Die Rolle sozialer Medien für die Gezi-Proteste in der Türkei


Bachelorarbeit, 2014
77 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Überblick: Politikethnologie, Medien- und Cyberanthropologie
1.1. Politikethnologie
1.2. Cyberethnologie und Medienethnologie

2. Cyberprotest
2.1. Definition
2.2. Positive Aspekte
2.3. Negative Aspekte
2.4. Zwischenfazit Cyberprotest
2.5. Die Entwicklung sozialer Medien

3. Die Gezi-Proteste
3.1. Hintergründe
3.2. Überblick über die Ereignisse
3.3. Menschenrechtsverletzungen während der Proteste
3.4. Traditionelle Medien
3.5. Soziale Medien

4. Eigene Feldforschung
4.1. Forschungsorte und -teilnehmer
4.2. Forschungsfrage
4.3. Methoden zur Datenerhebung
4.4. Forschungsergebnisse
4.5. Reflexion der Methoden und der Datenauswertung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1. Online-Umfrage
6.2. Bilder

Einleitung

“There is now a menace which is called Twitter. The best examples of lies can be found there. To me, social media is the worst menace to society.” (Yaman 2014: 21)

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan äußerte sich in diesem Zitat über die Nutzung sozialer Medien von Protestierenden während der anhaltenden Gezi-Proteste. Dies geschah am 5. Juni 2013, inmitten von zunehmend scharfen Bemerkungen, die von Seiten der Regierung gegen Online-Aktivisten gerichtet wurden. Sichtbar wurde diese negative Haltung während der Proteste zudem durch die Gerichtsverhandlungen gegen Online-Aktivisten, die Sperrung von sozialen Medien (Yaman 2013: 21) und das neue Internetgesetz in der Türkei (Krüger 2014). Die Proteste um den Gezi-Park in der Türkei begannen in Istanbul am 28. Mai 2013 mit einer gewaltlosen Demonstration von Umweltschützern, die sich gegen ein geplantes Bauprojekt von Ministerpräsident Erdoğan richtete. Auf dem Gelände des Gezi-Parks, der direkt an den zentralen Taksim-Platz in Istanbul angrenzt, sollte ein Einkaufszentrum gebaut werden. Die Protestierenden übernachteten dort in Zelten, um den Park zu besetzen und den Abriss zu stoppen. Der Park wurde am 31. Mai von der Polizei gewaltsam geräumt. Es kam zu einem massiven Gebrauch von Tränengas und Wasserwerfern gegen die sich im Park befindenden Menschen und Zelte der Demonstranten wurden in Brand gesetzt. Nach diesem Einsatz extremer Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten breiteten sich Demonstrationen in mehreren türkischen Großstädten aus, die sich zu einem landesweiten Protest entwickelten. Protestiert wurde gegen die autoritäre Politik von Premierminister Erdoğan und seiner Partei. Die offiziellen Medien unterlagen während der Gezi-Proteste größtenteils der Zensur durch staatliche Repressionen. Aus diesem Grund nutzten Protestierende die sogenannten sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Youtube und weitere, um die fehlende Berichterstattung der lokalen Medien zu ersetzen (Gündüz 2013: 13). Die Relevanz des Themas ergibt sich aus der oft in Zusammenhang mit den Ereignissen um den Gezi-Park erwähnten Nutzung sozialer Medien. In dieser Bachelorarbeit wurde der Frage nachgegangen, welche Bedeutungen soziale Medien für Protestierende der Gezi-Proteste in der Türkei hatten. Da mein Thema sowohl der Politik-, als auch der Medien- und Cyberethnologie zugeordnet werden kann, werde ich diese Teilbereiche der Ethnologie kurz darstellen. Es folgen eine Definition von Cyberprotest und die positive und negative Ansichten darüber werden diskutiert. Die Entwicklung und Verbreitung sozialer Medien werde ich darstellen. Die Hintergründe der Gezi-Proteste, ein Überblick über die Ereignisse, die Menschenrechtsverletzungen während der Demonstrationen und die Rolle traditioneller und sozialer Medien werden thematisiert. Anschließend werde ich auf meine eigene Feldforschung eingehen. Meine Forschungsorte- und teilnehmer werden beschrieben und meine Forschungsfrage noch einmal genauer geklärt. Die von mir verwendeten Methoden zur Datenerhebung (Online-Umfrage, informelle Gespräche und teilnehmende Beobachtung) und meine daraus gewonnenen Forschungsergebnisse werden erläutert. Abschließend werden meine Ergebnisse, meine Methoden zur Datengewinnung und die Auswertung kritisch reflektiert.

1. Überblick: Politikethnologie, Medien- und Cyberethnologie

In diesem Kapitel soll kurz auf die drei Teildisziplinen Politik-, Medien- und Cyberethnologie eingegangen werden, zu welchen mein Thema zugeordnet werden kann. Es würde den Rahmen dieser Bachelorarbeit sprengen diese Teildisziplinen und ihre Geschichte detailliert darzustellen. Als theoretischer Hintergrund ist es meiner Meinung nach jedoch wichtig, dass kurz vorgestellt wird, mit was sich die neueren Ansätze der Politikethnologie, Medienethnologie und die junge Teildisziplin Cyberethnologie beschäftigen und um einige Begriffe klären zu können.

