Ambiguität (Ambigüedad)


Seminararbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

I. Was ist Ambiguität NICHT
I.1 Unbestimmtheit (La indeterminación)
I.2 Vagheit (La vagüedad)

II. Ambiguität: Definitionsversuch und Arten von Mehrdeutigkeit
II.1 Definition von Ambiguität
II.2 Phonologische oder phonetische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad fónica)
II.3 Syntagmatisch-syntaktische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad sintagmático-sintáctica)
II.4 Syntagmatisch-Semantische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad sintagmático-semántica)
II.5 Lexikalische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad léxica)

III. Wie lexikalische Ambiguität entsteht
III.1 Polysemie
III.1.1 Unterschiedliche Verwendungsweisen
III.1.2 Fachsprachliche Besonderungen
III.1.3 Bildersprache
III.1.4 Umgedeutete Homonymie (Volksetymologien)
III.1.5 Fremdsprachlicher Einfluss
III.2 Homonymie
III.2.1 Konvergente Lautentwicklung
III.2.2 Divergente Bedeutungsentwicklung
III.2.3 Fremdsprachlicher Einfluss

IV. ,,Schutzmechanismen“
IV.1 Polysemie
IV.2 Homonymie

V. Resümee

VI. Bibliografie

0. Einleitung

Was früher für die Dichter und Denker noch seinen besonderen Reiz hatte, wird heute ge- konnt von der Werbeindustrie für ihre Zwecke verwendet. Andererseits aber kommt es im Alltag immer wieder zu Missverständnissen oder Unklarheiten. Nicht selten sind Mehrdeu- tigkeiten daran schuld. Gerade weil diese Besonderheit der Sprache in Gesprächssituationen zu größeren Schwierigkeiten führen kann[1], sollte das Thema Ambiguität für Linguisten äußerst interessant sein und nicht nur oberflächlich abgetan werden. Deshalb werde ich im Folgenden zunächst genau analysieren, in welcher Form Mehrdeutigkeit eigentlich auftritt, wie sie entsteht und schließlich, wie die Sprache sich vor zu viel Unklarheit schützt.

I. Was ist Ambiguität NICHT

Dass es sich bei Ambiguität um Mehrdeutigkeit handelt, also um eine mehrdeutige Botschaft als eine Folge von Zeichen, der wir außerhalb jedes Kontexts zwei oder mehrere Interpreta-tionen zuweisen können ([2] vgl. Gutiérrez Ordoñez,1992: 138), sagt allein der Terminus. Jeder dürfte sich darunter auch grob etwas vorstellen können. Doch das genügt nicht. Um nun zu einer exakten Definition zu kommen, soll aber zunächst erst einmal geklärt werden, was Ambiguität nicht ist. So lassen sich von Vornherein Missverständnisse oder Verwechslungen ausschließen.

I.1 Unbestimmtheit (La indeterminación)

Ein völlig anderes Phänomen ist die Unbestimmtheit. Aber auf Grund dessen, dass es ebenso wie bei der Ambiguität zu Missverständnissen und Verständnisproblemen kommen kann, muss dies klar von Amiguität abgegrenzt werden. Wie Gutiérrez Ordoñez schreibt, gibt es hierbei nicht mehrere Bedeutungen eines Wortes (oder Lexems), sondern der signifié ist stets einzigartig. Überhaupt ist das Charakteristische an der Unbestimmtheit – anders als bei der Ambiguität -, dass die Menge an Information ungenügend bzw. nicht ausreichend ist : Der Hörer würde mehr Information wollen, als ihm mitgeteilt wird. Somit beruht das Ganze nicht auf einem Problem für den Sprecher, sondern ausschließlich für den Hörer. Weiterhin kann ein und dieselbe Aussage für manche Hörer als unbestimmt, für andere aber als völlig aus-reichend gelten. Theoretisch könnte alles in einer Sprache als unbestimmt angesehen werden; denn jede Aussage könnte immer noch mehr präzisiert werden.

Das Wichtigste aber im Vergleich zur Ambiguität ist, dass die Unbestimmtheit mehrere Inter-pretationen ein und derselben Aussage völlig ausschließt; es ist immer nur eine einzige Inter-pretation möglich.

