Mythen und Legenden des Ersten Weltkrieges. Der Nibelungenmythos

Eine Untersuchung der Entstehung kontrafaktischer Narrationen und deren Wirkung auf das Geschichtsbewusstsein


Examensarbeit, 2014

114 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung und Hinführung zum Thema
a.) Der Mythen- und Legendenbegriff
b.) Das kollektive Gedächtnis
c.) Das didaktische Konzept des Geschichtsbewusstseins

3. Die Nibelungenrezeption - vom Heldenlied zum Ursprungsmythos

4. Wagners „Der Ring des Nibelungen“ (1848-1874): Ein zeitgeschichtliches Exempel der Nibelungenrezeption und Wegbereiter einer völkisch- nationalen, germanischen Ideologie

5. Die Nibelungenrezeption vom Beginn des Kaiserreichs bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und ihre Wirkung auf das zeitgenössische Geschichtsbewusstsein, Identität und die Politik
5a) Täuschung oder Aufklärung? Die Ästhetik des Mythos und die Angst vor dem Fremden
5b) Die Verheißung zukünftiger Größe
5c) Der Mythos als Instrument der Herrschaft und der Politik
5d) Die Angst vor dem modernen Krieg - der Weltenbrand
5e) Der Aufbau von Fremd- und Eigencharakterisierungen: Das Motiv der Einkreisung
5f) „Die wirkungsmächtigste Geschichtslegende des 20. Jahrhunderts“: Der Dolchstoß, Rechtfertigung, Trost und Rachegedanken

6. Nibelungen-Didaktik: Beispiele der Mythenrezeption in der Schule

7. Schlussbetrachtung: Der Nibelungenmythos und die Deutschen. Warum brauchen wir Mythen in der Geschichtsdidaktik? Welche Wirkung haben sie auf das Geschichtsbewusstsein?

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Ihnen vorliegende Arbeit widmet sich der Fragestellung, wie Mythen und Legenden sich in ihrem Entstehungsprozess, der sogenannten Mythenmetamorphose1, verändern, dadurch politisch nutzbar werden und Identitäten schaffen. In den zu bearbeitenden Themenbereichen werden dazu die Faktoren, die bei kontrafaktischen Narrationen auf das Geschichtsbewusstsein wirken, herangezogen, um sowohl in der heutigen Gegenwart als auch in der Zeit um und nach dem Ersten Weltkrieg herauszukristallisieren zu können, welches Potential diese Mythen bieten und wie wir als mündige Bürger2 mit ihnen umgehen müssen bzw. wie die Bevölkerung und das Schulsystem in den Anfängen des 20. Jahrhunderts darauf ansprachen und sie umsetzten.

Das Thema bietet sich m.E. aus mehreren Gründen an. Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges jähren sich im Jahre 2014 zum 100. Mal. Dieser Krieg wurde als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“3 bezeichnet und verweist somit auf nachfolgende, noch drastischere Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Die auf Fakten beruhenden Geschichtsdarstellungen, soweit wir von „Fakten“ in der Geschichtswissenschaft reden können, dürften weitgehend durch unzählige Darstellungen in Literatur und Medien sowie durch den Schulunterricht bekannt sein. Das Ziel der Arbeit entspringt deshalb vielmehr dem Gedanken, „entstand die Urkatastrophe aus einem Ursprungsmythos“?

Kontrafaktische Narrationen bergen ein großes Deutungspotential und sind oftmals verbunden mit einer größeren Sympathie des Lesers als beispielsweise die „kalten wissenschaftlichen Fakten“4. Wir sehen uns heute in einer Welt, die scheinbar mythenbefreit ist. Doch dieser Schluss irrt. Selbst heute sind wir teils unbewusst verwoben in mythischem Stereotypdenken. Viel bedeutsamer für die Ihnen vorliegende Arbeit ist jedoch die Tatsache, wie virulent und wirksam solche kontrafaktischen Narrationen in der Zeit des Kriegsausbruches waren. Wie konnte ein Volk, das bereits über einen hohen technischen Fortschritt verfügte, immer noch oder gar speziell erst zu diesem Zeitpunkt, derart archaische Denkmuster verfolgen? Ein Schwerpunkt der Arbeit soll deshalb der Empathie gelten, die Teil des Geschichtsbewusstseins ist. Aus Empathie soll sich ein Zeitbewusstsein entwickeln. Die Fähigkeit sich in historische Gegebenheiten hineinzuversetzen und sie aus einem bestimmten Kontext heraus zu beurteilen, ist elementar für eine erfolgreiche Teilnahme sowohl am Geschichtsunterricht als auch am Weltgeschehen.

Es soll vorab geklärt werden, wie die Begriffe „Mythos“ und „Legende“ zu verstehen sind. Dies ist unerlässlich, um eine Basis zu schaffen, welche Art von kontrafaktischer Narration im Text untersucht wird, wie sie sich konstruiert und grundsätzlich wirkt. Dazu werden u.a. Definitionen von Otfrid Ehrismann, Matthias Teichert, Karl Kerenyi, Bernhard R. Martin und Hans Blumenberg Verwendung finden. Da Mythen Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft sind, soll das Modell von Jan und Aleida Assmann hierzu als Verdeutlichung der Konstruktion von geschichtlichen Erinnerungen herangezogen werden und einen Einblick verleihen, wie die Tradierung von mythischen Gedächtnissen von statten geht.

Wie präsent waren Mythen in der Zeit um den Ersten Weltkrieg? Didaktisches Ziel muss es hierbei sein, mit den Schülerinnen und Schülern5 ein Geschichtsbewusstsein heranzubilden, das das Zeitverstehen empathischer werden lässt, ohne jedoch naiv und kritiklos die Geschehnisse zu kommentieren. Die Ebenen des Geschichtsbewusstseins sollen hier eine knappe Erläuterung erfahren und mit dem historischen Zeitgeschehen in Verbindung gesetzt werden.6 Die SuS erhalten durch solche reflektierten Informationen Einblick in einen Zeitabschnitt, der geprägt war durch Propaganda, Zukunfts- und Kriegsangst, Identitätssuche sowie den Zwiespalt zwischen mythisch bzw. heldisch verklärter Vorzeit und Modernität und Massenstaat.

Diesen Jahren vorangegangen war die Reichseinigung, die es mit sich brachte, ein „Stück“ positiver „eigener Vergangenheit“ zu finden, um die Nation zu legitimieren.7 Deutschland war hierbei eine Art Sonderfall, denn im Gegensatz zu Frankreich besaß es keinen Überfluss an nationalen Mythen (wie beispielsweise der Sturm auf die Bastille etc.).8 Es gilt deshalb herauszufinden, wie der Nibelungenmythos es schaffen konnte, von einer höfischen Erzählung zum nationalen Ursprungsmythos zu werden. Der Nibelungenmythos eignet sich m.E. für eine Betrachtung des Mythenverständnisses der Weltkriegszeit deshalb in besonderem Maße, da er durch seine ständige Metamorphose als Beispiel für den Konstruktcharakter von Geschichte funktioniert. Durch eine Vielzahl von Autoren erfuhr er eine Interpretation und Darstellung, was uns somit einen detaillierten Einblick in die jeweilige Rezeptions- und Zeitgeschichte gibt. Sowohl in der Propaganda des Ersten als auch des Zweiten Weltkrieges wurde der Mythos aufgegriffen und instrumentalisiert bzw. gilt sogar als unweigerliche „Brücke“ zwischen beiden. Die Ergebnisse seiner Deutung im Ersten Weltkrieg bedingen demnach den weiteren Verlauf der Geschichte und den Umgang der Deutschen mit ihrer Situation als unglückliche und „unbesiegte“ Verlierer des Krieges. Als Beispiel hierfür wird die Dolchstoßlegende dargestellt, wobei gezeigt werden soll, wie auch sie eine Verzerrung des Nibelungenmythos ist, die durch Auslassungen, fehlerhaften Zuschreibungen und Umdeutungen entstand. Neben einigen anderen maßgeblichen Autoren der Nibelungen Dichtungen wie Johann Jacob Bodmer, Friedrich Heinrich von der Hagen, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Felix Dahn, Karl Lachmann, Emanuel Geibel, Georg Herwegh, Wilhelm Jordan, Josef Weinheber, Franz von Liszt u.a. wird speziell ein Schwerpunkt auf Richard Wagners Nibelungen Adaption bzw. Neuinterpretation gelegt werden. Wagner bietet sich m.E. aufgrund der zeitlichen Nähe zu den beginnenden Nationalisierungstendenzen vor dem Ersten Weltkrieg und seiner Popularität sowohl im Volk als auch in der Obrigkeit als Exempel an. Seine eigenen Interpretationen des Nibelungenliedes hat er oftmals mit Kommentaren versehen, was es erleichtert, seine Intentionen und sein Weltbild zu verstehen. Wagner soll somit als ein Vertreter seiner Zeit als Einblick dienen, wie präsent der Mythos in der Gesellschaft war und wie die Bevölkerung ihre eigene Identität bzw. Alterität, ihr Geschichtsbewusstsein und ihre Zukunftssehnsüchte auf ihn projizierte bzw. auch durch ihn erhielt. Diese Wechselwirkung ist maßgeblich für den Nibelungenmythos. Er wurde als Leitfaden zur tugendhaften Erziehung bereits sehr früh9 in der Pädagogik benutzt, wobei er im Laufe der Jahrhunderte unzählige Neuinterpretationen bis hin zur schieren Unkenntlichkeit der ursprünglichen Textabsicht erfuhr. Es gilt herauszufinden, in welche Relation sich diese Änderungen der Rezeption und Produktion des Ursprungstextes mit historischen Ereignissen bringen lassen können. Des Weiteren sparte die künstlerische, wissenschaftliche und politische Umwelt Richard Wagners nicht an positiven wie negativen Kommentaren, die für meine Untersuchungen eine optimale Grundlage bieten können, um den Zeitgeist zu erfassen.