1.1. Politikethnologie

“In der Gegenwart untersucht die Politikethnologie Formen der Konfliktführung, zivilen Widerstand, die kulturelle Basis von Macht sowie symbolische und kollektive Formen von Gewalt.” (Heidemann 2011: 211)

Im Laufe der Geschichte der Politikethnologie haben sich die Methoden und der Gegenstand dieses Teilbereichs der Ethnologie grundlegend geändert (Heidemann 2011: 199). Im Folgenden werde ich mich nur auf neuere Ansätze in der Politikethnologie beschränken, da nur diese für die vorliegende Arbeit relevant sind. Die Politisierung der Ethnologie begann ab den 1970er Jahren (ebd.: 205). Die zu dieser Zeit stattfindenden Diskussionen über Umweltfragen, Entwicklungspolitik und Feminismus veränderten auch die Diskurse an Universitäten. Viele Ethnologen1 fingen an, ihre Forschung mit einem moralischen Auftrag zu verbinden:

“Es ging nicht allein um Erkenntnis, sondern um Forschung für eine bessere Welt. Die Wahl einer Forschungsregion und eines Themengebiets wurde als eine politische und moralische Entscheidung bezeichnet, auch wenn sich die Forscher davon distanzierten.” (Heidemann 2011: 205)

In der politisch engagierten Ethnologie können zwei Perspektiven voneinander unterschieden werden:

- Untersucht werden politische Systeme, die Ungleichheit und Unterdrückung schaffen. Die Wissensgenerierung erfolgt mit dem Ziel, Mechanismen der Macht zu durchschauen und sozialen Widerstand zu stützen.
- Der Fokus liegt auf dem Widerstand selbst, auf der Handlungsmacht (agency).

Diesen beiden Perspektiven liegen unterschiedliche Verständnisse von Macht zugrunde und sie differenzieren sich zudem durch eine unterschiedliche Betonung von Struktur und Prozess, Gesellschaft und Individuum (ebd.: 206). Nach Webers klassischer Definition von Macht wird diese als “jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht” beschrieben (Weber 1980: 28). Macht ist Ausdruck und Quelle von Ungleichheit und steht im Widerspruch zum Ideal der Gleichheit aller Menschen. Es gibt in diesem Modell zwei Pole und nur eine Seite ist mit Macht ausgestattet. Michel Foucault hat 1978 ein anderes Verständnis von Macht geprägt. Macht ist nach Foucault nicht an Personen gebunden, sondern wird durch Dispositive vorkonstruiert, ist immer an Wissen gekoppelt und entsteht jeweils neu in sozialen Situationen. Somit ist Macht weder positiv noch negativ konnotiert und kann durchaus Wünschenswertes hervorbringen. An Foucaults Machtbegriff wird von Kritikern bemängelt, dass er strukturelle Macht und faktische Unterdrückung zu stark relativiert. Von der Politikethnologie wurde Foucaults Machtverständnis jedoch oft aufgegriffen. Das liegt daran, dass seine Definition eine Offenheit für die subtilen kulturellen Codes aufweist und die soziale Praxis miteinbezogen wird. Folglich wurden Machtbeziehungen in nahezu allen Bereichen erkannt, was zu einer langen Liste an Publikationen führte, die den Titel The Politics of... tragen. Bei diesen Publikationen fehlt kaum ein Bereich des menschlichen Daseins (Heidemann 2011: 206).

1.2. Cyberethnologie und Medienethnologie

Die moderne Medienethnologie (media anthropology) untersucht die Produktion und Rezeption von Massenmedien aus kulturvergleichender Sicht (Heidemann 2011: 205). Aus der Medienanthropologie hat sich als jüngste Teildisziplin die Cyberethnologie entwickelt (anthropology of cyberspace, cyber anthropology, digital anthropology). Diese schließt auch elektronische Medien ein (Heidemann 2011: 262). Als Stand der Forschung zum Internet und Cyberprotest aus ethnologischer Perspektive möchte ich Millers Buch ‘Tales from Facebook’ und den relativ neuen Sammelband ‚Digital Anthropology‘ von Horst & Miller (2012) und Postill & Pink (2012) mit Social media ethnography: The digital researcher in a messy web zu nennen. Postill (2011) beschäftigt sich zudem in ‘Localizing the Internet. An anthropological account’ mit Online-Aktivismus in Südostasien. Die Anthropologin Gabriella Coleman befasst sich mit Online-Aktivismus und dem sogenannten Hacken von Webseiten, insbesondere mit der Hackergruppe Anonymous. Die medienethnologischen Untersuchungen betonen die Vielfalt der Nutzungs- und Deutungsmöglichkeiten gegen die Globalisierungsthese, die von einer durch die Vernetzung hervorgerufene Vereinheitlichung der Welt ausgeht2:

“I consider the way these media have become central to the articulation of cherished beliefs, ritual practises, and modes of being in the world; the fact that digital media culturally matters is undeniable but showing how, where, and why it matters is necessary to push against peculiarly narrow presumptions about the universality of digital experience.” (Coleman 2010: 487)

Die Arbeitsgebiete der Cyberethnologie sind unter anderem das Verhältnis zwischen Online- und Offline-Realitäten:

“Aus Sicht der Cyberethnologie ist eine umgangssprachlich oft verwendete Unterscheidung in eine ‘virtuelle’ und eine ‘reale’ Welt schlicht falsch. Das Internet ist ebenso real wie eine Bibliothek oder eine Fabrik, es existiert rein physikalisch in Form von vernetzten elektronischen Bauteilen und wird mit komplexen Organisationsstrukturen von Menschenhand gesteuert. [...] Sinnvoller erscheint die Unterscheidung in Online- und Offline-Welten, die- entgegen mancher uninformierten Annahme - hochgradig miteinander verwoben sind. Es sind stets leibhafte Akteure, die einen Teil ihrer (Offline-Lebenswelten in die Online-Welt einschreiben. Dabei entsteht eine Wechselwirkung, die von Ethnologen untersucht wird.” (Heidemann 2011: 264)

