Mediale Kultur und Geschlecht. Zur Inszenierung von Männlichkeit in US Sitcoms

Von der „I Love Lucy“ Show (1951) und „How I Met Your Mother“ (2014)


Bachelorarbeit, 2014
51 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Herstellung von Männlichkeit – Problematisierung des Begriffs
1.1 Die Theorie der hegemonialen Männlichkeit
1.2 Geschlecht als Inszenierung und Konstruktion
1.3 Performativität: Es ist ein Junge!

2. Konzepte von Männlichkeit: Wechselwirkung medialer Männlichkeitskonstrukte und sozialer Männlichkeitsbilder
2.1 Bilder von Männlichkeit in den Medien
2.2 Wechselwirkungen medial dargestellter und sozial konstruierter Männlichkeitsbilder

3. Die Sitcom
3.1 Die Geschichte der Sitcom
3.2 Struktur
3.3 Parasoziale Interaktion
3.4 Gendertypisches in Sitcoms – die Verhandlung der Geschlechter

4. I love Lucy (1951 – 1957)
4.1 Format und Inhalt
4.2 Die Funktion der männlichen Charaktere
4.3 Zusammenfassende Analyse

5. How I met your mother (2005 – 2014)
5.1 Format und Inhalt
5.2 Die Funktion der männlichen Charaktere
5.3 Zusammenfassende Analyse

6. Vergleich und Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Forschungsliteratur

Internetquellen

Filmografie

Einleitung

Als die Serie «I Love Lucy» 1951 im amerikanischen Fernsehen auf Sendung ging, erreichte bereits die erste Folge der Show Spitzenwerte. Damals waren Begriffe wie Gender oder Männlichkeitsforschung noch unbekannt; es wurde ein dem damaligen Zeitgeist entsprechendes Frauen/Männerbild vermittelt. Die allererste Szene der Show zeigt die beiden Protagonistinnen Lucy und Ethel in der Küche beim Abwasch, während die Männer derweil im Wohnzimmer sitzen und rauchen. «I Love Lucy» gilt als die erste Sitcom im Fernsehen und es scheint ganz so, als ob sich in den letzten 60 Jahren das Genre nur marginal verändert hat. Denn: bei der Sitcom «How I Met Your Mother», angesiedelt in der heutigen Zeit, spielt die erste Szene der ersten Folge ebenfalls in der Küche. Nur trinken hier die Männer ein Bier und ein anderer Protagonist lässt sich zeitgleich bei einem Barbier rasieren. Bereits in dieser ersten Folge – in den allerersten Minuten schon - wird also mit den gängigen Klischees von Männlichkeit gespielt.

Ziel dieser Arbeit ist es, die männlichen Hauptcharaktere der US-Sitcoms «I Love Lucy» und «How I met your Mother» zu untersuchen und zu vergleichen. «I Love Lucy» gilt als die erste Sitcom überhaupt und ist im anglo-amerikanischen Raum ein Meilenstein der Fernsehgeschichte. «How I Met Your Mother» bricht formal mit dem klassischen Setting und der Erzählstrategie einer Sitcom – ob dies auch für die Figuren-zeichnung/Darstellung von Sex und Gender gilt, soll im Folgenden untersucht werden.

Sitcoms verhandeln Stereotype – die Kunstfiguren dürfen sich im Genre nur innerhalb sehr enger Grenzen bewegen, so dass wenig Raum zur Weiterentwicklung der dargestellten Persönlichkeiten besteht. Diese Figuren eignen sich daher besonders, um die spezifischen Eigenschaften der zugeordneten Geschlechterrollen zu untersuchen.

Aufgrund der enormen Verbreitung amerikanischer Sitcoms auf der ganzen Welt werden die dargestellten Geschlechterstereotypen und deren kognitive Strukturen medial rund um den Globus verteilt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit diese Einflüsse wiederum zurückwirken auf die Konstruktion von Geschlechterrollen und -identitäten; auch diesem Aspekt soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Hierbei wird unter Anderem der Ansatz der parasozialen Interaktion hinzugezogen, anhand derer die möglichen Formen des Einflusses auf den Rezipienten thematisiert werden sollen.