Die „allgemeine Kriegsbegeisterung“ oder speziell in der nachfolgenden literarischen und historiografischen Rezeption oft auch als der „Geist von 1914“ firmierte kriegerisch, nationale Stimmung, leitete sich von verschiedensten Faktoren ab.10 Beigetragen hatte der Nibelungenmythos durch seine bereits bis auf Tacitus zurückzuführenden germanischen, den Kampf und die Treue verherrlichenden Tugenden, dazu allemal. Hier soll untersucht werden, wie der Mythos auf die militärische Ordnung einwirkt und beispielsweise auch versucht, den Umgang mit der neuartigen Situation des hochtechnisierten, in Anonymität versinkenden modernen Krieges „sinnstiftend“ und „heroisch“ zu gestaltet.

Abgeschlossen wird dieser Themenbereich mit einem Blick auf das traumatische Ende des Nibelungenmythos durch die Rede von Hermann Göring anlässlich des zehnten Jahrestag (30. Januar 1943) der nationalsozialistischen Machtergreifung und der prekären Situation der deutschen Soldaten in Stalingrad.

Die Nibelungenrezeption in der Pädagogik wird durch Darstellungen von Aufgabenstellungen, Lehrplänen, zeitgenössischen Diskursen und im Unterricht erwähnten Themenbereichen veranschaulicht. Hierzu werde ich unter anderem auf Otfried Ehrismanns Abhandlung über das „Nibelungenlied in der Schule“11 eingehen und konkrete historische Quellen aus Joachim Heinzles Werk „Mythos Nibelungen“ zur Illustration heranziehen.

In der Schlussbetrachtung soll die Bedeutung des Themas für das historische Lernen sichtbar werden. Im Speziellen bedeutet dies, eine Darstellung dessen, was die SuS aus der Rezeptionsgeschichte des Mythos herausziehen müssen, um die historische Situation des letzten Kaiserreichs einschätzen zu können. Die SuS sollen mit Hilfe ihres Geschichtsbewusstseins ein eigenes, weitgehend facettenreiches und objektives Gesellschaftsbild der damaligen Zeit entwerfen können. Eigene Einschätzungen zur Relevanz des Themenbereichs „Mythen“ für die Arbeit mit den SuS an Gesellschaftsdarstellungen und Erklärungen für historische Ereignisse der Kriegs- und Vorkriegsjahre sowie die Sichtbarmachung der beständigen Aktualität von Mythen sollen ebenfalls in die Schlussbetrachtung einfließen.

2. Begriffsklärung und Hinführung zum Thema

a.) Der Mythen- und Legendenbegriff

Mythen, Geschichte und Identität stehen in einem subtilen und nicht immer trennscharfen Verhältnis zueinander. Peter März zeigt mit seiner These „Es gibt nicht einfach den schlechten, belastenden Mythos und die gute Geschichte.“12, sehr anschaulich einen weitverbreiteten, modernen Irrtum und das generelle Problem des Umgangs mit kontrafaktischen Narrationen. Nach März gebe es vielmehr eine Vielzahl Elemente, die in Bezug zueinander stehen. Eine Narration vergangener Ereignisse sei dabei geprägt durch die Art des Ereignisses selbst, die Personen, Struktur, Sinngehalt, Geschichte und Metageschichte, Absicht der Erzählung und mitunter eine legitimierende Verklärung.13 Da der Geschichtsprozess in den seltensten Fällen eindeutig ist - aufgrund seiner Auswahl, Gewichtung und Bewertung der überlieferten Informationen ein Konstrukt darstellt-, scheint es von Vorteil, von einem gemeinsamen Raum auszugehen, in dem die historischen Ereignisse einer näheren Untersuchung unterworfen werden. März subsumiert in diesem „Raum“-Begriff deshalb die Bereiche Mythos, Geschichtsbild und Geschichtsprozess.14 Dieses Vorgehen bietet sich nicht nur in meiner Darstellung der Mythen des Ersten Weltkrieges an, sondern eignet sich auch in der Schuldidaktik. Die SuS sollen verstehen lernen, wie sie die Eindrücke über historische Ereignisse zuordnen und miteinander in Relation setzen können. Ein Fehler hierbei wäre beispielsweise, den Mythenbereich völlig auszublenden, ihn nicht in das eigene Geschichtsbewusstsein zu integrieren, nur weil er auf den ersten Blick nicht „faktenbezogen“ ist. Dazu müssen die SuS einen Mythos aber erst einmal erkennen, seine Absicht und Wirkung verstehen.

Was aber ist das Wesen eines Mythos? Matthias Teichert empfiehlt hier, nicht nach dem „inneren Wesen“ des Mythos, also einer starren Definition, suchen zu wollen. Vielmehr solle man sich dem Phänomen Mythos über eine Beschreibung seiner narrativen Strukturen und kulturellen Funktionen nähern.15 Diese Intention bzw. Herangehensweise verfolgte bereits der kanadische Literaturkritiker Northrop Frye im Jahre 1977:

„Vom Inhalt her gesehen wird sofort offenbar, daß Mythen keine Geschichten sind, die nur zum Vergnügen erzählt wurden: Es sind Geschichten, die dazu dienen, gewisse Erscheinungen in der Gesellschaft, zu der sie gehören, zu erklären. Sie erläutern, warum Rituale vollzogen wurden; sie legen Rechenschaft über den Ursprung des Gesetzes, des Totems, der Stämme, der aufstrebenden sozialen Klasse und der aus früheren Revolutionen oder Eroberungen hervorgegangenen sozialen Struktur ab.“16

Die Textfunktion des Mythos ist eine hermeneutische. Dies hat er mit der Gattung Legende gemein. Die beiden Begriffe werden im Sprachgebrauch nicht trennscharf verwendet. Laut Gilbert Durand sei der Mythosbegriff derart facettenreich, dass dieser nahezu den „ganzen Bereich des Imaginären“ umfasse.17 Eine (jedoch nicht immer verbindliche) Einschränkung wird beispielsweise von Andreas Dörner postuliert. Der Mythos sei ein „kollektiv verankerter, deutungskulturell gepflegter politischer Sinngenerator“, wohingegen die Legende „spielerischer und unverbindlicher“ mit dem Wirklichkeitsbezug des Plots umgehen würde18: Somit sei der Mythos, der eine kollektive politische Wirkung entfalte, darin von der Legende zu unterscheiden, dass diese sich eher auf den privaten Bereich (familiären Diskurse) und Fantasien beschränke. Doch auch dieser Abgrenzungsversuch schlägt speziell bei den bis in die Moderne reichenden Mythen wie dem Nibelungenlied fehl. Aus ihm entstammte schließlich die Dolchstoßlegende, die keinesfalls als Fantasiegespinst im privaten Bereich rezipiert werden wollte, sondern bewusst politisch motiviert war. Aufgrund der geringen Unterschiede zwischen den Textsorten und der Tatsache, dass dies keine gattungsgeschichtliche sondern eine geschichtsdidaktische Examensarbeit ist, werde ich nicht näher auf etwaige semantische Unterschiede eingehen.

Ein Mythos deutet Phänomene und Zustände, die für die Existenz des Menschen von elementarer Bedeutung sind. Die Erzählung spielt sich dabei laut Teichert auf einer „vorrationalen, nicht-analytischen“19 Ebene ab und vermittelt eine „Ansicht des Weltganzen“20. Anders als bei vielen griechischen Sagen, bedienten sich germanische Mythen nicht zwangsläufig einer greifbaren „Wirkung von Göttern in Natur- und Menschenwelt“21. Die Götter zeigten sich somit nicht notwendigerweise als konkret vorkommende Personen in der Handlung, vielmehr wirkten sie in Form von Archai. So werde ein regelhafter Naturablauf auf ein Urgeschehen, eben eine Arche zurückgeführt, in dem eine Gottheit eine Abfolge von Ereignissen hervorruft, die sich dann beständig identisch wiederholen.22 Carl-Friedrich Geyer erweitert dieses auf die Vergangenheit bezogene Mythenverständnis mit einem wichtigen Hinweis, der bereits auch in meiner Einleitung betont wurde: Die immer noch vorhandene Aktualität von Mythen in der modernen Gesellschaft.