Soziale Medien beeinflussen soziale Beziehungen sowie persönliche und kollektive Identitätskonstruktionen gleichermaßen. Aus diesem Grund stehen sozialen Medien wie Blogs, Facebook und Twitter bei Analysen jüngster Proteste und Umbrüche im Nahen Osten sowie ähnlichen Bewegungen anderswo auf der Welt in einem besonderen Fokus. Die kulturelle Bedeutung des Internets variiert deutlich von Ort zu Ort bezüglich der unterschiedlichen Erfahrungen, Bedürfnissen und Hoffnungen von Menschen. In demokratischen Gesellschaften ist der Cyberspace oft ein sich wandelnder Raum von Informationen, Wissenschaft und Freizeit, der als parallele oder gegensätzliche Art und Weise gegenüber bestehenden öffentlichen Räumen und Institutionen existiert. In Ländern, in denen öffentliche Räume durch traditionelle und restriktive kulturelle Kräfte hochgradig reguliert und kontrolliert werden, kann das Internet hingegen eine andere Bedeutung haben. In diesen Kontexten erhalten auch private und scheinbar nicht-politische Themen eine politische Dimension (Hanrath & Leggewie 2013: 44). Im Cyberspace finden Prozesse der kollektiven Identitätsbildung, Formierung von (ethnischem) Widerstand und die Vernetzung diasporischer Gruppen statt, die von ethnologischem Interesse sind. Weltweit betreiben Separatistenbewegungen Homepages und E-Mail-Verteiler. Im Iran wurden beispielsweise bei den politischen Bewegungen 2009 Mobiltelefone und SMS als neue Organisationsform des politischen Widerstands genutzt (Heidemann 2011: 263). Das Internet hat sich auch zu einem neuen Genre der Nachrichtenproduktion entwickelt. Das ethnologische Interesse liegt bei der Analyse von der Nutzung sozialer Medien zur Informationsverbreitung darin, die Leben, Ideologien, Hoffnungen, Wünsche und Auffassungen von digitalen Journalisten und Basisbloggern zu erforschen:

“The Internet has also become a central conduit and node for one of the most public and politically significant genres of communication: news. As journalism in industrialized nations migrates online, and as regional papers in the United States struggle to survive as advertising revenue dwindles, the scholarly discussion has been fiercely focused on what these transformations mean not only for the future of journalism but, by extension, the future of democracy. Ethnographic accounts complement these existing studies by examining the lives, ideologies, hopes, desires, and perceptions of digital journalism and grassroot bloggers.” (Coleman 2010: 495)

2. Cyberprotest

Im folgenden Kapitel wird auf Cyberprotest eingegangen. Zuerst wird mit einer Definition erklärt, was unter dem Begriff verstanden wird und welche verschiedenen Formen es gibt.

Desweiteren werden positive und negative Aspekte von Cyberprotest gegenübergestellt und diskutiert.

2.1. Definition

Der Soziologe und führende Online-Protest-Forscher Dieter Rucht bezeichnet mit dem Begriff Cyberprotest3 einerseits Protestformen, die sich unter anderem auch auf das Internet stützen oder andererseits ganz innerhalb des Internets ablaufen (Rucht 2005:3). Das Internet kann herkömmliche Offline-Protestformen, die auf öffentlichen Plätzen stattfindenden, wie beispielsweise Demonstrationen und Kundgebungen, begleiten. In diesem Fall wird online über solche Proteste informiert, für sie geworben oder über sie diskutiert. Auf diese Weise kann das Internet bisherige Verteilungswege, wie Telefon, Flugblatt, Plakat, Rundbrief oder Newsletter ersetzen oder unterstützen. Somit wird das Internet für die Vorbereitung, Begleitung oder auch Nachbereitung von Protest genutzt, die eigentliche Protestaktion ist allerdings nicht an das Internet gebunden und findet in der Offline-Welt statt. Andererseits kann der Protest selbst komplett online stattfinden, sodass die Protestierenden gar nicht mehr physisch zusammenkommen müssen. Dazu gehören beispielsweise Protestbriefe, die per Internet verschickt werden oder Angriffe auf die Webseiten und/oder die Daten eines Gegners, was als hacktivism4 bezeichnet wird (ebd.: 3). Es gibt Kampagnen globaler Internetaktivisten, beispielsweise die lockeren politischen Zusammenschlüsse, die sich als Anonymous5 bezeichnen, die Online-Attacken wie das Hacken von unbeliebten Webseiten vornehmen. Diese Zusammenschlüsse sind im Allgemeinen illegal und operieren in einer ethischen Grauzone (Hanrath und Leggewie 2013: 45). Die offiziellen Medien informieren nach Auffassung vieler Online-Protest-Gruppen nicht oder nicht angemessen über deren Aktivitäten, weshalb der Hintergrund von Cyberprotest oft die Unzufriedenheit vieler Protestgruppen mit der Berichterstattung der offiziellen Medien ist (ebd.: 1).