Sitcoms definieren bereits in der ersten Folge Charaktere und Setting. Veränderungen sind meist nur noch im Konstrukt der Beziehung der Figuren untereinander möglich. Dadurch, dass die Figuren alle spätestens nach der ersten Folge eingeführt, gezeichnet und charakterisiert sind, eignet sich besonders solch eine erste Folge für eine Analyse.

Auch wenn wenig Entwicklungspotenzial für die Figuren in einer Sitcom besteht, gehen die Macher bzw. Autoren im Genre durchaus auf die Rezipienten ein. Einschaltquoten, Social Media, Kritiken und auch der Zeitgeist, können dabei eine (meist marginale) Veränderung der Charakterisierung/Zeichnung der Figuren bewirken, daher wird in dieser Arbeit auch auf die jeweils letzte Folge (Serienfinale) der entsprechenden Sitcoms sowie auffallende „Brüche“ in den Persönlichkeitsdarstellungen eingegangen.

Theorien von Männlichkeit sowie theoretische Erkenntnisse über Wechselwirkungen medial vermittelter und sozial konstruierter Männlichkeitsbilder sollen im ersten Teil der Arbeit dargestellt und anschliessend versuchsweise auf die männlichen Protagonisten der hier behandelten Serien angewandt werden. Die Sitcom „I Love Lucy“ wird in dieser Arbeit etwas stärker gewichtet, da diese eine beachtliche Zahl von Auszeichnungen und Nominierungen gewonnen hat und im angelsächsischen Raum auch heute noch ein Begriff ist.[1]

1. Die Herstellung von Männlichkeit – Problematisierung des Begriffs

Die Frage, wie Geschlechterkategorien zu verstehen sind und wie interindividuelle Unterschiede darin beschrieben und erklärt werden können, beschäftigt zahlreiche wissenschaftliche Zweige seit langem. Mit dem Aufkommen der „Gender Studies“ in den 1980er Jahren gewann diese Thematik neue Brisanz, welche durch die Entstehung verschiedener wegweisender Theorien zusätzlich verstärkt wurde.

Besonders kontrovers wird in diesem Zusammenhang die tatsächliche Herkunft von Geschlechterrollen und Geschlechtsidentität thematisiert; hier werden insbesondere die biologischen Erklärungsmodelle, die Rolle von Erziehungseinflüssen sowie gesellschaftlich-kultureller Faktoren diskutiert. Ebenfalls in den 1980er Jahren wurden mehrere wegweisende Konzepte vorgestellt, welche Geschlecht nicht als festgeschriebenes Persönlichkeitsmerkmal betrachten, sondern vielmehr als dynamisches Ergebnis gesellschaftlicher und individueller Konstruktionsprozesse, die durch Alltags- und institutionelle Handlungsweisen verfestigt werden (s. u.).

Der weitaus grössere Anteil der Genderforschung bezieht sich auf die Rolle der Frau sowie ihre Nachteile durch unausgewogene Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern; häufig erfolgen diese Analysen auf Basis feministischer Perspektiven.[2] Erst in den 1990er Jahren gewann die Männlichkeitsforschung (Men’s Studies/Masculinity Studies) Akzeptanz in wissenschaftlichen Kreisen.[3] Aufbauend auf frühen Arbeiten, welche eine differenzierte Betrachtung von Männlichkeit nahelegten,[4] bildete sich die Forderung nach einer Berücksichtigung der Heterogenität innerhalb der Geschlechterkategorien heraus, welche durch den Ersatz des Begriffes „Mann/Männlichkeit“ durch „Männlichkeiten“ demonstriert werden sollte.[5]

Wedgwood und Meuser berichten in einem Forschungsüberblick verschiedene Stossrichtungen der „Problematisierung von Männlichkeit“[6] ; dazu gehören neben Arbeiten zu Kriminalität, Gewalt und männlicher Herrschaft besonders auch Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit, der Gedanke der Konstruktion von Geschlecht sowie die Performativität von Geschlechterrollen. Diese letzten drei Konzepte sollen im Folgenden ausführlicher dargestellt und anschliessend analytisch auf die in den behandelten Sitcoms dargestellten Männerrollen angewandt werden.

