Geschwisterbeziehungen in suchtbelasteten Familien

Wie gestaltet sich der Umgang von Kindern und jungen Erwachsenen mit der väterlichen Alkoholerkrankung innerhalb der Geschwisterbeziehung?


Masterarbeit, 2014
226 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aktueller Forschungsstand
2.1 Kinder in alkoholbelasteten Familien
2.2 Geschwisterbeziehungen

3. Methodisches Vorgehen
3.1 Qualitative Forschung
3.2 Datenerhebung: Anlehnung an das narrativ-biografische Interview nach Schütze
3.3 Datenauswertung: Dokumentarische Methode
3.4 Datenmaterial und individuelles Vorgehen
3.4.1 Beispielhaftes Vorgehen am Fall Jens

4. Falldarstellungen und Ergebnisse
4.1 Der Fall Jens
4.1.1 Familienleben
4.1.2 Beziehung zum Bruder in der (frühen) Kindheit
4.1.3 Beziehung zum Bruder in der Jugend
4.1.4 Aktuelle Geschwisterbeziehung
4.1.5 Individueller Umgang mit der väterlichen Sucht
4.1.6 Umgang mit der väterlichen Sucht innerhalb der Geschwisterbeziehung
4.2 Der Fall Lena
4.2.1 Familienleben
4.2.2 Beziehung zu den Geschwistern in der (frühen) Kindheit
4.2.3 Aktuelle Geschwisterbeziehung
4.2.4 Individueller Umgang mit der väterlichen Sucht und Umgang innerhalb der Familie
4.2.5 Umgang mit der väterlichen Sucht innerhalb der Geschwisterbeziehung
4.3 Der Fall Arthur
4.3.1 Familienleben
4.3.2 Geschwisterbeziehung in der Kindheit
4.3.3 Aktuelle Geschwisterbeziehung
4.3.4 Individueller Umgang mit der väterlichen Sucht
4.3.5 Umgang mit der väterlichen Sucht innerhalb der Geschwisterbeziehung
4.4 Komparative Fallanalyse
4.5 Sinngenetische Typenbildung
4.5.1 Typ 1: Bearbeitung der väterlichen Suchtproblematik in der Geschwisterbeziehung
4.5.2 Typ 2: Keine Bearbeitung der väterlichen Suchtproblematik in der Geschwisterbeziehung

5. Bezug zu den bisherigen Forschungserkenntnissen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Anhang

I Transkripte
I.I Transkript Interview 1: Jens
I.II Transkript Interview 2: Lena
I.III Transkript Interview 3: Arthur

II Formulierende und reflektierende Interpretationen
II.I Formulierende und reflektierende Interpretation Jens
II.II Formulierende und reflektierende Interpretation Lena
II.III Formulierende und reflektierende Interpretation Arthur

1. Einleitung

Mehrere Millionen Menschen in Deutschland sind von einer Suchterkrankung betroffen. Dabei ist es vor allem die Alkoholabhängigkeit, die stark vertreten ist (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung 2013, 56). Diese Erkrankung wirkt sich nicht nur auf den Betroffenen direkt aus, sondern ebenso auf die einzelnen Familienmitglieder, sowie auf das gesamte Familiensystem (vgl. Lambrou 2012). Etwa 2,6 Mio. Kinder und Jugendliche (im Alter bis zu 18 Jahren) leben laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung mit suchterkrankten Eltern. Etwa 30.000 von diesen bei Eltern, die von illegalen Drogen abhängig sind (vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Bundesministerium für Gesundheit 2013, 56). Kinder von alkohol- und drogenabhängigen Elternteilen wurden jedoch jahrelang in der Forschung vernachlässigt. Erst seit Ende der sechziger Jahre bzw. Ende der siebziger Jahre befassten sich Forscher in den USA mit dieser Gruppe (vgl. Klein 2003, 359), die dann jedoch immer wieder in Vergessenheit geriet. Erst in den Achtzigern und Neunzigern trat sie dann auch in Deutschland in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung (ders., 361). Mit der Zeit wuchs das Bewusstsein, dass Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien eine Risikogruppe darstellen, die spezifischer Hilfen bedarf. So sind nicht nur in erkenntnistheoretischer, sondern auch in praktischer Hinsicht Fortschritte zu verzeichnen. Der Sozialpädagogik liegt hierbei die Bedeutsamkeit zugrunde, nicht nur die Auswirkungen von Problemen zu bearbeiten, sondern ebenso mögliche Präventionsmaßnahmen durch Förderung von Schutzfaktoren und Resilienzen zu entwickeln, denn nur wenn man die Bedingungen kennt, unter denen Kinder diese Widerstandskraft ausbilden, kann man versuchen, diese Faktoren in der pädagogischen Praxis herzustellen.

Wie später ausgeführt, gibt es zahlreiche Untersuchungen zu suchtbelasteten Familien und deren Kindern. Die Beziehung unter den Geschwistern, die in solchen Familien und somit in einer riskanten Familienstruktur aufwachsen, an sich und ein eventuell speziell von der geschwisterlichen Beziehung ausgehendes Ressourcenpotenzial wurde jedoch bisher weniger fokussiert. Daher möchte ich mich in dieser Arbeit mit Geschwisterbeziehungen in alkoholbelasteten Familien auseinander setzen und schauen, ob und wie die Alkoholerkrankung eines Elternteils innerhalb der geschwisterlichen Beziehung bearbeitet wird und ob sie gegebenenfalls als Ressource im Umgang mit dieser dient.

Dazu soll in einem ersten Schritt der aktuelle Forschungsstand zu den beiden Themengebieten „Kinder in alkoholbelasteten Familien“ und „Geschwisterbeziehungen“ aufgezeigt werden. In einem weiteren Schritt wird das methodische Vorgehen, eine qualitative Vorgehensweise in Anlehnung an das narrativ-biografische Interview nach Schütze und an die Dokumentarische Methode von Bohnsack, aufgezeigt und die Wahl der Methodik begründet. Es folgen die auf Grundlage der Datenauswertung beruhenden Falldarstellungen, die unter anderem Orientierungen in der Bearbeitungsstrategie bezüglich des elterlichen Alkoholismus sichtbar machen und aufzeigen, welche Rolle die Geschwisterbeziehung dabei spielen kann. Durch eine weitere komparative Analyse der ausgewählten Fälle war es möglich, eine erste Andeutung einer Typenbildung vorzunehmen. Nachdem in Kapitel 5 ein Bezug der empirischen Ergebnisse zum bisherigen Forschungsstand hergestellt werden soll, bildet Kapitel 6 ein abschließendes Fazit mit Ausblick auf weitere Forschungsaspekte.

2. Aktueller Forschungsstand

Die zu behandelnde Forschungsfrage tangiert im Grunde zwei Themenbereiche. Zum einen den der Kinder in sucht- bzw. alkoholbelasteten Familien, zum anderen das Thema Geschwisterbeziehungen. Zu beiden Bereichen bestehen bereits einige Untersuchungen, von denen im Folgenden einzelne mit ihren zentralen Ergebnissen aufgezeigt werden sollen. Eine Untersuchung, die diese beiden Themen miteinander verbindet, scheint es bisher jedoch kaum zu geben.

2.1 Kinder in alkoholbelasteten Familien

In der Forschung werden alkoholabhängige und drogenabhängige Menschen häufig getrennt behandelt, da zweitere, unter anderem aufgrund der Illegalität, meist einen anderen Lebensstil pflegen (vgl. Klein 2003, 365). An dieser Stelle soll der Fokus auf Kindern aus alkoholbelasteten Familien liegen. Ein Großteil der bestehenden Studien befasst sich mit den Folgen der elterlichen Abhängigkeit für die Kinder. Behandelt werden meist die mögliche Transmission der Erkrankung oder die Auswirkungen auf Verhaltensweisen im Kindes- und Erwachsenenalter. Somit nahm die Forschung lange Zeit einen defizitorientierten Blick ein und vernachlässigte gänzlich, die Fähigkeiten und Kompetenzen der betroffenen Kinder zu benennen (vgl. Zobel 2001, 23). Erst relativ spät begannen Forscher, dem gängigen Störungsmodell Resilienzmodelle gegenüber zu stellen (vgl. Klein 2001, 122).

Die Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf das gesamte Familiensystem sind immens: Die Kinder müssen mit dem ambivalenten Verhalten des Erkrankten leben, was zu großen Verunsicherungen führen kann (vgl. Zobel 2001, 24), und leiden häufig unter den vom Alkohol bestimmten familiären Verhältnissen (ders., 25). Zudem gehen durch die Alkoholabhängigkeit elterliche Erziehungsleistungen verloren oder sind widersprüchlich (vgl. Ackermann 1990), was bei fehlenden Schutzfaktoren u.a. zu schlechten schulischen Leistungen und Anpassungsproblemen bei den Kindern führen kann (ders.).

Alkoholbelastete Familien fallen insgesamt durch vermehrte Konflikte, weniger Zusammenhalt und emotionale Ausdrucksstärke sowie durch eine verminderte Unabhängigkeit der einzelnen Mitglieder auf (vgl. Sher 1991).

Das Leben der Kinder aus Suchtfamilien wird durch das herrschende Klima entsprechend geprägt. So zeigen sie häufig bestimmte Verhaltensweisen wie Überforderung, Parentifizierung, Loyalitätskonflikte, altersunangemessenes Verhalten, Einsamkeit oder Trennungs- und Verlusterleben (vgl. Sand 2003). Die Kinder versuchen, sich den Gegebenheiten anzupassen und nehmen dabei unterschiedliche Rollen ein, die Wegscheider 1988 in vier Typen zusammenfasste:

Das älteste Kind nimmt häufig die Rolle des Helden ein. Durch schulische und/oder sportliche Leistungen sowie dem Streben nach Verantwortung und Selbstständigkeit sucht der Held die Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Familie erfährt dadurch eine Aufwertung. Als Folge entstehen beim Helden jedoch häufig Gefühle von Ärger, psychosomatische Probleme und exzessiver Perfektionismus.

