Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das Leistungsprinzip. Betrachtung von Bourdieus Kapitalsortenmodell unter meritokratischen Aspekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Meritokratie und soziale Ungleichheit
2.1 Der Begriff des Meritokratiemodells
2.2 Der Begriff der sozialen Ungleichheit
2.3 Kapitalformen nach Bourdieu
2.3.1 Das ökonomische Kapital
2.3.2 Das kulturelle Kapital
2.3.3 Das soziale Kapital
2.3.4 Die Kapitalumwandlungen

3. Wie Meritokratie soziale Ungleichheit reproduziert

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Allokation von Personen auf bestimmte Positionen in unserer Gesellschaft geschieht nach dem sogenannten „Leistungsprinzip“. Ein Individuum, das in einem bestimmten Bereich mehr leistet, hat in diesem Bereich bessere Aufstiegschancen. Diese Grundannahme beim Allokationsprozess erscheint auf dem ersten Blick als gerechtfertigt und fair. Bei einer näheren Betrachtung wird jedoch deutlich, dass das Leistungsprinzip nicht umfassen umgesetzt werden kann und von daher auch Ungerechtigkeit erzeugt. Diese Beobachtung ist im wissenschaftlichen Diskurs angekommen und es wird versucht mithilfe von unterschiedlichsten Modellen zu erklären. Im Seminar Ungleichheit und Leistung behandelten wir zum einen Luhmanns systemtheoretischen Ansatz und zum anderen Bourdieus Kapitalsortenmodell als grundlegende Modelle zur Betrachtung sozialer Ungleichheiten. Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mich auf Bourdieus Kapitalsortenmodell als grundlegendes Modell stützen. Dieses besitzt zum einen eine stärkere Zentrierung auf das Individuum, zum anderen wird in Bourdieus Modell der Mensch weniger stark als austauschbar angesehen, was in Luhmanns systemtheoretischen Ansatz der Fall ist. Mithilfe dieses Modells wird im Folgenden auf zwei zentrale vorgegebene Fragestellungen eingegangen. Zum einen wird der Zusammenhang von Meritokratie/Leistung und der Perspektive sozialer Ungleichheit erklärt. Diese erste Fragestellung dient als eine Einführung und Verortung der Grundbegriffe im Gesamtthemenfeld des Kapitalsortenmodels. Aufbauend auf die erste Fragestellung dieser Arbeit wird auf die zentralen theoretischen Argumente eingegangen, die gegen eine unpassende Umsetzung des Leistungsprinzips sprechen. Um eine angemessene Betrachtung dieses komplexen Themenfelds zu gewährleisten, werden die beiden Begrifflichkeiten Meritokratie und soziale Ungleichheit näher erläutert. Hierauf aufbauen wird im Anschluss Pierre Bourdieus Kapitalsortenmodell vorgestellt, um abschließend die beiden Fragestellungen behandeln zu können.

2. Meritokratie und soziale Ungleichheit

In diesem Kapitel soll genauer auf die Grundbegriffe Meritokratie, Leistung und soziale Ungleichheit eingegangen werden. Der Meritokratiebegriff wird zu beginn, im Rahmen einer etymologischen Betrachtung dieses Kapitels, erklärt. Im Anschluss an diese Erklärung wird das Meritokratiemodell nach Adrian Itschert skizziert. Dies passiert durch die Vorstellung der drei allgemeinen Merkmale der Vertreter des Meritokratiemodells. Im Anschluss an das Kapitel 2.1 wird im Kapitel 2.2 auf den Begriff der sozialen Ungleichheit eingegangen. Die Begriffsdefinition findet hierbei nach Reinhart Kreckel statt und beschäftigt sich mit Kreckels aufgestellten vier Punkten, welche soziale Ungleichheiten beschreiben sollen.

2.1 Der Begriff des Meritokratiemodells

Die Erklärung der Bedeutung des Meritokratiemodells lässt sich bereits aus der Herleitung der Wortbedeutung aus dem griechischen und dem Latein erreichen. Das Wort Meritokratie setzt sich zusammen aus dem lateinischen Wort meritum und dem griechischen Wort kratein. Meritum steht für „den Verdienst“, was im Meritokratiemodell die Begabung und Leistungsfähigkeit des Individuums darstellt. Das griechische Wort kratein wiederum steht für „herrschen“, was im Meritokratiemodell als Herrschaftsordnung verstanden werden kann.[1] Das Individuum kann somit durch Leistung eine Position besetzen, welche eine Herrschaftsstellung innehat. Diese Positionen werden von Individuen als erstrebenswert wahrgenommen, was wiederum eine Personalauswahl aufgrund von Leistung benötigt. Kurz gefasst wird das oben genannte Prinzip als Leistungsprinzip verstanden. Dieses hat in unserer modernen Gesellschaft einen hohen Stellenwert und ist in nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft vertreten. Becker beschäftigt sich bei seiner Auseinandersetzung mit dem meritokratischen Modell mit dem britischen Soziologen Michael Young. Dieser prägte den Meritokratiebegriff mit seiner Gesellschaftssatire „The Rise of Meritocracy“ nachhaltig. In seiner Satire beschreibt er Großbritannien im Jahre 2034, in welcher die Gesellschaft sich nachhaltig verändert hat. Die gesellschaftliche Position des Einzelnen wurde lediglich bestimmt durch die beiden Faktoren Intelligenz und Anstrengung, welche beide dem Individuum einen gewissen Verdienst bringen. Diese hier skizzierte Auffassung des meritokratischen Modells wurde im Laufe der Jahre immer weiter ergänzt und angepasst. Jedoch kann Youngs satirische Auseinandersetzung als prägende Grundlage angesehen werden.