1.1 Die Theorie der hegemonialen Männlichkeit

Der Begriff der hegemonialen Männlichkeit wurde in den 1980er Jahren von einer Gruppe um Connell[7] im sozialwissenschaftlichen Kontext geprägt. Die Überlegungen der Forscher orientierten sich dabei wiederum an dem Konzept der kulturellen Hegemonie von Antonio Gramscis, welches zur gesellschaftlichen Analyse konzipiert und auf den Kontext der Gender- bzw. Männlichkeitsforschung übertragen wurde.[8]

Connell analysiert in seinen Arbeiten, welche die Genderforschung in den folgenden Jahrzehnten entscheidend prägten, die Rolle des Mannes, das Verhältnis zwischen und innerhalb der Geschlechter sowie die „symbolische[n] und institutionelle[n] Verknüpfung von Männlichkeit und Autorität.“[9] Grundlage der Theorie ist eine konstruktivistische Sichtweise auf die behandelte Geschlechterrollenverteilung; eine Verteilung, welche in sozialer Interaktion produziert und in verschiedensten kulturellen und institutionellen Kontexten verfestigt wird.[10] Zur Differenzierung der These, dass die Inszenierung von Männlichkeiten auf einen Drang zur Erhaltung des Patriarchats und der damit einhergehenden Unterdrückung von Frauen und männlichen Subgruppen zurückzuführen ist, stellt Connell vier Konzepte bzw. Formen von Männlichkeit vor:[11]

- Die hegemoniale Männlichkeit zeichnet sich durch Privilegiertheit, Macht und Erfolg aus. Im Allgemeinen sind die entsprechenden Männer heterosexuell, gesellschaftskonform (in ethnischer Zugehörigkeit u.ä.) und sozial wie ökonomisch gut gestellt.
- Eine grosse Gruppe von Männern erfüllt nicht oder nicht vollständig die „Kriterien“ der hegemonialen Männlichkeit; sympathisiert jedoch mit diesem Typus und profitiert selbst von der Machtstellung der Männer („patriarchale Dividende“[12] ); Connell bezeichnet dies als Komplizenschaft.
- Als von den o.g. Gruppen marginalisiert bezeichnet der Autor Männer, die nur eingeschränkt an der patriarchalen Dividende teilhaben, häufig z. B. Angehörige ethnischer Minderheiten.
- Unterordnung durch die „starken“ Gruppen droht vor allem Männern, welche die „Kriterien“ der starken Männlichkeit nicht erfüllen und in Richtung des weiblichen Geschlechts gerückt werden; allen voran betrifft dies Homosexuelle.

Diese Differenzierung beschreibt die Relation der hegemonialen (1) zu den nicht-hegemonialen (2-4) Männlichkeiten sowie der Personen, welche insgesamt von der Machtstellung ebendieser ersten Gruppe profitieren (1 und 2), zu jenen, die ausgegrenzt werden und daher eher darunter leiden (3 und 4). Die hegemoniale Männlichkeit wird insgesamt als gesellschaftliches Ideal beschrieben, welches selten vollständig erfüllt, dafür aber von der grossen Mehrzahl der Männer angestrebt wird.

In späteren Arbeiten ergänzt Connell den Begriff der hegemonialen um den der transnationalen Männlichkeit, welcher einen Wandel des Idealbilds hin zum Typus des erfolgreichen Geschäftsmannes, der sexuell liberaler, offener in seinen Einstellungen und mächtig vor allem im Bereich der freien Marktwirtschaft ist, beschreibt.[13]

