Die Geburtsstunde der Konfrontativen Pädagogik. Anti-Aggressivitäts-Training


Akademische Arbeit, 2004

19 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Philosophie Jens Weidners’

2. Die Voraussetzungen in der deutschen (europäischen) Gesellschaft

3. Die Praxis des Anti-Aggressivitäts-Trainings und die Konfrontation
3.1. Die Antagonisten – Positive Peer Culture
3.2. Das Curriculum zum Abbau der Gewaltbereitschaft
3.3. Der Heiße Stuhl

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Das Anti-Aggressivitäts-Training ist ebenso eine deliktspezifische Maßnahme und beschäftigt sich mit aggressiven Gewalttätern. Es ist als Spezialisierung eines Sozialen Trainings zu verstehen und folgt dem Erziehungsgedanken des § 91 Abs. 1 JGG, bei dem der Jugendliche zu einem „rechtschaffenden und verantwortungsbewussten Lebenswandel zu führen“ ist. Es ist im Sektor der Tertiär-Prävention bei der Bewährungs- und Jugendgerichtshilfe anzusiedeln.

Dabei wird der Zwang zur Behandlung von Wiederholungstätern als Einstiegs-Sekundärmotivation akzeptiert. Jedoch sollte diese nach spätestens vier Sitzungen einem primären Interesse weichen. Weidner entwickelte dieses Training aus seinen Erfahrungen aus dem Praktikum in den Glen Mills Schools (6 Monate) sowie den Erfahrungen des Geschlechtsrollenseminars in der Vollzugsanstalt Hameln (3 Monate), als auch seinen theoretischen Erkenntnissen aus der Provokativen Therapie Ferrainolas. Vor dem Hintergrund, dass der Jugendstrafvollzug dem Erziehungsgedanken bisher nicht gerecht werden konnte, startete die Jugendanstalt Hameln 1986 ein Programm, das diesem Behandlungsdefizit in einem Pilotprojekt entgegenwirken sollte (vgl. Weidner 2001a: 1).

Es baut vor allem auf den Arbeiten von Bandura zur Modifikation und Kontrolle aggressiven Verhaltens sowie Ellis rational-emotiver Therapie auf. Diese zeigen therapeutische Möglichkeiten im Umgang mit gewalttätigen Menschen auf.

Weidner entwickelte mit seinen Kollegen (Psychologen, Sozialpädagogen, Psychiater, und Soziologen) darauf hin ein Curriculum, bei dem die Gewaltbereitschaft abgebaut werden sollte.

Das Anti-Aggressivitäts-Training oder auch Antagonisten-Training, wie es in der Anstalt genannt wurde, ging von gewissen Subkulturen in der Totalen Institution Gefängnis aus, die wohl eher diese negativen Verhaltensweisen fördert und bestätigt, als dass sie diese abbaut (s. hierzu auch das Beispiel Weidners: Weidner 2001a: 126 f.).

Auch hier fand eine eher mehr private Finanzierung des ganzen durch den Verein für Jugendhilfe in der Jugendanstalt Hameln statt. Dieser stellte die personellen und finanziellen Mittel. Dies zeigt die zurückhaltende und abwartende Seite des Staates bei solchen Neuerungen (vgl. ebd.: 128).

1.Die Philosophie Jens Weidners’

Der Leitspruch Weidners ist wohl „Eine klare Linie mit Herz“ zu verfolgen. Es geht ihm eben nicht um eine pure Konfrontation, sondern auch um die moralische und ethische Seite des Individuums. Er will konfrontieren, sich zugleich in seine Klienten einfühlen und ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen. Man könnte es wohl noch besser formulieren, in dem man sagt, er will seine Teilnehmer zu einem Wandel im Denken und im moralischen Bewusstsein provozieren. Den Schritt zu diesem Wandel müssen die Teilnehmer dann jedoch letztendlich allein gehen. Diese Provokation (auch wenn sie selber nur ein Teil von Konfrontation ist) beschreibt meines Erachtens diese Art von Pädagogik viel besser, da es eben nicht nur um Konfrontation geht und bei dem Begriff des Provozierens der Täter eine viel aktivere Rolle bekommt. Meiner Meinung nach muss man sich durch ihn auch nicht solchen Debatten hingeben, die einen Rückfall in autoritäre Systemstrukturen vorwerfen (auch wenn sie unberechtigt sind; vgl. hierzu auch die Debatte in Sozial Extra Nr. 2 – 6/ 2003).

