„Von alters mit unbändiger Kraft und unbezwinglichem Mut ausgestattet, als Sinnbild des Heilands mit dessen Tugenden ausgezeichnet, der Demut, die sich in irdisches Kleid hüllt, der Reinheit, die sich nur der Jungfrau beugt [...]“ – aus dieser Sicht ist das Einhorn eines der bedeutungsvollsten Mischwesen und Fabeltiere in der christlichen Ikonographie und daher auch in der Heraldik. Welcher Attribute hätte es mehr bedurft, wo doch die ausdrucksstärksten und tauglichsten für einen Ritter von Tugend schon genannt sind. Keuschheit, alternativ Reinheit, Kraft, Mut, Glaube, alternativ Heiligkeit, und Demut verbinden sich zu einem Bild, welches das einzig Gute darstellt. So ist es nicht überraschend, dass das einhörnige Huftier (Griechisch: monokeros; Latein: unicornis oder rhinoceros; Arabisch: karkaddan; Alt-Französisch: licorne; Mittelhochdeutsch: einhorn oder monizirus ) ein beliebtes Wappentier ist und war. Laut Dennys ist es schließlich, neben Drachen, Harpyien und Phönix, das „most beautiful and decorative of all the fabulous creatures [...] of heraldry“ .
Trotz dieser augenscheinlichen Begeisterung liegt nur wenig Sekundärliteratur neueren Datums vor. Für einen kurzen, prägnanten Überblick über die Heraldik im Allgemeinen bietet sich FILIP an. Außerhalb dieses Themenkomplexes behandelt Jürgen EINHORN sehr ausführlich die Rolle des Tieres in Kunst und Literatur des Mittelalters; seine Rolle als Wappentier wird aber auch hier –wie in der im Anhang genannten Literatur- nur am Rande behandelt.
In der vorliegenden Untersuchung nun ist abzusehen von den Sagen und Geschichten, nach denen das Einhorn wirklich existiert haben soll, wie noch 1830 im Brockhaus behauptet wird. Einzugehen ist auf jene Mythen, die die Bedeutung und die Wahl des Einhorns für und durch den Träger unterstreichen. Zunächst soll aber anhand einiger Beispiele erläutert werden, wie unterschiedlich die Darstellungen dieses Fabelwesens in der Heraldik sind, das in heutiger Zeit an völlig anderer Stelle populär ist: über 300 Apotheken im deutschsprachigen Raum tragen seinen Namen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Variationen in internationalen Wappen
2.2 Die Wahl als Wappentier unter dem Einfluss von Sagen und Mythen
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Einhorn als bedeutendes Fabelwesen in der Heraldik, wobei der Fokus auf seiner Herkunft, den zugrunde liegenden Mythen sowie seiner symbolischen Bedeutung als Wappentier liegt.
- Historische Herleitung des Einhorns in Kunst und Literatur
- Analysen zur Darstellungsvielfalt in internationalen Wappen
- Einfluss von Sagen und Mythen auf die Wahl des Wappentiers
- Symbolik christlicher Tugenden und alchemistischer Deutungen
- Vergleich der heraldischen Bedeutung mit anderen Wappenfiguren
Auszug aus dem Buch
2.1 Variationen in internationalen Wappen
Es steigt oder steht, es läuft oder springt, zuweilen sitzt es sogar – das Einhorn wandelt sich von Wappen zu Wappen. Wie Löwe und Adler gehört es zu den so genannten Gemeinen Figuren auf heraldischen Schilden. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten ist es aber, übrigens wie die ebenfalls verbreiteten Meerjungfrauen, Lindwürmer oder Basilisken (s. Anhang II), ein Fabelwesen, also eine fiktive Gestalt. Hinzukommt, dass es keineswegs nur ein Pferd mit einem Horn auf der Stirn ist, sondern aus mehreren Komponenten besteht, ergo ein Mischwesen. Während Dennys schreibt, es handle sich um „[...] body, head and man of a horse, but with a beard like a goat’s on it’s chin, the legs and cloven hooves of a hart, the tail of a lion[...]“, erweitert Volborth die Variationen dahingehend, dass der Körper des Einhorns auch der einer Gazelle oder Ziege sein könne, Büttner spricht von einem Hirsch oder „Pferdchen“, auch Antilope und Esel soll das Einhorn ähneln. Am deutlichsten erkennbar sind die unterschiedlichen Körperteile bei Abbildungen mit Fischschwänzen, Flossen und Flügeln (s. Anhang I/g). Das wichtigste Charakteristikum aber wird weder verändert noch ausgelassen: das spitz zulaufende, gerade oder gebogene und in sich gewundene Horn auf der Stirn. Auch der Ziegenbart und die gespaltenen Hufe gehören in vielen Fällen dazu.
Ob real oder erdacht, alle diese Wesen eint ihre Funktion als Wappentiere, zu denen sie als Teil der menschlichen Vorstellungswelt oder eben der visuellen Erfahrung gemacht worden sind. Neben Tieren und Menschen, beziehungsweise Kombinationen aus beiden, zählen auch Gegenstände wie Anker, Schiffe und Äxte sowie Pflanzen wie Tannen und Tulpen zu den Gemeinen Figuren und unzählige, andere Abbildungen aus Fantasie und Wirklichkeit (siehe Anhang III).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle des Einhorns als bedeutendes Mischwesen in der christlichen Ikonographie und Heraldik und definiert das Untersuchungsziel.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die variierende physische Darstellung des Einhorns in Wappen sowie die mythologischen Ursprünge seiner Wahl als Wappentier.
3. Fazit: Das Fazit resümiert die Bedeutung des Einhorns als Wappentier, das trotz selteneren Auftretens eine hohe Symbolkraft besitzt und Menschen kulturübergreifend fasziniert.
Schlüsselwörter
Einhorn, Heraldik, Wappentier, Mythologie, Fabelwesen, Bestiarium, Physiologus, Ikonographie, Symbolik, Mittelalter, Schildhalter, Helmkleinod, Wappenkunde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Einhorn als Wappentier in der historischen Heraldik und untersucht seine kulturelle und mythologische Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die heraldische Gestaltung des Wesens, den Einfluss mittelalterlicher Mythen sowie die symbolische Aufladung des Einhorns.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Herkunft, den Mythos und die Bedeutung des Einhorns als heraldisches Symbol sowie dessen unterschiedliche Darstellungsweisen zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturgeschichtliche und ikonographische Analyse, gestützt auf historische Quellen wie den Physiologus und moderne heraldische Standardwerke.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die morphologischen Variationen des Einhorns in Wappen und die mythologischen Hintergründe, etwa seine christliche Symbolik, erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Heraldik, Einhorn, Wappentier, Mythologie, christliche Symbolik und Fabelwesen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Einhorns in der Heraldik von der biologischen Realität?
Die Heraldik stellt das Einhorn als Mischwesen aus Pferd, Ziege, Hirsch und Löwe dar, während es in der frühen Literatur oft fälschlicherweise als reales Tier beschrieben wurde.
Warum ist das Einhorn in der Heraldik so bedeutsam für den Träger?
Die Wahl des Einhorns diente der Repräsentation erstrebenswerter Eigenschaften wie Reinheit, Keuschheit, Kraft und Demut, die den Träger charakterisieren sollten.
- Citation du texte
- Kristine Greßhöner (Auteur), 2004, Das Einhorn in der Heraldik - Über Herkunft, Mythos und Bedeutung eines Wappentieres, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28558