1.2 Geschlecht als Inszenierung und Konstruktion

Während der 1980er Jahre setzte sich in der Genderforschung zunehmend der Ansatz von Geschlecht als soziales Konstrukt (kontrastierend v. a. zu biologischen Ansätzen) durch. West und Zimmerman, Pioniere auf diesem Gebiet, beschrieben in ihrem Aufsatz „Doing Gender“[14] Geschlecht als nicht biologisches oder erworbenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Ergebnis aktiver und rekursiver Darstellung/Konstruktion und Bestätigung im Alltag. „Konstruktion“ meint im kognitions-/sozialwissenschaftlichen Kontext einen Vorgang, bei dem Menschen verschiedenste Informationen aus ihrer Umwelt aufnehmen, verarbeiten und mehr oder weniger automatisiert geistigen „Schemata“ zuordnen.[15] Grundannahme ist dabei, dass „Realität“ nicht direkt aufgenommen werden kann, sondern ein aus Einzelwahrnehmungen, welche mithilfe von Schemata systematisiert werden, zusammengesetztes, also individuell geschaffenes Konstrukt darstellt. Nach Annahme des „Doing-Gender“-Ansatzes bzw. der Konstruktionstheorie wird davon ausgegangen, dass Geschlecht – welches nicht in erster Linie als biologisches Merkmal gesehen wird, s. o. – ein solches Schema darstellt, welches mit der Zuordnung zu einem Geschlecht (bei der Geburt) bzw. dem aufkommenden Bewusstsein für die eigene Zugehörigkeit zu diesem (Vorschulalter) beginnt und im weiteren Verlauf durch Bestätigung und das Hinzufügen neuer Informationen erweitert und verfestigt wird. Zentral ist dabei, nach Ansicht der Autoren, das sozial-kulturell vermittelte Wissen darüber, wie man sich als Mann/Frau zu verhalten hat und die wiederholte Bestätigung dieser Annahmen. Ausgehend von diesen Überlegungen wurde die Unterscheidung der Begriffe „sex“ und „Gender“ vorgeschlagen und hat sich im wissenschaftlichen wie politischen Kontext weitestgehend durchgesetzt. „Sex“ beschreibt hierbei das rein biologische (festgelegt durch die inneren und äusseren Geschlechtsorgane), „Gender“ dagegen das „soziale Geschlecht“, welches das Produkt des rekursiven Konstruierens, Ergänzens und Bestätigens der gelebten Kategorie im Alltag darstellt.[16]

Doing Gender wird als Vorgang bezeichnet, der mit der Geburt beginnt (siehe 1.3), bei der die Zuordnung zu einer der beiden Geschlechtskategorien die allererste Massnahme bedeutet. Bald entsteht beim Kind ein (wenn auch rudimentäres) Verständnis für und Wissen um diese Zugehörigkeit und den damit verbundenen Normen. Gerade im Kindergartenalter treffen Kinder die Zuordnung Anderer zu einer Geschlechtskategorie anhand oberflächlicher und damit normativer Kategorien (Haarlänge, Kleidung), wodurch diese Normen und Stereotype sehr früh gefestigt werden.[17] Aufgrund angestrebter Verhaltenssicherheit beginnen Mädchen und Jungen, sich als solche zu inszenieren, was die Annahme von Geschlecht als Prozess, der „gemacht werden“ muss, stützt.[18] Dieser Annahme nach, wird die Geschlechtszugehörigkeit durch alltägliche Praktiken, durch einen Habitus, hergestellt. Praktiken zur Herstellung der Zugehörigkeit sind u.a. Namen, Kleidung, Frisur und Schmuck.[19] Das Konzept revolutionierte die Genderforschung und wurde von feministischer, wie auch von der Männlichkeitsforschung vielfach aufgegriffen.

1.3 Performativität: Es ist ein Junge!

Der Begriff der Performativität basiert auf der Sprechakttheorie nach John Austin[20], welche davon ausgeht, dass der Sprechakt selbst Identitäten erst konstruiert; hierzu gehören auch die Geschlechtskategorien, welche durch die Sprache geformt und in permanenter Wiederholung validiert werden.[21] Performativität muss dabei vom Begriff der Performanz abgegrenzt werden, welcher ein handelndes Subjekt voraussetzt. Dies wird gerade im Konzept der Performativität nicht angenommen: „Die Performativität einer Äusserung unterstreicht deren Kraft, das Äusserungssubjekt und die Handlung, die sie bezeichnet, in und durch diesen Äusserungsakt allererst hervorzubringen.“[22]