Um das Verständnis der theoretischen Definition von Unbestimmtheit zu erleichtern, folgen nun einige Beispiele, die dieses Phänomen veranschaulichen sollen.

Der Satz

Hace frío.

ergibt für jeden kompetenten Sprecher nur genau den einen Sinn ,,Es ist kalt.“ Das heißt nicht warm oder lauwarm, sondern kalt. Was allerdings nicht klar ist, ist, was ,,frío“genau bezeichnet. Jemand, der aus dem Sommerurlaub zurück ins ,,kalte“ Deutschland, mit Tem-peraturen um die 10°C zurückkehrt, empfindet diese 10°C vermutlich als ,,kalt“. Im Winter hingegen würden sicher wenige 10°C als ,,kalt“ bezeichnen, -10°C aber schon. Ich wiederum sehe meist 20°C schon als ,,kalt“ an, für Paul L. aus meiner ehemaligen Parallelklasse, der so-gar im Winter mit T-Shirt draußen herumlief, ist die Grenze für ,,kalt“ wohl unexistent. Da es sich bei vielen Begriffen um subjektive Empfindungen oder Denkweisen handelt, kommt es so zu Fällen von Unbestimmtheit, da es für den Hörer unmöglich ist, die Gedanken des Ge-genübers exakt zu entschlüsseln.

Ein weiteres Beispiel wäre

Christina y David van a Tübingen.

Auch bei diesem Satz ist nur eine einzige Interpretation möglich: Es gibt 2 Personen – Christina und David – und diese beiden waren nicht in Tübingen, es spielt keine Rolle wo, aber auf keinen Fall dort; gehen nun aber genau dort hin. Dennoch kann auch dieser Satz als unbestimmt betrachtet werden: Es wird nicht gesagt, ob die beiden Personen gemeinsam oder getrennt gehen. Anhand dieser Aussage ist beides möglich.Weiterhin wird auch nichts darüber mitgeteilt, wo die beiden sich vorher befanden. Es wäre also denkbar, dass sich Person A an einem anderen Ort aufgehalten hat als Person B. Und dann könnte es weiterhin unbestimmt sein, um welche Christina oder welchen David es sich handelt.

Wie hier, wenn Sprecher und Hörer nicht dasselbe Weltwissen haben, kann ein Fall von Unbestimmtheit auftreten.

Nach diesen beiden Beispielen dürfte nun klar sein, dass das Wesentliche der Unbestimmt-heit ein Mangel an Informationen für den Hörer ist; dass es sich bei diesem Phänomen der Sprache also keinesfalls um irgendeine Art von Mehrdeutigkeit handelt.

I.2 Vagheit (La vagüedad)

Wie gerade gesehen gibt es im Sprachgebrauch Gegebenheiten, in denen es zu Missver-ständnissen oder Unklarheiten kommen kann, und dies nicht nur auf Grund von Mehrdeu-tigkeit. Darüber hinaus gibt es aber auch Fälle, in denen die Problematik nicht innerhalb der Sprache selbst zu suchen ist, sondern eher in der Beziehung der Sprache und der außer-sprachlichen Welt zueinander. Solch ein Phänomen ist die Vagheit. Nach Gutiérrez Ordoñez ist etwas vage, wenn die Grenzen der Bedeutung nicht eindeutig sind. Das Problem liegt also in der (außersprachlichen) Realität. Viele Dinge sind klar. Ein Tisch ist (normalerweise) ein Tisch. Oder eine Mutter ist kein Vater, sondern durch ihre bestimmten Attribute, die sie zur Mutter machen, eine Mutter. Aber andere Dinge sind eben nicht eindeutig. Was ist mit dem Alter? Bin ich mit meinen 21 Jahren eine ,,niña“ oder eine ,,chica“ oder aber vielleicht eine ,,señorita“? Eben dies ist die Schwierigkeit. Die Grenzen der Bedeutung sind so fließend, so vage, dass es unmöglich ist, stets klare Aussagen zu treffen. Ebenso verhält es sich mit vielen Adjektiven, die wegen ihrer Subjektivität ein weiteres Beispiel für die Vagheit darstellen.

z.B.

caro .

