“Grenzen müssen zuallererst und einzig akzeptiert werden. Nicht mehr und nicht weniger.” (DOLLASE 1984) In der heutigen Zeit, einer Zeit, in der der Prozess der Pädagogisierung in viele Bereiche des alltäglichen Lebens eingreift – z.B. Politessen erziehen falsch parkende Autofahrer mittels Erhebung von Bußgeldern zur Einhaltung der Verkehrsregeln, Hundehalter werden durch die Leinenpflicht und den Maulkorbzwang zur Gewährleistung der Sicherheit anderer Bürger ermahnt, und auch die Medien weisen durch Werbespots auf die Gefahren von AIDS hin und rufen zum Gebrauch von Kondomen beim Geschlechtverkehr auf – erwartet man kaum, dass man im Erziehungsgeschehen auch auf Grenzen stoßen kann. Die Erfahrung, daß man trotz intensivster Erziehungsbemühungen, trotz Anwendung bewährter Erziehungsmethoden, mit seinem Vorhaben auch scheitern kann, läßt viele Eltern, Erzieher und Lehrer häufig an sich zweifeln. Aus diesem Grund werde ich dieses Problem zum zentralen Bestandteil meiner Betrachtungen machen. Dafür ist es jedoch vorerst notwendig, eine differenzierte Klärung der Begriffe "Erziehung", "Sozialisation", "Ziel" und "Grenze" vorzunehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Erziehung?
2.1 Begriffsklärungen
2.1.1 Erziehung
2.1.2 Sozialisation
2.1.3 Erziehungsziele und Grenzen
2.2 Grundstile der Erziehung
3. Grenzproblematik
3.1 Klassifikationen
3.2 Ungewollte Nebenwirkungen - eine Gesetzmäßigkeit
3.3 Vergleich von DOLLASE und GIESECKE
3.3.1 Einstellungen zum Erziehungsbegriff
3.3.2 „Das Fernsehen ist an allem Schuld“
3.3.3 GIESECKEs Kritik am Prozess der Pädagogisierung
4. Grenzbewußte Einstellungen nach DOLLASE
5. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den theoretischen und praktischen Grenzen der Erziehung auseinander. Das primäre Ziel besteht darin, durch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ansätzen von Dollase und Giesecke ein tieferes Verständnis für das Scheitern erzieherischer Bemühungen zu entwickeln und Handlungsstrategien zur Prävention von pädagogischer Frustration aufzuzeigen.
- Grundlagen und Definitionen von Erziehung und Sozialisation
- Klassifizierung verschiedener Grenzarten in der Erziehung
- Vergleichende Analyse der Erziehungskonzeptionen von Dollase und Giesecke
- Die Rolle ungewollter Nebenwirkungen im Erziehungsprozess
- Entwicklung grenzbewusster Einstellungen für pädagogische Fachkräfte
Auszug aus dem Buch
3.1 Klassifikationen
"Ich glaube, daß man durch eine [...] Klassifikation von "Grenzarten" bereits allerhand für die Praxis lernen kann. Die begriffliche Klärung der "Grenze" gibt für die Praxis einen differenzierten Orientierungsrahmen, ein Reflexionsgerüst und verhütet vielleicht die allgemeine Resignation wo nur spezielle Resignation angemessen wäre" (DOLLASE 1984, S.50).
Rainer DOLLASE unterscheidet vier Grenzen, die sich aus der Perspektive des Erziehers ergeben: Präskriptionsgrenzen, Realisierungsgrenzen, Wirkungsgrenzen und Störungsgrenzen.
Die Präskriptionsgrenzen ergeben sich zum einen durch den formellen Rahmen, durch den das Erziehungsgeschehen begrenzt wird. Dieser Rahmen gestaltet sich durch u.a. Schulgesetze, das Jugendhilfegesetz und Kindergartengesetz. Erzieher jeglicher Art - ob sie nun die Rolle des Lehrers, die der Eltern, von Sozialarbeitern oder Jugendhelfern übernehmen - können innerhalb dieser Richtlinien frei handeln. Wird gegen diese Bestimmungen verstoßen - d.h. wird der Rahmen überschritten - hat das eine strafrechtliche Ahndung zur Folge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Erziehungsgrenzen vor dem Hintergrund zunehmender Pädagogisierung und der Notwendigkeit einer differenzierten Begriffsbestimmung.
2. Was ist Erziehung?: Theoretische Fundierung durch die Definitionen von Brezinka, die Abgrenzung zur Sozialisation sowie eine Darstellung verschiedener Erziehungsstile.
3. Grenzproblematik: Zentrale Auseinandersetzung mit der Klassifikation von Grenzen sowie ein Vergleich der gegensätzlichen Ansätze von Dollase und Giesecke.
4. Grenzbewußte Einstellungen nach DOLLASE: Präsentation eines Katalogs von Eigenschaften und Haltungen, die pädagogisch Handelnden helfen sollen, Grenzen zu akzeptieren und produktiv zu verarbeiten.
5. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung von Grenzbewusstsein zur Vermeidung pädagogischer Burnout-Phänomene und zur Relativierung utopischer Erfolgsansprüche.
Schlüsselwörter
Erziehung, Erziehungsgrenzen, Sozialisation, Pädagogisierung, Grenzbewusstsein, Dollase, Giesecke, Erziehungsstile, Multifaktorielles Bedingungsmodell, Nebenwirkungen, Erziehungserfolg, Erziehungsversagen, Burnout-Prävention, Pädagogische Handlungskompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, dass erzieherische Maßnahmen trotz intensiver Bemühungen an Grenzen stoßen können, und wie Pädagogen mit diesen Grenzen professionell umgehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretische Klärung erzieherischer Begriffe, die Analyse von Erziehungsstilen, die Klassifizierung von Grenzarten sowie der Vergleich pädagogischer Theorien zur Machbarkeit von Erziehung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch das Verständnis der Grenzen der Erziehung unrealistische Erwartungen abzubauen und Erziehern ein Reflexionsgerüst an die Hand zu geben, um Frustration und Resignation im pädagogischen Alltag vorzubeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die verschiedene pädagogische Konzepte, insbesondere die von Dollase und Giesecke, miteinander vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Einführung, eine systematische Klassifikation von Erziehungsgrenzen und einen vertieften Vergleich der Ansätze von Dollase und Giesecke bezüglich ihrer Sicht auf Erziehung und Pädagogisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Erziehungsgrenzen, Erziehungsstile, Pädagogisierung, Grenzbewusstsein, Erziehungserfolg und die Auseinandersetzung mit dem multifaktoriellen Bedingungsmodell.
Wie unterscheidet sich Gieseckes Position von der von Dollase?
Dollase vertritt einen Absichtsbegriff, bei dem der Versuch der Erziehung zählt, während Giesecke einen Wirkungsbegriff vertritt und bei Ausbleiben des Erfolgs vom "Ende der Erziehung" spricht.
Warum ist das "Grenzbewusstsein" für Pädagogen so wichtig?
Grenzbewusstsein hilft Pädagogen dabei, Scheitern nicht als persönliches Versagen zu interpretieren, sondern als Resultat komplexer Faktoren, wodurch die Gefahr eines "Burnouts" deutlich reduziert werden kann.
- Arbeit zitieren
- Kathleen Hilpert (Autor:in), 2001, Grenzen der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28532