., 2000, S. 411 f)

Beide Hormone reagieren auf den Reiz, der die Laktation anregt, nämlich das Saugen. Der Säugling stimuliert die Nervenendigungen im Brustwarzen-Areola-Komplex dazu, Impulse durch afferente Neural-Reflex-Bahnen, die interthorakalen Nerven 3 – 5, über Rückenmark und Mittelhirn zum Hypothalamus zu schicken. Dadurch kommt es zu der Ausschüttung von Prolaktin aus der vorderen und von Oxytocin aus der

hintere Hirnanhangdrüse.

Die Laktation wird auch noch von anderen Hormonen (Kortisol, Insulin, Thyroxin, Parathyroxin und Wachstumshormonen) unterstützt. (AFS, 1998, S. 22 f).

Die für den Laktationsprozess notwendigen kindlichen Stillreflexe sind:

- Der Such- und Rootingreflex[16],
- der Saugreflex[17] und
- der Schluckreflex[18].

Beim vollentwickelten Kind sind diese Reflexe voll ausgereift. Der kindliche Such- und Saugreflex löst bei der Mutter eine Reihe wichtiger Stillreflexe aus:

- Der Milchbildungsreflex,
- der Milchflussreflex, auch Milk–let–down–Reflex, Milchspende- oder Milchausschüttungsreflex genannt und
- den Brustwarzenaufrichtungs- oder Brustwarzenerektionsreflex.

Der Milchbildungsreflex:

Der Milchbildungsreflex sorgt über das Milchbildungshormon Prolaktin für die Milchsynthese und –freisetzung (Galaktopoese).

Der Prolaktinspiegel fällt in den ersten Wochenbetttagen zunächst ab und steigt durch den vom Stillvorgang ausgelösten Milchbildungsreflex wieder an und zwar über folgenden Mechanismus: Lecken und oder Saugen an der Brustwarze lösen einen mütterlichen neurohormonalen Reflexbogen aus. (Mändle u.a., 2000, S. 411 f)

Die Reizung der zahlreichen Mechanorezeptoren (= Berührungsrezeptor) in den Brustwarzen durch den Säugling bewirkt über nervale Afferenzen die Freisetzung des Prolaktin-Releasing-Hormons im Hypothalamus und führt dadurch zu einer verstärkten Prolaktinfreisetzung im Hypophysenvorderlappen. (Thews u.a.,1999, S. 487) Prolaktin bindet sich an seine membranständigen Rezeptoren der Alveolarzelle an und veranlasst so die Synthese der spezifischen Milchbestandteile. (Peters, 1987, S. 14 ff)

Die Rückkopplung zum Hypothalamus erfolgt durch Prolaktin selbst, und zwar wird bei erhöhtem Prolaktinspiegel vermehrt Dopamin ausgeschüttet, das die Prolaktinsekretion langdauernd hemmt. Dopamin ist somit dem Prolaktin-Release-Inhibiting-Hormon identisch. Beta-Endorphin und Östrogene fördern dagegen die Prolaktinfreisetzung. (Thews u.a.,1999, S. 487)

[...]


[1] Eine Grafik „Stillquoten in Deutschland“ befindet sich im Anhang unter 8.1.

[2] Ein schematischer „Längsschnitt durch die weibliche Brustdrüse“ befindet sich im Anhang unter 8.2.

[3] Wahrscheinlich dienen sie auch als Duftorgan. (AFS, 1998, S. 21)

[4] Nicht jeder Lappen arbeitet bei jeder Laktation oder während jeder gesamten Laktationsperiode. Es kann sein, dass sich manche Lappen früher zurückbilden als andere. Frauen können ein einzelnes Kind mit nur einer funktionierenden Brust erfolgreich stillen, oder mit zwei Brüsten, die jeweils nur teilweise funktionieren. (AFS, 1998, S. 20)

[5] Eine „Schematische Darstellung der funktionellen Einheit der Brustdrüse“ befindet sich im Anhang unter 8.3.

[6] Eine „Schematische Darstellung der Brustdrüsenentwicklung“ befindet sich im Anhang unter 8.4.