Dieser Begriff bedeutet für ein Kind etwas völlig anderes als für einen Studenten oder für ein Vorstandsmitglied von VW oder einen Arbeitslosen oder ein Mitteleuropäer dürfte andere Vorstellungen darüber haben als ein Afrikaner aus einem Slum.

Das bedeutet, es geht um die Bezeichnung und nicht um die Bedeutung. Nicht die Sprache selbst, die etwas zum Ausdruck bringt ist vage, sondern die Realität. Bezeichnungen, die als vage angesehen werden können, sind an sich für jeden kompetenten Sprachbenutzer verständ-lich. Es geht hierbei also darum, dass die Wirklichkeit oft nicht klar und fest definiert ist. Also ist in diesem Fall die Mehrdeutigkeit nicht den Begriffen oder Bezeichnungen zuzuschreiben, sondern im Gegenteil, dem Referenten selbst.

Nachdem wir nun gesehen haben, dass Unbestimmtheit nie mehrdeutige Aussagen beinhaltet, sondern viel mehr Unklarheiten dadurch auslöst, dass dem Hörer nicht genügend Informatio-nen übermittelt werden, und wir weiterhin wissen, dass es oft schwierig sein kann, Dinge korrekt zu bezeichnen, da die Grenzen in der Realität oft fließend und somit vage sind, sind wir nun in der Lage diese Vorkommnisse von Mehrdeutigkeit zu unterscheiden. Wir sind nun also an dem Punkt angekommen, wo wir uns nun der Ambiguität selbst zuwenden können.

II. Ambiguität: Definitionsversuch und Arten von Mehrdeutigkeit

II.1 Definition von Ambiguität

Wie bereits kurz erwähnt, wird in der Linguistik eine mehrdeutige Botschaft als eine Folge von Zeichen, der wir außerhalb jedes Kontexts zwei oder mehrere Interpretationen zuweisen können, definiert. ([3] vgl.Gutiérrez Ordoñez,1992: 138). Ambiguität hat mit der Bedeutung, nicht mit der Bezeichnung (vgl.I.2) oder Denotation zu tun. Gemäß Jakobson handelt es sich um ein semasiologisches Phänomen; das heißt, Ambiguität existiert ausschließlich für den Hörer, nicht aber für den Sprecher. Im Prinzip geht es darum, dass eine Aussage für den Hörer nicht eindeutig ist, sondern dass sich ihm zwei oder mehrere Möglichkeiten der Interpretation bieten. Wie sich im Folgenden noch zeigen wird, entsteht Ambiguität meist aus Polysemie oder Homonymie[4], wobei beide auf der langue-Ebene stets Ambiguität auslösen. Es ist aber von großer Wichtigkeit, Polysemie bzw. Homonymie nicht automatisch mit Ambiguität gleichzusetzen. Sowohl Pottier Navarro als auch Gutiérrez Ordoñez betonen die Notwendig-keit einer Unterscheidung, denn im Gegensatz zur Polyvalenz liegt Ambiguität immer nur in einer konkreten Äußerung vor. So werden Mehrdeutigkeiten oft durch den Kontext geklärt. Doch nicht immer muss eine Polyvalenz vorliegen, damit es zu Ambiguität kommt. Wie wir nun sehen werden, gibt es verschiedene Formen der Mehrdeutigkeit, die sich ganz anders dar-stellen.

II.2 Phonologische oder phonetische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad fónica)

Eine häufige Form von Ambiguität ist die phonologische oder phonetische Mehrdeutigkeit. Hierbei ist die Lautstruktur des Satzes ausschlaggebend. Es kann passieren, dass eine Wort-folge aus verschiedenen Wörtern durch ihre Abfolge phonetisch gleichklingend und somit möglicherweise mehrdeutig wird.Lediglich die (potentiellen) Sprechpausen oder Unterschiede in der Intonation können zu einer Unterscheidung beitragen. In geschriebener Form löst sich diese Form von Mehrdeutigkeit stets auf. Dies kann wie in folgendem Beispiel aussehen:[5]

gente de mente gente de mente

[xentedemente] [xentedemente]

Besonders häufig sollte diese Form von Ambiguität übrigens in Gebieten, in denen die Unterscheidung zwischen Ceceo und Seseo nicht gemacht bzw. wo [s]- Laute überhaupt weggelassen werden, vorkommen.