2.2. Positive Aspekte

- Mehr demokratische Teilnahme durch soziale Medien: Von verschiedenen Autoren wird darauf verwiesen, dass soziale Medien zu mehr kommunikativer Interaktivität, Flexibilität und sozialer Verbundenheit führen und auf diese Weise die demokratische Teilnahme im Vergleich zu bisherigen digitalen Plattformen erleichtert wird (Jarvis 2011:43-60; Shirky 2008:161-187; Diamond 2010). Die Inhalte sozialer Netzwerke beeinflussen Nutzer auf unterschiedliche Weise. Es ist möglich, dass die Vielfalt an Informationen in sozialen Netzwerken aktuelle Meinungen reflektieren und diese auch verändern können. Die individualisierte Massenkommunikation wird durch die Nutzung des Internets durch Computer und Mobiltelefone erleichtert und erlaubt es, Inhalte von Nutzern mit einer virtuellen Gemeinschaft zu teilen, im Gegensatz zu traditionellen Massenkommunikationsmitteln wie Zeitungen und Fernsehen als Hauptmedien. Nutzer sozialer Medien können auf diese Weise Informationen verbreiten und dabei Regierungen und die Massenmedien übergehen. Durch die Nutzung sozialer Medien ist es möglich, sowohl lokale als auch nationale Grenzen zu überschreiten. ‘Internet-Enthousiasten’ sprechen vom Anbrechen eines neuen Zeitalters der politischen Mobilisierung und behaupten sogar, dass soziale Medien als Katalysator für sozialen und politischen Wandel dienen. In den westlichen Medien wurden die politischen Bewegungen im Nahen Osten und in Nordafrika teilweise als ‘Facebook-Revolution’ oder ‘Twitter-Revolution’ tituliert (Naughton 2011; Vargas 2012), auch speziell im Hinblick darauf, dass die Anzahl der Sprachen, die im Internet genutzt werden, auch zugenommen hat6 (Hanrath & Leggewie 2013: 40). Pfeifle, ein ehemaliger US- Sicherheitsberater, sagte im Hinblick auf die Proteste im Iran sogar, dass Twitter einen Friedensnobelpreis erhalten solle:

“Twitter should win the Nobel Peace Prize for its role during the civil unrest in Iran, according to a former US national security adviser. Mark Pfeifle said the microblogging site was instrumental in helping document the crisis in Iran following the contested presidential election results last month.” (Khan 2009)

“Without Twitter the people of Iran would not have felt empowered and confident to stand up for freedom and democracy,” Mark Pfeifle, a former national-security adviser, later wrote, calling for Twitter to be nominated for the Nobel Peace Prize.” (Gladwell 2010)

- Aufmerksamkeit, Werbung und Dokumentation von Protesten und Gewalt: Mirani (2010) spricht von der positiven Rolle sozialer Medien bei den Protesten in Kaschmir. Durch die Nutzung sozialer Medien erhielten die Proteste, die schon seit 20 Jahren andauern, zum ersten Mal mehr Aufmerksamkeit:

“A more recent example is Kashmir, where this summer's protests gained widespread media coverage both in India and internationally. But Kashmir has been protesting for 20 years, with some of the biggest demonstrations occurring in 2008. What changed this year is that urban, middle-class India, traditionally uninterested in news from Kashmir except when we're at war with Pakistan, was for the first time able to see and hear the other side of the story. Facebook users in India rose from 0.7 million in summer 2008, to 3 million in 2009, to 13 million today.” (Mirani 2010)

Durch die Kontakte zu oder die Teilnahme an Online-Kommunikation in sozialen Netzwerken wird es Individuen eventuell ermöglicht, neue Kompetenzen zu entwickeln, welche die Teilnahme an der Politik in der Offline-Welt leichter und effektiver gestalten könnte (Hanrath & Leggewie 2013: 8). Dies könnte zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein führen und die individuellen Möglichkeiten zum politischen Handeln erweitern. Soziale Medien spielen eine zunehmend wichtige Rolle in der regionalen und globalen Verbreitung von Informationen über aktuelle Ereignisse und Entwicklungen auf einer lokalen Ebene. Mit den Funktionen von Twitter und den Status-Aktualisierungen auf Facebook können Ereignisse im Moment des Geschehens auf jedem Computer und Mobiltelefon mit Internet weltweit verfolgt werden. Blogs und Videoclips können im Internet publiziert werden, um die Weltöffentlichkeit über Proteste und Reaktionen von Regimen zu informieren. Auf diese Weise kann für Demonstrationen Aufmerksamkeit und Werbung generiert werden. In einigen Fällen und politischen Kontexten kann dies auch vor härteren Repressalien durch Sicherheitsbehörden schützen (ebd.: 45). Außerdem stützen sich traditionelle Medien immer mehr auf das Internet als Quelle von neuesten Informationen. In Bezug auf die Proteste im Iran könnte die Nutzung sozialer Medien, um internationale Aufmerksamkeit zu erregen, schlussendlich wichtiger sein, als nur politischen Protest innerhalb des Landes selbst zu mobilisieren. Zudem ermöglichen soziale Medien es auch, das Verhalten autoritärer Regime zu dokumentieren und in einigen Fällen sogar, Straftäter vor Gericht zu bringen (ebd.: 45-46). Dank des Internets können sich auch kleine und ressourcenschwache Akteure Gehör verschaffen, sich weltweit vernetzen und aus dem Stand heraus beeindruckende Protestaktionen oder gar größere Kampagnen durchführen (Rucht 2005: 3-4). Das liegt daran, dass sich diese mit geringem Aufwand im Netz einem großen Publikum zeigen und schnell und kostengünstig auf politische Prozesse einwirken können (ebd.: 1). Sogar Einzelpersonen sind online in der Lage, große Aufmerksamkeit zu erregen. Jonathan Peretti kann in diesem Zusammenhang als Beispiel genannt werden, der eine Protestaktion gegen die Sweatshop-Arbeitsbedingungen von Nike mit einem Mitarbeiter des Konzerns per E-Mail führte. Dieser E-Mail Verlauf wurde per Mail weiter geschickt, verbreitete sich und es wurde daraufhin in den traditionellen Hauptnachrichten darüber berichtet.7 Die Netzwerkstruktur des Internets besitzt keinerlei formalen oder thematischen Kern und beruht nicht auf mitgliedsabhängiger Organisation, was in der Vergangenheit so wichtig für die politische Mobilisierung war (Hanrath & Leggewie 2013: 40). So können die Transaktionskosten für die Organisation von kollektivem politischen Handeln reduziert werden, indem Kommunikation und Koordination sowohl über physische als auch soziale Distanzen erleichtert werden. Durch soziale Netzwerkseiten wie unter anderem Facebook ist es leichter als zuvor gleichgesinnte Individuen miteinander in Kontakt zu bringen. Somit kann der Fragmentation und sozialen Isolation entgegengearbeitet werden, die typischerweise in autoritären Regimen existieren und politische Konformität verstärken, abweichende Meinungen unterdrücken und diese zum Schweigen zu bringen. Die Netzwerkstruktur sozialer Medien könnte hierarchische Mobilisierungen, die ‘von oben’ gesteuert werden, untergraben und neue Formen flacher sozialer Bewegungen formieren. Soziale Medien können auch einen Wandel der öffentlichen politischen Stimmung beeinflussen und verstärken und somit dazu beitragen, dass eines der größten Hindernisse, das einem Massenprotest im Wege steht, überwunden werden kann. Obwohl ein Mensch mit einem politischen Regime unzufrieden ist, könnte er trotzdem zurückhaltend sein und seine Meinung aus Angst vor Sanktionen durch den Staat und/oder die Gesellschaft nicht frei äußern. Wenn in sozialen Medien jedoch bereits eine breite Reihe an oppositionellen Ansichten öffentlich gemacht wurde, so könnte diese Angst verringert und überwunden werden und die Meinung des Individuums kann eventuell ausgesprochen und dementsprechend gehandelt werden. Somit könnte eine zunehmende Bereitschaft zur Teilnahme an öffentlichen Protesten entstehen (ebd.: 45).