„Auch gegenwärtig haben […] kulturelle, politische und gesellschaftliche Selbstverständnisse an vorrationalen Annahmen Anteil, die deshalb noch nicht ohne weiteres als irrational, regressiv, unzeitgemäß oder abgelebt auszugrenzen wären. Manche solcher Annahmen sind als gleichsam alle Kulturen bestimmende Grundvoraussetzungen menschlicher Welt- und Selbstverhältnisse Allgemeinbesitz der Menschheit geworden, andere Traditionen, denen wir in unterschiedlicher Prägekraft in der Religion oder in der Philosophie, in der Kunst oder in der Literatur begegnen. Für die archaische Zeit nennen wir diese Annahmen […] Mythen. Im Rückgriff auf sie, und sei es nur im Sinne von Vorbildern, heißen auch gegenwärtig narrative, in der Weise des Erzählens strukturierte Aussagen über Mensch und Welt ‚Mythen‘, einmal hinsichtlich der Vorbildfunktion des ursprünglichen Mythos, zum anderen hinsichtlich eines dem archaischen Mythos durchaus vergleichbaren Verbindlichkeitsanspruches.“23

Geyer spricht dabei das „mythologische Missverständnis“ an, also die Tatsache, dass die moderne Gesellschaft bzw. Wissenschaft oftmals falsche Maßstäbe angelegt hat, um Mythen und ihren Erklärungen auf den Grund zu gehen. Sagen, Mythen und Legenden waren meist schon zu ihrer Entstehungszeit nicht wissenschaftlich, sondern handlungsanleitend/ pragmatisch und interpretativ. Ihr Inhalt konnte somit nur über eine große Zeitspanne hinweg bedeutsam und anwendbar sein, wenn er eben kein Konkretum darstellte bzw. transrational/metaphysisch blieb. Im Fall des Nibelungenmythos wird diese, die Fantasie des Lesers anregende, Vagheit gleich durch mehrere Faktoren erreicht. Einer davon wäre beispielsweise die Lückenhaftigkeit der Texteditionen, die den Rezipienten geradezu zwingt, sich eigenständig einen Reim daraus zu bilden.24

Karl Kerenyi spricht vom Mythos als etwas Lebendigem, Beweglichem und „Verwandlungsfähigem“25. Er durchläuft „Metamorphosen, Mutationen“26, also sprunghafte spontane Veränderungen, bleibt jedoch in seiner Kernsubstanz konstant. Wichtig dabei ist, dass diese Textform eine Bearbeitung der Wirklichkeit darstellt, die jedoch nicht abgeschlossen ist.27 Wäre die Bearbeitung bzw. die Geschichte abgeschlossen, so wäre der Mythos tot. Als Exempel kann hier der „Tod“ des Nibelungenmythos durch die menschenverachtende Propaganda des Zweiten Weltkrieges, bzw. speziell durch Görings Stalingradappell dienen, in dem die Geschichte ihrem prophezeiten Ende zugeführt wurde. Die beiden Eigenschaften des Mythos (beständiger narrativer Kern + Variationsfähigkeit) bilden eine Synthese, die einen großen Reiz auf den Leser auswirkt und ihn sympathisch werden lässt.

„Ihre Beständigkeit ergibt den Reiz, ihn auch in bildnerischer oder ritueller Darstellung wiederzuerkennen, ihre Veränderbarkeit den Reiz der Erprobung neuer und eigener Mittel der Darbietung.“28

Richard Wagners Sympathie für den Nibelungenstoff und seine Idee einer Adaption bzw. Neuinterpretation des Ursprungsmythos speiste sich beispielsweise aus diesen zwei Reizen.

Kontrafaktische Narrationen versuchen, gleichsam wie die Wissenschaft, die Umwelt des Menschen zu strukturieren. Gerät der Mensch in eine Situation, in der er sich „übermächtigen, schweigenden, amorphen und namenlosen“ Kräften gegenüber sieht, so wird er versuchen, überschaubare, gesetzmäßig wiederkehrende Strukturen zu finden, um zuversichtlich diese Probleme bewältigen zu können.29 Als ein „System des Willkürentzugs“ leisten Mythen, Legenden und Sagen somit eine Supposition des Vertrauten für das Unvertraute.30 Dies ist Voraussetzung für das Verständnis, warum gerade in Krisensituationen Mythen an Bedeutung gewannen. Dabei ist irrelevant, ob es sich um eine innere Krise (Reichsgründung 1871 und die damit verbundene Suche nach nationaler Einheit) oder um äußere Krisen wie die Befreiungskriege (1813-1815) bzw. in besonderem Maße die zwei Weltkriege handelt - der Mythos bleibt ein universales Instrument. Der Zyklus der ewigen Wiederkehr, der sich auch in einer Vielzahl von rituellen und religiösen Narrationen wiederfindet, hilft dem Menschen darüber hinaus auch sein Scheitern als nicht endgültig und definitiv zu betrachten.31 Durch diesen Optimismus-Glauben wurde der Nibelungenmythos zu einer universellen Propagandawaffe, die die Revisionspolitik aggressiv vorantrieb, Fehler vergessen ließ und als self-fulfilling prophecy vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg führte.

Die Geschichte der Völker wird auf den Mythos selbst bzw. dessen musterhafte Handlung und die Personen übertragen.

„Der Mensch durchlebt in einer Kette ständiger Wiederholungen die sinnstiftenden Ereignisse des Mythos neu und entgeht damit der Gefährdung durch die Geschichte. Menschliche Handlung ist im Rahmen eines mythischen Weltverständnisses nur bedeutend, insofern sie mit einem im Mythos vorgegebenen Archetyp in Übereinstimmung gebracht werden kann.“32

Dies bedeutet, der Mythos und die Geschichte „belegen“ und legitimieren sich wechselseitig. Historische Personen, Ereignisse und Taten werden mythisch aufgeladen, mit dem Mythos in Synthese gebracht: Exemplarische Heroen entstehen, wie beispielsweise der Bismarck-Siegfried33. Historische Ereignisse werden darüber hinaus zu exemplarischen Kategorien des Mythos.34 Nach Martin dienen diese durch den Mythos transformierten, d.h. seinen antigeschichtlichen Denkstrukturen angepassten Ereignisse, wiederum als Beleg des geltenden Grundmythos.35

Das Nibelungenlied wurde über die Jahrhunderte zum sogenannte Grund- oder Ursprungsmythos. Einher gehen somit nicht nur die schon beschriebenen „Handlungsanleitungen“, die zyklische Wiederkehr der Ereignisse und der damit verbundene optimistische Zukunftsglaube, sondern auch das allgemeine Welt- und Menschenbild wie auch das menschliche Selbstverständnis einer jeweiligen Epoche. Damit kann ein Mythos prägend wirken auf gesellschaftliches Stereotypdenken, Identitäts- und Alteritätsverständnisse. Ersichtlich wird dies an der im Textverlauf folgenden Darstellung der Politisierung des Nibelungenmythos und seiner Metamorphose vom höfischen Liedgut bis hin zu den nationalen bzw. gar nationalistischen Identitätskonzepten. Ein Ursprungsmythos vereint auf diese Weise sowohl den Verhaltens- als auch den Wertecodex der Bevölkerung, die sich seiner bedient.

Jan und Aleida Assmann charakterisieren das nahezu unbegrenzte Potential der Mythen in ihren sieben Mythos-Begriffen36 m. E. am differenziertesten. Ihre Kernaussagen können deshalb als Zwischenfazit dienen: Mythen sind nach Assmann zeitbedingte Einkleidungen einer zeitlosen Wahrheit, deren Allegorese immer neu interpretiert werden muss, um wirksam zu bleiben. Sie sind fundierende, legitimierende und weltmodellierende Erzählungen, die mentalitätsspezifische Leitbilder, kollektives Handeln und Denken prägen („kollektives Identifikationsangebot“). Die Tradierung, Um- und Neudeutung geschieht dabei derart unterbewusst, dass Assmann von einer Empraxis spricht, also etwas das „wie von selbst“ von statten geht.