Das Zweitgeborene gilt als der Sündenbock, der durch rebellierendes und auflehnendes Verhalten auffällt. Häufig treten Trotz, Wut und ein geringes Selbstwertgefühl auf. Er ist selbst oft gefährdet, früh Alkohol und Drogen zu konsumieren. Sein negatives Verhalten lenkt dabei vom Alkoholproblem in der Familie ab.

Das dritte Kind gilt als das verlorene Kind. Es zieht sich oft zurück, um sich zu schützen und die Familie zu entlasten. Das Vermeiden von Konflikten, Unsicherheit, Hilflosigkeit und Kontaktschwierigkeiten sind typisch für dieses.

Der Clown, das jüngste Kind, zeigt sich durch ein aufgeschlossenes und spaßiges Verhalten. Seine Extrovertiertheit sorgt für Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wirkt es jedoch oft unreif, ängstlich und hat Anzeichen von Hyperaktivität oder Lernstörungen. Häufig wird es von den älteren Geschwistern geschützt und das Problem wird von ihm ferngehalten. In die Familie bringt es jedoch Humor und Ablenkung.

Ähnliche Rollenmodelle wurden von anderen Autoren wie Black (1988), Ackermann (1987) und Lambrou (1991) entwickelt, sowie teilweise um weitere Rollen erweitert. Ackermann nimmt als einziger zu den mit negativen Auswirkungen behafteten Rollen eine positive mit auf: die des Unverletzten, der sich in der problembehafteten Familie gesund entwickelt.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass diese Rollenmodelle nicht starr zu betrachten sind. Ein Kind kann dabei Merkmale unterschiedlicher Rollentypen zeigen oder im Alter in andere Typen wechseln (vgl. Zobel 2001, 32). Jenkins et al. (1993) fanden diese Modelle bei verschiedenen dysfunktionalen Familien wieder. Kritisiert wurde an den Modellen jedoch oftmals, dass bestimmte Faktoren, wie beispielsweise die grundlegend unterschiedlichen Temperamente von Kindern, die diese in ein bestimmtes Modell fallen lassen, vernachlässigt wurden (vgl. Braithwaite/Devine 1993). Auch die Vorteile, die das rollentypische Verhalten und seine Eigenschaften für das spätere Leben haben können, blieben bisher unberücksichtigt (vgl. Kolitzus 2013). Aus diesen Gründen stehen die Modelle auch heute noch in der Kritik.

Ein Blick wird in der Forschung auch oftmals auf die Transmission von Alkoholabhängigkeit geworfen. Häufig entwickeln Personen aus alkoholbelasteten Familien ebenso eine Abhängigkeit (vgl. Sher 1997), wobei Töchter gefährdeter sind als Söhne und sich eine Abhängigkeit der Mutter schwerwiegender auswirkt (vgl. Lachner & Wittchen 1997). Das Risiko, selbst eine substanzbezogene Sucht zu entwickeln, ist bei Kindern alkoholkranker Menschen bis zu sechs mal so hoch (Klein 2005). Auch der Alkoholkonsum in dieser Gruppe ist häufig höher. Das Einstiegsalter in den schädlichen Alkoholkonsum liegt außerdem vor allem bei Jugendlichen, deren Elternteile beide alkoholabhängig sind, deutlich unter dem der Kinder ohne belastete Eltern (vgl. Lieb et al. 2001, 125).

Zobel zieht in seinem Buch weitere Studien heran, die sich mit dem Verhalten und der Lebensbewältigung von Kindern in Suchtfamilien im Erwachsenenalter beschäftigen, und geht auf Störungen ein, die sich potentiell bei dieser Risikogruppe entwickeln können. Viele Untersuchungen ergaben, dass die Betroffenen durch mangelnde Sozialkompetenzen, ein geringes Selbstwertgefühl, mangelnde Verhaltenskontrolle und Schwierigkeiten hinsichtlich der psychosozialen Anpassung auffallen. Sie haben Probleme, Beziehungen einzugehen oder wählen einen ebenfalls abhängigen Partner (vgl. Black 1988, Lambrou 2012, Woititz 2011).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Risiko- und Schutzfaktoren bei der Transmission von Alkoholabhängigkeit (nach Petermann 1997)

Diese Auffälligkeiten gaben Forschern den Anlass, die Faktoren zu ergründen, die die erhöhte Vulnerabilität erklären. Das Zusammenwirken von kind- und umgebungsbezogenen Schutz- und Risikofaktoren bestimmt laut Kusch und Petermann (1998) die Entwicklung des Kindes. Sozioökonomische Bedingungen, das Familienklima oder das Interaktionsverhalten der Eltern spielen dabei eine ebenso große Rolle wie der Charakter des Kindes oder die Peergroup. Selbstvertrauen, Bewältigungskompetenzen und ein waches Temperament sind wichtige Ressourcen, während sich Ängstlichkeit und ein niedriger Intelligenzquotient als ungünstig erweisen (vgl. Zobel 2001, 17, 179).

Die Untersuchungen zu Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit auf das kindliche Individuum sowie mögliche Schutz- und Risikofaktoren sind sichtbar zahlreich, jedoch hinsichtlich des Zusammenhangs mit Geschwisterbeziehungen nicht ausreichend erforscht. Daher gilt es, in dieser Arbeit ebenso den aktuellen Forschungsstand der Geschwisterforschung aufzuzeigen, um dieses theoretische Wissen mit in den empirischen Teil dieser Arbeit einfließen zu lassen.

2.2 Geschwisterbeziehungen

Geschwisterbeziehungen haben bereits seit den 1970er Jahren vor allem im angloamerikanischen Raum einen Platz in der Forschung. Hierzulande wiederum liegt der Wissenschaftsschwerpunkt vermehrt auf anderen Beziehungen wie die zwischen Eltern und Kind oder Paaren. Die Beziehung unter Geschwistern wird hingegen verhältnismäßig wenig einbezogen (vgl. Papastefanou 2002, 201).

In den bestehenden Studien wurden hauptsächlich die Auswirkungen der Geburtenrangfolge, des Geschlechts oder des Altersabstandes zwischen den Geschwistern (s. Übersicht Jungbauer 2009, 55 ff.), die Entwicklungsaufgaben, die Geschwister im Laufe des Lebens bewältigen müssen (vgl. Goetting, 1986) sowie die sich verändernden Verhaltensweisen der Geschwister mit fortschreitendem Alter (s. Übersicht Jungbauer 2009, 61ff.) untersucht.

Vera Bollmann fasst die Merkmale einer Geschwisterbeziehung wie folgt zusammen:

„In der Lebensverlaufsperspektive ist die Geschwisterbeziehung die, die am längsten andauert. Sie ist zum einen durch die Unfreiwilligkeit der Verwandtschaftsbeziehung gekennzeichnet als auch durch die gemeinsam erlebte primäre Sozialisation in der Familie, welche in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung als die Prägendste überhaupt angesehen werden kann.“ (Bollmann 2012, 35).

Eine ausführliche Übersicht über Geschwisterbeziehungen gibt Walper in ihrem Werk (2010). Geschwister beeinflussen sich im Gegensatz zur Eltern-Kind-Beziehung reziprok und sind stärker von den Eigenschaften und Verhaltensweisen der Beteiligten beeinflusst (ders, 14). Die Beziehungen zeichnen sich nicht nur durch Nähe aus, die in gewissen Altersstufen intensiver ist als in anderen, sondern auch durch Konkurrenz (vgl. Lüschner 1997). Furman und Buhrmester (1985) stellten vier Dimensionen der geschwisterlichen Beziehung auf: Wärme und Nähe, Rivalität, Konflikt sowie relative Macht und Status.

Durch eine von Nähe geprägte Beziehung können Auswirkungen negativer Lebensereignisse abgeschwächt werden (vgl. Gass/Jenkins/Dunn 2007). Rivalität ist vor allem durch Konkurrenz und Eifersucht unter den Geschwistern gekennzeichnet. Auch Konflikte und Streitigkeiten sind Teil einer Geschwisterbeziehung, welche jedoch häufig mit größerem Altersabstand zwischen den Geschwistern abnehmen (vgl. Furman/Buhrmester 1985). Sie können durchaus parallel zu einer durch Nähe gekennzeichneten Beziehung bestehen (ders.). Als vierte Dimension beschreibt Buhrmester die relative Macht, die automatisch im Altersgefälle entstehe und beispielsweise durch Dominanz eines Geschwisterkindes gekennzeichnet ist (ders.). Geschwisterbeziehungen sind demnach einer ambivalenten Grundstruktur ausgesetzt und müssen von den Beteiligten nicht zwanghaft einheitlich erlebt werden (vgl. Walper 2010, 69). Das elterliche Erziehungsverhalten spielt dabei ebenso eine große Rolle (ders., 70).

Häufig haben ältere Geschwister zudem eine gewisse Vorbild- und Anstifterfunktion für ihre jüngeren Geschwister und fungieren als Betreuer und Lehrer (vgl. Schmidt-Denter/Spangler 2005).

In der Kindheit sind Geschwisterkinder in ihrem Verhalten und der Kommunikation stets stärker aufeinander bezogen, der Kontakt zu Bruder oder Schwester wird häufiger. Im Alter von drei bis fünf Jahren verbringen Geschwister durchschnittlich deutlich mehr Zeit miteinander als mit den Eltern (Kasten 2003).

Die amerikanischen Familientherapeuten Bank und Kahn (1989) befassten sich mit den Identifikationsmustern in Geschwisterbeziehungen, die laut ihnen von eng bis distanziert reichen, und erfassten aus diesen heraus acht verschiedene Geschwisterbeziehungstypen[1]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geschwisterbeziehungstypen nach Bank und Kahn (1989)

Am positivsten wird dabei die teilweise Identifikation gesehen, da diese eine Entwicklung der eigenen Person und der der Geschwisterbeziehung zulässt und flexibler ist als die beiden Extremen (Jungbauer 2009, 60).