2.3. Negative Aspekte

- Die digitale Spaltung und die Bestärkung bestehender Machtungleichheiten: Es kann jedoch auch dafür argumentiert werden, dass das Internet keineswegs bestehende Ungleichheiten behebt, sondern solche eher noch verstärkt (Rucht 2005: 6-7). Es gibt weiterhin eine digitale Spaltung, die zwar kleiner wird, aber immer noch vorhanden ist. Ärmere, ältere und/oder weibliche Nutzer sind im Internet unterrepräsentiert. In Entwicklungsländer ist diese digitale Spaltung noch größer. Das Internet tendiert folglich dazu, ohnehin schon Privilegierte noch mehr zu privilegieren. Somit besitzt das Internet laut Rucht keineswegs die Funktion des empowerment8 , die ihm häufig zugesprochen wird, sondern bestärkt vielmehr ohnehin bestehende Machtungleichgewichte (ebd.: 11).

- Fehlende Kontrolle und Manipulation: Als weiterer negativer Punkt wird genannt, dass es dem Internet an Qualitätskontrollen mangelt. Ein Großteil herkömmlicher Medien wird nach journalistischen Regeln produziert. Zu diesen gehören unter anderem bestimmte Relevanzkriterien, die Verifizierung von Aussagen, das Einholen gegenteiliger Meinungen und die Trennung von Fakten und Meinungen. Im Gegensatz dazu können im Internet praktisch folgenlos falsche Behauptungen und abstruse Meinungen öffentlich gemacht werden. Es gibt zudem im Internet die Möglichkeit technischer Manipulation, die es erlaubt, die Zahl von Protestierenden künstlich zu erhöhen (ebd.: 9).

- Keine mobilisierende Wirkung: Vor allem eignet sich das Internet für politisch kenntnisreiche und technisch geübte Anwender, die wissen, wonach sie suchen. Es gibt bisher keine Befunde dafür, dass vom Internet eine starke mobilisierende Wirkung ausgeht. Vielmehr ist anzunehmen, dass ohnehin politisch interessierte und motivierte Menschen das Internet nutzen, um für die politische Organisation Informationen zu suchen. So dürfte der Kreis derer, die erst durch das Internet zur politischen Partizipation ermuntert werden, begrenzt sein. Im Vergleich zum direkten Gespräch ist das Internet auch unpersönlicher. In vielen Fällen scheint das direkte Zusammenkommen weiterhin wichtig zu sein, wenn es darum geht, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und komplexere Dinge zu diskutieren. Zudem werden durch ein direktes Zusammenkommen auch Erfahrungen der Gruppensolidarität, Begeisterung und Anteilnahme vermittelt, die wohl kaum im selben Maße durch die mediatisierte Kommunikation möglich sind. Protestaktionen, die ausschließlich im Internet ablaufen und den Beteiligen manchmal nur einen Klick mit der Maus abverlangen, sind zudem weniger eindrucksvoll im Vergleich zu einem Protest, der den Teilnehmern gewisse Opfer abverlangt (selbst wenn es Millionen von Unterstützern geben sollte). Auf diese Weise gewinnt die Protestaktion auch an Glaubwürdigkeit (ebd.: 10).

- Überwachung und Regulierung sozialer Medien durch Regierungen: Soziale Medien können gleichzeitig politische Basisbewegungen unterstützen, aber auch zur Überwachung der Bevölkerung durch Regime und für Menschenrechtsverletzungen dienen. Die netzgestützten Informations- und Mobilisierungsprozesse können außerdem durch staatliche Kontrollbehörden leicht überwacht werden (ebd.: 11). Autoritäre Regierungen selbst nutzen ebenfalls die neuen Technologien für ihre eigenen Zwecke wie das beispielsweise im Iran der Fall war:

“Social media tools can simultaneously support grass-roots political mobilizations as well as government surveillance and human rights violations. For instance, during the course of these dramatic protests, citizens could purchase low-cost CDs loaded with anticensorship software, ensuring that a steady stream of images and videos were catapulted onto social media networks and the mainstream news.The government, however, also used digital media to fortify its surveillance apparatus” (Coleman 2010: 493)

Zudem haben autoritäre Regime die Möglichkeiten zur Kontrolle, Überwachung und Zensur sozialer Medien. Diese reichen von Regulierungen aller Formen von Informations- und Kommunikationstechnologien bis hin zu direktem Handeln gegen Internetaktivisten. Darauf wird auch von York (2010) hingewiesen:

„Privately operated Internet platforms play a vital role in online communication around the globe. Therefore, efforts of these online platforms to police content on their sites have a substantial impact on free expression. As users flock toward popular social media sites such as Facebook and Twitter, they are effectively stepping away from public streets and parks and into the spaces analogous and similar in some respect to shopping malls -spaces that are privately owned and often subject to stringent rules and lacking in freedoms.” (York 2010: 28)

In einigen Ländern müssen alle Internetanbieter strikte Kontrollen ihrer technischen Systeme und Inhalte einhalten. Im Iran ist beispielsweise die Übertragungsgeschwindigkeit von Daten begrenzt, um die Menschen daran zu hindern, zu bestimmten Angeboten Zugang zu bekommen wie beispielsweise zu Videoclips. In einigen Ländern müssen Internet-Anbieter strikte Kontrollen befolgen. Einige Regierungen installieren Filtersoftware für Server, die oft aus westlichen Ländern importiert werden. Mit deren Hilfe können Inhalte gefiltert und der Zugang zu Informationen somit kontrolliert werden. Der Zugang zu bestimmten Webseiten kann aufgrund kultureller, religiöser und politischer Gründe verweigert werden. Proxy-Server werden aus diesen Gründen behindert und spezifische Suchwörter blockiert (Hanrath & Leggewie 2013: 46). In der Türkei wurde 2011 in verschiedenen Quellen darüber berichtet, dass bis zu 138 Wörter bei Suchmaschinen gesperrt werden sollen (Zeldin 2011). Nach den Ereignissen im Nahen Osten 2011 hat China die Suchwörter Ägypten, Tunesien und Jasmine blockiert (CBS News 2011, Martina und Mao 2011). Das Internet kann auch komplett gesperrt werden, wie es in Ägypten der Fall war (Williams 2011). Auch in China hatte die gesamte Provinz Xinjiang für ganze zehn Monate den Internetzugang verloren, nachdem dort 2009 Unruhen ausbrachen (Hanrath & Leggewie 2013: 46; The Economist 2013). Zudem sammeln autoritäre Regierungen auch Daten, um Individuen und Oppositionsgruppen zu verfolgen. Auch in den westlichen Demokratien gibt es eine zunehmende Sorge wegen der Datensammlung der großen Hauptunternehmen und den lockeren Umgang, mit dem Nutzer mit den privatesten Details ihres Lebens umgehen und diese veröffentlichen (ebd.: 46-47). Die staatliche Rolle beim Sammeln von Informationen sozialer Netzwerksseiten in autoritären Regimen gibt einen viel größeren Grund zur Besorgnis, denn auch in diesen Systemen publizieren insbesondere jüngere Menschen ohne Bedenken private Informationen in ihren Online-Profilen. Dort ist das Risiko jedoch viel größer, dass diese Informationen von Regierungen gesammelt und dafür benutzt werden, um Individuen anzugreifen und Druck auf diese auszuüben. Autoritäre Regierungen lernen von den Erfahrungen anderer Regime und teilen untereinander Informationen über die effektivsten Wege, mit Demonstranten umzugehen und Proteste in einer frühen Phase zu unterdrücken. Neben der Zensur, Kontrolle, Regulierung und Überwachung des Internets entwickeln autoritäre Regime zunehmend ihre eigenen Formen des Online-Aktivismus. So publizieren diese Blogs und sind beispielsweise bei Facebook oder Twitter präsent und aktiv (ebd.: 47).

- Schwache Verbindungen zwischen Protestierenden: Gladwell ist der Ansicht, dass Online- Protest keine große Wirkung erzielen kann aufgrund der ‘schwachen Verbindungen’ (weak ties) zwischen den Demonstranten, da zwischen diesen in sozialen Netzwerk-Seiten kein Vertrauensverhältnis besteht und somit keine großen Risiken eingegangen werden:

“There is strength in weak ties, as the sociologist Mark Granovetter has observed. Our acquaintances—not our friends—are our greatest source of new ideas and information. The Internet lets us exploit the power of these kinds of distant connections with marvellous efficiency. It’s terrific at the diffusion of innovation, interdisciplinary collaboration, seamlessly matching up buyers and sellers, and the logistical functions of the dating world. But weak ties seldom lead to high-risk activism.” (Gladwell 2010)

- Orientalismus in Bezug auf den Nahen Osten und Nordafrika: In Bezug auf den Nahen Osten und Nordafrika kann auch ein Orientalismus9 erkannt werden, wenn es um die Beziehung zwischen Protestbewegungen und sozialen Medien geht. Das bedeutet, dass angenommen wird, dass ‚überlegene‘ westliche Technologien beispielsweise im Nahen Osten und in Nordafrika zur Demokratisierung unbedingt benötigt werden, während sie in westlichen Ländern einfach als ein weiteres Werkzeug zum Erreichen politischer Ziele fungieren:

“What’s more, in relation to North Africa and the Middle East in particular, an outdated orientalism comes into play - a specifically Western view of these regions and the societies in the Arab world. To construe the Arab Spring as a response to Facebook and the new media is not as harmless a gesture as it may initially appear. It is, in fact, the latest method of perpetuating an old and recurrent stereotype. To suggest that these events were heralded by the new media is to give in to an old, racist fiction and to resurrect the fables figure of the primitive who, having no agency of his or her own, is compelled to action as a response to superior Western technology or leadership (Hanrath & Leggewie 2013: 48)

- Slacktivism: Morozov argumentiert, dass soziale Medien mehr individuelle Passivität hervorrufen können. Er nennt diesen Typ des Pseudo-Aktivismus slacktivism. Mit diesem Begriff bezeichnet er einen feel-good -Aktivismus, der nur sehr wenig soziale und politische Wirkung hat:

“’Slacktivism’ is an apt term to describe feel-good online activism that has zero political or social impact. It gives those who participate in ‘slacktivist’ campaigns an illusion of having a meaningful impact on the world without demanding anything more than joining a Facebook group [...] ‘Slacktivism’ is the ideal type of activism for a lazy generation: why bother with sit-ins and the risk of arrest, police brutality, or torture if one can be as loud campaigning in the virtual space? Given the media's fixation on all things digital — from blogging to social networking to Twitter — every click of your mouse is almost guaranteed to receive immediate media attention, as long as it's geared towards the noble causes. That media attention doesn't always translate into campaign effectiveness is only of secondary importance.” (Morozov 2009)

Zahllose Beispiele auf Facebook machen deutlich, dass nur weil ein bestimmtes Thema eine große Anzahl an ‘Gefällt mir’-Angaben10 hat, es trotzdem keine Garantie dafür gibt, dass geplante Demonstrationen gut besucht werden oder dass große Summen an Geld gespendet werden. Die Facebook-Gruppe ‘Save the Children of Africa’ hat zum Beispiel 1,7 Millionen Mitglieder, jedoch wurden über mehrere Jahre hinweg nur ungefähr 12,000 Dollar gespendet (Mozorov 2011: 190). Morozov weist auch darauf hin, dass die politischen Facebook-Gruppen oft unorganisiert sind und dass Geld spenden allein in vielen Fällen keinen Nutzen hat:

“Not surprisingly, many of these Facebook groups find themselves in a ‘waiting for Godot’ predicament: Now that the group has been formed, what comes next? In most cases, what comes next is spam. Most of these campains-remember many of them, like the anti-FARC campain in Colombia, pop up spontaneously without any carefully planned course of action-do not have clear goals beyond awareness raising. Thus, what they settle on is fund-raising. But it’s quite obvious that not every problem can be solved with an injection of funds. If the plight of sub-Saharan Africa or even Afghanistan is anything to judge by, money can only breen more trouble unless endemic political and social problems are sorted out first.” (Morozov 2011: 190)

Wie auch Mozorov schreibt, scheinen die sogenannten slacktivists zu denken, dass sie mit einem einzigen Klick ihren Teil für die Verbesserung der Gesellschaft geleistet haben. Er beschreibt diese als ‘ armchair-do-gooders ’ , die keinen wirklichen Beitrag leisten. Die Autoren Cornelissen et al. berufen sich auf Morozov und argumentieren, dass diese symbolischen Handlungen unter Umständen sogar dazu führen können, dass die Motivation des Einzelnen, in anderen Formen des pro-sozialen Verhaltens zu agieren, die mehr Zeit, Anstrengung und Geld erfordern würden, abnehmen könnte, wie beispielsweise die finanzielle Unterstützung einer NGO oder das Leisten von Freiwilligenarbeit. Dies trifft nach Meinung der Autoren mehr bei den Menschen zu, denen es wichtig ist, welchen Eindruck sie auf andere machen (Cornelissen et al. 2013: 2-3).

- Pro-Gewalt Kampagnen in sozialen Medien und radikale Gruppen: Kollektives Handeln und Versuche der Mobilisierung in sozialen Medien müssen nicht unbedingt an positiv konnotierte Inhalte gebunden sein, was auch in Betracht gezogen werden muss. Das Internet eröffnet auch Möglichkeiten für radikale Gruppen. Viele rechtsradikale und rassistische Gruppen nutzen heute ebenso das Internet für ihre Zwecke. Genauso einfach, Initiativen zu finden, die

Demokratie und Armutsbekämpfung anstreben, sind auch pro-Gewalt-Kampagnen in sozialen Netzwerken zu finden. Eine bestimmte Facebook-Gruppe fordert beispielsweise die Exekution von Hamza Kashgari, einem saudi-arabischen Blogger und Kritiker des Islams (Kazi 2012). Diese Facebook-Gruppe hat tausende Unterstützer. Extremistische Terrororganisationen und Neo-Nazis benutzen die Möglichkeiten der Online-Mobilisierung in gleichem Maße wie ProDemokratie Aktivisten (Hanrath & Leggewie 2013: 45).

- Online-Oligopolen: Es wäre falsch, wenn Internetnutzer sich heute ausschließlich auf das Misstrauen von Staatsmonopolen der Macht fokussieren würden und den Einfluss von OnlineOligopolen11 wie Facebook, Google, Microsoft, Amazon etc. außer Acht lassen würden. Die kommerzielle Rolle dieser Unternehmen darf nicht ignoriert werden, weshalb sie nicht als Spitze der Demokratie angesehen werden sollten (ebd.: 47-48).

2.4. Zwischenfazit Cyberprotest

Soziale Medien sind aus den oben genannten Gründen in einem Zustand der Spannung - auf der einen Seite eröffnen sie zwar Potential für Demokratisierung, Emanzipation und politische Mobilisierung, auf der anderen aber auch Wege für Repression, Kontrolle und Überwachung. (Hanrath & Leggewie 2013: 47). Zwar haben diese Netzwerke durchaus ihre Vorteile und der Austausch an Daten durch ihre Webseiten kann hilfreich sein. Digitale Kommunikation allein ist nicht genug, um eine tragbare Zivilgesellschaft zu bilden. Die primäre Bühne für politische Mobilisierung ist immer noch die Offline-Welt, es darf jedoch nicht ignoriert werden, dass Protestbewegungen durch Online-Medien aufgrund der weltweiten Vernetzung, der Reduzierung von Transaktionskosten durch kollektives Handeln profitieren können (ebd.: 48).

2.5. Die Entwicklung sozialer Medien

Wie verbreiteten sich nun soziale Medien und welche Veränderungen gingen im politischen Bereich für Online-Aktivismus damit einher? Die frühen 1990er Jahre werden als das Anbrechen eines neuen Internet-Zeitalters betrachtet, da die Möglichkeit eines weltweiten Zugangs zu Information entstand und ein fast unbegrenzter Austausch an Daten begann (Hanrath & Leggewie 2013: 38). Die schnelle Verbreitung der neuen elektronischen Kommunikationsmittel und die technischen Fortschritte auf diesem Gebiet haben seit den 1990er Jahren die Rolle dieser Medien in der Gesellschaft verändert. Dieser Trend schließt auch die Möglichkeiten für Protestbewegungen und politische Mobilisierung ein. In der Anfangszeit des Internets war die sogenannte ‘ one-to-many ’ - Kommunikation dominierend, was bedeutet, dass ein gegebener Inhalt auf global zugänglichen Webseiten verfügbar war. Ungefähr mit dem Beginn des neuen Jahrtausends bewegte sich der Fokus stetig weiter in Richtung Interaktivität, womit die ‘ many- to-many ’ -Kommunikation entstand. Heute sind Internetnutzer zunehmend in der Lage, ihre eigenen Inhalte zu generieren und zu verbreiten, was dazu führt, dass sich die Nutzung und die Wahrnehmung des Internets verändert haben. Diese Phase der Entwicklung wird im Allgemeinen als ‘ Web 2.0 ’ bezeichnet. Neben der zunehmenden Interaktivität in bereits bestehenden Formen wurden soziale Medien immer wichtiger, die es Nutzern ermöglichen, sich miteinander zu vernetzen, sich untereinander auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. In der Debatte über die politische Bedeutung moderner Kommunikationsmittel im Allgemeinen stellt sich die Frage, was die Entwicklung des Internet zu Web 2.0 für die politische Kommunikation und Beteiligung bedeutet und was sich eigentlich verändert hat. Es entwickeln sich in Web 2.0 auch ganz neue Formen der politischen Kultur bezüglich der üblichen Dichotomien:

„Web 2.0 in particular is not just a new social and political arena; new forms of political culture are clearly also emerging here, reshaping the political space in relation to the usual dichotomies of public vs. private, institutional vs. civil society, professional vs. grassroots politics/volunteering etc. and thus increasing the significance of what is, from a professional political perspective, the ‘pre-political space’” (Hanrath & Leggewie 2013: 39-40).

In diesem Sinne ist es relevant, über die Entwicklung der (politischen) Kultur von Web 2.0 zu sprechen. Die Hauptmerkmale von sozialen Netzwerk-Seiten sind folgende: Es wird ein öffentliches oder halb-öffentliches Profil innerhalb eines bestimmten Systems erstellt und eingerichtet. Der einzelne Nutzer generiert eine Liste an anderen Nutzern, mit welchen er in einer Verbindung steht und es werden Informationen innerhalb dieses Netzwerks ausgetauscht. Der Fokus bezüglich des Austauschs innerhalb sozialer Netzwerker liegt im Allgemeinen auf privaten Daten und Informationen, die oft konsum- und unterhaltungsorientiert sind. Der globale Marktführer ist Facebook, das auch oft als Synonym für soziale Medien benutzt wird. Seit der Gründung von Facebook 2004 ist ein dramatischer Anstieg an Nutzerzahlen zu verzeichnen (ebd.: 39).

3. Die Gezi-Proteste

In den folgenden Kapiteln werde ich kurz auf die Hintergründe der Gezi-Proteste, den Verlauf der Ereignisse und die Menschenrechtsverletzungen, die währenddessen stattfanden, beschreiben. Etwas ausführlicher wird dann auf die Rolle traditioneller und sozialer Medien während der Demonstrationen eingegangen.

[...]


1 Diese Bachelorarbeit wird nicht gegendert. Falls nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wird, sind immer automatisch Männer und Frauen gemeint.

2 Zu Globalisierungsthese siehe zum Beispiel Sen (2001). 5

3 In dieser Bachelorarbeit werden die Begriffe Cyberprotest , Online-Protest und Online-Aktivismus synonym verwendet.

4 Zu Hacktivism siehe zum Beispiel Assange (2006), Krapp (2005), Krapp (2011), Menn (2011).

5 Zu Anonymous siehe auch: Coleman (2010), Coleman (2011), Carter (2013).

6 Siehe dazu auch: http://www.internetworldstats.com/stats7.htm 8

7 Siehe dazu Peretti (2001) für mehr Informationen.

8 Der Begriff Empowerment bezeichnet den Prozess der Selbstermächtigung und die professionelle Unterstützung von Menschen, ihr Gefühl von Macht-und Einflusslosigkeit zu überwinden. Siehe dazu auch: McVeigh (2013), Morahan-Martin (2000), Sutton & Pollock (2000).

9 Mit Orientalismus wird ein eurozentrischer, westlicher Blick auf die Gesellschaften des Nahen Ostens bezeichnet. Siehe dazu auch: Attia (2007), Hauser (2001), Said (1979).

10 Mit dem ‘Gefällt-mir’-Button kann auf Facebook eine positive Haltung für Bildern, Kommentare und Gruppen angezeigt werden.

11 Oligopolie bedeutet, dass viele Nachfragen wenigen Angeboten gegenüberstehen (http://dictionary.reference.com/browse/oligopoly).

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Die Rolle sozialer Medien für die Gezi-Proteste in der Türkei
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Ethnologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
77
Katalognummer
V286103
ISBN (eBook)
9783656862505
ISBN (Buch)
9783656862512
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gezi-Proteste, Türkei, Soziale Medien, Facebook, Twitter, Online-Aktivismus, Medien, Gezi-Park, AKP, Erdoğan
Arbeit zitieren
Kerstin Kyra Wagner (Autor), 2014, Die Rolle sozialer Medien für die Gezi-Proteste in der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286103

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