Mythen seien somit „große Entwürfe der Welt-, Geschichts-, und Naturdeutung, die durch ihr holistisches Pathos die Grenzen des auf Reduktion und schrittweise Vorgehen angelegten wissenschaftlichen Diskurses überschreiten“. Speziell dieser letzte Satz ist essentiell für das Verständnis des enormen Einflusspotentials des Mythos-Gedankens auf die Gesellschaft. Der Mythos ist auf die Theorie des Holismus anwendbar: Ein System kann nur verstanden werden, wenn es als Ganzes gesehen wird und nicht als Zusammenspiel seiner Teile. Der Vorteil gegenüber der Wissenschaft ist somit eindeutig. Er erklärt nicht nur die „Einzelteile“37 der Umwelt, die der Mensch trotz allem noch eigenständig in eine für ihn logische Synthese bringen muss, sondern erschafft ein fertiges, rundes Bild des „Ganzen“. Doch nicht nur die Komplexitätsreduktion macht den Reiz der Mythen aus. Eingekleidet in eine emotionale Handlung und durch die Verwendung von sympathischen Personen, in die sich jeder Rezipient hineinversetzen kann, wird ein Mythos nicht selten interessanter als die „kühle“ Wissenschaft.

b.) Das kollektive Gedächtnis

Ein Mythos ist jedoch nicht nur ein Instrument der Klärung und Bewältigung historischer Erfahrungen. Jan und Aleida Assmann forschten beispielsweise über die Funktion von Narrativen als Medien der Bewahrung und des Erinnerns in einem Kollektiv (Nation, Stamm etc.). Ihre Forschung38 untersuchte, wie sich Narrationen tradieren, wie sukzessiv eine „umerzählende Aneignung des Geschehens“39 eingesetzt hat. Assmann unterscheidet dabei zwischen dem kommunikativen Gedächtnis und dem kulturellen Gedächtnis.

Das kommunikative Gedächtnis umfasst dabei Erinnerungen, „die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt“40. Diese Form der Tradierung ist temporär, da sie mündlicher Natur ist (beispielsweise Gespräche mit Freunden, den Eltern etc.). Mit dem Tod seiner Träger erlischt das Wissen deshalb bzw. weicht einem neuen Modus der historischen Wahrnehmung, dem kulturellen Gedächtnis. Im kulturellen Gedächtnis geschieht nun ein ganz ähnlicher Prozess wie bei dem der Mythenbildung: Die Vergangenheit „gerinnt zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet“41. Diese „symbolischen Figuren“ nennt Assmann „Mythos“.

Die Krux bei der Feststellung der beiden „Gedächtnis-Rahmen“42 ist nicht die definitorische Abgrenzung der Begriffe, sondern die praktische Anwendung in der historischen Wirklichkeit. Erinnerung ist darauf angelegt, das Erinnerte in einer bestimmten Weise deutend zu ordnen und zu formen. Dieses Erinnern ist von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, wie beispielsweise die mit der Information verbundenen Emotionen und der Deixis des Ereignisses bzw. des Sprechaktes.

„Man ist sich einig, dass Emotionen und Affekte die wichtigsten Verstärker der Wahrnehmung sind und damit zugleich auch deren Erinnerungskraft befördern. Auch die ersten Eindrücke, an die wir uns erinnern können, sind in Bildern verdichtet, zu denen wir erst nachträglich eine Geschichte hinzuerfinden. Diese ersten Bilderinnerungen existieren nicht in absoluter Selbstgenügsamkeit; bei ihnen spielt vielmehr die Interaktion mit den Erinnerungen anderer Familienmitglieder und dem Familien-Album eine wichtige Rolle. […] Damit ein Bild überhaupt in der Erinnerung haften bleibt, muss es nicht nur öfters wiederholt werden, sondern auch mit starken Affekten beladen sein. Freude, Schrecken, Überraschung, Sehnsucht - all das sind Gefühle, die den Impact-Faktor, und das heißt: die Durchschlags- und Erinnerungskraft von Bildern ausmachen.“43

Assmanns These ist erstaunlicherweise nicht erst das Produkt aktueller Hirnforschung, sondern bereits Grundwissen der antiken römischen Mnemotechnik44, die affekthaltige Bilder als Gedächtnisstützen eingesetzt hat. Die bilderreichen und emotional aufgeladenen Mythen bedienen sich somit bewusst durch ihren Narrationsstil dieser Impact-Faktoren.

Der Übergang zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis ist sukzessiv. Das „biologisch bedingte Erlöschen des kommunikativen Gedächtnisses markiert keinen Wendepunkt, sondern den Abschluss einer Entwicklung“45. Die Informationen müssen ins kulturelle Erbe übergegangen sein, bevor der letzte Zeitzeuge stirbt, sonst sind sie für die Nachwelt verloren. Das kollektive Gedächtnis einer Nation setzt sich somit aus dem aktuellen kommunikativen, wie auch dem kulturellen Gedächtnis zusammen. Es bildet die Basis für gruppenspezifisches Verhalten zwischen ihren Angehörigen, da es dem Einzelnen ermöglicht, sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede herauszuarbeiten (Identitäts- und Alteritätserfahrung).

c.) Das didaktische Konzept des Geschichtsbewusstseins

„Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft gesehen mag unser Bild von Geschichte in einem allmählichen Prozess immer zuverlässiger und vollständiger werden, aus der Perspektive von Individuen, Generationen, Massenmedien und öffentlichen Darstellungen dagegen präsentiert sie sich als ein permanenter Revisionsprozess.“46

In der Alltagskommunikation geschieht der Meinungsbildungsprozess in einem Zusammenspiel zwischen eigenen Eindrücken, Interpretationen, Erinnerungen und denen anderer Personen. Die Erinnerung an die „eigene, historische“ Vergangenheit ist in demokratischen Staaten „zur maßgeblichen geschichtszeitlichen Orientierung geworden“.47 Wenn die Individuen einer Gesellschaft einen „unmittelbaren Bezug“ zu den Erinnerungen herstellen können, sind sie „Teilhaber an der Erinnerungskultur“.48 Ohne persönlichen Bezug handelt es sich lediglich um reines Geschichtswissen. Mythen und Legenden prägen dabei in emotionaler Weise das Geschichtsbewusstsein.

„Legenden sind angenehmer als die Wirklichkeit. Sie stellen das Selbstbild nicht in Frage, sondern bestätigen es. […] Die Neigung zur Umdeutung der Vergangenheit, zu ihrer Angleichung an die politischen Bedürfnisse der Gegenwart ist universal.“49

Wie können wir also vermeiden, die Vergangenheitsdeutung zu subjektiv, emotional und kontextentbunden zu sehen und uns ein mündiges, multiperspektivisches, differenziertes Geschichtsbild entwerfen? Das didaktische Konzept des Geschichtsbewusstseins ist ein Zentralbegriff der Geschichtsdidaktik geworden und umfasst mittlerweile eine Vielzahl von Faktoren, die zur Errichtung eben diesen komplexen Geschichtsbildes führen sollen. Jörn Rüsen und Bodo von Borries unterscheiden dabei zwischen den Schichten der Kodierung (Biographische Erfahrung, soziales Gedächtnis, kulturelle Überlieferung/ Mythen, methodisierte Wissenschaft), Figuren oder Typen der Sinnbildung, Verknüpfung von Zeitebenen (Vergangenheitsdeutung, Gegenwartswahrnehmung, Zukunftserwartung), Operationen (Wahrnehmung, Deutung, Orientierung) und den „Modi der Verarbeitung“ (wie Einsicht, moralische Entscheidung, emotionale Bewegtheit, ästhetische Anschauung).50 Geschichtsbewusstsein spiegelt somit die Fähigkeit wieder, eine möglichst exakte Auflistung und systematische Ordnung der für die historische Sinnbildung maßgeblichen Deutungsmuster, vorzunehmen.

Rüsens Theorie über das Geschichtsbewusstsein eignet sich in besonderem Maße für einen Vergleich mit der Thematik der Examensarbeit, da ein wichtiger Pfeiler seiner Argumentation - die Narrative Kompetenz bzw. das historische Erzählen - maßgeblich zum Erwerb einer historischen Identität beitragen kann.51 Durch die Narration wird ein Sinn für die Kontinuität in der Geschichte geschaffen, der sich in verschiedenen Sozialisations- und Individuationsetappen herausbildet und von den SuS als eine Art lebensweltliche und zeitlich-perspektivische Orientierung in der Gegenwart genutzt werden kann.52 Ein Mythos versucht genau dasselbe zu erreichen. Die beim historischen Erzählen wie auch beim Mythos vor- und metasprachlichen Elemente wie Gefühle oder Imaginationen spielen laut Rüsen eine wesentliche Rolle in der deutenden Aneignung der Vergangenheit als „kultureller Orientierungsfaktor Geschichte“.53 Das Selbst- und Weltbild ist nach Jürgen Straub Teil einer „soziokulturellen Wirklichkeit“, es entsteht durch Kommunikation und Interaktion mit der Umwelt und die kognitive Leistung des Individuums, „Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit“ in diesen erhaltenen Informationen zu erkennen und sie für sich zu interpretieren.54

„Jede konkrete Konstruktion temporal sinnhafter Tatbestände und Ordnungen ist dabei ein Erzeugnis, für oder gegen das nicht eine unabhängig von menschlichen Handlungen bestehende Realität spricht.“55