Walper zieht in ihrer Arbeit verschiedene Studien heran und geht dabei näher auf die Geschwisterbeziehung in riskanten Familienkonstellationen, wie z.B. in Scheidungs-, Adoptions- oder Pflegefamilien, ein, wobei sucht- oder alkoholbelastete Familien als spezielle Form dabei nicht thematisiert werden.

Laut einer Studie von Hartup (1979) können potentielle Entwicklungsstörungen durch die Interaktion mit den Geschwistern ausgeglichen werden, was dieser Beziehung einen therapeutischen Charakter zukommen lässt. Auch John Bowlby betonte bereits 1973 die Wichtigkeit von Geschwisterbeziehungen bei traumatischen Erfahrungen.

Walper beschreibt zudem, wie sich das Bindungsverhalten bei Geschwistern charakterisiert, wenn Eltern kurzfristig oder dauerhaft ausfallen (vgl. Walper 2010, 20), denn die von Bowlby einst beschriebenen Bindungsverhaltensweisen können nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen Geschwistern untereinander auftreten. Besonders wenn Eltern als Bindungsperson nicht zur Verfügung stehen (können), kommt der Geschwisterbindung eine besondere Bedeutung zu (ders., 21). Wählt ein Kind sein älteres Geschwisterkind aufgrund negativer Familienkonstellationen als einzige Bezugsperson, ist das Fürsorgeverhalten im Gegensatz zu dem einer erwachsenen Person jedoch weniger komplex (vgl. Bryant 1992).

Grundsätzlich bestehen zwei mögliche Hypothesen, wie sich die Geschwisterbeziehung in schwierigen Familiensituationen entwickeln kann: Die Kompensationshypothese und die Kongruenzhypothese. Walper beschreibt diese in ihrer Arbeit beispielhaft anhand von Trennungs- und Scheidungsfamilien:

„Die Kompensationshypothese geht davon aus, dass es nach einer Scheidung zu einer positiven Intensivierung der Geschwisterbeziehungen kommt, da die Geschwister versuchen, die scheidungsbedingten Verluste sozialer Ressourcen zu kompensieren. Die Kongruenzhypothese prognostiziert hingegen auf der Basis bindungs- und lerntheoretischer Annahmen eine Verschlechterung der Geschwisterbeziehungen in Scheidungsfamilien, da insgesamt mehr Beziehungsprobleme bewältigt werden müssen und sich die Schwierigkeiten in den Eltern-Kind-Beziehungen negativ auf die Geschwisterbeziehungen auswirken (Walper 2010, 45).“ (Hervorhebungen im Orig.)

Auch Cierpka findet in seiner Praxis beide Verhaltensformen vor. Zum einen fiel ihm auf, dass Kinder vermehrt die Bindung zu Geschwistern suchen, wenn diese zu den Eltern unsicher ist oder wenn die Eltern ihnen nicht mehr die volle Aufmerksamkeit schenken können. Die Geschwister suchen dann die Geschwisterlichkeit, um das Familienleben weiter zu gewährleisten (Cierpka 2010, 447 f.). Gleichzeitig erkennt er aber, dass bei einer Trennung der Eltern eine Geschwisterrivalität entstehen kann, da es bisher galt, sich in der elterlichen Krisenzeit zurückzunehmen, um die Familienharmonie beizubehalten (ders., 450).

Studien zeigen demnach, dass sich Geschwisterbeziehungen in Risikokonstellationen durchaus intensivieren, aber auch durch die gegebenen Belastungen eine Verschlechterung der Qualität erfahren können. Durch eine eventuell unterschiedliche Einschätzung der Beziehung von einzelnen Geschwisterkindern können auch die Risiken und Chancen dieser Beziehung bei der Bearbeitung einer Krisensituation unterschiedlich einzuschätzen sein (vgl. Walper 2010, 69).

Eine stärkere Tendenz besteht zur Kompensationshypothese, die auch Brock vertritt. Sie betont, dass besonders die vielfältigen Beziehungs-, Bindungs-, Kommunikations- und Konfliktmöglichkeiten, die eine Geschwisterbeziehung ausmachen, die psychische Resilienz sowie die Entwicklung fördern (Brock 2010, 311).

Untersuchungen zum Ressourcen-Potential von Geschwisterbeziehungen speziell in alkoholbelasteten Familien sind stark begrenzt (vgl. Vakahali 2001). Dabei können laut Walker und Lee (1998) Geschwister als Ressource beim Bewältigen des familiären Stresses dienen. Vermutlich erleben Geschwisterkinder aus alkoholbelasteten Familien miteinander insgesamt positivere Interaktionen und weisen damit stärkere Bindungen auf (vgl. Reich et al. 1993). Walper betont hierbei jedoch den dringenden Bedarf, die bestehenden Hypothesen weiter zu prüfen (vgl. Walper 2010, 70).

3. Methodisches Vorgehen

Nachdem nun der aktuelle Forschungsstand zur Thematik vorgestellt wurde, soll im nächsten Schritt das empirische Vorgehen erläutert und begründet werden. Die qualitative Forschung im Allgemeinen sowie die ausgewählte Erhebungs- und Auswertungsmethode stehen dabei im Fokus dieses Kapitels.

3.1 Qualitative Forschung

In der vorliegenden Untersuchung gilt es herauszufinden, ob und inwiefern sich die Suchterkrankung eines Elternteils auf die Beziehung zwischen den Geschwisterkindern auswirkt, inwiefern die elterliche Alkoholabhängigkeit innerhalb dieser bearbeitet wird und ob sie dann als Ressource dienen kann. Dazu eignet sich besonders eine qualitative Vorgehensweise, die es im Gegensatz zur quantitativen Forschung zulässt, subjektive Phänomene detailliert zu beschreiben und zu analysieren, sowie die fallspezifischen Deutungs- und Handlungsmuster zu rekonstruieren (vgl. Kelle/Kluge 1999, 14f.).

Der qualitativen Forschung liegt das Interesse zugrunde, alltags- und lebensweltliche Phänomene, Probleme und Prozesse zu untersuchen. Während bei der quantitativen Vorgehensweise Theorien und Hypothesen überprüft werden, geht es hier darum, neue Theorien zu entdecken und zu generieren. Qualitative Forscher begeben sich somit in ein fremdes Untersuchungsfeld, von dem sie sich überraschen lassen müssen (Prinzip der Offenheit, vgl. Hoffmann-Riem 1980). Forscher müssen dem Forschungsgegenstand gegenüber stets offen sein, zumal wichtige Erkenntnisse oftmals erst im Feld selbst auftauchen.

Typisch für die qualitative Forschung ist ein einzelfallanalytisches oder fallrekonstruktives Vorgehen (vgl. Flick 2007, 96), dem dann der Versuch der Abstraktion und Verallgemeinerung (theoretische Konzepte, Typen, Strukturen etc.) folgt (vgl. Mey 2010, 38). Es genügt bei diesem Vorgehen daher bereits eine sehr geringe Fallzahl.

Ausgewählt werden die Fälle in einem theoretischen Sampling (vgl. Glaser und Strauss 1967), d.h. die Stichproben werden angelehnt an die Forschungsfrage, nach bestimmten Kriterien oder nach der konzeptuellen Relevanz für die entstehende Theorie ausgewählt. Diese Relevanz zeigt sich häufig erst während des Untersuchungsverlaufs.

Typische Erhebungsmethoden der qualitativen Forschung sind das Interview, die teilnehmende Beobachtung oder auch Gruppendiskussionen.

3.2 Datenerhebung: Anlehnung an das narrativ-biografische Interview nach Schütze

Hinsichtlich des Forschungsthemas erscheint es sinnvoll, Daten mit Hilfe eines narrativ-biografischen Interviews nach Schütze (1983) zu erheben, da sich dieses Verfahren sehr gut im Rahmen selbst erlebter Prozesse eignet. Über die Erzählungen werden die Deutungsmuster und die Prozessstrukturen des Lebenslaufs sichtbar (vgl. Schütze 1983b, 284). Jedoch erfolgte in diesem Fall eine kleine Abwandlung der Methode, indem durch zusätzliche Leitfragen gewisse Themen fokussiert und so die relativ knappe Eingangserzählung umfassender gestaltet werden konnte.

Schütze entwickelte 1983 aus dem narrativen Interview heraus die Methode des biographischen Interviews, das sich in drei Schritte unterteilt: die Eingangserzählung, den narrativen Nachfrageteil sowie den argumentativ-beschreibenden Frageteil.

Die Eingangserzählung wird vom Interviewer durch die „autobiographisch orientierte Erzählaufforderung“ (Schütze 1983a, 285) initialisiert. Dabei kann durchaus ein Schwerpunkt auf bestimmte Themen oder Zeitabschnitte gelegt werden. Beachtet werden sollte jedoch, dass dabei wichtige Aspekte automatisch ausgeschlossen werden könnten (vgl. Küsters 2009, 46). In diesem Falle lautete sie in etwa:

„Ich möchte dich bitten, mir zu erzählen, wie sich die Geschichte deines Lebens zugetragen hat. Am besten beginnst du mit deiner Geburt und erzählst dann alles, was sich so nach und nach zugetragen hat, bis zum heutigen Tag. Den Schwerpunkt kannst du gerne auf familiäre Dinge legen. Du kannst dir dabei ruhig Zeit nehmen, auch für Einzelheiten. Für mich ist alles interessant, was dir wichtig ist.“

Die Eingangserzählung sollte möglichst nicht unterbrochen werden (vgl. Schütze 1978, 34). Da die Interviewten Schwierigkeiten hatten, in der Anfangserzählung frei und ausschöpfend zu erzählen, wurde ein vorbereiteter Leitfaden hinzugezogen, der immanent an die angebotenen Erzählthematiken anknüpfte, auf bestimmte Lebensphasen oder auf für das Interview interessante Themen anspielte.

