Der Konflikt zwischen der Axel Springer AG und der 68er Studentenbewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Positionen und Konflikte

III. Erschießung Benno Ohnesorgs 2. Juni

IV. ÄEnteignet Springer!“

V. Attentat auf Dutschke

VI. Gemeinsamkeiten der Gegner Springer/Dutschke

VII. Schlussbetrachtung

VIII. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

ÄEs ist müßig zu erörtern, wer diesen verbalen Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen hat. Zwei politische Denksysteme, die hermetisch gegeneinander abgeschlossen waren, standen sich gegeneinander abgeschlossen waren, standen sich gegenüber, und an den Berührungsstellen flogen die sengenden Funken gleichzeitig.“1 So kommentiert Gerhard Fels wohl ziemlich zutreffend die bis heute von Veteranen beider Seiten kontrovers diskutierte Frage, ob die Medien des Springer-Konzerns oder die Studenten der 68er-Bewegung den Konflikt zwischen beiden Seiten angefangen hätten.

Mit den Journalisten des Axel Springer Verlages und der 68er Studentenbewegung standen sich zwei wirkungsmächtige Gruppen gegenüber, die stellvertretend für die verschiedenen Meinungen innerhalb des deutschen Volkes standen. Auf der einen Seite der Verleger, der mit seinen Printmedien einen Großteil der veröffentlichten Meinung prägte und mit großem Geschick und Innovationsreichtum es so weit nach oben gebracht hatte. Der unter anderem mit ÄBild“ die bedeutendste westdeutsche Boulevardzeitung und mit der ÄWelt“ eine der wichtigsten Qualitätszeitungen in der Bundesrepublik verlegte.

Und auf der anderen Seite der hochgebildete und charismatische Rudi Dutschke, der mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eine der damals mächtigsten Studentenorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland anführte. Der es trotz seiner komplizierten und verschachtelten Sprache schaffte, dass sich bundesweit Studenten an seinen politischen Ideen orientierten.

Springer, der als nationalkonservativ geltende Verleger, mit einer klaren antikommunistischen, proamerikanischen, proisraelischen Haltung und ein überzeugter Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft und der parlamentarischen Demokratie. Und Dutschke, der Linkssozialist, mit einer antikapitalistischen, antiimperialistischen und rätedemokratischen Überzeugung. Wären in Deutschland 1967 nicht erst 22 Jahre seit dem Ende des Nationalsozialismus vergangen und wäre nicht damals über ein Drittel der Erde inklusive Ostdeutschlands und der abgetrennten ehemals deutschen Ostgebiete kommunistisch regiert worden, so hätten beide wahrscheinlich rational, sachlich und respektvoll miteinander diskutieren können. Aber so kam es zu einer Auseinandersetzung zwei verschiedener Denksysteme. Oder waren sich Springer und Dutschke doch ähnlicher als beide wahrhaben wollten?

II. Positionen und Konflikte

Insgesamt sahen die Springer-Medien die 68er-Studentenbewegung sehr kritisch. So kritisierte der ÄWelt“-Journalist Matthias Walden, dass die linken Studenten Vertreter anderer Meinungen bei Veranstaltungen niederbrüllten und am Reden hinderten. Zwar gebe es von liberalen Sozialisten bis zu offenen Verehrern verbrecherischer kommunistischer Diktatoren verschiedene Schattierungen. Dennoch könne man insgesamt sagen: ÄEs geht darum, die Wahrheit zu sagen: wir haben es hier mit einer akademischen Variante des Gammlertums zu tun. Der ‚unwissenschaftlichen‘ physischen Ungewaschenheit als Mittel, fehlende Geltung und Mangel an Persönlichkeit durch Bürgerschock zu ersetzen, erstand eine noch viel unangenehmere Parallele der vorsätzlichen geistigen Ungewaschenheit. Wir sind Nasenzeugen des peinlichen Geruches, der dabei entsteht.“2

Die ÄB.Z.“ ging am 9. Januar 1967 sogar einen Schritt weiter. Sie warf der ihrer Meinung nach linksradikalen Minderheit unter den Studenten vor, einen Mob darzustellen. Die Zeitung sah eine große Gefahr von diesem Mob ausgehend: ÄIhre Methode heißt Terror, und ihr Ziel ist - so lächerlich das auch klingt - Umsturz der bestehenden Verhältnisse. Und ihnen wäre der ‚große Hammer‘ nur recht. Denn dann könnten sie sagen, dass nicht Argumente, sondern nur Gewalt sie vorläufig zum Schweigen bringe.“3