Diese Provokation tritt ganz deutlich im Lebensgefühl bei dem Trainingeinstieg zu Tage. Denn dieses ist bei den Gewalttätern nicht durch Schuldgefühle gekennzeichnet, sondern eben durch Gewaltfaszination. Und im Training geht es darum, diese Faszination zu begreifen und dann zu erschüttern. Man muss den Täter betroffen machen, um „seine Seele zu ‚gewaltverharmlosen’“ (Geretshauser 1993).

Neben dieser Provokation soll der Pädagoge nach Weidner eben auch Empathie für den Gewalttäter zeigen. Dieser braucht eben auch Zuwendung und Ermutigung, um einen neuen Lebensweg einzuschlagen (vgl. Weidner 1993a).

Sonst kann man eigentlich sagen, dass Weidner als begeisterter Vertreter der Glen-Mills-Idee und der Philosophie Ferrainolas gilt, auch wenn er einige Dinge in Deutschland so nicht umsetzen kann und sie auch für moralisch nicht vertretbar ansieht.

2. Die Voraussetzungen in der deutschen (europäischen) Gesellschaft

Die Voraussetzungen für dieses Training sind in der deutschen Gesellschaft ganz andere als in der amerikanischen. In Deutschland hat die Freie Marktwirtschaft den Sozialen Sektor noch nicht so erreicht wie in den USA und bürgerliches Engagement wird hierzulande im Moment mehr gewünscht, als das es realisiert wird. Somit ergeben sich schon einmal finanzielle als auch wettbewerbliche Probleme mit staatlichen Einrichtungen. Hier stoßen wir außerdem auch auf das nächste Problem, dass noch zu viele soziale Leistungen vom Staat getragen werden und somit eine Neugründung und Behauptung auf diesem Sektor sehr schwer erscheint (teilweise unmöglich), gerade im justiziellen Sektor.

Die Medien in Deutschland beeinflussen die Bevölkerung auch schon so weit, dass für Gewalttäter oft auch eine lebenslange Sicherheitsverwahrung gefordert wird. Die Resozialisierung spielt im deutschen praktischen Vollzug eine untergeordnete Rolle, obwohl die theoretischen Texte im KJHG oder auch im JGG u. a. eine entgegengesetzte Sprache sprechen.

Obwohl wir im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten viel weniger Geld für Gefängnisse ausgeben und viel weniger Inhaftierte haben, muss man jedoch auch behaupten, dass die Angebote zur Resozialisierung eher einem punktuellen und staatlich abhängigen, als einem flächendeckend vollwertigen und unabhängig professionellen Angebot entsprechen.

Es ist natürlich nicht zu verschweigen, dass es trotz diesen Hürden, immerhin schon über 100 Trainer in Deutschland gibt und sich im Moment auch über 180 Fachkräfte in der Ausbildung zum Anti-Aggressivitäts-Trainer und Coolness-Trainer befinden.

Dies ist natürlich immer noch viel zu wenig, aber die Tendenz geht in Richtung mehr.

Und es ist positiv zu bemerken, dass „das Anti-Aggressivitäts-Training (...) genau an dieser Stelle eine wichtige ‚pädagogische Lücke’ ausgefüllt zu haben [scheint], nicht anders lässt sich u. E. die sehr starke Nachfrage nach dieser an der US-amerikanischen Glen-Mills-Idee ansetzenden Methode erklären“ (Weidner, Kilb, Jehn 2003: 7).

