"Bullshit". Der Zwang zur Transparenz und die Frage der Aufrichtigkeit in Beratungs- und Mediationsprozessen


Essay, 2014

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bullshit

3. Der Zwang zur Transparenz

4. Bullshit und Transparenz

5. Aufrichtigkeit zwischen Bullshit und Transparenzzwang

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aufrichtigkeit oder Authentizität sind im Zusammenhang mit Beratungsprozessen wie auch Psychotherapie Begriffe, die für den Erfolg solcher Prozesse als wichtig, wenn nicht sogar wesentlich angesehen werden dürften. Im Gegensatz zur Vermutung, dass in der Literatur der Beratungspsychologie oder Psychotherapie diese Inhalte behandelt werden, lassen sich kaum konkrete Erörterungen darüber finden. Die Möglichkeit einer Täuschung im Vorhaben der Beratung oder Psychotherapie wird meist als eine aufzuklärende Aufgabe bewertet. Aufrichtigkeit stellt sich dann als Ergebnis oder als ein Effekt der Therapie bzw. Beratung dar und nicht als eine Voraussetzung oder zur Diskussion stehende Forderung an die beteiligten Personen.

So wird z. B. im Lexikon der Gestalttherapie beim Stichwort Aufrichtigkeit auf „Existenzieller Augenblick“[1] verwiesen. Dort heißt es: „Zu einem existenziellen Augenblick kann es in der Therapie jedoch nur kommen, wenn der Therapeut es sich erlaubt, ganz als Mensch anwesend zu sein.“[2] Dies geschieht dann, wenn der Therapeut seine „professionelle“ Rolle aufgibt, nicht mehr strikt seinen Methoden folgt und so eine „heilende Berührung“ zulässt.[3] Die Möglichkeit, dass ein solcher Augenblick vom anderen gar nicht erwünscht ist und Aufrichtigkeit als unwichtig angesehen wird, kommt hierbei gar nicht in Betracht.

Eine gewisse Ausnahme stellt Vera F. Birkenbihl dar. Im „Kommunikationstrainig“ findet sich ein Abschnitt, in dem Birkenbihl Ehrlichkeit und Wahrheit thematisiert.[4] Allerdings ist es auch dort als Aufforderung zur Ehrlichkeit verstanden. Dass ein Gesprächspartner die Absicht hat, die Wahrheit gar nicht zu sagen und den anderen in seinen Absichten täuschen will, findet sich auch hier nicht.

Und auch der Philosoph und Psychologe Eckart Ruschmann thematisiert auf Buber bezogen die Aufrichtigkeit lediglich als den Wahrheitsaspekt von Beziehung.[5] „Wenn ein Mensch sich so gibt, wie er ist, also wahrhaftig-aufrichtig oder authentisch in der beraterischen Situation sich zeigt und mitteilt, kann Vertrauen entstehen.“[6] Ruschmann verschärft diesen Gedanken noch und schreibt: „…denn sie setzt nicht nur den Verzicht auf absichtliche Täuschung des anderen voraus, sondern zugleich die Abwesenheit von Selbsttäuschung.“ [7]

Ein Beratungsprozess, bei dem jemand wissentlich die Unwahrheit sagt bzw. ihm die objektiven Tatsachen unwichtig sind und er in seinen Interessen die andere Partei täuscht, wird dagegen in der forensischen Psychologie oder psychologischen Begutachtung als Frage nach der Glaubhaftigkeit diskutiert. Gerade dort jedoch, wie eben bei der Mediation, wo in relativ kurzer Zeit lösungsorientiert vorgegangen wird, müsste als Grundvoraussetzung gelten können, dass zumindest das Anliegen, eine Lösung finden zu wollen, ehrlich gemeint ist. Inwieweit ein solcher Anspruch überhaupt erfüllt werden kann und inwiefern die moderne Gesellschaft die Menschen dazu bringt, aufrichtig zu sein oder eher fördert, sein Vorhaben nicht ehrlich zu äußern, sondern den anderen zu täuschen, das scheint bei den vielfältigen Ansätzen und Ausführungen über Beratung und Psychotherapie kaum thematisiert zu werden.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt veröffentlichte 2005 eine provokative Abhandlung über den „Bullshit“. Er geht dabei vor allem der Frage nach, wie Bullshit von der Lüge unterschieden werden kann. Sein Schluss ist, dass Bullshit maßgeblich davon geprägt ist, der Wahrheit gar keinen großen Wert beizumessen: „Der Bullshitter hingegen verbirgt vor uns, daß der Wahrheitswert seiner Behauptung keine besondere Rolle für ihn spielt.“[8]

Byung-Chul Han hat mit dem 2010 erschienenen Buch „Transparenzgesellschaft“ eine durchaus vergleichbare Problematisierung von Wahrheit und Lüge vorgenommen. Er thematisiert dabei weniger die Aussage als solche, sondern fragt, wie sehr die moderne Gesellschaft einen Zwang zur Transparenz entwickelt und Wahrheit durch Transparenz ersetzt hat. Eine völlig ausgeleuchtete Gesellschaft und Ansammlung von Personen ist mit einem Maschinenpark zu vergleichen. Lediglich die Verfahren sind von Bedeutung, nicht jedoch die Wahrheit, die Intimität des Menschen oder die spielerischen Räume, die durch das Fremde und Andere Lebendigkeit bewirken. Wenn Transparenz zu einer Sinnleere führt, dann ist die Lösung nicht bestimmt durch die Aufdeckung gefälschter Absichten, sondern in der Akzeptanz eines Nicht-Wissens: „Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Vertrauen heißt trotz Nicht-Wissens gegenüber dem anderen eine positive Beziehung zu ihm aufbauen.“[9]

Während bei Frankfurt noch ein Innen und Außen angenommen werden kann, fällt diese Trennung in der Analyse der Transparenzgesellschaft von Han weg. Im Ergebnis kommen Frankfurt und Han zu einer ähnlichen Feststellung, dass die Wahrheit nämlich gar nicht bedacht wird und unwesentlich geworden ist. Beide Philosophen nehmen dabei Bezug auf Augustinus, der unterschiedliche Abstufungen der Lüge beschrieben hat.