Springers Politikgrundsätze waren für jeden transparent. Denn im Oktober 1967 formulierte er die vier Grundsätze seines Verlagshauses, die künftig in den Arbeitsverträge aufgenommen wurden: Ä1. Das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit und Freiheit; 2. Die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; dazu gehört auch die Unterstützung des Lebensrechts des jüdischen Volkes; 3. Die Ablehnung jeder Art von politischem Extremismus; 4. Die Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft.“4

1967 gab es im SDS bei der Frage der Position zu Israel eine Spaltung. Die Älteren unter den Mitgliedern fühlten sich primär der Aufarbeitung des NS-Antisemitismus verpflichtet und standen aus diesem Grund loyal zum Staat Israel und zu den USA, während die Jüngeren eine kritische Position zur israelischen Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten einnahmen. Dies wurde ihnen durch die proisraelische Haltung Axel Springers erleichtert. Auch Dutschke plädierte für eine kritische Position der Politik der Regierungen der USA und Israels gegenüber.5

Allerdings waren nicht alle Teile der Studentenbewegung so auf das Politische fixiert. So hatten Mitglieder der Kommune I die politisch aktiven Studenten als ÄLahmärsche und Karrieremacher“ bezeichnet und die Studenten des SDS aufgefordert, nicht zu politischen Veranstaltungen zu gehen. Dieter Kunzelmann wurde gar in der Springer-Presse mit dem nicht dementierten Ausspruch zitiert: ÄWas geht mich Vietnam an - ich habe Orgasmus- Schwierigkeiten.“ Die Kommune I wurde daher sogar im Mai 1967 aus dem SDS ausgeschlossen.6

Zusammenfassend kann man sagen, dass von den Springer-Journalisten schon Anfang 1967 die Intoleranz der linken Studenten kritisierte, dass sie Vertreter fremder Meinung mittels Geschrei intolerant nicht zu Wort kommen ließen. Axel Springers Grundsätze waren deutsche Vereinigung in Freiheit, die Aussöhnung mit den Juden und Israel, die Ablehnung von politischem Extremismus und die Bejahung der Sozialen Marktwirtschaft. Jüngere SDS- Mitglieder kritisierten die israelische Besatzungspolitik in den arabischen Gebieten und die Politik der US-Regierung. Unpolitische Hedonisten wie die Kommune I wurden aus dem SDS ausgeschlossen.

III. Erschießung Benno Ohnesorgs 2. Juni 1967

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg bei studentischen Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs, dem ein blutiges Tyrannenregime vorgeworfen wird erschossen. Täter war der Polizist Karl-Heinz Kurras. Senat und Polizei wurde vom SDS die Härte des Einsatzes angelastet, während den Springer-Medien eine verzerrte Berichterstattung über Ablauf der Demonstration vorgeworfen wurde.

Gerhard Fels weist sowohl den Studenten des SDS als auch der Springer-Presse Schuld zu für die Eskalation der Lage. Zum einen hätten die Medien der Axel Springer AG lernunfähig, schnöde und schnodderig den Studenten die Schuld für den ÄUnfall“ Ohnesorgs zugewiesen und schon seit Jahren den Hass gegen linke Studenten geschürt. Rudi Dutschke habe sich aber auch bei SDS-Veranstaltungen ebenfalls zu Hasstiraden hinreißen lassen7

Als Mythos der 68er sieht der Bonner Politologe Gerd Langguth, dass die linken Studenten gegen ein übermächtiges Medienmonopol namens Springer gekämpft hätten. So hätten ÄStern“, ÄSpiegel“ und ÄFrankfurter Rundschau“ den Springer-Gegnern ein bereitwilliges Forum geboten. Im ÄStern“ hatte sogar Sebastian Haffner den Polizeieinsatz gegen die Studenten mit der KZ-Gräuel der Nazis gleichgesetzt, den Berliner Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz mit Göring und die Berliner Staatsanwälte mit NS-Juristen gleichgesetzt.8

Allerdings wurden auch in der ÄWelt am Sonntag“ Parallelen zu 1933 gezogen. ÄIn Berlin spielten sich Szenen ab, die an 1933 erinnern“, schrieb die ÄWelt“ am 4. Juni 1967 meinte damit die Studenten: ÄEs waren vor allem Vertreter jener extremer Linksgruppen, die, obschon nur eine Minorität, mit ihrem Terror immer mehr Universitäten besetzen. Sie schwenken rote Fahnen und protestieren gegen alles, was westlich orientiert ist.“ Zu dem Unrecht im Osten würden die Studenten schweigen und der Schah werde auch in Moskau empfangen. Außerdem wollten die Studenten Äauch nicht zur Kenntnis nehmen, dass das persische Volk Freiheiten genießt, von denen 17 Millionen Deutsche in der Zone nicht zu träumen wagen würden.“ Die Studenten hätten das Demonstrationsrecht missbraucht und dem Ruf der Gastfreundschaft Deutschlands schweren Schaden zugefügt.9