Straub spricht hier die Leistung des Geschichtsbewusstseins an, zu erkennen, dass „Vergangenheit“ ein aus der Perspektive der Gegenwart gebildetes narratives Konstrukt ist. Der Aspekt der Identität ist speziell in einer Zeit der Globalisierung ein nicht zu unterschätzendes Problemfeld. Eine „musterhafte“ Identität darf den SuS seitens der Lehrkraft niemals aufoktroyiert werden, immerhin sollten im Unterricht die drei Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses herrschen. Didaktisches Ziel muss es deshalb sein, die Flut von soziokulturellen Eindrücken, mit der die SuS täglich konfrontiert sind, produktiv zu nutzen. Speziell der Bereich der Mythenbildung zeigt uns jedoch, wie attraktiv „einfache Lösungen“ zur Erstellung einer Identität und eines Weltbildes sein können. Sie sind jedoch mit rückwärtsgewandten, naiven Sehnsüchten nach Beständigkeit verbunden, die nicht mehr zeitgemäß sind.56 Wer nicht leichtgläubig musterhaften Deutungen und Sinnstiftungen ausgeliefert sein will, der benötigt sowohl ein politisches als auch ein geschichtliches Bewusstsein. Dabei ist die Erlangung dieses Bewusstseins kein endlicher Prozess, vielmehr ist es lebenslanges Lernen und immer wiederkehrende Umbildung.57

„Historisches Bewusstsein stellt die Einheit der Wirklichkeit in zeitlicher Hinsicht, ihre Kontinuität, gerade nicht als Beständigkeit der Bestände her, sondern als zeitliche Relationierung unterschiedlicher Bestände. Nur in Differenzen ist Kontinuität fassbar - eben das konstituiert Zeitlichkeit. Zeitliche Verknüpfung, Relationierung beruht auf der Organisation von Differenzen, nicht im Aufspüren von Identität(en)58.“59

Das Geschichtsbewusstsein umfasst somit neben der kulturellen Überlieferung, der nationalen oder kollektiven Tradition des Geschichtsverständnisses, auch aktuelle Erlebnisse und Empfindungen sowie vor allem momentane Bedürfnislagen nach psychischer und sozialer Verarbeitung von Gegenwartsproblemen.60

Die Sinnbildungen, die die SuS aus der Vergangenheit ziehen können, unterscheidet Rüsen des Weiteren in den drei Dimensionen „kognitiv“, „politisch“ und „ästhetisch“.61 Die kognitive Dimension strukturiert sich nach Wahrheitskriterien62, die politische nach Machtverteilungs-Kriterien und die ästhetische nach Schönheitskriterien bzw. sie zielt auf die Art der künstlerischen Umsetzung/ Aufbereitung von Geschichte ab.63 Zu bedenken ist jedoch, dass Rüsens Dimensionen nicht getrennt voneinander wirksam werden. Vielmehr sind sie komplex verwoben und prägen in dieser Synthese unser Geschichtsbild bzw. unsere Geschichtskultur.64

Ein weiteres Modell einer möglichen Strukturierung des weiten Begriffes „Geschichtsbewusstsein“, ist der Vorschlag von Hans-Jürgen Pandel. Pandel unterscheidet sieben Dimensionen bzw. Kategorien. Diese Kategorien sind wiederrum aufteilbar in die Oberbegriffe „Geschichtlichkeit/ Zeitlichkeit“ und „Gesellschaftlichkeit“. In den Bereich der „Geschichtlichkeit/ Zeitlichkeit“ fallen die Dimensionen Temporalbewusstsein, Wirklichkeitsbewusstsein und das Historizitätsbewusstsein. Identitätsbewusstsein, Politisches Bewusstsein, Ökonomisch-Soziales Bewusstsein und Moralisches Bewusstsein gehören zum Bereich der „Gesellschaftlichkeit“.

Die drei Dimensionen der „Geschichtlichkeit“ stellen die Basiskomponenten des Modells dar, die allen anderen vorausgehen und gegenseitig in Synthese wirken.65 Beim Temporalbewusstsein geht es um die Unterscheidung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und um die Wahrnehmung der zwischen diesen drei Zeitebenen existierenden Zusammenhänge. Ein Beispiel hierfür wäre der Vergleich von unserem modernen Verständnis von „Zeit“ als linearer Entwicklung, die mit einer Fortschrittserwartung verbunden ist, und dem Zeitverständnis frühere Kulturen, die agrarisch geprägt waren und die Zeit deshalb als etwas Zyklisches sahen.66 Temporalbewusstsein beinhaltet nach Pandel fünf Facetten der Herangehensweise:67

1.) Die Länge der Zeitausdehnung; 2.) Die Vorstellung von der Dichtigkeit der Ereignisse in der Zeit; 3.) Die Akzentuierung bzw. Bevorzugung von bestimmten Zeitdimensionen; 4.) Das Zäsurbedürfnis bzw. die kognitive Gliederung der Ereignisse (Anfang, Abschluss, Ende, Wende, Höhepunkt beispielweise einer Epoche); 5.) Die Narrativierung von Zeit (wie werden wahrgenommene Ereignisse in eine narrative Chronologie gebracht?)68

Das Wirklichkeitsbewusstsein schafft eine Vorstellung von der Abgrenzung zwischen realen und fiktiven Ereignissen und Personen.69 Ohne diese Einschränkung und Wertung von überlieferten Ereignissen, gäbe es beispielsweise keine Unterscheidung zwischen der Geschichtswissenschaft und mythischen Überlieferungen: „Geschichte versucht darzustellen, was tatsächlich -nachweisbar- geschehen ist.“70

Durch das Wirklichkeitsbewusstsein können wir somit unterscheiden zwischen Geschichte mit dem Anspruch auf Authentizität (Historiographie), imaginativer Geschichte mit fiktionalen Anteilen (Roman, Jugendbuch) und kontrafaktischen Geschichten (Legenden, Mythen, Lügen). Dieser Aspekt des Geschichtsbewusstseins ist somit elementar für die vorliegende Arbeit und auch Pandel betont bewusst die Bedeutsamkeit, speziell auch kontrafaktische Geschichte in den Unterricht mit aufzunehmen, um zu zeigen, inwiefern sie empirisch nicht triftig ist.71 Das Historizitätsbewusstsein bzw. Wandelbewusstsein, enthält die Annahme darüber, was im „historischen Prozess veränderbar ist und was unveränderbar bleibt“72. Diese Bewusstseinsebene hat sich seit der Aufklärung enorm erweitert. Wir gehen heute zum Beispiel nicht mehr von einer Schaffung der Erde binnen sechs Tagen, wie es in Genesis 1,1-2,4a beschrieben ist, aus, sondern von einer Evolution der Arten. Das Historizitätsbewusstsein beschreibt somit die Erkenntnis des Entstehens und Vergehens. Die Erkenntnis, dass etwas, was sich in der kurzen Lebensspanne eines Individuums scheinbar als unveränderlich erweist, doch über die Jahrhunderte einer Veränderung unterlegen ist, ist nicht selbstverständlich und mit Schwierigkeiten verbunden. Das Individuum muss sich auf den Wahrheitsgehalt der Narrationen aus der Vergangenheit verlassen, seine eigene Lebenswelt mit den erhaltenen Informationen abgleichen und einen Wandel feststellen.73 Nur so ist es nach Pandel möglich, die Annahmen über Veränderlichkeit und Unveränderbarkeit zu vertreten, ohne mit Wirklichkeitserfahrungen zu kollidieren.

Das Identitätsbewusstsein ist eine weitere für den Verstehensprozess von Mythen wichtige Fähigkeit von Individuen und Kollektiven, sich trotz des historischen Wandels als kontinuierliche Einheit zu begreifen, die zwar der Veränderlichkeit unterworfen ist, jedoch in gewisser Hinsicht unveränderlich bleibt.74 Die Einheit ist ein kulturelles Konstrukt, das durch Religion, politische Anschauung, Ethnizität, Sozialschicht oder Geschlecht definiert ist. Einher geht damit ein Phänomen, das Pandel als „rückgreifende Solidarität“75 benennt: Das Identitätsbewusstsein erstreckt sich bis in die Vergangenheit des Kollektivs hinein und führt so zu einem zeitübergreifenden „Wir“-Gefühl. Personen und Ereignisse aus der Vergangenheit werden Teil der kulturellen Identität, auf die sich die Einheit beruft (Die „wichtigen“ Deutschen wie Hermann der Cherusker, Friedrich I. „Barbarossa“, Otto von Bismarck etc.). Das „Wir“-Gefühl führt zu einer Differenzierung gegenüber den „Anderen“, den Fremden.76 Diese Alteritätserfahrung kann, wenn sie nicht durch ein positives moralisches Bewusstsein geprägt ist, soziale Vorurteile, Stereotypdenken und Feindbilder hervorbringen.77 Somit sind moralisches Bewusstsein und Identitätsbewusstsein weitere Aspekte unter denen Mythen, speziell Ursprungsmythen, untersucht werden können.