Der zweite Teil des biographischen Interviews besteht aus dem eigentlichen immanenten Nachfrageteil. Bereits angesprochene Themen werden nun vertieft, indem Unverständlichkeiten und vermeintliche Unwichtigkeiten nochmals aufgegriffen, Situationen und Gegebenheiten ausführlicher erzählt werden und das Erzählpotential somit möglichst ausgeschöpft wird (vgl. Schütze 1983a, 285). Dieser Nachfrageteil dient dazu „die narrative Kreativität des Informanten zu unterstützen“ (Schütze 1978, 34).

Im argumentativ-beschreibenden oder exmanenten Frageteil wird der Interviewte zum einen dazu aufgefordert, sich wiederholende Handlungsabläufe, Gegebenheiten oder Orte näher zu beschreiben. Zum anderen wird er dabei nach den Gründen und Motiven für sein Handeln gefragt und muss durch Argumentationen „als Experte und Theoretiker seiner selbst“ (Schütze 1983a, 285) fungieren. In diesem Fall ging es besonders darum, zu erfahren, wie die interviewte Person selbst den Einfluss der geschwisterlichen Beziehung auf die Bewältigung der elterlichen Suchterkrankung sieht und wie die Erkrankung sich auf die Beziehung auswirkte.

3.3 Datenauswertung: Dokumentarische Methode

Die dokumentarische Methode wurde von Ralf Bohnsack in Anknüpfung an Karl Mannheim entwickelt und ist heute in der qualitativen Bildungs- und Sozialforschung weit verbreitet.

„Sie dient der Rekonstruktion der praktischen Erfahrungen von Einzelpersonen und Gruppen, in Milieus und Organisationen, gibt Aufschluss über die Handlungsorientierungen, die sich in der jeweiligen Praxis dokumentieren, und eröffnet somit einen Zugang zur Handlungspraxis.“ (Nohl 2012, 2).

Dabei gilt es, die vorliegende Tonbandaufnahme in einem ersten Schritt in Sequenzen aufzuteilen, diesen Überschriften (Oberthemen) zu geben und für wichtig erachtete Passagen dann zu transkribieren (vgl. Kleemann et al 2013, 171). Dies dient der Datenselektion und -reduktion und einer ersten groben thematischen Gliederung der Interviews. Es folgen eine formulierende Interpretation der verschriftlichten Passagen, eine reflektierende Interpretation derer sowie eine komparative Analyse der einzelnen Fälle.

In der formulierenden Interpretation geht es darum, knapp den immanenten Sinngehalt zusammenzufassen, das Gesagte demnach zu reformulieren, um so die „thematische Feingliederung des Textes nachzuzeichnen“ (Przyborski/Slunecko 2010, 634). Zu den Oberthemen können dabei auch Unterthemen formuliert werden, um das Thema weiter zu fokussieren (vgl. Kleemann et al. 2013, 174).

Bei der reflektierenden Interpretation steht nun weniger das Was im Fokus, sondern vielmehr das Wie des Erzählten. Dabei wird zuallererst die Textsorte der Sequenz bestimmt (ders., 175), um dann den Verlauf nachzuzeichnen und zu rekonstruieren, wie und in welchem Orientierungsrahmen ein Thema oder eine Problemstellung verarbeitet wird (vgl. Nohl 2012, 3). Es geht darum, Prozessstrukturen, also strukturidentische Handlungen, aufzudecken (vgl. Przyborski/Slunecko 2010, 634). Dabei findet ebenso eine komparative Sequenzanalyse statt, innerhalb derer man anhand der folgenden Sequenzen weitere Orientierungsrahmen zu finden versucht oder die bestehenden bestätigt.

In der komparativen Fallanalyse versucht man anhand anderer Fälle weitere Orientierungsrahmen der Problembearbeitung zu finden oder die bestehenden zu bestätigen. Dieser Schritt hat die Ausarbeitung einer Typologisierung zum Ziel (ders., 636).

3.4 Datenmaterial und individuelles Vorgehen

Insgesamt wurden fünf Interviews geführt, von denen drei intensiv ausgewertet und analysiert wurden. Die Auswahl erfolgte nach dem Kriterium, möglichst unterschiedliche Fälle, hinsichtlich der Bearbeitung der Alkoholproblematik in der Geschwisterbeziehung, hinzuzuziehen. Die ausgewählten Interviews wurden mithilfe einer formulierenden Interpretation von für die Analyse wichtig erscheinenden Sequenzen und einer anschließenden reflektierenden Interpretation derer bearbeitet. Dabei wurden erste Orientierungen entschlüsselt, die für den Vergleich der Fälle und der Typenbildung von Bedeutung sind.

Im Fokus dieser Arbeit soll (neben der komparativen Fallanalyse und der abschließenden Typenbildung) zuerst die Darstellung der einzelnen Fälle stehen. In diesen werden die im Interview enthaltenen biographischen Daten in der zeitlichen Abfolge der Ereignisse zusammengefasst, die bisherigen Interpretationsergebnisse aus der vorangegangenen formulierenden und der reflektierenden Interpretation mit aufgenommen und Orientierungsmuster der Interviewten aufgezeigt.

Dabei gilt es im Zuge der Darstellung zwei Anforderungen zu vereinbaren: Einerseits geht es darum, zur überprüfbaren Nachvollziehbarkeit den schrittweisen Prozess aufzuzeigen und dem Leser so deutlich zu machen, wie die Annahmen des biografischen Abrisses und der Falldarstellung getroffen wurden. Andererseits muss der Aspekt der Übersichtlichkeit berücksichtigt werden. Daher wurde folgender Weg gewählt:

Exemplarisch soll im Nachfolgenden anhand einer Passage das Vorgehen von der formulierenden über die reflektierende Interpretation bis hin zur Falldarstellung gezeigt werden (Kapitel 4)[2]. So ist eine gewisse Transparenz bezüglich der Annahmen in den nachfolgenden Falldarstellungen gegeben. Die vollständigen Schritte der formulierenden und der reflektierenden Interpretation des aufgezeigten Falles sowie der anderen Fälle finden sich im Anhang wieder.

Es folgt eine ausführliche Darstellung aller Fälle und derer Orientierungen. Dabei bin ich entgegen der Chronologie des Interviews vorgegangen und habe mich vielmehr auf das Bilden von Themen konzentriert, um eine bessere Vergleichbarkeit bei der anschließenden komparativen Fallanalyse zu haben. Diese zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten der behandelten Fälle und derer Orientierungsmuster auf. Durch die Generierung eines gemeinsamen Orientierungsrahmens erfolgt eine Abstraktion der Fälle, sodass eine erste Annäherung an eine Typisierung im Zuge einer sinngenetischen Typenbildung vorgenommen werden kann. Auf die soziogenetische Typenbildung, die deutlich macht, in welchem sozialen Zusammenhang diese Orientierungsrahmen stehen, soll im Zuge dieser Arbeit verzichtet werden.

3.4.1 Beispielhaftes Vorgehen am Fall Jens

Auszug aus der formulierenden Interpretation

In der formulierenden Interpretation geht es zuerst darum, den thematischen Gehalt des Gesagten wiederzugeben und für den jeweiligen Abschnitt das Oberthema (OT) und ein Unterthema (UT) zu identifizieren.

Absatz 1

1-24 OT: Kindheit

1-6 UT: Charakter als Kind

Jens stellt sich mit Namen vor. Er sei ursprünglich in der Nähe von S-Stadt geboren und aufgewachsen. Er sei ein schüchternes Kind gewesen, dem es schwer gefallen sei, mit anderen in Kontakt zu treten. Er sei eher ein Einzelgänger gewesen, was sich nicht verändert habe.

6-12 UT: fehlendes Interesse für Bruder

Im Alter von zwei Jahren habe er einen Bruder bekommen. Ihm sei erzählt worden, dass er sich nie für diesen interessiert habe. Entgegen der Normalität sei er nie bei ihm gewesen. Bis „über die Grundschule hinweg“ habe sich das auch nicht verändert.

12-16 UT: Schulwechsel bringt Aufgeschlossenheit

In der sechsten/siebten Klasse sei er aufgeschlossener und aufgeweckter geworden. Er sieht den Grund dafür im Schulwechsel in einen anderen Ort und darin, dass er früher die Leute immer gemieden habe.

16-24 UT: Fußballverein im Nachbarort

Mit fünf Jahren sei er in den Fußballverein des Nachbarorts gegangen. In dem zwei- bis dreitausend Einwohnerdorf, in dem er geboren sei, habe er sich mit den Leuten nie zurecht gefunden und immer im Nachbarort Fußballspielen wollen. Warum dies so sei, wisse er nicht.

Auszug aus der reflektierenden Interpretation

In der anschließenden reflektierenden Interpretation gilt es zum einen, eine sorgfältige Textsortendifferenzierung vorzunehmen, und zum anderen zu analysieren, wie der Interviewte sich ausdrückt und bestimmte Thematiken behandelt. Ziel ist es, Orientierungen zu identifizieren, mithilfe derer gewisse Themen bearbeitet werden.

Absatz 1

1-24 Beginn der Eingangserzählung in Form eines Berichtes über die Kindheit im Modus der Beschreibung (1-6) (6-12) (16-24), der Erzählung (6) (12-14) und der Argumentation (14-16)

Jens beginnt seine Erzählung mit einer sehr kurzen Namensvorstellung und seiner Herkunft. Sofort fährt er mit einer Beschreibung seines Charakters fort, der anfangs stark durch Schüchternheit und Einzelgängertum geprägt war. Kurz darauf bringt er seinen jüngeren Bruder ins Spiel. Durch Erzählungen weiß er, dass er sich nie für diesen interessiert hat. Kontrastiv dazu beschreibt er dabei, wie seiner Meinung nach normalerweise der Umgang mit einem Geschwister aussieht, nämlich dass man „irgendwie immer quasi bei dem“ (Z. 10f.) ist. Sein Bild von einer Geschwisterbeziehung orientiert sich demnach am Beisammensein mit dem Geschwister und daran, viel Zeit mit diesem zu verbringen. Er beginnt einen Satz, den er nicht zu Ende führt. Das Wort „versucht“ zeigt jedoch, dass es für Jens vermutlich auch dazu gehört, Eigeninitiative zu ergreifen. Er selbst grenzt sich an dieser Stelle von den Normvorstellungen, die er hat, ab.

