Ist Politik als Wissenschaft möglich? Analyse der Thesen von Karl Mannheim


Referat (Ausarbeitung), 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Problem der gleichzeitigen Verknüpfung von differenzierten Denkstilen

3 Die Synthese von Denkstilen
3.1 Die Schicht der freischwebenden Intelligenz
3.2 Der Missbrauch eines gemeinsamen etablierten Parteiwillens
3.3 Das Verständnis politischer Soziologie

4 Über die Eigenart politischen Wissens

5 Über die Mitteilbarkeit und die Darstellbarkeit politischen Wissens

6 Die Umsetzung der Politik als Wissenschaft mithilfe der Wissenssoziologie

7 Kritische Würdigung

1 Einleitung

Die Frage, ob Politik als Wissenschaft grundsätzlich möglich sei, ist nicht ohne Weiteres zu beantworten. Wie in vielen anderen soziologischen Sichtweisen, spielen auch bei der Politik als mögliche Wissenschaft nach Mannheim diverse Einflussfaktoren eine Rolle, welche berücksichtigt werden müssen. Unter der Politik versteht Mannheim das Ausnutzen von sozialen Räume. In unserer stark rationalisierten Gesellschaft gibt es Räume, welche sich in einem stetigen Wandel befinden. Ein solcher Raum ist für Mannheim die Politik, welche von irrationalen Spielräumen unserer Gesellschaft lebt. Die sich in der Gesellschaft abspielenden Dinge sind im Werden begriffen, welche zu keinem Zeitpunkt planbar sind. Doch weshalb soll in dieser Hausarbeit, die Politik als Wissenschaft hinterfragt werden, wenn sie doch als solche schon lange existent ist? Sehr wichtig scheint hierbei bereits die Trennung zwischen den Politikwissenschaftlern, die sich hauptsächlich mit den Interaktionen zwischen den Parteien, den Organisationen, den Verbrauchern und Unternehmen auseinandersetzen und die Unterscheidung zum reinen Politiker, welcher die Politik als solche aktiv mitgestaltet. Es ist immer noch sehr fraglich, welche Fragen mit der Politik als Wissenschaft überhaupt untersucht und dargestellt werden können. Die Politik befindet sich in einem permanenten Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen. Diese Zwänge bilden den Mittelpunkt des menschlichen Seins. Die daraus resultierende Komplexität der vorherrschenden Zwänge, kann es der Politik sehr schwer machen, sich den Interessen der Gesamtheit zu unterstellen. Die Wissenschaft sollte wertfrei sein, die Politik ist jedoch stets wertegeleitet. Wie genau sich dieser Aspekt auf die oben gestellte Fragestellung auswirkt, soll anhand der gewonnenen Erkenntnisse von Karl Mannheim aufgezeigt werden. Die Verknüpfung von differenzierten Denkstilen spielt in dieser Hausarbeit eine zentrale Rolle. Denn nur mit ihr können Kompromisse und neue Erkenntnisse erörtert werden. Das politische Wissen kann somit neu definiert und gestaltet werden. Die Frage nach der Erlaubnis der Ausführung des synthetisierten Wissens einer zugehörigen Gruppe und die Gestaltung eines auf speziellen Eigenschaften beruhenden politischen Wissens kann mit kombinierten Denkstilen gelöst werden. Desweiteren gilt es zu beweisen, ob die von Mannheim mitgeprägte Wissenssoziologie, auf die von Ideologien angesprochenen Probleme einwirkt und dadurch zur politischen Orientierung beiträgt.

2 Das Problem der gleichzeitigen Verknüpfung von differenzierten Denkstilen

Karl Mannheim stellte in seinem Werk "Utopie und Ideologie" die Hypothese auf, dass man unterschiedliche Denkstile miteinander verknüpfen kann, um somit eine gemeinsame Grundbasis für das eigentliche soziale Denken und Handeln zu finden. Wenn wir in diesem Fall von den theistischen und historischen Denkansätzen ausgehen, ist es nicht besonders schwierig zu erkennen, dass die gegenseitige Verknüpfung von den differenzierten Denkbasen als nahezu unmöglich angesehen werden kann. Obwohl die Denkbasen scheinbar von- einander divergieren, gibt es sowohl im Historismus als auch im Theismus Elemente und Denkinhalte, welche durchaus von der Ansicht des jeweiligen Denkstiles übereinstimmen, als auch aufeinander abgestimmt sind. Karl Marx versuchte beispielsweise das liberal-bürgerliche Denken mit dem Historismus hegelscher Spielart zu verbinden, welcher selbst konservativen Impulsen entsprang. Um eine gemeinsame Grundbasis des vereinten Denkstiles zu finden, ist es deshalb von größter Bedeutung einen Impuls von Anfang an zu generieren. In der Religion wird versucht, unabhängig von der jeweiligen konfessionellen Auffassung, wie auch in der Politik, ein Bestreben an den Tage zu legen, eine möglichst einheitliche weltanschauliche Denkweise herauszubilden. Auch im Laufe des Historismus kann man unterschiedliche Gruppierungen den einzelnen Epochen zuordnen, welche sich auf gemeinsame Wurzeln bezogen und eine gemeinsame Einstellung zur Welt anstrebten. Nach Mannheim wird Politik als Wissenschaft erst möglich, wenn die unterschiedlichen Aspekte und Theorien nicht als unendlich bzw. als willkürlich angesehen werden, sondern als einander ergänzende Bedingungen (vgl. Mannheim 1995, S.129). Gelingt eine solche Synthese von unterschiedlichen Aspekten und Theorien, so ergeben sich neue Problematiken. Wer sollte demnach berechtigt sein, zwei unterschiedliche Denkstile in sich zu vereinen und nach außen zu repräsentieren, wenn man bedenkt, dass eine Trägereinheit stets aus politischer und sozialer Sicht korrekt handeln sollte. Es ist einleuchtend, dass der Voluntarismus einer Person aus dem Auge verloren gehen kann und er lediglich eine Marionette, welche nach außen stets präsent ist, eines übergeordneten Parteiwillens darstellt. Jedoch ist die Gefahr gegeben, dass die Fäden von einer übergeordneten Institution nach freiem Belieben fest gezogen und gelockert werden können. Der Wille des Einzelnen kann in einer vorgegebenen Gruppennorm untergehen, sodass es fraglich ist, ob eine Verknüpfung von unterschiedlichen Denkstilen aus ethischer und moralischer Sicht überhaupt geduldet werden kann.