Das politische Bewusstsein gibt uns eine Vorstellung davon, welche Machtstrukturen in einer Gesellschaft herrschen bzw. wie sich die Machtverhältnisse verteilen. Diese Verhältnisse sind in der Realität meist asymmetrisch und verlangen, wenn sie Bestand haben wollen, nach einer Legitimation.78 Somit verbindet sich diese Kategorie des Bewusstseins mit der des moralischen Bewusstseins, bis hin zum Identitätsbewusstsein. Beispielsweise ist es unabdingbar, dass in einer Gesellschaft moralische Grundsätze herrschen, ein Verständnis vorhanden ist, warum Machtstrukturen in ihrer Ausprägung existieren und was die Politik wie auch das Individuum für die Identität und den Bestand des Kollektivs leisten können.

Das moralische Bewusstsein wurde bereits an verschiedensten Stellen mit in die Darstellung übernommen und soll deshalb nur kurz charakterisiert werden. Es enthält jedoch ein elementares Instrument der Geschichtsdeutung - die Wertung von Ereignissen in „richtig und falsch“.79 Gemeinsam mit dem Historizitätsbewusstsein können beispielsweise der Wandel von Wertevorstellungen aus heutiger Sicht beurteilt werden, ohne jedoch zu verkennen, aus welchem historischen Kontext sie stammen.

Das ökonomische Bewusstsein ist nach Pandel ebenfalls Teil der Dimension „historische Gesellschaftlichkeit“. Es spiegelt eine Vorstellung über die Sozialstruktur einer Gesellschaft wieder, über soziale Stratifikationen und den Unterschied zwischen „Arm und Reich“. Für meine Darstellung und Auswertung der Mythen spielt sie jedoch nur eine untergeordnete Rolle, kann aber in Richard Wagners Adaption des Nibelungenstoffes Anwendung finden, da hier beispielsweise die Macht des Kapitals (der Hort der Nibelungen) thematisiert wird.

3. Die Nibelungenrezeption - vom Heldenlied zum Ursprungsmythos

Der Ursprung des Nibelungenmythos trägt sicherlich seinen Teil dazu bei, dass das Thema bis in die heutige Zeit mysteriös und reizvoll bleibt - er ist nämlich bis dato nicht völlig geklärt. Joachim Heinzle führt die „Wurzeln“ der Überlieferung bis ins 5. und 6./7. Jahrhundert zurück, in der das Nibelungenlied meist mündlich oder in Form bildlicher Darstellungen und nur sporadisch schriftlich bzw. dichterisch geformt tradiert wurde.80 Das Nibelungenlied bezieht sich inhaltlich auf historische Begebenheiten, gibt diese jedoch nicht faktengetreu wie die moderne Wissenschaft wieder, sondern erzählt sie in dichterischer Form um. Dies ist kein ungebräuchlicher Umgang mit historischen Ereignissen, denn bereits Aristoteles schrieb:

„Daher ist die Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“81

Ein Beispiel für den historischen Kern des Stoffes wäre der zweite Teil des Nibelungenliedes, der den Untergang der Burgunden beschreibt. Der damalige burgundische König Gundicharius82 rückte mit seinen Truppen in die römische Provinz Belgica I vor, um sich dort dem Heermeister Aetius zu stellen.83 Ihnen wurde jedoch eine vernichtende Niederlage beigebracht. Eine weitere Begebenheit, die Einfluss auf die Entstehung des Textes gehabt haben könnte, ist die ständige Bedrohung seitens der Hunnen-Expansion.84

Einer der ältesten Kanons in der die Erzählung des Burgundenuntergangs aufgenommen wurde, ist die isländische Edda aus den Anfängen des 13. Jahrhunderts. Dort taucht die Geschichte in Form des „Alten Atlilieds“ auf, in dem die Brüder Gunnar (Gundichar/ Gunther) und Högni (Hagen) einen Schatz im Rhein versenken.85 Sie werden an den Hof des Hunnenkönigs Atli (Attila/ Etzel), des Gemahls ihrer Schwester Gudrun86, eingeladen. Da die Einladung lediglich einen Vorwand darstellte, den Aufenthaltsort des Schatzes herauszufinden, werden sie von Atli gefangen genommen. Die beiden Brüder Gunnar und Högni geraten in Streit und Högni wird von Gunnars Schergen ermordet, damit er das Geheimnis nicht verraten kann. Gunnar bleibt hartnäckig und weigert sich, Atli den Schatz auszuhändigen. Er wird deshalb in eine Schlangengrube geworfen, in der er tapfer und bis zuletzt auf seiner Harfe spielend in den Tod geht. Der Mord an ihren Brüdern gibt Gudrun Anlass zur Rache. Sie ermordet ihren Gemahl im Schlaf und steckt seine Königshalle in Brand.

Nahezu alle Personen in dieser Geschichte sind historisch belegbar. Es gab wie bereits erwähnt die Burgundenkönige und auch Attilas Tod wird gleich in mehreren Quellen in Verbindung gebracht mit einer Germanin, die in der Hochzeitsnacht (gleichzeitig sein Todestag) mit ihm im Zelt war.87 Die Quelle, der oströmische Diplomat und Historiker Priskos, kannte Attila persönlich und nannte sogar den Namen der Frau - Hildico88.89

Der Charakter Siegfried (in älteren, nordischen Darstellungen Sigurd) taucht im ersten Teil des Liedes auf, kann jedoch nicht auf eine konkrete historische Person zurückgeführt werden.90 Jedoch könnte auch hier von einer tatsächlichen Entsprechung ausgegangen werden, da es im merowingischen Reich der Franken (6./7. Jh.) mehrere namensverwandte Herrscher gegeben hatte. So tauchte wohl der Name Sigibert öfter in den Herrscherfamilien auf und es gab sogar eine Königin namens Brunichild.91 Die Hauptmerkmale der Handlung, die bis heute als Kern tradiert wurden, sind auch im Nibelungenlied bereits veranlagt. So gibt es beispielsweise die Tötung des Drachen, einen Erwerb des Schatzes und die Befreiung einer Jungfrau.92

Sigurd ist im Nibelungenlied der Ziehsohn des Schmiedes Regin, der den Drachen Fafnir als Bruder hat. Fafnir hütet einen Schatz, auf den in Teilen auch Regin Anspruch hat. Regin bringt seinen Ziehsohn dazu, den Drachen zu töten und den Schatz zurückzuholen. Im Kampf tötet Sigurd den Drachen, erhält durch dessen Blut Unverwundbarkeit und die Sprache der Vögel. So erfährt er durch eine Unterhaltung zwischen Meisen, dass auch er von Regin getötet werden solle. Er kommt seinem Ziehvater jedoch zuvor, erschlägt ihn und kann den Schatz für sich behalten. Den nun sich anschließenden zweiten Erzählkomplex bezeichnet Heinzle als „Brücke zur Burgundensage“93. Sigurd heiratet dort die Schwester der Brüder Gunnar und Högni, die ihm ebenfalls von einem Vogel als seine rechtmäßige Gemahlin prophezeit worden war. Die zwei Brüder haben jedoch eigene Pläne und ermorden Sigurd, um an den Schatz zu gelangen. Der Schatz fungiert somit als verbindendes Element zwischen den Erzählkomplexen. Er wechselt stets die Besitzer, bringt diesen jedoch immer Unheil. Die beschriebenen Ereignisse sind jedoch historisch unmöglich sequenziert. Heinzle spricht von einer anachronistischen Verknüpfung zwischen den Ereignissen der inhaltlich verbundenen Erzählkomplexe der Sage und der realen, wissenschaftlich nachvollziehbaren Ereignisse aus dem 6./7. Jahrhundert.94 Es ist beispielsweise unmöglich, dass der Burgundenkönig Gundichar und der Hunnenkönig Attila miteinander in Konflikt geraten, da sie zu unterschiedlichen Zeiten lebten. Man muss jedoch davon ausgehen, dass diese inhaltliche Verknüpfung nicht aus Unachtsamkeit bzw. Ungenauigkeit von den Verfassern geleistet wurde, sondern als Koordinationsleistung zu sehen ist, durch die es möglich wurde, die verschiedenen Überlieferungen zu einer schlüssigen Gesamterzählung zu formieren. Durch diese Verbindung der Ereignisse in der Nibelungenerzählung reifte so die Vorstellung heran von einem „geschlossenen Heldenzeitalter“ der Deutschen.95 So wird beispielsweise auch Dietrich von Bern in die Geschichte mit eingeflochten, da er nach seinem Exil an Attilas/ Etzels Hof Zuflucht findet. Dietrich von Bern gilt bereits seit dem Mittelalter96 als Pendant des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen.