Sein Einzelgängertum bezieht sich somit nicht nur auf die fehlende Einbettung in eine Peergroup, sondern ebenso auf den fehlenden Bezug zum Bruder und auch zur Familie. Denn die Eltern erwähnt Jens in seiner kompletten Beschreibung der Kindheit nicht. Es ist von einer Isolierung Jens' in der Kindheit auszugehen.

Erst der Schulwechsel in eine andere Stadt, der eine gewisse Distanz von Zuhause mit sich bringt, bewirkt eine stärkere Offenheit des Charakters.

Jens macht einen zeitlichen Sprung zurück und erzählt, dass er mit fünf Jahren mit dem Fußballspielen begonnen hat. Auch hier orientiert er sich an der Vorstellung, Hobbys im eigenen Wohnort nachzugehen, und grenzt sich von der Normvorstellung ab, indem er sagt „aber auch nich ähm (1) wie me sich das so vorstellt sondern so also im ort“ (Z. 19f.). Mit den Menschen im Heimatort fand er sich nicht zurecht und wollte daher im Nachbarort spielen. Eine Distanz zur Heimat ist demnach schon in jungen Jahren zu spüren.

Von der formulierenden und reflektierenden Interpretation zur Falldarstellung

Auf diese Art und Weise wurde mit allen transkribierten Passagen des Interviews in der chronologischen Reihenfolge des Erzählten umgegangen. Die daraus resultierenden Ergebnisse sowie eine kurze Zusammenfassung der im Interview enthaltenen biographischen Daten stellen die Grundlage für die Falldarstellung dar, die im Nachfolgenden ausführlich behandelt werden soll. Um das Gesagte übersichtlich darzustellen und eine Grundlage für die anknüpfende komparative Fallanalyse zu haben, wurde der Inhalt der Interviews in für die Analyse relevante Themen eingeteilt. Es entstanden die Themenblöcke „Familienleben“, „Beziehung zu den Geschwistern in der (frühen) Kindheit“ „Beziehung zu den Geschwistern in der Jugend“, „Geschwisterbeziehung aktuell“, „individueller Umgang mit der Suchterkrankung des Elternteils (und Umgang innerhalb der Familie)“ sowie „Umgang mit der Suchterkrankung innerhalb der Geschwisterbeziehung“.

4. Falldarstellungen und Ergebnisse

Nachdem das individuelle Vorgehen der Datenauswertung erläutert wurde, sollen nun die drei ausgewählten Fälle detailliert und gemäß der aufgestellten Dimensionen dargestellt werden.

4.1 Der Fall Jens

Jens ist zum Zeitpunkt des Interviews 24 Jahre alt und hat einen 22-jährigen Bruder. Aufgewachsen ist er in einer dörflichen Region nahe S-Stadt.

Den Kindergarten und die Schule nimmt Jens als anstrengend wahr und findet keinen Spaß daran, da er sich aufgrund seiner Schüchternheit stets unwohl fühlt und ein Einzelgänger ist.

Mit fünf Jahren beginnt Jens Fußball zu spielen und wird Vereinsmitglied im Nachbarort, in dem er später auch seine Freunde kennenlernt und seine Jugend verbringt. Zur fünften Klasse hin findet ein Schulwechsel in ein Nachbardorf statt. Während in der frühen Kindheit keinerlei Verbindung zu seinem Bruder besteht, baut sich mit zehn bis elf Jahren eine Beziehung zwischen den beiden auf, die durch das gemeinsame Spielen im Fußballverein zustande kommt und sich über die Jahre hin intensiviert.

Seit ungewisser Zeit, vermutlich schon seit Vorbeginn von Jens' Geburt, ist der Vater alkoholabhängig, was Jens jedoch erst im Alter von 9 Jahren realisiert. Der Vater macht eine Therapie, wird aber nach einer Zeit wieder rückfällig. An Familienfeiern oder Schulveranstaltungen nimmt der Vater meist nicht teil, was Jens anfangs als Desinteresse deutet. Erst später versteht er den Zusammenhang mit der Alkoholabhängigkeit. Das Verhältnis zur Mutter ist anfangs sehr gut. Sie übernimmt die Beschützerrolle für die Brüder. Als Jens älter wird, kann er nicht verstehen, dass die Mutter zum Vater hält und diesen in Schutz nimmt. Das Vertrauensverhältnis der beiden leidet stark und zerbricht irgendwann.

Seinen Bruder versucht Jens bei Angriffen seitens des Vaters stets zu schützen. Die beiden reden häufig über die Gründe des verletzenden Verhaltens. Jens' Bruder bekommt Schulprobleme sowie falschen Umgang und vernachlässigt den Fußball, während Jens das Problem mit sich allein ausmacht und seinen Ausgleich im Sport findet.

Mit 16 Jahren zieht Jens von zuhause aus, um eine Ausbildung zu beginnen und aus der belasteten Familie heraus zu kommen. Dies bewirkt einen auseinander gehenden Kontakt zu seinen Eltern. Der Kontakt zum Vater bricht vollständig ab, das Verhältnis zur Mutter ist bis heute oberflächlich. Ebenso kommt es zu einem Bruch in der Bruderbeziehung, da der Bruder sich allein gelassen fühlt. Für Jens gibt es zu diesem Zeitpunkt jedoch keine andere Möglichkeit als die des Auszugs. Die beiden telefonieren regelmäßig. Ein halbes bis anderthalb Jahre später besucht der Bruder Jens häufiger für eine Woche, um Abstand von zuhause zu bekommen. Es findet eine erneute Annäherung statt und das Vertrauen wird langsam wieder aufgebaut.

Jens ist Suchtkrankheiten gegenüber heute sehr intolerant und pflegt einen regelrechten Hass gegenüber Betroffenen, da er selbst andere Wege sieht, Probleme zu lösen und Mitleid mit den Angehörigen verspürt.

4.1.1 Familienleben

Jens beginnt seine Eingangserzählung mit einem Bericht über seine Kindheit, der vor allem seinen Charakter, seine fehlende Einbettung in eine Peergroup, den Schulwechsel und den Eintritt in den Fußballverein thematisiert. Seine Eltern oder den Alltag in der Familie thematisiert Jens in seiner kompletten Beschreibung der Kindheit nicht.

Erst auf Nachfrage kommt er knapp und eindimensional darauf zu sprechen:

(Absatz 2, Z. 1ff.)

„mein vadder war halt nie irgendwo dabei also es war das is das was ich ähm s so gemeint hab es war immer so komisch ähm (1) egal ob jetz (1) veranstaltungen im kindergarten in der schule oder auf irgendwelchen ja (1) im fußballverein die vereinsfeiern oder so das is da war mein vater ähm nie dabei und ähm heute weiß ich warum aber früher konnt ich das nich verstehn da hab ich das eher so als ähm desintresse oder so (1) ja so irgendwie so ich kanns ihm nicht recht machen das intressiert ihn nich (I: mh) (1) als so wahrgenommen und ähm (2) ja das äh war immer irgendwie ganz komisch oder auch an bei familienfesten isser dann ähm (1) manchma kamer manchma kamer nich das war ja irgendwie immer ganz komisch war sehr seltsam“

Aus dieser Passage heraus wird nicht ersichtlich, wie sich der Familienalltag außerhalb von besonderen Anlässen wie Festen oder Familienfeiern gestaltete. Es ist zu vermerken, dass Jens diesen Alltag durchgehend, sogar bei gezielter Nachfrage, ausblendet.

Auffällig in dieser Passage ist die häufige Verwendung des Wortes „komisch“, mit dem Jens das Herausziehen des Vaters aus der Familie in der Vergangenheit beschreibt. Geht man davon aus, dass dieses Wort eine äußerst subjektive Auffassung mit sich trägt, fragt man sich, auf welche Weise Jens es verwendet. Eine These ist, dass Jens diese Verhaltensweisen des Vaters für ungewöhnlich hält, da sie eine Diskrepanz zu seinen Erwartungen darstellen. Gleichzeitig, und diese Annahme wird durch die Worte „irgendwie“ unterstützt, zeigt es Jens' Schwierigkeit, das Verhalten des Vaters einzuordnen.

Diese Problematik führte zu einer Fehlinterpretation Jens', der das Herausziehen des Vaters aus dem Familienleben als ein Desinteresse deutet und annimmt, dass er es diesem nicht recht machen könne, was mit seiner Schüchternheit und seiner Unsicherheit in der Vergangenheit zusammenhängen könnte.

Auch im weiteren Verlauf blendet Jens weitestgehend einen Alltag in der Familie aus. Er beschreibt lediglich die immer herrschende Lautstärke zuhause:

(Absatz 3, Z. 15ff.)

„wenn er halt was getrunken hat dann konnt er sich nie also so kontrolliern das jaa (1) hat wie gesagt hat äh s war immer laut es wurde dann immer rum geschrien und ähm wenn ihm irgendwas nich gepasst hat oder (1) jaa (4)“

Bezüglich der hier aufgezeigten Elemente zeigt sich ein Orientierungsrahmen der Defokussierung des Familienalltags und eine deutliche Vermeidungsstrategie dieses Themas. Sichtbar wird lediglich eine Absonderung des Vaters von Veranstaltungen und Familienfeiern und eine durch Geschrei geprägte Atmosphäre.

4.1.2 Beziehung zum Bruder in der (frühen) Kindheit

In der frühen Kindheit ist weder ein Alltag mit noch eine Beziehung zum Bruder gegeben. Jens erzählt bereits am Anfang seiner Eingangserzählung vom Desinteresse an seinem Bruder von dessen Geburt an bis zum Ende der Grundschulzeit und geht an späterer Stelle nochmals ins Detail:

(Absatz 1, Z. 7ff.)