Judith Butler übernahm und erweiterte das Konzept für die Genderforschung.[23] Sie konzentrierte sich dabei auf die Herstellung von Geschlechtsidentität durch den Sprech- und Handlungsakt sowie dessen Verbindung zu Macht. Beispielhaft dafür steht der Ausruf, der im Allgemeinen unmittelbar nach der Geburt erfolgt: „Es ist ein Junge/Mädchen!“. Butler zufolge ist dies eine machtgeprägte Aufforderung an Kind und Umfeld, sich in die vorgegebene Geschlechtskategorie einzuordnen und dementsprechend zu verhalten und zu inszenieren.[24] Letztlich wird angenommen, dass es „keine DarstellerIn gibt, die vor dem Dargestellten existiert“, dass es also eine „Priorität des Subjekts“ nicht gibt.[25]

Im Rahmen der Männlichkeitsforschung formuliert Buchbinder die Hypothese, dass gerade Männer, welche autoritär und dominant auftreten, dies auf Grundlage einer besonders ausgeprägten Angst tun, dem Zwang dieser Performativität nicht gerecht zu werden und damit ihre Rolle/Identität als Mann nicht ausreichend sichern zu können.[26]

Die auf der Sprechaktivität/Diskurspsychologie basierenden Annahmen der Geschlechterkonstruktion durch Performativität wurden in der Genderforschung interessiert aufgenommen und weiterverfolgt, trafen jedoch auch auf kritische Anmerkungen und Einschränkungen. Die Theorie wurde zwar als grosse Bereicherung, gleichzeitig aber auch als nicht ausreichend betrachtet, um Rollen und Identitäten umfassend zu beschreiben und zu erklären. Es wurde kritisiert, dass auch nicht-diskursive Praktiken und Bereiche wie Arbeit, Gewalt, Sexualität und Kinderversorgung eine Rolle spielen und die geschlechtlichen Rollen formen; diese würden in der Performativitätstheorie zu wenig beachtet.[27]

2. Konzepte von Männlichkeit: Wechselwirkung medialer Männlichkeitskonstrukte und sozialer Männlichkeitsbilder

Während die Forschung zum Einfluss von Medien sowie auch zum medial vermittelten Frauenbild bereits seit vielen Jahren existiert und gerade auch im Zeitalter des Internets verstärkt in den Mittelpunkt rückt, gewinnt der Bereich „Männlichkeiten in den Medien“ nur langsam an Bedeutung.[28] Fejes stellte in einem Literaturreview fest, dass empirische Forschungen zu diesem Thema rar sind, bzw. sich vor allem auf den Bereich der Pornografie oder den Einfluss von weiblichen Darstellungen auf das Frauenbild von Männern konzentrieren, während die Erforschung der männlichen Geschlechtsrolle eher oberflächlich behandelt wird und sich wenig auf die tatsächliche Konstruktion von Männlichkeit bezieht. In den letzten Jahren rückt jedoch die Vergeschlechtlichung durch Medien, gerade auch in den Forschungsbereichen, in denen Geschlecht als dynamisches und konstruiertes Konzept angenommen wird, vermehrt ins Zentrum des Interesses. Im Rahmen der sozialkonstruktivistischen Sichtweise der Performativität von Geschlecht, setzt sich sogar die Ansicht durch, dass Geschlecht/Gender eine Kulturtechnik sei, welche ohne Medien gar nicht möglich ist.[29] Medien, insbesondere Massenmedien, stellen demnach einen zentralen Weg der sozialen Verbreitung von „Wissen“ und Stereotypen dar, welche die Konstruktion von Geschlechtlichkeit prägen.

Die beiden Grundströmungen der Forschung und Theoriebildung zur Wechselwirkung zwischen Medien und Rezipienten vertreten die Annahmen, dass die Darstellung von Geschlechtlichkeit in den Medien das sexuelle Selbstverständnis von Männern und Frauen entscheidend prägt,[30] oder dass im Gegenteil Medien lediglich einen Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse darstellen.[31] Beide Seiten können verschiedene empirische Ergebnisse liefern, welche die jeweiligen Hypothesen stützen. Denkbar wäre daneben sicherlich auch die Annahme einer tatsächlichen Wechselwirkung, d.h. die These, dass Medien sowohl aus der Gesellschaft hervorgebracht werden als auch zurück auf diese wirken; ein solcher Wirkmechanismus fand nach Wissen des Verfassers bisher wenig Beachtung in der empirischen Wissenschaft.