Nachdem nun ein kurzer Überblick über die Erklärung der Bedeutung des Meritokratiemodells gegeben wurde, werden im Folgenden die Merkmale der Vertreter des Meritokratiemodells aufgezeigt.

Das Meritokratiemodell kann nach Itschert[2] in drei allgemein zutreffende Merkmale unterteilt werden. Diese sind unterteilt in den elitentheoretischen Bias, die Knappheit der Talente und die These der perfekten Durchlässigkeit. Im Folgenden wird auf diese drei Merkmale genauer eingegangen. Der elitentheoretische Bias betrachtet die Gesellschaft anhand seiner Elitepositionen in den Funktionssystemen. Diese Positionen müssen durch die bestmöglich geeigneten Individuen besetzt werden, um das Wohl der Gesellschaft sicherzustellen. Nationalstaatliche Institutionen stehen bei diesem Allokationsprozesse in einer Konkurrenz zueinander, da die besonders geeigneten Individuen in der Lage sind die Institution zu wählen. Somit kann eine nationalstaatliche Institution durch die Einstellung eines geeigneten Individuums auf einer Eliteposition einen Beitrag zum Wohl einer ganzen Gesellschaft leisten. Das zweite Merkmal schließt an das Erste an, in dem es die Knappheit der geeigneten Individuen aufgreift. Der Allokationsprozess bedarf, wie bei dem ersten Merkmal vorgestellt, ein geeignetes Individuum. Diese sind jedoch zum einen knapp vorhanden und zum anderen besteht ein überdurchschnittlich großer Pool an unterqualifizierten Bewerbern, welche aussortiert werden müssen. Dieses Merkmal greift darüber hinaus auch noch die Herausforderung den Pool an geeigneten Bewerbern in der Gesellschaft ausfindig zu machen auf. Ohne diesen ersten Schritt ist eine angemessene Auswahl nicht möglich und das Wohl der Gesellschaft kann sinken. Das dritte Merkmal geht auf die Mobilität der Individuen zwischen den modernen Schichtungsstrukturen ein. Itschert benennt dieses Merkmal als die These der perfekten Durchlässigkeit der modernen Schichtungsstrukturen. Hierbei wird angenommen, dass keine positiven arbeitsmarktrelevanten Eigenschaften durch Sozialisation oder die Gene an ihren Nachwuchs weitergegeben können. Die hier aufgelisteten Merkmale werden im Kapitel 2.3 genauer unter Berücksichtigung von Bourdieus Kapitalsortenmodell vorgestellt. Zuerst jedoch wird der Begriff der sozialen Ungleichheit genauer betrachtetet, da dieser neben dem Leistungsprinzip einen weiteren Faktor im Zusammenhang mit dem Meritokratiemodell darstellt.

2.2 Der Begriff der sozialen Ungleichheit

In diesem Kapitel wird genauer auf den Begriff der sozialen Ungleichheit eingegangen. Zuerst wird eine begriffliche Abgrenzung des Begriffs soziale Ungleichheit vorgenommen.