„also das mm weiß ich jetz so bewusst natürlich nich mehr das wurde immer nur so von erzählungen dass ich mich eigentlich so gar nich (1) in dafür intressiert hab (...) ich hab immer so meine eigenen sachen gemacht das hat sich ganz lange gezogen auch noch über die grundschule hinweg“

Erneut schildert Jens eine Gegebenheit, die er nur von Erzählungen weiß und die undefiniert in Bezug auf eine Quelle bleiben. Sein fehlendes Interesse am Bruder drückt er in einer übermäßigen Art durch die Worte „gar nich“ aus. Auch die Betonung, dass sich die Situation „ganz lange gezogen“ hat, zeugt von einer Ausprägung in höherem Maße.

Er erläutert, dass er stattdessen stets auf sich selbst fokussiert war. Weiter bringt er Beispiele des Desinteresses:

(Absatz 6, Z. 1ff.)

„weil (1) ich halt son dann quasi erstma so (1) gar nichts bis zu diesem zeitpunkt als wir in eine mannschaft kamen (I: mh) ähm so ähm fast gar nichts von meinem bruder wusste so (1) was macht er nach der schule (1) welche freunde hat er“

Ganz deutlich nennt Jens hier den Zeitpunkt des Zusammenkommens im Verein als Wendepunkt in der Geschwisterbeziehung und betont mit den Worten „gar nichts“, welche jegliche Themen ausgrenzen, seinen nicht vorhandenen Anteil am Bruder in der Kindheit.

In einer späteren Passage erzählt er, dass er nie mit seinem Bruder gespielt habe (Absatz 1, Z. 45). Eine Änderung trat erst mit Beginn des Spielens im gleichen Fußballverein ein.

(Absatz 1, Z. 49ff.)

„un das kam dann erst mit zehn elf nehm ich an übern fußball ähm weil mein bruder ähm besser fußball spielt und wurde dann ähm quasi höher eingesetzt und dadurch gabs dann halt (2) ja dass wir zusammen trainiert haben und also in ner andern mannschaft und zusammen in einem team gespielt ham (I: hm) (1) ja (2) und ja da hab ich dann das erste mal mehr mit meinem bruder gemacht (I: mh) uuuund (2) ja seitdem is ähm (1) ja (1) wie soll man das sagen so (1) der zusammenhalt ähm viel größer geworden oder der is halt mit den jahrn gewachsen und immer besser geworden“

Jens macht die Feststellung, dass sein Bruder besser Fußball spiele. Zum einen dient diese Äußerung dazu, dem Interviewer den Hintergrund des Zusammenkommens in einer Mannschaft zu verdeutlichen, zum anderen zeigt es, dass Jens dies neidfrei sagen kann und eine entspannte Beziehung zum Bruder pflegt, während er sich selbst zurückstellt.

Auch hier stellt sich das Spielen in der gleichen Mannschaft als Wende in der brüderlichen Beziehung heraus, was Jens durch die Worte „das erste mal“ darstellt.

Ein vermehrter Kontakt zwischen den beiden führte vor allem zu einem größeren Zusammenhalt, der mit der Zeit wuchs. Auch an anderen Stellen des Interviews steht der Verein im Mittelpunkt des Umbruchs:

(Absatz 6, Z. 5ff.)

„un dann dadurch dass wir dann in einer mannschaft gespielt ham (1) hat sich das dann halt entwickelt weil wir dann ähm dreimal die woche training hatten n spiel hatten am wochenende un dann durch dieses teammannschaftsgefüge (I: mh) halt einfach näher zusammen gerückt sind quasi ähm (2) de mein im sportverein macht man ja viele gemeinsame sachen“

Bei dieser Rekonstruktion zeigt sich, dass sich die Intensivierung der Beziehung nicht bewusst durch aktives Bestreben oder Eigeninitiative von einem der beiden ergab, sondern der Zufall dazu führte. Jens verdeutlicht diesen automatischen Prozess mit dem Wort „einfach“. Es zeigt zugleich, dass es einen Katalysator und einen Rahmen brauchte, eine Beziehung aufzubauen, welcher durch den Fußball gegeben war. Auch eventuelle Aktivitäten außerhalb des Fußballthemas werden nicht erwähnt. Es zeigt sich ein Orientierungsmuster der Passivität beiderseits. Das gemeinsame Spielen im Verein hat jedoch nicht nur dazu beigetragen, dass die beiden mehr Zeit miteinander verbringen, sondern auch ein Gefühl des Zusammenhaltens entwickeln und Interesse füreinander zeigen. Dass dieses bis dahin fehlte, wird Jens erst dann bewusst:

(Absatz 6, Z. 4f.)

„da hab ich dann erstmal so wahrgenommen dass ich eigentlich meinen bruder gar nicht kenne so ne fremde person is“

Wieder beschreibt Jens die Beziehung zu seinem Bruder mit den Worten „gar nicht“, welche jegliche Themen ausschließen. Er sei für ihn eine „fremde person“ gewesen, was in Hinblick auf eine Geschwisterbeziehung, die von Geburt an zwangsweise existiert und meist ein Zusammenleben bedeutet, paradox klingt. Eine Fremdheit impliziert gleichzeitig, dass sich die Beteiligten nicht vertraut sind. Er empfindet das plötzliche Zusammensein als Kennenlernphase, was in der Passage der Beschreibung des Charakters des Bruders zum Vorschein kommt:

(Absatz 7, Z. 5f.)

„als ich ihn damals kennengelernt hab war er auch äh schon ja direkt auf er kam ja dann quasi in die mannschaft zu mir“

Der Alltag innerhalb der Geschwisterbeziehung war anfangs demnach nicht vorhanden und bleibt nach Aufbau einer Beziehung in diesem Fall stark auf das Setting des Fußballvereins orientiert. Auffällig dabei ist das Ausbleiben von Erzählungen von Aktivitäten außerhalb des Vereins.

Innerhalb des Geschwisterverhältnisses wird in der frühen Phase der Kindheit bei Jens und seinem Bruder das Orientierungsmuster des Desinteresses und der Passivität deutlich. Später bleibt deren gemeinsamer Alltag stark vereinsorientiert sowie jenseits des Elternhauses. Jens orientiert sich in seinen Äußerungen stark an der Wende der Beziehung durch den Fußball.

4.1.3 Beziehung zum Bruder in der Jugend

In der Phase der Jugend kommt es zu einem „Tief“ in der Geschwisterbeziehung, das in der Eingangserzählung von Jens bereits beiläufig erwähnt, jedoch nicht weiter ausgeführt wurde. Später erzählt er im Detail von dem Auslöser der schlechten Phase:

(Absatz 4, Z. 1ff.)

„I: Un du hast ja gesagt du bist mit sechzehn ausgezogen (1) ähm wie würdst du denn sagen wie sich dein auszug so auf das familienleben ausgewirkt hat (2) was hat das mit deinem (1) bruder gemacht wie hat der das (J: also) wahrgenommen

J: genau äh also mein bruder der hat das äh son bisschen (2) ja nich nurn bisschen der hat das so wahrgenommen als würd ich ihn ähm quasi alleine zurücklassen und ähm da gabs dann auch so nen kleinen bruch so zwischen uns weil er konnte das nich verstehen er ähm warum ich abhau und ihn quasi alleine sitzen lass“

Der Auszug Jens' wurde vom Bruder als Zurücklassen, Abhauen, und Allein-Sitzen-Lassen gedeutet. Bereits hier zeigt sich innerhalb der jugendlichen Phase eine problemorientierte Darstellung der Geschwisterbeziehung, die mit Missverständnissen versehen ist. Im ersten Ansatz wählt Jens die Strategie, die Gegebenheit zu verharmlosen und spricht davon, dass der Bruder den Auszug „son bisschen“ als Zurücklassen wahrgenommen habe. Dies widerruft er jedoch im selben Satz. Direkt im Anschluss spricht er von einem „kleinen bruch“, der sich später als einschneidender Bruch mit Vertrauensverlust herausstellt. Jens versucht damit, schlechte Phasen zu bagatellisieren. Das starke Wort „Bruch“ zeugt von einer Entzweiung und wirkt extrem, geht man davon aus, dass ein Bruch einen gewissen Schaden hinterlässt.

In der Darstellung findet ein gemeinsamer Alltag der Brüder keinen Platz. Des Weiteren zeichnet sich ein Orientierungsrahmen ab, innerhalb dessen der Bruder als das Opfer der Handlung da steht. Jens spricht davon, dass der Bruder nun allein war. Es ist folglich davon auszugehen, dass die Eltern in dieser Phase herausgenommen werden und keine Unterstützung darstellten. Die Formulierung „sitzen lass“ zeigt die Unmöglichkeit des Bruders ebenso zu fliehen.

Jens berichtet an anderer Stelle weiter vom Verlauf der Beziehung:

(Absatz 5, Z. 1ff.)

„also das äh gab dann diesen bruch aber das hat sich das hat dann quasi so wahrscheinlich son halbes jahr jahr vielleicht auch anderthalb jahre war das so n bisschen bis ich quasi mich in der neuen stadt eingefunden hab und so (I: mh) ähm da wurd das dann besser“

Erneut bagatellisiert Jens den Einschnitt in die Beziehung, indem er von „diesem bruch“ spricht und sofort mit einem „aber“ anschließt. Das Verhältnis war dann „so n bisschen“ schlechter, verbesserte sich jedoch nach und nach. Die Zeit nach dem Auszug beschreibt Jens folgendermaßen:

(Absatz 5, Z. 4ff.)