2.1 Bilder von Männlichkeit in den Medien

Aufenanger beschreibt die Modelle von Männlichkeit in den Medien als „überwiegend Stereotype, die den männlichen Rezipienten kaum eine Erweiterung ihrer Geschlechtsrolle eröffnen.“[32] Ebenfalls wird berichtet, dass im Fernsehen Männer

- häufiger und in wichtigeren Rollen,
- in besser bezahlten Berufen und seltener in häuslicher Umgebung,
- seltener verheiratet, älter, dominanter,
- mit mehr Macht und Status,
- öfter trinkend, rauchend und autofahrend und
- häufiger im Rahmen von Gewaltszenen

dargestellt werden.[33] Dennoch stellte eine Untersuchung im Stern bezüglich des in Medien vermittelten Männer-/Frauenbildes (primär in der Werbung), einen Wandel fest, nach dem im Laufe der Zeit mehr Väter, Karrierefrauen und junge, dynamische Singles dargestellt werden.[34] Jacobi et al. beschreiben, dass in modernen Medien „zahlreiche Geschlechterrollen verhandelt“ werden und bezeichnet Geschlecht als ein „umkämpftes Terrain, auf dem nicht zuletzt mittels und durch Medien um Deutungshoheit gerungen“ wird.[35] Milestone und Meyer[36] beschreiben drei Gruppen von Männerdarstellungen in den Medien, welche sich historisch nacheinander entwickelt haben, heute jedoch parallel und zeitgleich in den verschiedenen Medienformaten auftauchen:

Der „old man“, welcher das traditionelle Bild in den 1940er und 1950er Jahren verkörperte und in allererster Linie heterosexuell, dominant und stark sein muss. Dieser Männertypus ist auf die Eroberung von Frauen fokussiert und in einer Gesellschaft aufgewachsen, welche ihm die Rolle als Familienernährer und -oberhaupt klar vorgibt.

Der „new man“, welcher sich in den 1980er Jahren durchsetzte, distanziert sich mehr von traditionellen Rollenbildern und setzt sich für Gleichberechtigung der Geschlechter ein. Dennoch ist er immer noch in den meisten Fällen heterosexuell und ernährt die Familie. Die Autoren bezeichnen diesen Typus auch als „metrosexuell“, denn er ist deutlich auf sein Aussehen fokussiert und investiert viel Zeit und Mühe in sein Erscheinungsbild.

[...]


[1] Vgl. http://www.imdb.com/title/tt0043208/awards?ref_=tt_awd (Zugriff am 20.10.2014)

[2] Vgl. Edgar Forster: Männerforschung, Gender Studies und Patriarchatskritik. In: Geschlechterforschung in der Kritik. Hg. von Rita Casale, Barbara Rendtorff, Sabine Andresen, Vera Moser, Annedore Prengel. Opladen: Budrich 2005, S. 41 ff

[3] Schwanebeck, 2006, http://gender-glossar.de, Zugriff am 15.06.2014.

[4] Vgl. z.B. Harry Brod: The making of masculinities: The new men's studies. Boston: Allen & Unwin 1987. S. 18.

[5] Vgl. Holger Brandes: Der männliche Habitus. Männerforschung und Männerpolitik, Band II. Opladen: Leske + Budrich 2001-2002, S. 19.

[6] Vgl. Nikki Wedgwood & Robert W. Connell: Männlichkeitsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (2010), S. 116 ff.

[7] Vgl. Tim Carrigan / Bob Connell: Toward a new sociology of masculinity. In: Theory and society (1985), 14. Jg., Nr. 5, S. 555 ff.

[8] Vgl. Wedgwood/Conell, S. 116 ff.

[9] Vgl. Michael Meuser: Hegemoniale Männlichkeit – Überlegungen zur Leitkategorie der Men’s Studies. In: FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art. Forum Frauen- und Geschlechterforschung, Bd. 19. (2006). S. 160 ff.

[10] Vgl. Robert W. Connell: The big picture: Masculinities in recent world history. In: Theory and society (1993), 22. Jg., Nr. 5, S. 602

[11] Vgl. Robert W. Connell / Ursula Müller: Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. S. 92

[12] Vgl. Connell/Müller S. 100

[13] Vgl. Candace West & Don. H. Zimmerman: Doing gender. In: Gender & Society (1987), 1. Jg., Nr. 2, S. 125-151. S. 116 ff.

