Von der Antike bis in die Neuzeit zieht sich der philosophische Diskurs, welche Lebensform denn die richtige sei und das Miteiander und das Befinden des einzelnen Individuums optimiere: Jene der erhöhten Selbstkontrolle, der unterdrückten Gefühle, die die Faszination des Schmerzens und des Leidens zum Antrieb hat? Oder jene, die es als Befreiung und Tapferkeit ansieht, sich seiner Begierden und Lüste zu bekennen und sich der Scham zu entledigen, die das Nachgehen geballter Lust und Triebhaftigkeit aufgrund gesellschaftlicher Normen mit sich bringt?
Wählt nicht jedes Individuum jene Lebensweise für sich aus, die ihm am nützlichsten erscheint? Der Utilitarist Jeremy Bentham stellt in seinem Werk „Der klassische Utilitarismus- Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung“ sein „Prinzip der Nützlichkeit“ vor und verteidigt es gegenüber anderen bestehenden Prinzipien, so z.B der Askese. Nachdem ich kurz den Primärtext inhaltlich vorgestellt habe, möchte ich genauer untersuchen, wie Bentham den Begriff „Askese“ für seine Argumentation nutzt. Inwieweit ist sie tatsächlich ein Gegenprinzip zum Utilitarismus? Welche konkreten Vorstellungen von Askese und Einwände hat Bentham und wo zeigen sich Lücken in seinem argumentativen Vorgehen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhaltlicher Überblick und Aufbau des Primärtextes
3. Untersuchung des Begriffs „Askese“ nach Bentham
3.1 Askese als Prinzip, dass dem Prinzip der Nützlichkeit entgegen gesetzt ist
3.2 Benthams konkreten Einwände gegen Askese und eigene Gedanken dazu
3.2.1 Motive der Askese
3.2.2 Askese als „falsch angewandtes Prinzip von Nützlichkeit“
3.2.3 Untauglichkeit der Askese als Regierungsmodell
4. Zusammenfassende Gedanken und Auswertung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Verhältnis des asketischen Lebensentwurfs zum utilitaristischen Nützlichkeitsprinzip nach Jeremy Bentham. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob Askese tatsächlich ein genuiner Gegenpol zum Utilitarismus darstellt oder lediglich eine abweichende, in Benthams Augen fehlerhafte Anwendung von Nutzenmaximierung ist, und dabei argumentative Lücken in Benthams Kritik aufzudecken.
- Gegenüberstellung von Askese und Utilitarismus
- Analyse der Benthamsche Einwände gegen asketische Lebensweisen
- Kritische Reflexion der "Asketischen Regierung" als Modell
- Diskussion über die subjektive Definition von Freude und Leid
- Bewertung von Benthams Argumentationslogik und deren atheistischer Prägung
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Askese als „falsch angewandtes Prinzip von Nützlichkeit“
Es gibt, wie Bentham durch seine Unterscheidung der Praktizierenden in „Religionsanhänger“ und „Moralisten“ andeutet, sehr unterschiedlich strenge bzw. radikale Arten, der Askese nachzugehen. So muss ein stiller Verzicht in Korrespondenz mit den Sinnen (ethisch positive Askese) als tugendhaft bezeichnet und von jener Askese abgegrenzt werden, die die Kränkung und das aktive Vernachlässigen der Sinne und Affekte zum Ziele hat (ethisch negative Askese)11. Eher mystisch spirituelle Entsager und jene, die sich von Moral und Ethik leiten lassen konkurrieren mit sich körperlich streng kasteienden, selbstvernichtende Asketen.
Gerade letzterer Gruppe gegenüber ist Bentham äußerst abgeneigt, und ich kann seine Neigung, diese als „dumm“ zu bezeichnen ( Vgl. „Enge ihres nicht durch Wissen geweiteten Verstandes“12) zu einem gewissen Grad verstehen, da jene Gruppe auch auf mich „verbissen“ und deshalb wenig reflektiert und eben „vernunftfrei“ wirkt. Auch Kant nimmt in der „Metaphysik der Sitten“ eine ähnliche Trennung vor und unterschidet die „ethische Askese“ als „Kultur der Tugend“ von der „Mönchsaskese“, die er als „freudlos, finster und mürrisch“ bezeichnet. Erstere ziele jedoch auf ein „fröhliches Herz“13. Ein fröhliches Herz bedeutet gleichsam Freude und somit „Nutzen“. An diesem Punkt sehe ich Bentham bestätigt: Wer Askese zur Maximierung von Nutzen und Freude betreibt, ist, ganz gleich ob wissentlich oder unwissentlich, Anhänger des Utilitarismus`.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in den philosophischen Diskurs zwischen Selbstkontrolle und dem Streben nach Lust ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich Benthams Kritik an der Askese.
2. Inhaltlicher Überblick und Aufbau des Primärtextes: Dieses Kapitel gibt eine systematische Zusammenfassung der zentralen Thesen Benthams zu Freude, Leid, dem Nützlichkeitsprinzip und dessen Gegenströmungen.
3. Untersuchung des Begriffs „Askese“ nach Bentham: Hier findet die detaillierte Auseinandersetzung mit Benthams Ablehnung der Askese, seinen Motiven für diese Kritik sowie der Analyse ihrer praktischen Anwendbarkeit statt.
4. Zusammenfassende Gedanken und Auswertung: Das letzte Kapitel reflektiert Benthams Vorgehen, kritisiert seinen mangelnden dialektischen Ansatz und zieht ein Fazit über das Verhältnis von Leid, Freude und Lebensentwürfen.
Schlüsselwörter
Utilitarismus, Askese, Jeremy Bentham, Nützlichkeitsprinzip, Freude, Leid, Selbstkontrolle, Ethik, Moral, Religionsanhänger, Moralisten, Nutzenmaximierung, Lebensentwurf, Glück, Triebbeherrschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Spannungsfeld zwischen dem Utilitarismus nach Jeremy Bentham und dem asketischen Lebensprinzip.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Definition von Glück, Freude und Leid sowie die Frage, ob die Askese ein legitimes Gegenprinzip zum utilitaristischen Nützlichkeitsdenken ist.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Benthams Argumentation gegen die Askese zu prüfen und aufzuzeigen, wo er das Konzept möglicherweise verkürzt darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine primärtextanalytische Arbeit, die Benthams Werk interpretiert, kritisch hinterfragt und in einen weiteren philosophischen Kontext einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Benthamsche Definition der Askese, die Motive ihrer Anhänger und die Untersuchung der Tauglichkeit der Askese als Regierungsmodell.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Kernbegriffe sind Utilitarismus, Askese, Nützlichkeitsprinzip, Nutzenmaximierung und die kritische Abgrenzung von Leid und Freude.
Warum ordnet Bentham die Askese als "falsch angewandtes Nützlichkeitsprinzip" ein?
Bentham argumentiert, dass auch Asketen im Grunde nur nach Nutzen streben, diesen jedoch durch ein fehlerhaftes Verständnis von Leid und Freude falsch realisieren.
Inwiefern spielt Benthams atheistisches Weltbild eine Rolle für seine Argumentation?
Der Autor legt dar, dass Benthams atheistische Haltung dazu führt, dass er religiös motivierte Askese vorschnell als "abergläubische Phantasie" abwertet, ohne deren inneren Sinn für den Asketen zu würdigen.
- Arbeit zitieren
- Johanna Lamm (Autor:in), 2013, Freudlos, leidvoll, unnütz? Benthams Umgang mit dem Begriff Askese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285851