„also wir ham (1) ja (2) mein bruder konnte also wir ham oft noch telefoniert als ich ausgezogen bin wahrscheinlich so einmal die woche uund ähm (2) das war schon noch da aber irgendwie (2) hab ich das auch gemerkt bei meinem bruder war das vertrauen zu mir weg dass (I: mh) er konnte mir irgendwie nich mehr alles erzählen so wie davor davor konnten wir wirklich über alles reden das war irgendwie dann so auf einmal war das weg weil für ihn war das quas (1) ja wie als würd ich ihn im stich lassen un dann hat er gedacht quasi er kann keinem vertrauen und er er konnte mir (1) also wir ham dann so quasi so belanglose sachen im endeffekt besprochen so nach dem motto ja kontakt is da (1) aber irgendwie ja nich so ganz wichtige sachen“

Der Kontakt nach Jens' Auszug war durch häufige Telefonate noch gegeben, jedoch bemerkte er einen Vertrauensschwund beim Bruder, den er sich nicht ganz zu erklären weiß, was die Worte „irgendwie“ und „auf einmal“ verdeutlichen. Diesen Vertrauensschwund macht er an der Tatsache fest, dass nicht mehr wie zuvor über alles geredet wurde. Die Themen bleiben undefiniert, scheinen jedoch des Vertrauens des anderen zu bedürfen. Die Wahrnehmung des Bruders scheint einseitig gewesen zu sein und durch Jens nicht beabsichtigt. Auch hier wird deutlich, dass der Bruder sich bei den Eltern nicht vollständig wohl fühlte, denn er empfand eine Einsamkeit und vertraute diesen nicht („er kann keinem vertrauen“). In allen Erläuterungen wird deutlich, dass sich Jens in seinen Bruder hineinversetzen konnte. Die Beziehung erfuhr nach und nach eine Besserung:

(Absatz 5, Z. 12ff.)

„das kam dann erst so nach nem halben jahr jahr (2) als er natürlich auch dann reifer wurde und ähm gemerkt hat (1) dass es wahrscheinlich nich anders geht wie einfach früh auszuziehen da wurde es dann halt auch besser da is er halt auch mal als ich dann mal gesagt hat er kann auch gern mal so ne woche kommen dann isser auch so ne woche gekommen und hat quasi bei mir gewohnt und ähm (1) da war dann das verhältnis schon wieder (1) super aber son halbes jahr jahr (2) lag es vor allem halt an ihm weil er sich halt so (1) verletzt verlassen vork (I: mh) ja vorgekommen is“

Nach einiger Zeit fand durch die Telefonate und Besuche des Bruders wieder eine Annäherung statt. Vermutlich war das Gewinnen eines Abstandes von Zuhause und eine Regeneration Jens' nötig, um wieder Kontakt zu einzelnen Familienmitgliedern herzustellen. Auch der Bruder schien eine gewisse Zeit zu brauchen, um Jens' Entscheidung zu verstehen, was Jens auch mit der Entwicklung des Bruders verbindet. Jens selbst steht jedoch weiterhin zu seiner Entscheidung auszuziehen.

Erneut zeichnet sich ein Orientierungsmuster ab, das von Passivität seitens Jens geprägt ist. Er scheint abgewartet zu haben, bis der Bruder seine Entscheidung nachvollziehen konnte.

Dennoch ist diese Passage über die Jugend in der Geschwisterbeziehung stark problemorientiert. Gemeinsame Aktivitäten, die die beiden während der Besuche unternommen haben, oder Themen, die besprochen wurden, thematisiert er nicht.

Der hier unterliegende Orientierungsrahmen kommt insbesondere unter folgenden Aspekten zum Tragen: Erstens zeigt sich das Orientierungsmuster der Passivität seitens Jens. Zweitens zeigt sich, dass Gespräche und später Telefonate zu deren Alltag gehörten. Drittens ist die Beschreibung der Geschwisterbeziehung in der Jugend stark problemorientiert, wobei Jens das Muster der Bagatellisierung anwendet.

4.1.4 Aktuelle Geschwisterbeziehung

In der Anfangserzählung bleibt Jens bezüglich der Beschreibung der aktuellen Beziehung zu seinem Bruder oberflächlich. Schwerpunkt ist vielmehr sein eigener Weg. An zwei Stellen beschreibt er die Qualität der Beziehung. Die erste Äußerung dient als Gegenpol zum Bruch in der Familienbeziehung, vor allem zum Kontaktabbruch zu seinen Eltern:

(Absatz 1, Z. 37ff.)

„ ja seitdem ich dann auch ausgezogen bin is dann auch das verhältnis so zu meiner (1) familie (2) zerbrochen also was was heißt zerbrochen auseinander gegangen vor allem ähm zu meiner mutter und zu meinem vater zu meinem bruder hab ich äh ein sehr gutes verhältnis ähm ja“

Die zweite Äußerung zur Qualität der Bruderbeziehung stellt die Konklusion der anfangs fehlenden Bindung und der dann mit Schwierigkeiten behafteten Beziehung dar:

(Absatz 1, Z. 55f.)

„im großen un ganzen ham wirn sehr gutes und enges verhältnis (2) ja“

Jens spricht aktuell von einem „sehr guten“ und „sehr engen“ Verhältnis zum Bruder und drückt durch diese Steigerung ein deutlich positives Verhältnis aus.

An weiterer Stelle, nach Schilderung des Bruchs in der Bruderbeziehung, kommt er erneut auf die aktuelle Situation zu sprechen, die Jens jedoch wiederholt oberflächlich behandelt. Ein regelmäßiger Kontakt und viele Gespräche bestimmen die Beziehung. Welche Themen diese Gespräche beinhalten, wird nicht weiter erläutert. Jens zeigt sich dabei verschlossen:

(Absatz 5, Z. 19ff.)

„und seit seitdem[3] ja is eigentlich das verhältnis ähm (1) zu meinem bruder kontinuierlich gut wir ham regelmäßig kontakt zu ähm reden viel miteinander“

Die Verwendung des Wortes „eigentlich“ könnte hier als belangloses Füllwort verwendet worden sein, jedoch auch eine nicht überzeugte Meinung beschreiben.

Die hier skizzierten Elemente weisen auf einen Orientierungsrahmen hin, innerhalb dessen die Geschwisterbeziehung einen routinierten und durch Regelmäßigkeit gezeugten Charakter hat. Auch eine Gesprächsorientierung ist zu erkennen. Jens Orientierungsmuster der Passivität und Verschlossenheit zeigt sich auch hier.

4.1.5 Individueller Umgang mit der väterlichen Sucht

In der Eingangserzählung spricht Jens im Abriss seiner Biografie seinen Auszug mit 16 Jahren an, den er selbst als früh einstuft (Absatz 1, Z. 26f.). Jens' Vorstellung orientiert sich folglich daran, dass ein Auszug aus dem Elternhaus erst später vorgenommen wird. Seine starke Orientierung an Normen, wird hierbei deutlich[4].

(Absatz 1, Z. 28ff.)

„ja irgendwann später also ich bin schon ähm relativ früh von zuhause ausgezogen ähm mit sechzehn (1) mhh (2) so pf wahrscheinlich so vierzig kilometer von meinem (I: mh) wohnort entfernt (2) ähm bin da in äh in ne wg gezogen (2) ähm wegen (1) der arbeit dann also wegen meiner ausbildung auch“

Der Umzug findet in einen entfernteren Wohnort statt. Zuerst benennt er als Grund den Beginn seiner Ausbildung, relativiert diesen jedoch sofort und nennt den eigentlichen Grund:

(Absatz 1, Z. 32ff.)

„und äh also das war ein grund wobei ich eigentlich ähm den job hätt ich ähm die ausbildung hätte ich überall anfangen können ich wollt aber bewusst dann schon mit 16 ausziehn und dann quasi auf eigenen beinen (2) auch grad auch in bezug auf äh dein thema die sucht und so (I: mh) hab ichs dann zuhause auch nich mehr ausgehalten und wollt dann einfach ähm (2) ja (1) einfach da raus aus diesem ähm (2) (I: ok) komischen gefüge (lacht)“

Seine Entscheidung für einen Auszug aus dem Elternhaus war bewusst, denn er wollte nicht nur selbstständig sein, sondern erduldete die Situation zuhause nicht mehr. Wie bereits in der Kindheit und Jugend ist auch beim Thema Umgang mit der väterlichen Sucht das Orientierungsmuster der Flucht erkennbar, das sich hier im Auszug äußert. Mit den Worten „einfach da raus“ zeigt sich, dass sich Jens kompromisslos auf den Auszug fixierte.

In dieser Passage am Anfang des Interviews spricht er nicht direkt über die Situation im Elternhaus, sondern umschreibt sie lediglich („auch grad auch in bezug auf äh dein thema die sucht und so (I: mh) hab ichs dann zuhause auch nich mehr ausgehalten“, Absatz 1, Z. 34f.). Diese Indirektheit und das zeitweise Leiserwerden seiner Stimme zeigen den Versuch einer Umgehung der Thematik. Auch der kurze verkrampft wirkende Lacher am Ende dieser Sequenz zeigt, dass er die Erzählung nicht weiter vertiefen und die Situation auflockern möchte. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nichts Näheres zur spezifischen Art der Sucht oder der betroffenen Person bekannt. Erneut wird die Orientierung an einer Vermeidung des Ansprechens des Themas sichtbar. Es lässt sich jedoch herauslesen, dass die väterliche Alkoholabhängigkeit sich auf das komplette Familienleben auswirkte, das Jens mit den Worten „komisches Gefüge“ beschreibt. Erneut muss betrachtet werden, wie er „komisch“ definiert. Es zeigt sich auch an dieser Stelle eine Diskrepanz zwischen Jens als Beobachter und dem „Gefüge“. Die Verwendung des Begriffs „Gefüge“ scheint indirekt und unkonkret. Jens entpersonalisiert hier stark und zeigt einen eventuell fehlenden Bezug zur Familie. Dass er dieses Wort benutzt, zeigt, dass er von einer gewissen Zusammenstellung, gar einem Ineinandergreifen der Betroffenen ausgeht, zu denen er nicht mehr gehören wollte.

Auch zeigt sich seine Belastung durch die Alkoholsucht, deren Ausmaße in folgender Sequenz noch deutlicher werden:

(Absatz 4, Z. 7ff.)