Bereits am 3. Juni 1967 bezeichnete die ÄBild“ Ohnesorg genauso wie einen durch Steinwürfe verletzten Polizisten als ÄOpfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten. (…) Sie wollen Blut sehen.“ Hier hörten Kompromiss, Spaß und demokratische Toleranz auf. ÄBild“ fuhr scharf fort: ÄWie haben etwas gegen SA-Methoden. Die Deutschen wollen keine braune und keine rote SA. Sie wollen keine Schlägerkolonnen, sondern Frieden. (…) Wer nicht friedlich demonstrieren kann, gehört ins Gefängnis.“10

ÄBild“ bezeichnete die demonstrierenden Studenten als Halbstarke und Krawallmacher ohne demokratische Argumente. Sie Äspuckten den Grundgesetzen und Gastfreundschaft und menschlichem Anstand ins Gesicht. (…) Inzwischen hat Münchens Polizeipräsident angekündigt: Von jetzt an billigen wir kriminellen Minderheiten, die das Wort Demokratie nicht einmal buchstabieren können, keine Narrenfreiheit mehr zu. Wir werden sie einfach abschieben. Berlin muss diesem Beispiel folgen! Demonstrieren ja, randalieren nein!“11

Die ÄB.Z.“ vom 5. Juni 1967 wies den Studenten die Schuld zu für die Tötung Benno Ohnesorgs. Es müsse geklärt werden, ob der schießende Polizeibeamte Äin berechtigter Notwehr handelte oder ob er ganz einfach die Nerven verlor“. Jedoch werde hier Ursache und Wirkung verwechselt. ÄRadikalinkskis haben die Polizei provoziert. Sie haben angegriffen. Sie haben Steine gegen die Beamten geworfen. (…) Das Opfer dieses Terrors ist der Student Benno Ohnesorg geworden.“12

Das war eine Sichtweise, die der Asta der FU Berlin in keiner Weise unterstützen konnte, der in einer Erklärung ausführte: ÄWir stehen fassungslos vor der Lüge der Polizei, die den Mord als Notwehr bezeichnet und aus fliehenden Demonstranten messerbewaffnete Angreifer macht!“13

Im Januar 1968 demonstrierten 12.000 Leute in Berlin unter Beteiligung von SPDMitgliedern gegen den Vietnam-Krieg. Im gleichen Monat demonstrierten jedoch auch 60.000 Menschen gegen den SDS. Sie forderten Härte und Dutschke und die SDS-Mitglieder auf, Berlin zu verlassen.14

Nach der Ermordung von Benno Ohnesorg wurde von SDS-Seite und ihr nahestehenden Journalisten an Staat, Polizei und Springer-Medien Gleichsetzungen mit der NS-Zeit vorgenommen. Das Gleiche taten aber auch die Journalisten des Springer-Konzerns, die den linken Studenten Nazi-Methoden vorwarfen. Die Springer-Medien und weite Teile von Politik und Polizei gaben allein den demonstrierenden Studenten die Schuld an der tödlichen Eskalation. Dies wies der SDS als Lüge zurück, der auch gegen den Vietnam-Krieg der USA demonstrierte. Jedoch teilten viele Bürger die Position der Springer-Journalisten und machten ihren Groll gegen Dutschke und den SDS bei einer eigenen Demonstration Luft.

[...]


1 Fels, Aufruhr, S. 159.

2 http://www.medienarchiv68.de/dl/192218/64.jpg.pdf

3 http://www.medienarchiv68.de/dl/192232/71.jpg.pdf

4 Schwarz, Axel Springer, S. 431.

5 Fichter, Lönnendonker, SDS, S. 164.

6 Fichter/Lönnendonker, SDS, S. 158.

7 Fels, Aufruhr, S. 267.

8 Langguth, Mythos, S. 189f.

9 http://www.medienarchiv68.de/dl/202104/524.jpg.pdf

10 http://www.medienarchiv68.de/dl/193052/479.jpg.pdf

11 http://www.medienarchiv68.de/dl/193046/476.jpg.pdf

12 http://www.medienarchiv68.de/dl/202122/533.jpg.pdf

13 http://www.medienarchiv68.de/dl/202132/538.jpg.pdf

14 Fichter Lönnendonker, S. 181, 185f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Konflikt zwischen der Axel Springer AG und der 68er Studentenbewegung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas)
Veranstaltung
Mediengeschichte Ost- und Mitteleuropas 1960-2000
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V285792
ISBN (eBook)
9783656860556
ISBN (Buch)
9783656860563
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
1968, Axel Springer AG, Studentenbewegung, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, RAF, Bild
Arbeit zitieren
Matthias Thöne (Autor), 2013, Der Konflikt zwischen der Axel Springer AG und der 68er Studentenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285792

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