3. Die Praxis des Anti-Aggressivitäts-Trainings und die Konfrontation

Beim Anti-Aggressivitäts-Training soll den Trainings-Teilnehmern innerhalb von sechs Monaten das Curriculum nahegebracht werden. Die Sitzungen finden ca. in zwei drei- bis fünfstündigen Sitzungen in der Woche mit den Wiederholungstätern statt.

Ergänzt werden diese Zusammenkünfte durch intensive Einzelgespräche, sowie durch Sport- und Freizeitaktivitäten.

Das Training sollte nach Möglichkeit außerhalb der Anstaltsmauern stattfinden, um es nicht unter dem Gesichtspunkt der künstlichen Welt der Vollzugsanstalt erscheinen zu lassen. In Hameln gab es dafür einen Pavillon, der außerhalb der Sicherheitszone lag, aber immer noch innerhalb der Anstaltsmauern. So wird nach den Sitzungen die Anstalt mit den Teilnehmern auch verlassen, die Vollzugslockerungen erhalten haben. Mit diesen soll dann die Sitzung nachbereitet oder ausklingen gelassen werden. Für die Teilnehmer ohne Lockerungen findet diese Phase innerhalb des Pavillons statt.

Weidner spricht hierbei davon, dass während eines Ausganges keine Sicherheitsbedenken gerechtfertigt sind, da Gewalt, trotz aller Straftaten, nur einen minimalen Teil des Alltagslebens ausmacht und da kein Gewalttäter so gleichgültig ist, dass er während eines Ausganges mit Justizmitarbeitern eine Straftat oder Gewalttat begeht. „Das Sicherheitsbedürfnis als eigenständige Schutzqualität bleibt damit unangetastet“ (Weidner 2001a: 140).

Während des Trainings werden die Teilnehmer direkt mit eingebunden.

3.1. Die Antagonisten – Positive Peer Culture

Das Anti-Aggressivitäts-Training orientiert sich hierbei am Begriff antagonistisch. Die Trainer und die Nicht-Professionellen, die sie auch unterstützen, sind die Antagonisten, also Widersacher. Sie spielen die friedfertigen Gegenspieler zu den gewalttätigen Teilnehmern. Die nicht-professionellen können dabei Tutoren, also Ex-Gewalttäter sein, die das Training schon hinter sich haben oder ‚gemeindenahe’ Ehrenamtliche, sowie Personen, die sich intensiv mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen, wie z.B. Kampfsportler (vgl. Schanzenbächer 2003: 61 u. Weidner 2001a: 138).

Diese Einbindung ist in dreierlei Sicht wertvoll.

Die Antagonisten sind ein Gegenpol zu der Gewaltverherrlichung in der Subkultur und bilden durch ihre ethischen Vorstellungen von sozialem Zusammenleben eine Positive Peer Culture. Diese ist jedoch in einem kleineren Rahmen als in Glen Mills.

Außerdem ist es sehr nützlich, dass die Teilnehmer des Trainings durch die verschiedenen individuellen Biographien und Charaktere sehen, dass auch alternative Handlungsstrategien existieren.

Der dritte Nutzen besteht darin, dass die Nicht-Professionellen immer „eine zahlenmäßig gleichstarke und solidarische Mitarbeitergruppe während der Sitzungen“ (Weidner 2001a: 139) sichern. Somit ist immer gewährleistet, dass sie gegenüber den Gewalttätern die Oberhand behalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Geburtsstunde der Konfrontativen Pädagogik. Anti-Aggressivitäts-Training
Hochschule
Universität Leipzig
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V286217
ISBN (eBook)
9783656863236
ISBN (Buch)
9783656864134
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geburtsstunde, konfrontativen, pädagogik, anti-aggressivitäts-training
Arbeit zitieren
Eric Maes (Autor), 2004, Die Geburtsstunde der Konfrontativen Pädagogik. Anti-Aggressivitäts-Training, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286217

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