Die Ausführungen von Frankfurt und Han stellen zwei Pole der Kommunikation dar, auf der einen Seite die inhaltsleeren und in der Absicht täuschenden Mitteilungen eines Gesprächspartners und auf der anderen Seite der Zwang zur Offenlegung der Absichten, Gedanken und Gefühle. Philosophie und Psychotherapie bzw. psychologische Beratungen verschränken sich bei dieser Problematik. Die Auseinandersetzung mit den Ansätzen von Frankfurt und Han kann auf notwendige Korrekturen der Theorien über Beratung und Psychotherapie hinweisen als auch für die konkrete Praxis Anregungen geben.

2. Bullshit

Harry G. Frankfurt stellt zunächst fest, dass es zu dem, was er mit Bullshit bezeichnet, keine Theorie gibt.[10] Er entwickelt eine erste Begriffsbestimmung und philosophische Untersuchung zum Wortkomplex „Bullshit“ und macht dabei die Unterscheidung zwischen falsch oder Lüge und gefälscht. „Bullshit“ bedeutet nach Frankfurt, dass das Gegenüber getäuscht wird, indem das Vorhaben als solches verfälscht und die Wahrheit bedeutungslos wird.

Hierzu greift er auf die Schrift von Max Black „The prevalence of Humbug“ zurück. Humbug, so stellt Frankfurt fest, „ist höflicher und zugleich harmloser“[11] als Bullshit, ansonsten gäbe es keine Unterschiede. Max Black definiert Humbug durch vier wesentliche Aspekte[12]: 1. Humburg ist eine täuschende Falschdarstellung, 2. Humbug grenzt an Lüge, 3. Humbug ist ein hochtrabendes und anmaßendes Gehabe, 4. Humbug ist eine verfälschende Darstellung eigener Gedanken.

Humbug ist demnach von einer Fälschungsabsicht geleitet und hängt vom Bewusstsein dessen ab, der diese Fälschung intendiert[13]. Frankfurt problematisiert diese Feststellung jedoch dahingehend mit der Frage, ob Humbug nur durch das Bewusstsein des Produzenten erzeugt wird oder, ob „auch gewisse Eigenschaften eine Rolle [spielen], die der Äußerung an sich zukommen?“[14] Ferner kommen dem Humbug Eigenschaften zu, die auch der Lüge zuzurechnen sind. Während Black Lüge und Humbug auf einem Kontinuum versteht, so betont Frankfurt einen qualitativen Unterschied.[15]

Black versteht „Humbug nicht nur als eine Kategorie der Sprache, sondern auch als eine des Handelns“[16] Frankfurt sieht im Hochtrabenden des Humbugs jedoch im Gegensatz zu Black nicht das Wesen, sondern das Motiv des Bullshits.[17] Frankfurt schränkt dabei ein, dass nicht immer eine Anmaßung das Motiv sein müsse.

Und schließlich kommt er zum vierten Aspekt des Humbugs, der maßgeblich für das Phänomen des Bullshits ist. Derjenige, der den Bullshit erzeugt, möchte sich selbst falsch darstellen.[18] Nicht nur die gemachte Aussage ist falsch, sondern auch und vor allem der Eindruck, der vermittelt wird. Es kann daher sogar sein, dass die Aussage als solche richtig ist. Dem Aussagenden ist der Wahrheitsgehalt allerdings unwichtig, da er lediglich „einen bestimmten Eindruck von sich selbst erwecken“ will.[19]

[...]


[1] s. Blankertz, Doubrawa, 64, bzw. 28

[2] aaO., 65

[3] s. aaO., 65

[4] s. Birkenbihl, 217-219

[5] s. Ruschmann, 350

[6] Ruschmann, 350

[7] Ruschmann, 350

[8] Frankfurt, 62

[9] Han, 78

[10] s. Frankfurt, 9

[11] aaO., 13

[12] bei aaO., 14

[13] s. aaO. 15

[14] aaO., 17

[15] s. dazu aaO., 17 f.

[16] aaO., 18

[17] s. aaO., 19

[18] s. aaO., 20

[19] aaO., 25

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Bullshit". Der Zwang zur Transparenz und die Frage der Aufrichtigkeit in Beratungs- und Mediationsprozessen
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V285432
ISBN (eBook)
9783656857648
ISBN (Buch)
9783656857655
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bullshit, zwang, transparenz, frage, aufrichtigkeit, beratungs-, mediationsprozessen
Arbeit zitieren
Thomas Holtbernd (Autor), 2014, "Bullshit". Der Zwang zur Transparenz und die Frage der Aufrichtigkeit in Beratungs- und Mediationsprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285432

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Bullshit". Der Zwang zur Transparenz und die Frage der Aufrichtigkeit in Beratungs- und Mediationsprozessen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden