Syntax in der Fußballberichterstattung

Ein Vergleich zwischen TV und Zeitung


Seminararbeit, 2014

13 Seiten, Note: 2,7


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Syntax in der Fußballberichterstattung - ein Vergleich zwischen TV und Zeitung

Die Weltmeisterschaft im Sommer 2014 begeisterte rund um den Globus abermals Millionen Fußballfans. Die meisten fieberten vor dem Fernseher mit und verfolgten die Spiele ihres eigenen Landes. Kaum eine andere Sportart löst so viele Emotionen bei den Menschen aus wie der Fußball. Unterstützend begleiten und beleben vor allem Kommentatoren im Rundfunk die Spiele. Sei es im Radio oder Fernsehen. Doch auch Print- und Onlinemedien berichten mehrmals täglich von den Spielen während der WM. Es werden Spielberichte verfasst, Kommentare veröffentlicht und Prognosen geschrieben. Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit wird sein, inwiefern sich gesprochene von geschriebener Berichterstattung unterscheidet. Gibt es Variationen im Ausdruck?

Diese Hausarbeit vergleicht die Syntax in einer Fußballreportage mit dem dazugehörigen Spielbericht. Das Fußballpiel an sich ist an Regeln und Voraussetzungen gebunden, sodass sich bestimmte Muster immer wiederholen. Typische Handlungen bestimmen das Geschehen und Abläufe sind absehbar. So wird in einem Spiel beispielsweise immer gepasst, gedribbelt oder geflankt. Nun gilt die Frage zu klären, inwiefern die beiden Textsorten, Gesprochenes und Geschriebenes, sich in der Wiedergabe und Beschreibung dieser Geschehnisse unterscheiden.

Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit

In einer Fußballreportage wird umgangssprachlicher kommuniziert. Man nennt diese Art der Sprache auch den Alltagsstil. Nach Bichel (1980) setzt diese Umgangssprache „einige funktionsbedingte Kennzeichen, die auch jeder sozialen, regionalen und charakterlogischen Verschiedenheit übergeordnet sind“ voraus. Sie neigt zu kurzen Sätzen, Freiheit im Satzbau, Kontraktionen und Assimilationen im Lautlichen, dem Gebrauch von Allerweltswörtern sowie zur Lässigkeit und Affektbetonung (vgl. Löffler, 2010).

Merkmale gesprochener Sprache

- Häufigere Parataxe
- Pausen und Wiederholungen
- Konstruktionsbrüche
- Reduzierter Wortschatz
- Abtönungen
- Phonetische Sprecherleichterungen (Schnellsprech-/Allegroformen)
- Nonverbale und paraverbale Mittel sind nicht nur subsidiär sondern treten - anstelle verbaler Äußerungen
- Regionale/dialektale Merkmale

(vgl. Löffler, 2005)

Merkmale geschriebener Sprache:

- längere Sätze
- deutlichere Abgrenzung der Sätze
- Sätze grammatisch „wohlgeformt“
- Grammatische Variationsmöglichkeiten (Stil)
- Hypotaxen (längere Satzgefüge)
- Nominalstil
- festgelegtere Wortstellung

(vgl. Löffler, 2010)

Der wohl größte Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener ist an der Prosodie, also der Tonalität festzumachen. Prosodie beinhaltet die Kategorien Akzent, Rhythmus, Tonhöhe, Lautstärke, Geschwindigkeit und Farbe. Erwähnenswert ist hier auch die unterschiedliche Distanz zwischen Autor bzw. Sprecher und Rezipient. So ist ein Sportkommentatr wesentlich emotionaler als ein geschriebener Bericht. Man redet in diesem Fall von der Sprache der Nähe oder der Distanz (vgl. Gansel, 2011). Doch in meiner Seminararbeit untersuche ich die Sprache hauptsächlich auf syntaktischer Ebene.

Wie zuvor bereits erwähnt, finden wir in geschriebener Sprache meist längere Sätze vor, während sich die gesprochene Sprache im Gros kürzerer Sätze bedient. So besteht ein Satz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus durchschnittlich siebzehn Wörtern. Im Vergleich dazu verwendet der Ottonormalverbraucher sechs Worte in einem Satz, wenn er Pausengespräche führt (vgl. Johannes Schwitalla, 2012). Mit dieser Feststellung wird schon das größte Merkmal in der Unterscheidung dieser beiden Sprachen benannt. Das möchte ich gerne praktisch untersuchen.

Der Kommentar zum Siegtor im WM-Finale

Nachfolgend die Niederschrift des Original-Kommentars von Tom Bartels (ARD) beim Siegtor im WM-Finale 2014:

Schürrle. Der kommt an. Mach ihn! Mach ihn, er macht ihn, Mario Götze. Das ist doch Wahnsinn. Und da ist gekommen dieser eine Moment für Mario Götze. Da ist alles andere egal. Irre! Der Bundespräsident steht. Die Kanzlerin. Das nächste Jokertor für Deutschland. Helmut Rahn, Gerd Müller, Andi Brehme, Mario Götze, ist das die Viererreihe? Es sind noch sieben Minuten, aber Schürrles Einsatz, Schürrles Laufweg, bis auf die Grundlinie, hat das möglich gemacht. Und diese Technik, die er gelernt hat bei Borussia Dortmund, bei Volker Pröpper in der Jugend, mit der Brust angenommen, mit links macht der den rein. Mario Götze. Ein Traum für 80 Millionen Deutsche kann in sieben Minuten wahr sein. Ein Riesentor und wir freuen uns so mit für ihn, für Mario Götze.

Was sich für den Moment während der Live-Berichterstattung für den Zuschauer ganz normal anhört, wirkt in geschriebener Sprache zum Teil sehr fremd. Der Kommentator beginnt mit einem Namen. Dieser kann freistehend als abgeschlossener Satz bzw. eine Ellipse stehen. Für eine Fußballreportage gewöhnlich und häufig. Betrachtet man nun die Textsorte des Spielberichts, ist dieser Satz, das Alleinestehen des Namens Schürrle, nicht denkbar. Zumindest wenn wir von einer seriösen Zeitung ausgehen. Das ist insofern verständlich, als dass es für die Validität einer solchen Ellipse der Livebilder bedarf, welche das Gesprochene des Kommentators ergänzen. Bei einem Spielbericht ist dies nicht der Fall.

„Das Schreiben ist nicht simultan und kontextgebunden. Der Schreiber muss daher den zum Verständnis des Geschriebenen nötigen Kontext zuerst bekannt geben und mitgestalten. Das Ergebnis ist strukturell hoch organisiert und gegliedert.“ (Löffler, 2010)

Nach Löffler seien die Kommunikationspartner bei geschriebenen Texten nicht anwesend. Dadurch werde zeitversetzt kommuniziert. Die bei der gesprochenen Sprache häufig verwendete Ellipse, also die Auslassung von Wörtern oder Satzteilen, geht auf die antike Rhetorik zurück. Sie wurde dort als rhetorisches Mittel eingesetzt. Normgrammatisch gilt die Ellipse als unvollständiger Satz. Dass wie in der Schriftsprache nur ein syntaktisch vollständiger, ein wohlgeformter Satz sei, gilt für die gesprochene Sprache nicht. Grund dafür sei die Ausschöpfung aller Verständigungsressourcen, welche vor allem ein Zurückgreifen auf syntaktische oder semantische Bezüge zu bereits Gesagtem oder bildlichen Handlungsabläufen wie bei einer Fernsehreportage ermöglichen (vgl. Karin Birkner, 2008).

Im zweiten Satz Der kommt an sehen wir erneut einen Unterschied zum geschriebenen Spielbericht. Dieser Satz bedingt die Voraussetzung der Kenntnis, dass ein Ball gemeint ist. Im Kontext der Liveberichterstattung ist das für den Zuschauer klar erkenntlich. Im Spielbericht werden wir einen solchen Satz nicht finden. Selbst in einer ausführlichen schriftlichen Berichterstattung hat dieser Satz keine Relevanz. Lediglich wenn ein Pass zum Mann oder Gegenspieler kommt, der zum Tor oder einer großen Chance führt, wird das im Spielbericht erwähnt. Der Autor des Textes schreibt dann eher Den Pass von Schürrle verarbeitete Götze technisch einwandfrei und schoss die Deutschen elegant zur 1:0 Führung. Der Pass steht also nicht alleine, sondern ist Teil eines erfolgreichen Angriffes und somit relevant.

Im dritten Satz von Tom Bartels sehen wir eine typische Satzform für die Live­Berichterstattung, den Aufforderungssatz. Mach ihn!, sagt der Kommentator. Er fordert eine zentrale Person, die aktiv an den Handlungsabläufen des Geschehens beteiligt ist, auf, etwas zu tun. In diesem Fall rät er dem soeben an den Ball gekommenen Mario Götze dazu, den Ball ins Tor zu schießen. Diese Variante ist sehr umgangssprachlich und wird gerne in der gesprochenen Syntax verwendet. In einem Spielbericht finden wir prinzipiell keine Aufforderungssätze, da das Spiel in der Vergangenheit liegt und ein Befehl an den Spieler der Partie keinen Sinn ergeben würde. Das Wort machen wird in qualitativ hochwertigen Spielberichten nicht verwendet. Wurde ein Tor erzielt, liest man häufig von verwandeltzum 1:0 oder markiert das 1:0 oder bringt den Ball im Tor unter.

Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn. - Auf zwei identische Aufforderungssätze folgt ein klassischer SPO-Satz. Mit Er als Subjekt und Nominativ-Ergänzung zum Prädikat und Verb macht. Als drittes Glied des Satzes folgt mit ihn ein Akkusativobjekt. In geschriebener Form wird ein solch einfacher Satz bei einem Spielbericht nicht verwendet. Hier würde man dann beispielsweise Nach dem Pass von Schürrle beförderte Götze den Ball durch exzellente Brustannahme und Volleyschuss über die Linie ins Tor der Argentinier zur 1:0 Führung der Deutschen. Das ist einleuchtend, denn die schriftilche Form der Berichterstattung soll die Wiedergabe entscheidender Szenen ermöglichen, ohne der Voraussetzung das Spiel im TV verfolgt zu haben.

Als der Ball dann im Tor landet, ruft Kommentator Bartels den Namen des Torschützen: Mario Götze. Geschrieben klingt das sehr unemotional. Doch erinnern wir uns an die Situation, wissen wir, dass Tom Bartels emotional ausgebrochen ist. Er zog den Namen sehr in die Länge und erhob seine Stimme, da er zum einen selbst überwältigt von dem Tor war und zum anderen es sein Job ist, wichtige Momente durch Emotionalität aufzuladen, um sie spannender oder großartiger zu machen, um die Menschen vor dem Fernseher zu begeistern. Schriftlich kennen wir das auch. Ob beim Liveticker einer Onlinezeitung oder privaten Beiträgen im Social Web, das Tooooor oder Maaario Göötzeee sind typische Schreibweisen, die Emotionalität und vor allem Freude ausdrücken sollen. In einem Spielbericht ist die Emotionalität weitesgehend ausgeschlossen. Dort ist dann die Rede von es gab kein Halten mehr oder die Stimmung im Stadion und in den Wohnzimmern kochte über.

Der folgende Satz Das ist doch Wahnsinn ist von eigener Meinung des Kommentators gefärbt. Dass Deutschland ein Tor erzielt, beschreibt er als Wahnsinn. Er möchte damit die unglaubliche Freude ausdrücken. In einem Spielbericht nicht denkbar, denn dieser hat die Funktion der Wiedergabe, frei von eigener Meinung. Syntaktisch gesehen ist dieser Satz eine situative Ellipse, die sich auf das Ereignis des Tores im Spiel bezieht.

Und da ist gekommen dieser eine Moment für Mario Götze. - Geschrieben klingt dieser Satz sehr unsauber. In der Zeitung ist er so nicht vorzufinden. In der 113. Minute kam der eine Moment für Mario Götze, würde in einem Spielbericht präferiert werden. Den meisten Zuschauern im Fernsehen ist diese grammatikalisch ungewohnte Ausdrucksweise nicht aufgefallen. In einer Live-Berichterstattung hört manjeden Satz auch nur einmal, hat keine Chance nachzulesen, um zu überprüfen. Das ist anders bei der geschriebenen Sorte. Die Sätze können hier mehrfach gelesen werden und so drückt sich der Autor weitesgehend so aus, dass der Lesefluss nicht gestört wird. Er hat im Gegensatz zum Kommentator allerdings auch die nötige Zeit dazu, muss Letzterer aus dem Affekt handeln bzw. sprechen. Das Und am Anfang des Satzes dient in diesem Fall nicht als Konjunktion, sondern primär als Gliederungssignal und steht als Abgrenzung (hier von Das ist doch Wahnsinn) von Sinneinheiten. Das Und am Anfang des Satzes ist hier die Konjunktion der parataktischen Konstruktion. Man spricht hier auch von kopulativen (additiven) Beziehungen, welche in den Und-Strukturen der gesprochenen Sprache oft zu beobachten seien (vgl. Alexander Polikarpow, 1997). Jener bezeichnet das hier verwendete Und als kopulativ-expandierend. Der vorangegangen Aussage wird eine neue hinzugefügt, die als Expansion gesehen wird.

Da ist alles andere egal. - Eine Aussage Bartels, die sich auf die Vorgeschichte von Götze bezieht. Sie erlaubt mehrere Interpretationsansätze. Egal sei, dass der Torschütze von Dortmund zu Bayern gewechselt ist, was ihm viele übel nehmen. Doch in dem Moment des Tores seien alle Deutsche und so spiele die Vereinszugehörigkeit keine Rolle. Egal sei auch für Götze, dass er nur als Joker ins Spiel kam, wie so oft bei der WM und Bundestrainer Löw ihm nicht das Vertrauen für die Startelf gab. Und egal sei auch, wie gut oder schlecht Götze vorher im Turnier gespielt habe. Die Kritik an ihm war sehr stark, nicht zuletzt wegen seines Wechsels zum Meisterschaftskonkurrenten der Dortmunder. Zählen würde nur der Moment, will Kommentator Tom Bartels damit aussagen.

Es folgt ein Irre. Bartels drückt mit einer Ellipse erneut die Sensation des Tores aus und emotionalisiert. Das Irre bezieht sich auf einen visuellen Handlungsablauf.

Der Bundespräsident steht. Die Kanzlerin. - Hier schwenkt die Regie mit der Kamera auf jubelnde Prominente, die sich auf der Tribüne im Stadion befinden. In diesem Fall auf Joachim Gauck und Angela Merkel. Der Kommentator beschreibt in diesem Moment auf kürzeste Art und Weise, was er sieht. Eben dass der Bundespräsident steht. Und schiebt dann noch mit die Kanzlerin eine Nominalphrase hinterher, weil sie auch im Bild zu sehen ist. Schriftlich sind diese Sätze in einem Spielbericht undenkbar. Dort würde es eher heißen Nach dem Tor jubelten neben den Tausenden mitgereisten deutschen Fans auch Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel ausgelassen auf den Tribünen des Maracana-Stadions.

Das nächste Jokertor für Deutschland. Ein klassischer Satz, der den Nominalstil pflegt. Hier fehlt ein Verb. Das sind Nominalkonstruktionen, die aus einem substantivischen Kernwort und einem oder mehreren Attributen bestehen (vgl. Frank Jürgens, 1997). Somit entspricht dieser Satz nicht der klassischen Definition eines solchen, welcher mit einem finiten Verb arbeitet.

Helmut Rahn, Gerd Müller, Andi Brehme, Mario Götze - ist das die Viererreihe? Eine Aufzählung, die mit einer Frage abgeschlossen wird. Für einen Spielbericht undenkbar, da keine unmittelbare Kommunikation mit dem Rezipienten stattfindet.

Es sind noch sieben Minuten, aber Schürrles Einsatz, Schürrles Laufweg, bis auf die Grundlinie, hat das möglich gemacht. An diesem Satz erkennt man deutlich, dass die Struktur der gesprochenen Sprache nicht immer Sinn ergibt. Es seien noch sieben Minuten zu spielen. Das ist eine offizielle und vorgeschriebene Regel der FIFA. Tom Bartels sagt jedoch, dass Schürrles Einsatz und Laufweg bis auf die Grundlinie das möglich gemacht hätten. Dabei springt er direkt zum Tor von Mario Götze, auf das er sich in diesem Fall bezieht. So ergibt der Satz in geschriebener Sprache schlichtweg keinen Sinn. Wir erleben hier einen ganz klaren Konstruktionsbruch, der typisch ist für gesprochene Sprache. Das aber nach dem ersten Satzteil spricht für eine Parataxe, welche häufig in der verbalen Kommunikation auftritt.

Und diese Technik, die er gelernt hat bei Borussia Dortmund, bei Volker Pröpper in der Jugend, mit der Brust angenommen, mit links macht der den rein. Die Konjunktion Und zu Beginn spricht erneut für eine Parataxe. Hier ist deutlich erkennbar, dass der Satz nicht im Voraus gepant ist, sondern sich syntaktisch erst im Laufe der schnellen Gedanken entwickelt. Und mit links macht der den rein - das ist schon sehr umgangssprachlich. Der den, zwei bestimmte Artikel, bei denen ein Vorwissen (Nennung von Götze und Ball) notwendig ist, um das verstehen zu können.

Mario Götze. Tom Bartels spricht vorher in einem für ihn längeren Satz über den Torschützen. Als er mit seiner Ausführung fertig ist, erwähnt er noch einmal, um wen es geht. Denn seine Beschreibung war aufMario Götze zugeschnitten.

Ein Traum für 80 Millionen Deutsche kann in sieben Minuten wahr sein. Hier fehlt ein Vollverb und somit wird dieser Satz als Nominalkonstruktion bezeichnet. Oder ist das modale Hilfsverb ausreichend, um den Satz als Verbalkontsruktion zu bezeichnen. Das ist fraglich und da gehen die Meinungen auseinander.

Ein Riesentor und wir freuen uns so mit für ihn, für Mario Götze. Dieser Satz ist eine Kombination aus Nominal- und Verbalstil. Es besteht im Prinzip aus zwei Hauptsätzen, verbunden durch eine Konjunktion. Ein Riesentor ist bereits eine nominalstilisierte Ellipse und könnte bei Tom Bartels auch als alleiniger Satz stehen.

Die beiden Sprachen differenzieren bei Übermittlung der Botschaft durch ungleiche physikalische Kanäle, Visualität versus Akkustik. In diesem Fall sind es der Rundfunk und die (digitalen) Druckmaschinen. Ein Grund für die unterschiedliche Syntax ist auch, dass Geschriebenes aufgrund von Platzmangel in (Online)Zeitungen wesentlich verdichteter und weniger ausschweifend ist. Bei der gesprochenen Fußballreportage hingegen ist es eher schwierig durchgehend zu kommentieren, so können die Sätze auch ohne Limit in die Länge gezogen werden. Der geschriebene Text ist kompakter.

Spielbericht WM-Finale

Exemplarisch dafür habe ich den letzten Abschnitt vom Spielbericht der Sportschau ausgewählt, der noch am selben Abend in der Finalnacht verfasst wurde.

In der zweiten Hälfte der Verlängerung leistete sich dann der bis dahin gut leitende Rizzoli einen schweren Aussetzer. Agüero schlug bei einem Kopfballduell mit der Faust Schweinsteiger das Jochbein blutig - doch der Schiedsrichter verpasste den fälligen Platzverweis für den bereits verwarnten Argentinier. Die Deutschen gaben die Antwort aber auf sportlichem Weg: Schürrle setzt sich in der 113. Minute auf der linken Seite großartig durch, passte auf Götze - der den Ball technisch überragend mitnahm und ins lange Eck vollstreckte. Danach machte Argentinien zwar noch einmal enormen Druck, konnte Neuer und die deutsche Abwehr aber nicht mehr in Verlegenheit bringen. Als Messi in der vierten Minute der Nachspielzeit einen Freistoß über das Tor jagte, war der WM-Pokal ein Deutscher. Dass Messi schließlich noch als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, war seiner Mimik nach zu urteilen allenfalls ein Trostpreis.

Die bedeutendsten Unterschiede

Der wohl auffälligste Unterschied zwischen den beiden Textsorten sind neben der Länge der Sätze auch die Tatsache, dass in geschriebener Form mehr Verben eingesetzt werden. Bei angeführtem Beispiel nämlich in jedem Satz. Bei der Fußballreportage finden wir in etwa nur alle zwei Sätze ein Verb. Das würde die These von Löffler widerlegen, dass in der Schriftsprache eher der Nominalstil gepflegt werde. Zwar werden im Spielbericht Nominalisierungen durchgeführt, doch die Existenz der Verben spricht gegen eine vollständige Kategorisierung der Sätze in Nominalkonstruktionen. Wenn wir uns beispielsweise den Satz des Spielberichtes anschauen: In der zweiten Hälfte der Verlängerung leistete sich dann der bis dahin gut leitende Rizzoli einen schweren Aussetzer. Hier wird mit leisten ein Vollverb verwendet und somit der Verbalstil gepflegt. Wenn nach Löffler in der Schriftsprache eher der Nominalstil verwendet wird, dann hätte man es in diesem Satz machen können. So hieße der Satz dann: Der bis dahin gut leitende Rizzoli dann in der zweiten Hälfte der Verlängerung mit einem schweren Aussetzer. Meiner Meinung nach wird der im Spielbericht der Verbal- mit dem Nominalstil kombiniert. Was injedem Fall beim Vergleich der Texte bestätigt wird, sind die deutlichen Abgrenzungen der Sätze. Ich kann nicht einmal versichern, dass meine aufgeschriebenen Sätze von Bartels auch genau in der Kürze oder Länge gemeint waren. Vielleicht hat er eigentlich öfter Punkte gesetzt, vielleicht auch seltener. Ein großes Problem der gesprochenen Sprache sind eben die fließenden Übergänge, Konstruktionsbrüche und Parataxen.

Die Texte im Analyse-Tool

Die durchschnittliche Satzlänge im Spielbericht beträgt 22,7 Wörter. In dem oben aufgeführten Part der Fußballreportage gebraucht Kommentator Tom Bartels 7,4 Wörter pro Satz. Ein erheblicher Unterschied, der die bereits erwähnte Behauptung, dass sich geschriebene und gesprochene Sprache in der Länge der Sätze stark diffenziert, untermauert. Beide Texte wurden in einem Satzanalyse-Tool geprüft und verglichen. Das Ergebnis zeigt einen Unterschied auf. Die Lesbarkeit der Fußballreportage (Index: 78) sei laut Tool „einfach“ und mit der Werbesprache gleichzustellen. Bartels schreibe mit hoher Sachlichkeit, allerdings eher mit geringerem Informationsgehalt (effektive Worte 41,6%). Der Spielbericht sei laut Analyse-Tool eher einfach verfasst, also für Boulevard und Kinder geeignet. Dadurch wird der Text mit einem Lesbarkeitsindex von 52 (ab 50 abwärts gilt als normal oder auch im Stile einer Onlinezeitung) eine Stufe unter der Fußballreportage eingestuft. Die Sachlichkeit und der Informationsgehalt seien normal. Dieses Tool ist jedoch kritisch zu betrachten. So wird bei Ermittlung der Sachlichkeit, die Verwendung von emotionalen Worten geprüft. Laut des Tools sei die Fußballreportage wesentlich unemotionaler und sachlicher als der Spielbericht. Das klingt paradox und ist es auch. Denn hier werden nur rein faktisch die Wörter berücksichtigt und nicht beispielweise die Aussprache, die Betonung oder gar die Tonhöhe. Aus diesem Grunde würde man niemals glauben, dass ein Spielbericht emotionaler sein kann, als der Kommentator Tom Bartels beim Tor von Mario Götze.

Fazit

Abschließend fasse ich die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zusammen. Wie ich in meinem Vergleich belegt habe, stimmt die Behauptung Löfflers, dass es die verbale Sprache kürzere Sätze verwendet. Ebenso wahr ist, dass die Hypotaxe im Geschriebenen Wort allein schon aufgrund der wesentlich längeren Sätze dominiert, bei gesprochener Sprache wird die Parataxe bevorzugt, was vor allem durch die Konjunktion Und deutlich wird. Der Nominalstil überwiegt nach Löffler in der geschriebenen Sprache. Doch bei der Fußballreportage sind etliche Nominalkonstruktionen vorhanden, so dass ich diese These nicht stütze. Der reduzierte Wortschatz und Konstruktionsbrüche sind in der gesprochenen Sprache jedoch sehr auffällig. Die Syntax in der Fußballberichterstattung ist immer abhängig vom Medium, über das Sprache transportiert wird. Abschließend kann man wohl sagen, dass die Sprechsprache emotionaler und die Schriftsprache informativer ist. So schöpfe ich die neuen Begriffe: Emotionssyntax und Informationssyntax.

Literaturverzeichnis

BIRKNER, Karin: Relativ(satz)konstruktionen im gesprochenen Deutsch, 1. Auflage, Berlin 2008.

BUSSMANN, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart 2008.

DÜRSCHEID, Christa: Syntax - Grundlagen und Theorien, Göttingen 2012.

GANSEL, Christina: Linguistik gesprochene Sprache, Greifswald 2011.

JÜRGENS, Frank: Syntaktische Variation in der Sportberichterstattung. Unter besonderer Berücksichtigung der Hörfunk- und der Fernsehreportage. In: Syntax des gesprochenen Deutsch, Peter Schlobinski, Opladen 1997.

SCHWITALLA, Johannes: Gesprochenes Deutsch - eine Einführung, Berlin 2012.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Syntax in der Fußballberichterstattung
Untertitel
Ein Vergleich zwischen TV und Zeitung
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V286146
ISBN (Buch)
9783656864066
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
syntax, fußballberichterstattung, vergleich, zeitung
Arbeit zitieren
Henoch Förster (Autor), 2014, Syntax in der Fußballberichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286146

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