Das Koordinationsprinzip ist somit elementar für die Mythenbildung und Tradierung des Stoffes. Würden die unterschiedlichen Ereignisse nicht zusammengefasst in einer Gesamterzählung, so erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach ihrer mündlichen Weitergabe irgendwann in Vergessenheit geraten und somit nicht in das kulturelle Gedächtnis übergehen könnten.97 Heinzle erkennt in diesem Vorgehen das spezielle Potential der Nibelungenerzählung. Der Mythos suchte sich, um weiterhin sowohl normativ als auch formativ98 wirksam zu bleiben, einfach ein neues Zurechnungssubjekt, einen neuen Träger.99 Der burgundische Mythos wurde somit laut Heinzle als „angewandte Erzählung“100 im fränkischen Mythos bewahrt. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde die Handlung mehrfach umerzählt. Sowohl künstlerische Aspekte als auch die Instrumentalisierung als textliches Muster zur „Klärung und Bewältigung historischer Erfahrung“101 hatten Einfluss auf Reduktion und Assimilation des Inhalts. Es steht nicht fest, zu welchem Zeitpunkt das Lied zum Heldenmythos wurde, Heinzle zieht hier jedoch die Verbindung zur Theorie des kollektiven Gedächtnisses von Assmann, da es sich wohl um einen sukzessiven Prozess der systematischen Bewahrung von Erinnerungswürdigem handele.102

Die Geschichte gelangte wohl durch die Wikinger in die Reiche des Nordens (Britannien, Skandinavien etc.)103 und wurde im Laufe des Hochmittelalters zur normativen Grundlage und sogar zur Legitimation der Königsherrschaft in Norwegen.104 In Deutschland ist ein ähnlicher genealogischer Ansatz der Nibelungenrezeption und -interpretation zu verzeichnen. Im Nibelungenlied wird an mehreren Stellen ein Passauer Bischof beschrieben, der verwandt war mit den burgundischen Königen und Kriemhild, die auch in seinem Bistum Station machten.105 Diese Figur wurde zur genealogischen Entsprechung des Bischofs Pilgrim von Passau (im Amt von 971-991).106 Die Adelsfamilie aus der er stammte, hätte seit jeher ein „nibelungisches Abstammungsbewusstsein“ gehabt.107 In der Nibelungenklage, die die Handlung des Nibelungenlieds diskutiert, versucht Leerstellen zu beseitigen und zu erklären, was mit den Überlebenden nach der Geschichte passierte, erhält der Bischof Pilgrim von Passau eine Ehrung als derjenige, der die Erinnerung an die Geschichte der Nibelungen bewahrt hätte. Durch seine Niederschrift des Textes in lateinischer Sprache sei der Text nun „jedermann bekannt“.108

Dabei sollte jedoch bedacht werden, dass Bischof Pilgrim wahrscheinlich zum Entstehungszeitpunkt der Nibelungenklage109 selbst schon zur mythisch verklärten Person geworden war. Heinzle geht davon aus, dass sich der spätere Amtsnachfolger Wolfger von Passau durch ihn eine „prestigeträchtige historische Identität“ verschaffen wollte, um seine Stellung sowohl gegenüber weltlichen als auch geistlichen Konkurrenten zu stärken.110 Wolfger war ein wichtiger Förderer von Literatur und Dichtung.111 Die steigende Popularität des Nibelungenstoffes ist somit auch ihm zu verdanken.

Darüber hinaus verband sich der Abenteueraspekt der Geschichte mit einem gesellschaftlich zu dieser Zeit enorm wichtigen Textmerkmal - der Minne. In dieser Minnelyrik ist das „Verhältnis zwischen den Geschlechtern auf eine sehr komplexe Weise mit den Problemen von Herrschaft und Gewalt verknüpft“.112 Die höfische Auslegung des Textes griff stark in seinen Motivhaushalt ein. Nur in knapper Form werden die Jugendabenteuer Siegfrieds beschrieben, gerade so, dass seine neuerlangten wundersamen Fähigkeiten in der nachfolgenden Narration verstanden werden konnten. Hauptaugenmerk der Nibelungendichtung lag zu der Zeit Wolfgers von Passau deutlich auf dem Liebesverhältnis zwischen Siegfried und Kriemhild, weshalb speziell die Rettung Brünhilds ganz und gar nicht in dieses Bild passte und selten Erwähnung fand.113 Während in den Edda-Texten noch das Eifersuchtsdrama Brünhilds elementar für die Ermordung Siegfrieds schien, passte dies nicht ins Konzept der höfischen Minne. Auch änderte sich somit die Rolle Kriemhilds zwangsläufig. Hatte sie noch in den ursprünglichen Textfassungen ihre Brüder gerächt, so trat jetzt der Rachegedanke aufgrund des Mordes an ihrem geliebten Siegfried in den Mittelpunkt.

[...]


1 Der Begriff dient als roter Faden in: Martin, Bernhard R.: Nibelungen-Metamorphose. Die Geschichte eines Mythos. München. 1992.

2 Bildungsauftrag herausgegeben von den Kultusministerien der Länder, vgl., Sander, Wolfgang: Politische Bildung als fächerübergreifende Aufgabe der Schule, in: Ders. (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn. 2005, S. 254-264. bzw. den Bildungsplan in Hessen: http://www.gew.de/Binaries/Binary35448/Bildungsplan_Hessen.pdf, S. 76. (besucht am 05.02.14)

3 Unter anderem wurde der Begriff durch den US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan geprägt.

4 Vgl., Ehrismann, Otfrid: Das Nibelungenlied in Deutschland. Studien zu Rezeption des Nibelungenlieds von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. München. 1975, S. 50-52.

5 Im Folgenden wird „Schülerinnen und Schüler“ durch „SuS“ substituiert.

6 Aus Gründen der Übersichtlichkeit und der notwendigen Beschränkung werde ich mich hauptsächlich auf die Konzepte des Geschichtsbewusstseins von Hans-Jürgen Pandel, Jörn Rüsen und Peter Gautschi beziehen.

7 Martin, 1992, S. 215.

8 Münkler, Herfried und Wolfgang Storch: Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos. Berlin. 1988, S. 58/59.

9 Beispielsweise typisch für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Kanon von Friedrich Thiersch (1826-1837), der das Nibelungenlied in seine auf muttersprachliche Texte beschränkte Textsammlung aufnahm.

10 Wobei nicht unterschlagen werden sollte, dass die aktuelle Forschung hinlänglich beweist, wie fehlgedeutet diese Kriegseuphorie war bzw. weitaus geringere Bevölkerungsteile davon ergriffen wurden als beispielsweise Adolf Hitler in „Mein Kampf“ postulierte. Vgl., Weber, Thomas: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit. 2010, S. 28-32. und Keil, Lars Broder und Sven Felix Kellerhoff: Deutsche Legenden. Vom „Dolchstoß“ und anderen Mythen der Geschichte. Berlin. 2002, S. 28.

11 Ehrismann, 1975, S. 213 ff.

12 März, Peter: Mythen Bilder Fakten. Auf der Suche nach der deutschen Vergangenheit. München. 2010, S. 37.

13 Ebd., S. 37/ 38.

14 Ebd., S. 37.

15 Teichert, Matthias: Von der Heldensage zum Heroenmythos. Vergleichende Studien zur Mythisierung der nordischen Nibelungensage im 13. Und 19./20. Jahrhundert. Heidelberg. 2008, S. 24.

16 Frye, Northrop: Literatur und Mythen. In: Interdisziplinäre Perspektiven der Literatur. Stuttgart. 1977, S. 42.

17 Bizeul, Yves: Struktur und Funktion patchworkartiger politischer Mythen in den hochmodernen Gesellschaften. In: Wodianka, Stephanie und Dietmar Rieger (Hrsg.): Mythosaktualisierungen. Tradierungs- und Generierungspotentiale einer alten Erinnerungsform. Berlin/New York. 2006, S. 91.

18 Dörner, Andreas: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos - Zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen. Hamburg. 1996, S. 43/44.

19 Teichert, 2008, S. 24.

20 Körner, Josef: Nibelungenforschung der deutschen Romantik. Darmstadt. 1968, S. 44.

21 Hübner, Kurt: Wie irrational sind Mythen und Götter? In: Der Wissenschaftler und das Irrationale - Band 2: Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Frankfurt a. M. 1981, S. 16.

22 Martin, 1992 , S. 43.

23 Geyer, Carl-Friedrich: Mythos. Formen Beispiele Deutungen. München. 1996, S.8/9.

24 Dies soll nur als kurzes Beispiel gelten. Die Vagheit des Textes und die interpretativen Freiräume werden im weiteren Textverlauf an verschiedensten Stellen aufgegriffen und erläutert.

25 Kerenyi, Karl: Was ist Mythologie? In: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos - Ein Lesebuch. Darmstadt. 1976, S. 216.

26 Teichert, 2008, S. 26.

27 Ebd., S. 28.

28 Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. Frankfurt a. M. 1986, S. 40.