Bei dieser Betrachtung wird die Auffassung von Reinhart Kreckel in den Fokus gestellt. Kreckel[3] befasst sich mit vier zentralen Punkten, welche den Begriff soziale Ungleichheit konkretisieren sollen. Als Erstes bezeichnet Kreckel die soziale Ungleichheit als Form der Benachteiligung und Diskriminierung, welche in der Gesellschaft verankert ist. Hierbei wird nicht lediglich auf die physischen Verschiedenartigkeiten des Individuums eingegangen. Vielmehr werden diese Verschiedenartigkeiten als Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit herangezogen, die Quelle dieser liegt jedoch in der gesellschaftlichen Begünstigung und Bevorrechtigung einiger Individuen und der Benachteiligung und Diskriminierung anderer. Im weiteren unterstreicht Kreckel die Unterscheidung zwischen sozialer Ungleichheit und sozialer Differenzierung. Die soziale Differenzierung besagt, dass Individuen mit unterschiedlichen Besonderheiten in einer Gesellschaft zusammenleben können, andere Gesellschaften diese Differenzierungen jedoch ausnutzen, um Individuen zu benachteiligen oder bevorteilen. Zum Beispiel können in einer Gesellschaft unterschiedliche Religionen und Kulturen gleichberechtigt miteinander leben, in einer anderen jedoch nicht, da diese Differenzierung negativ interpretiert wird und somit soziale Ungleichheit erzeugt. Im Rahmen der Ausdifferenzierung von Merkmal drei spezifiziert Kreckel die soziale Ungleichheit in „im engeren Sinne“ und „im weiteren Sinne“. Soziale Ungleichheiten im weiteren Sinne liegen „… überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zuganges zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder zu Positionen, die mit ungleichen Macht- und/oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinflussen bzw. begünstigt werden[4].“ Kreckel fasst die Punkte eins und zwei im dritten Punkt in die Kategorie soziale Ungleichheit im engeren Sinne. Der Fokus liegt hierbei auf den Positionenverteilungen bei einer horizontalen Betrachtungsweise der Gesellschaft. Die vertikale Betrachtung sozialer Ungleichheit wird bei der sozialen Ungleichheit im engeren Sinn, dem vierten Punkt Kreckels, betrachtet. Diese Betrachtungsweise untersucht soziale Ungleichheit, welche mit Hilfe von hierarchischen Anordnungen innerhalb der Gesellschaft entsteht.

Zusammenfassend zu dieser Begriffsabgrenzung nach Kreckel kann gesagt werden, dass soziale Ungleichheit eine in der Gesellschaft verankerte Form der Bevorteilung und Benachteiligung ist. Die verschiedenen physischen Faktoren der Individuen sind nach Kreckel lediglich Rechtfertigungsgründe der Gesellschaft. Weiter trennt er die Begrifflichkeiten der sozialen Ungleichheit und der sozialen Differenzierung voneinander. Für Kreckel besteht zum einen soziale Ungleichheit im weiteren Sinne, bei der horizontale Ungleichheiten in der Gesellschaft erfasst werden und zum anderen soziale Ungleichheit im engeren Sinne, welche die vertikalen Ungleichheiten in der Gesellschaft erfasst. Nachdem nun soziale Ungleichheit im Rahmen einer Begriffsabgrenzung umrissen wurde, wird im folgenden Kapitel die erste Fragestellung anhand von Bourdieus Kapitalsortenmodell versucht zu beantworten.

2.3 Kapitalformen nach Bourdieu

Begonnen wird in diesem Kapitel mit der Skizzierung von Bourdieus Kapitalsortenmodel, um eine Grundlage für die Beantwortung der ersten Fragestellung zu erhalten. Im Anschluss wird, aufbauend auf das Kapitalsortenmodell, der Zusammenhang zwischen Meritokratie/Leistung und der Reproduktion sozialer Ungleichheit erklärt.

Pierre Bourdieus Werke haben einen festen Stellenplatz in der sozialwissenschaftlichen Lehre und Forschung. Somit werden bereits zu Lebzeiten Bourdieus Werke als Klassiker der Soziologie angesehen. Pierre Bourdieus Auffassung von Soziologie ist weniger eine systematische wie bei Jürgen Habermann oder Niklas Luhmann. Niklas Luhmann, zum Beispiel, gliedert seine Theorie nach Funktionssystemen und analysiert diese in Abhängigkeit voneinander zum einen und für sich stehen zum anderen. Pierre Bourdieu hingegen betrachtet jedes soziale Feld feldspezifisch[5]. Bourdieu betrachtet soziale Felder mithilfe seines Kapitalsortenmodells sowie der darin enthaltenen Kapitaltransformationstheorie. Das Kapitalsortenmodell wird nun genauer vorgestellt.

[...]


[1] vgl. Becker 2011: 3

[2] vgl. Itschert 2003: 28f.

[3] Vgl. Kreckel 2004: 15ff.

[4] Kreckel 2004: 17

[5] vgl. Barlösius 2011: 7

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das Leistungsprinzip. Betrachtung von Bourdieus Kapitalsortenmodell unter meritokratischen Aspekten
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V285819
ISBN (eBook)
9783656861249
ISBN (Buch)
9783656861256
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Meritokratie, Soziale Ungleichheit, Luhmann, Bourdieu, Allokation, Leistungsprinzip, Kapitalsortenmodell, reproduktion, Leistung
Arbeit zitieren
Nilo Gora (Autor), 2014, Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das Leistungsprinzip. Betrachtung von Bourdieus Kapitalsortenmodell unter meritokratischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285819

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