Ein großer Unterschied besteht beispielsweise darin, ob ein Arzt mit

[toma una tableta de’pŭe de la ko’miđa]

toma una tableta después de la comida oder ...de las comidas

meint. Und nicht nur bei der Unterscheidung Singular-Plural, sondern auch bei der Verb-flexion führt das Weglassen von [s] zu phonologischer Mehrdeutigkeit; wie wenn man jemanden, mit dem man per du ist, fragt

[adondeba]

und nicht a dónde va, sondern a dónde vas meint.

II.3 Syntagmatisch-syntaktische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad sintagmático-sintáctica)

Anders als bei der phonologischen Ambiguität, wo das Aufeinandertreffen verschiedener Wörter zufällig eine gleiche phonologische Sequenz auslösen, handelt es sich bei der syntagmatisch-syntaktischen Mehrdeutigkeit um Wörter, die phonologisch identisch sind, und auch lexikalisch identisch sein können, aber eine unterschiedliche grammatikalische Funktion beinhalten und somit also eine Ambiguität auslösen; wie z.B.:[6]

Llegará el día de Pascua.

,,El día de Pascua“ kann hier zum einen die Subjektrolle haben, aber auch eine adverbiale Bestimmung sein, wenn ,,llegará“ das Verb zu einer weiteren 3.Person Singular ist.

Ein weiteres Beispiel für syntagmatisch-syntaktische Ambiguität wäre folgender deutscher Satz:

Berta mag gerne schwarze Röcke und Blusen.

Entweder bedeutet dieser Satz, dass Berta

a) schwarze Röcke und schwarze Blusen mag oder
b) schwarze Röcke und irgendwelche Blusen

Das Wort ,,und“ ist an sich eindeutig, aber durch die Verbindung, die es hier eingeht, ergeben sich eben diese beiden Möglichkeiten. Bei beiden Beispielen beruht die Mehrdeutigkeit auf der Doppelfunktion, die die jeweils kursiv gedruckten Wörter innehaben.

II.4 Syntagmatisch-Semantische Mehrdeutigkeit (Ambigüedad sintagmático-semántica)

Ebenso wie es Ambiguität auf Grund der Kombination von phonologischer und lexikalischer Identität eines Wortes, das dann in einer bestimmten Sequenz einen Doppelsinn hat, geben kann, gibt es auch Wörter, die verschiedene semantische Beziehungen, die sich auf die Syntax auswirken, eingehen können. Und auch auf diese Weise kann Mehrdeutigkeit entstehen. Das Paradebeispiel ist im Lateinischen die Schwierigkeit der Unterscheidung der Funktion eines Genitivs, da es sich hier bekanntermaßen stets sowohl um einen genitivus objectivus oder einen genitivus subjectivus handeln kann. Wie bei ,,amor dei“, der Liebe von Gott“ oder ,,der Liebe zu Gott“ kann so eine syntagmatisch-semantische Ambiguität auch im Spanischen auf-treten:

[...]


[1] Also im Prinzip in einem Bereich der Pragmatik. Allerdings möchte ich hier keine neue Diskussion über die (Problematik der) Definition von Semantik und Pragmatik, die nun einmal sehr eng beieinander liegen, wenn nicht sogar fließend ineinander übergehen, eröffnen.

[2] Salvador Gutiérrez Ordoñez (1992): Introducción a la semántica functional. Madrid, Sintesis, 138.

[3] Salvador Gutiérrez Ordoñez (1992): Introducción a la semántica functional. Madrid, Sintesis, 138.

[4] Über die Definitionsproblematik wird im Folgenden noch gesprochen werden.

[5] Gutiérrez Ordoñez bezeichnet es als ,,ambigüedad fónica”, während Ullmann von phonologischer Mehrdeutigkeit schreibt.

[6] Dieser Terminus von Gutiérrez Ordoñez entspricht Ullmanns ,,doppelsinnigen Wortverbänden”(Amphiolie).

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Details

Titel
Ambiguität (Ambigüedad)
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
PS 2
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V28635
ISBN (eBook)
9783638303613
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ambiguität
Arbeit zitieren
Christina König (Autor), 2003, Ambiguität (Ambigüedad), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28635

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