[7] Milchganganlagen sind embryonal bei beiden Geschlechtern vorgesehen. Bei Geburt haben weibliche und männliche Neugeborene Brustdrüsen mit Milchgängen ohne Azini. (Schneider, 2000, S. 957)

[8] Gonadotrophine sind FSH = Follikelstimulierendes Hormon , LH = Luteinsisierendes Hormon (Schäffler u.a., 1998, S. 347)

[9] Eine gute Zunahme des Brustvolumens (Wachstum der funktionellen Anteile in der Schwangerschaft lässt auf eine gute postpartale Milchproduktion schließen. Bei dieser Volumenzunahme spielt das Lebensalter der Frau eine Rolle. Je älter die Frau bei der ersten Schwangerschaft ist, desto geringer kann die schwangerschaftsbedingte Entwicklung der Brustdrüse sein. (Mändle u.a., 2000, S. 416)

[10] Humanes Plazentalaktogen (HPL) wird nur während der Schwangerschaft in der Plazenta synthetisiert. (Mändle u.a., 2000, S. 463) Es ist in seiner Struktur und Funktion dem Wachstumshormon und dem Prolaktin sehr ähnlich. (Thews, S. 525)

[11] Thyreothropin-releasing-factor (TSH), Prolactin-inhibitung-factor (TRH), Insulin und Wachstumsfaktoren. (Scherbaum u.a., 2003, S. 84)

[12] Die Anzahl der Prolaktinrezeptoren an der Brustdrüse wird vorwiegend durch die Konzentration des Serumprolaktin reguliert. (Peters, 1987, S. 14)

[13] Progesteron hat eine antagonistische Wirkung zu Prolaktin, zusammen mit Östrogenen verhindert es die Milchbildung. (Peters, 1987, S. 12)

[14] Eine Darstellung befindet sich im Anhang unter 8.5.

[15] Darstellungen der Hormonspiegel von Prolaktin und Östrogen befinden sich im Anhang unter 8.6 und 8.7.

[16] Such- und Rootingreflex: d.h. dass das Neugeborene von dem Bauch der Mutter zu ihrer Brust hin kriecht, die Hand-Mund-Aktivität koordiniert, zielstrebig nach der Brustwarze sucht. Dabei öffnet es den Mund so weit, dass es einen guten Teil Brustgewebe fassen kann. Bei Berührung an der Wange oder am Mund macht das Kind den Mund weit auf und wendet sich dem Reizauslöser zu, mit dem Bestreben, ihn mit dem Mund zu fassen. (AFS, 1998, S. 24 f)

[17] Saugreflex: er wird ausgelöst, wenn etwas den Gaumen berührt. Tatsächlich ist „saugen“ eigentlich eine Fehlbezeichnung für diese Tätigkeit, die aus rhythmischen, einen Negativdruck erzeugenden Kieferbewegungen und peristaltischen Bewegungen der Zunge besteht, die Milch aus der Brust zu ziehen und zur Kehle hinführen, was den Schluckreflex auslöst. (AFS, 1998, S. 25)

[18] Schluckreflex: Das Gaumensegel hebt sich, die Rachenmuskulatur zieht sich zusammen. Dadurch wird der Nasen-Rachenraum abgedichtet. Jetzt zieht sich die Mundbodenmuskulatur zusammen. Dadurch schiebt sich der Kehlkopfeingang nach oben und verschließt sich, so dass keine Nahrung in die Luftröhre gelangen kann. Gleichzeitig zieht sich die Rachenmuskulatur wellenförmig zusammen und schiebt den Bissen in die Speiseröhre. (Schäffler, Schmidt, 1998, S. 293)

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Details

Titel
Ausführlicher Überblick über das Thema "Stillen"
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich 13 - Chemie - IGTW)
Veranstaltung
Anatomie, Pathologie und Physiologie des Menschen
Note
ohne
Autor
Jahr
2004
Seiten
44
Katalognummer
V28529
ISBN (eBook)
9783638302838
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für alle Gesundheitsberufe (Krankenschwestern, Hebammen usw.) geeignet
Schlagworte
Stillen, Anatomie, Pathologie, Physiologie, Menschen
Arbeit zitieren
Christine Steinhagen (Autor), 2004, Ausführlicher Überblick über das Thema "Stillen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28529

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