[14] Vgl. West/Zimmermann S. 125 ff.

[15] Vgl. Jean Piaget: Nachahmung, Spiel und Traum: die Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde. Serie: Gesammelte Werke. Band 5, Ed. 3. Stuttgart: Klett-Cotta 1993. S. 263 ff.

[16] Vgl. West/Zimmermann, S. 131 ff.

[17] Vgl. Dagmar Kasüschke: Geschlechtsbezogene Wissenskonzepte von Kindern unter sechs Jahren. Ein Problemaufriss. In: Kinder und ihr Geschlecht. Opladen: Budrich 2008, S. 191ff.

[18] Vgl. Hannelore Faulstich-Wieland: Sozialisation und Geschlecht. In: Handbuch Sozialisationsforschung (2008), 7. Jg., S. 240 ff.

[19] Kasüschke, S. 140 ff.

[20] Vgl. John Langshaw Austin / Eike von Savigny,: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart, Reclam, S. 91 ff.

[21] Vgl. Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung, 3. Auflage, Hamburg, Junius 2010, S. 21.

[22] Posselt, 2003, http://differenzen.univie.ac.at/glossar.php?sp=4, Zugriff am 30.06.2014.

[23] Vgl. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1991, S. 11 ff.

[24] Vgl. Bublitz, S. 17.

[25] Vgl. Judith Butler: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität. In: Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Hg. von Andreas Krass. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, S. 155 ff.

[26] Vgl. David Buchbinder: Performance anxieties: re-producing masculinity, London, Allen & Unwin 1998 S. 3.

[27] Vgl. Wedgwood/Conell, 2010, S. 116 ff.

[28] Vgl. Fred. J. Fejes: Masculinity as fact: A review of empirical mass communication research on masculinity. In: Men, masculinity and the media. Hg. v. Steve Craig. Thousand Oaks: Sage Publications Inc. 1992, S. 2.

[29] Vgl. Marie-Luise Angerer: The Body of Gender: oder The Body of What? Zur Leere des Geschlechts und seiner Fassade In: Konfiguration des Menschen: Biowissenschaften als Arena der Geschlechterpolitik. Hg. v. Regine Kollek,, Opladen: Leske und Budrich 2002, S. 169 ff.

[30] Vgl. Gary Melton et al: Female roles in radio advertising. In: Journalism & Mass Communication Quarterly (1987), 64. Jg., Nr. 1, S. 145 ff.

[31] Vgl. Kevin Durkin: Television and sex‐role acquisition 1 (Content). In: British Journal of Social Psychology (1985), 24 (2), S. 101 ff.

[32] Stefan Aufenanger: Neue Helden für die Männer: Eine sozialisationstheoretische Be-trachtung von Männlichkeit und Medien. In: Geschlecht und Medien. Hg. v. Gitta Mühlen-Achs. München: Kopäd 1995, S. 71 ff.

[33] Vgl. Fejes, S. 9 ff.

[34] Vgl. Raphaela Dressler: Vom Patriarchat zum androgynen Lustobjekt – 50 Jahre Männer im Stern. Hg. von Christina Holtz-Bacha. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 136-166.

[35] Jakoby et al., S. 17 ff.

[36] Katie Milestone / Anneke Meyer: Gender and popular culture, Cambridge, Polity 2012 S. 113 ff.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Mediale Kultur und Geschlecht. Zur Inszenierung von Männlichkeit in US Sitcoms
Untertitel
Von der „I Love Lucy“ Show (1951) und „How I Met Your Mother“ (2014)
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaft mit Fachschwerpunkt Geschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie)
Veranstaltung
Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
51
Katalognummer
V285687
ISBN (eBook)
9783656858508
ISBN (Buch)
9783656858515
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sitcom, Medien, TV, I Love Lucy, How I Met Your Mother, Gender, Männlichkeit, Geschlechterkategorien, USA, Men’s Studies/Masculinity Studies, Doing Gender
Arbeit zitieren
Haymo Empl (Autor), 2014, Mediale Kultur und Geschlecht. Zur Inszenierung von Männlichkeit in US Sitcoms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285687

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