29 Ebd., S. 33 und Martin, 1992, S. 43/44.

30 Blumenberg, 1986, S. 11. und S. 50.

31 Martin, 1992, S. 56.

32 Ebd., S. 57.

33 Verewigt wurde diese Synthese aus dem mythischen Siegfried und dem Reichskanzler Otto von Bismarck beispielsweise in dem „Bismarck-Nationaldenkmal“ in Berlin.

34 Martin, 1992, S. 57.

35 Ebd., S. 58.

36 Vgl., Jan und Aleida Assmann: Mythos. In: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Band 4. Stuttgart. 1998, S. 179 ff.

37 Hiermit gemeint sind die Erkenntnisse der verschiedenen Fachwissenschaften.

38 Die Forschung geht ursprünglich zurück auf das Konzept des Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs.

39 Heinzle, Joachim: Mythos Nibelungen. Stuttgart. 2013, S. 13.

40 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München. 1992, S. 50.

41 Ebd., S. 52.

42 Ebd., S. 50.

43 Heinrich Böll Stiftung: Ein Beitrag von Aleida Assmann zu „individuelles Bildgedächtnis und kollektive Erinnerung“ https://www.boell.de/de/demokratie/kulturaustausch-6769.html (besucht am 13.02.2014)

44 Man nannte solche Bilder „imagines agentes“ also wirkmächtige bzw. handelnde Bilder.

45 Heinzle, 2013, S. 13/ 14.

46 Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. München. 2007, S. 11.

47 Vgl., Klaus Schroeder, Monika Deutz-Schroeder, Rita Quasten u. Dagmar Schulze Heuling: Später Sieg der Didakturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen. Frankfurt a. M. 2012, S. 26.

48 Assmann, Aleida: Gedächtnis, Erinnerungen. In: Bergmann, Klaus (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. 5. überarbeitete Auflage. Seelze-Velber. 1997, S. 35.

49 König, Helmut: Politik und Gedächtnis. Weilerswist. 2008, S. 38.

50 Rüsen, Jörn (Hrsg.): Geschichtsbewusstsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde. Köln. 2001, S. 2.

51 Ebd., S. 9.

52 Vgl., Rüsen, Jörn: Wahrheit Historisches Lernen. Grundriss einer Theorie. In: ders. (Hrsg.): Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen. Schwalbach. 2008, S. 75-77. Und Rüsen, 2001, S. 8/ 9.

53 Rüsen, 2001, S. 8.

54 Vgl., Straub, Jürgen: Temporale Orientierung und narrative Kompetenz. In: Rüsen, 2001, S. 34/ 35 und S. 45.

55 Ebd., S. 35.

56 Ebd., S. 41.

57 Ebd., S. 39.

58 Leitner meint hier mit „Identität“ das Negativbeispiel - ein jederzeit unveränderlicher Wirklichkeitsbestand, der keine Retrospektive und Reflexion kennt.

59 Leitner, Hartmann: Gegenwart und Geschichte. Zur Logik des historischen Bewusstseins. Trier. 1987, S. 36/ 37

60 von Borries, Bodo und Andreas Körber: Jugendliches Geschichtsbewusstsein. In: Rüsen, 2001, S. 337.

61 Ebd., S. 2.

62 Meist werden diese Wahrheitskriterien durch die Geschichtswissenschaft gestiftet, die analytische und methodische Reflexion und Deutung von Geschichte publiziert.

63 Vgl., Rüsen, Jörn: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken. In: ders.:Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurechtzufinden. 2. Aufl. Schwalbach. 2008, S. 211- 234.

64 Somit sind Rüsens drei Dimensionen ein wichtiges Instrument speziell auch zur Untersuchung der Wirkungsabsichten von Mythen.

65 Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsunterricht nach PISA. Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula. 2. Auflage. Schwalbach. 2007, S. 15.

66 Vgl., Levine, Robert: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen. München. 1999.

67 Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit im Geschichtsbewusstsein. Zusammenfassendes Resümee empirischer Untersuchungen. In: Bodo von Borries (Hrsg.): Geschichtsbewusstsein empirisch. Pfaffenweiler. 1991, S. 5ff.

68 Pandel, 2007, S. 11.

69 Ebd., S. 11.

70 Ebd., S. 12.

71 Ebd., S. 13.

72 Ebd., S. 13.

73 Ebd., S. 14.

74 Ebd., S. 15.

75 Ebd., S. 15/ 16.

76 Vgl., Becker, Judith und Bettina Braun (Hrsg.): Die Begegnung mit Fremden und das Geschichtsbewusstsein. Göttingen. 2012, S. 8.

77 Pandel, 2007, S. 16.

78 Ebd., S. 17.

79 Ebd., S. 20.

80 Heinzle, 2013, S. 7/ 8.

81 Aristoteles: Poetik. Übers. und erl. von Arbogast Schmitt. Darmstadt. 2008, S. 29.

82 Der später in der Sage zu „Gunther“ wird.

83 Heinzle, 2013, S. 8.

84 Ebd., S. 9.

85 Ebd., S. 10.

86 Im Nibelungenlied wird sie Krimhild genannt.

87 Vgl., de Boor, Helmut: Das Attilabild in Geschichte, Legende und heroischer Dichtung. Bern. 1932, S. 19-25.

88 Heinzle beschreibt dies als mögliche Koseform von Kriemhild.

89 Heinzle, 2013, S. 11.

90 Ebd., S. 14/15.

91 Ebd., S. 15.

92 Ebd., S. 15.

93 Ebd., S. 16.

94 Ebd., S. 18.

95 Ebd., S. 18.

96 Beispielsweise untersuchte der lutherischen Theologen und Historiker Cyriacus Spangenberg 1572 die Synchronisierung historischer Ereignisse und Personen mit der mythischen Welt und stellte die Verbindung der beiden Personen fest. Vgl., Heinzle, Joachim: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. Berlin/New York. 1999, S. 120.

97 Heinzle, 2013, S. 19.

98 Die Ausbildung von Auslegungskultur durch normative und formative Verbindlichkeit; vgl., Assmann, Aleida und Jan: Archäologie der literarischen Kommunikation. In: Pechlivanos, M. u.a. (Hrsg.): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart. 1995, S. 204.

99 Heinzle, 2013, S. 19.

100 Burkert, Walter: Mythos und Mythologie. In: Wischer, Erika (Hrsg.): Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft der westlichen Welt. Band 1. Frankfurt a. M., 1981, S. 11/ 12.

101 Heinzle, 2013, S. 12/ 13.102 Ebd., S. 13.

103 Ebd., S. 19/ 20.

104 Harald Schönhaar (* ca. 852; † 933) gründete beispielsweise seinen Alleinherrschaftsanspruch in Norwegen auf seine Abstammung zum Helden Sigurd.105 Heinzle, 2013, S. 23.

106 Ehrismann, 1975, S. 100/ 101.

107 Störmer, Wilhelm: Nibelungentradition als Hausüberlieferung in frühmittelalterlichen Adelsfamilien? Beobachtungen zu Nibelungennamen im 8./9. Jahrhundert. In: Knapp, Fritz Peter: Nibelungenlied und Klage. Sage und Geschichte, Struktur und Gattung. Passauer Nibelungengespräche 1985. Heidelberg. 1987, S. 15.

108 Vgl., Bartsch, Karl (Hrsg.): Die Nibelungenklage. Paderborn. 2000, S. 317/ 318.

109 Henkel geht von einem Zeitraum zwischen 1200-1350 aus. Vgl., Nikolaus Henkel: Nibelungenlied und Klage. In: Fasbender, Christoph: Nibelungenlied und Nibelungenklage. Neue Wege der Forschung. Darmstadt. 2005, S. 210-237.

110 Heinzle, 2013, S. 24.

111 Unter anderem Walther von der Vogelweide erhielt von ihm Kapital.112 Heinzle, 2013, S. 25.

113 Ebd., S. 26.

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Mythen und Legenden des Ersten Weltkrieges. Der Nibelungenmythos
Untertitel
Eine Untersuchung der Entstehung kontrafaktischer Narrationen und deren Wirkung auf das Geschichtsbewusstsein
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Didaktik der Geschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
114
Katalognummer
V286155
ISBN (eBook)
9783656862666
ISBN (Buch)
9783656862673
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtsbewusstsein, Mythos, Nibelungen, Erster Weltkrieg, Kriegsbegeisterung, nationale Identität, Kaiserreich, Didaktik, Richard Wagner, kollektives Gedächtnis, Mythentradierung, Propaganda, moderner Krieg, kontrafaktische Narrationen, Dolchstoßlegende, Instrument der Herrschaft und Politik, Fremd- und Eigencharakterisierung von Nationen, Warum brauchen wir Mythen in der Gesellschaft?, Das Motiv der Einkreisung als Kriegsursache, Mythenrezeption in der Schule, völkische/nationale und germanische Ideologie
Arbeit zitieren
Tobias Kehm (Autor), 2014, Mythen und Legenden des Ersten Weltkrieges. Der Nibelungenmythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286155

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