„aber ich ich konnte nich anders auch selbst wenn ich gewollt hätte ich äh ich hätts nich machen können weil ich musste einfach ich musste einfach raus (1) weil ichs einfach nich mehr ausgehalten hab ich ich hatte dann quasi die wahl entweder beschütz ich meinen bruder oder (2) ich geh selber dabei dran kaputt (I: mh) oder jaa (2) weiß nich wie ich mit umgehn soll und dann (1) für mich war eigentlich nur noch dieser letzte schritt quasi so der der ausweg und ja“

Hier wird die Dringlichkeit seines Auszugs und die Verzweiflung in Jens deutlich, verstärkt durch die Wortwahl „einfach“, die eine Kompromisslosigkeit aufzeigt, sowie durch die Formulierungen „ich geh selber dabei dran kaputt“, „dieser letzte schritt“ und „der ausweg“.

Die väterliche Suchtproblematik verarbeitet er durch den Auszug mit einer Flucht aus der prekären Lage. Er orientiert sich an dieser Stelle stark am eigenen Wohl, zieht jedoch zeitgleich die Möglichkeit in Betracht, bei seinem Bruder zu bleiben, um diesen zu schützen[5].

Beim Vergleich mit seinem Bruder wird sein Orientierungsmuster der Isolierung und Flucht bei der Verarbeitung der Situation nochmals deutlich:

(Absatz 3, Z. 41ff.)

„ähm bei mir war das son bisschen anders (1) weil ich ja also ich hab mich schon relativ früh versucht irgendwie abzukapseln irgendwie das alles ich hab das immer sehr in mich also in mich hineingefressen alles und hab mein eigenes ding gemacht deswegen auch bin ich so früh ausgezogen und so ich äh (1) ja (1) ich hab das einfach quasi geschluckt innerlich verdaut und ja mit mir selbst ausgemacht und hab das halt meine ganze wut meine ganzen aggressionen oder so hab ich dann im sport abgebaut (I: mh) und hm mein bruder hat im sport nicht den ausgleich gefunden wie ich (3) ja es war auch dann damals nach der schule wenn ich wusste also ich hab ne schlech ich komm mit ner schlechten note nach hause dann wusst ich schon wies zuhause abläuft und dann bin ich quasi erstmal direkt sport machen gegangen um ja weil danach war ich dann immer so platt dass es mir egal war da ähm hat er mich halt angeschrien oder so dann da war mir dass dann egal da war ich so f f kaputt vom sport da (1) konnt ich dann einfach das über mich ergehn lassen“

Während Jens in den zuvor dargestellten Passagen die Belastung selbst zuerst bagatellisiert, und dann deutlich spürbar wird, welche Last doch auf ihm liegt, zeigen sich in diesem Absatz seine Gefühle und Emotionen offenkundig. Er spricht von Wut und Aggressionen, ebenso jedoch davon, dass er diese durch den Sport abbauen konnte. Nach dem Sport konnte er die aggressiven Worte des Vaters gut ertragen. Es zeigt sich, dass seine Fluchtstrategie wirkt. Jens hat sich „irgendwie“ abgekapselt und „irgendwie“ alles in sich hineingefressen. Diese Formulierungen wirken, als wisse er selbst nicht, wie er dies getan habe. Auch die Äußerungen, er habe es „einfach quasi geschluckt“ und konnte es „einfach“ über sich ergehen lassen, zeigen seine Resistenz gegenüber der Problematik, die sich ebenso als seine Strategie manifestierte. Denn der Ärger des Vaters bei beispielsweise schlechten Noten gehörte für Jens bereits zur Normalität.

Auch an folgenden Beschreibungen wird die Wirkung seines Orientierungsmusters deutlich. Gleichzeitig wirkt seine teilweise beschriebene große Belastung hier im Vergleich mit seinem Bruder beinahe verharmlost und paradox:

(Absatz 7, Z. 41ff.)

„ihm hat das immer viel mehr ausgemacht wie mir (1) warum das so is das weiß ich nich also (I: mh) ich konnte mich schon immer sehr gut von meinem vadder ähm (1) ja abkapseln so (I: mh) zurück“

(Absatz 7, Z. 47ff.)

„das hat ihn immer sehr viel mehr mitgenommen wenn mein vatter irgendwie was verletzendes zu ihm gesagt hat (1) als wie wenn er das zu mir gesagt hat also ich konnte damit ähm sehr gut umgehen (I: mh) ich hab das einfach nich an mich rangelassen“

Spricht aus Jens anfangs noch die Verzweiflung heraus, zeigt sich im Vergleich mit seinem Bruder ein starkes Orientierungsmuster der Bagatellisierung. Dem Bruder habe es „immer viel mehr ausgemacht“, es habe diesen „immer sehr viel mehr mitgenommen“. Das „sehr“ zeigt hier eine große Abstufung in der Belastungsintensität. Hier beschreibt Jens seine innere Stärke und seinen Weg, mit der Sucht des Vaters umzugehen. Dieser Umgang ist jedoch erneut sehr abwehrorientiert. Jens' Strategie ist die der Isolation,Vermeidung und Resistenz. Er lässt Äußerungen nicht an sich heran und geht Situationen aus dem Weg.

Der innerhalb des hier unterliegenden Orientierungsrahmens manifestierte individuelle Umgang mit der väterlichen Sucht ist durch eine Flucht- und Vermeidungsstrategie sowie durch eine Bagatellisierung der Betroffenheit geprägt. Jens wählt die isolierte Verarbeitungsstrategie.

4.1.6 Umgang mit der väterlichen Sucht innerhalb der Geschwisterbeziehung

Jens selbst realisierte mit etwa 9 Jahren im Zuge eines Fußballspieles und der Aussage eines Gegenspielers, dass sein Vater alkoholabhängig ist. Sein Bruder hingegen erfuhr indirekt im Zuge des Zusammenseins mit Jens davon:

(Absatz 3, Z. 19ff.)

„I: und glaubst du dein bruder hat die ganze situation auch so verstanden wie du oder (1) weil er war ja etwas jünger

J: hm also ähh am anfang denk ich natürlich auch nich so aber ähm später hat er das natürlich dadurch dass wir dann in einem in der selben mannschaft gespielt ham und so die selben intressen dann entwickelt haben und ähm so hat er das dann schon mitgekriegt“

Daraus lässt sich schließen, dass Jens vorerst allein mit dem Wissen über die Sucht da stand, während sein Bruder von Beginn an Jens als Mitwissenden hatte. Zweimal verwendet er das Wort „natürlich“. Jens geht demnach davon aus, dass die anfängliche Nichtwissenheit normal war.

In der bisher durchgeführten Analyse wurde deutlich, dass Jens oft versucht, die Sucht des Vaters und deren Auswirkungen allein zu bearbeiten. Für sich selbst hat er dafür eine individuelle Strategie entwickelt, was sein Bruder noch nicht geschafft hat. Immer wieder erwähnt Jens, dass die Situation für seinen Bruder schlimmer war, da der Vater besonders auf diesen einen großen Leistungsdruck ausübte:

(Absatz 3, Z. 1ff.)

„also mh für mein bruder ähm wars nochmal schlimmer (1) ähm (1) weil er ja auch so gut äh fußball spielen konnte oder kann ähm ja wurde er von meinem vater ähm auch son bisschen unter druck gesetzt so ähm (1) quasi gesagt so du musst noch besser werden und hat ihn versucht (1) zu zu fördern aber (1) völlig falsch er hat ihn immer quasi unter druck gesetzt wenn er mal (1) also (2) (seufzt) wenn mein bruder nach hause kam von nem fußballspiel und erzählt hat ja sie ham verlorn (hebt die stimme) ja waruum warste nich gut genug was is oder ähm jaaa warum hast du nur ein tor geschossen und keine zwei du bist total schlecht soo so wird ma nja er hat immer gesagt so wird ma nie was im leben erreichen ähm (2) wo (1) ja und mh hat dann meinen bruder auch ziemlich unter druck gesetzt (1)“

Jens fokussiert die Belastungen hier deutlich auf den Bruder. Seine Besorgnis um ihn ist stark spürbar. Doch auch hier verharmlost er durch die Formulierung „n bisschen unter druck gesetzt“ die für ihn und den Bruder schlimme Erfahrung. Er steigert die Aussage mit den Worten „ziemlich unter druck gesetzt“. Der Fußball hilft Jens wieder bei der Beispielfindung. Er scheint ihm vertraut und ein wichtiger Aspekt in seinem Leben.

Im weiteren Verlauf beschreibt er, dass er im jugendlichen Alter dann versucht hat, seinen Bruder zu beschützen:

[...]


[1] Eine Allgemeingültigkeit des Modells konnte bisher kaum belegt werden, dennoch dient es in der Beratungspraxis häufig als Hilfe und Anregung (vgl. Jungbauer 2009, S. 60).

[2] Hierbei handelt es sich um die Anfangserzählung aus dem ersten Interview mit Jens, die seine Kindheit thematisiert.

[3] Hier meint Jens den Zeitpunkt der Annäherung nach seinem Auszug etwa ein bis anderthalb Jahre später.

[4] Bereits in der Beschreibung der Bruderbeziehung zeigten sich Orientierungen an Normen, von denen er selbst abweichte.

[5] Auf die Geschwisterbeziehung unter dem Aspekt der Suchtproblematik soll in einem nächsten Schritt eingegangen werden.

Ende der Leseprobe aus 226 Seiten

Details

Titel
Geschwisterbeziehungen in suchtbelasteten Familien
Untertitel
Wie gestaltet sich der Umgang von Kindern und jungen Erwachsenen mit der väterlichen Alkoholerkrankung innerhalb der Geschwisterbeziehung?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
226
Katalognummer
V285776
ISBN (eBook)
9783656857044
ISBN (Buch)
9783656857051
Dateigröße
2786 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sucht, Familie, Alkoholabhängigkeit, Kinder, Jugendliche, Geschwisterbeziehungen, Geschwister
Arbeit zitieren
Jennifer Stein (Autor), 2014, Geschwisterbeziehungen in suchtbelasteten Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285776

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