3 Die Synthese von Denkstilen

3.1 Die Schicht der freischwebenden Intelligenz

Das Problem des Trägers zweier unterschiedlicher Denkstile ist nach wie vor sehr aktuell, weshalb noch näher erörtert werden muss, wer nun eigentlich berechtigt ist, der Träger dieser Synthese zu sein. Es ist fraglich, inwiefern ein solcher Synthesenträger bereits im sozialen, als auch im politischen Raum integriert ist. Mannheim hinterfragt diese Gegebenheit folgendermaßen: "Welches politische Wollen wird die Synthese als Aufgabe übernehmen, wer kann sie im sozialen Raume erstreben?" (Mannheim 1995, S. 134). Nimmt man die sozialen Schichten genauer unter die Lupe, so ist es auch auffällig, dass einem Verknüpfungswillen stets eine eindeutige Schicht der Geschichte zugeordnet werden kann. Nach Mannheims Auffassung ist dies die Mittelschicht. Sie fühlt sich seiner Ansicht nach stets Zwängen von der Unterschicht und der Oberschicht ausgesetzt und muss deshalb den Willen haben, zwischen diesen beiden Extrempolen zu handeln. Um eine mögliche Bedrohung beider Schichten auszuschließen, ist die mittlere Schicht darauf angewiesen, ihre eigenen Denkstile zu hinterfragen und mit den Auffassungen der anderen Schichten zu vergleichen, um eine soziale Absicherung zu erreichen. Bezüglich der Vermittlung zwischen den Schichten wird laut Mannheim eine statische und dynamische Gestalt unterschieden. Die Zuordnung zu einer Ausprägung hängt hierbei von der eigenen sozialen Lagerung ab. Die statische Gestalt spiegelt sich beispielsweise in den französischen emporgekommenen Bürgertum wieder. Das französische emporgekommene Bürgertum zeichnet sich durch eine immense Kapitalanhäufung aus, deshalb geht von dieser Schicht nicht die eigentliche Intension aus, sich mit anderen Schichten auseinanderzusetzen und Synthesen in gemeinsamen Aspekten, als auch ähnlichen Theorien zu suchen. Die sozial abgesicherte Situation und die Vermeidung der Bedrohung des eigenen Kapitals, lassen das französische emporgekommene Bürgertum lediglich in einer rein statischen Gestalt erstrahlen. Eine dynamische Schicht zeichnet sich durch einen stetigen Wandel aus, sowohl im räumlichen, als auch im zeitlichen Sinn. Karl Mannheim bezeichnet diese Schicht, in Alfred Webers Terminologie gesprochen, als sozial freischwebende Intelligenz (vgl. Mannheim 1995, S. 135). Die wichtigste Eigenschaft der sozial freischwebenden Intelligenz scheint die relativ klassenlose, nicht eindeutig festgelegte Schichtzugehörigkeit im sozialen Raume zu sein. Eine Mitgliedschaft bei dieser dynamischen Gestalt ist jedem Denker freigestellt. Jedoch versteht man unter der freischwebenden Intelligenz auch eine gewisse Anzahl von Menschen, welche man mit diesem Schichtbegriff in Verbindung bringen könnte. Unterstützt wird diese Meinung von dem Fakt, dass unsere Gesellschaft lediglich ihr Wissen als Rentnerintelligenz bezeichnen kann, die von einem industriellen Leihkapital lebt. Der ausschlaggebenste Fakt gegen eine Bezeichnung der sozialen freischwebenden Intelligenz als Schicht ist nach Mannheim, dass diese dynamische Form direkt von Verschiebungen im historischen und sozialen Raum betroffen ist. Die Verschiebungen können sich günstig, als auch ungünstig auf die sozial freischwebende Intelligenz auswirken. Bei den klassischen Schichten wird bei einer historischen bzw. sozialen Verschiebung entweder eine günstige, oder eine ungünstige Variante erschlossen. Man kann festhalten, dass die Form der freischwebenden Intelligenz nicht als eine feste Schicht definiert werden kann, weil sie sich in ihrer Struktur stets verändert und sowohl von positiven als auch von negativen Veränderungen im sozialen Raum profitieren kann. Sie bildet eine klassenmäßige Mitte, in welcher Mitglieder von den verschiedensten Schichten zur Geltung kommen können. Je höher die Beteiligung von Mitgliedern der unterschiedlichsten Schichten ist, desto universeller werden die Tendenzen der Bildungsebene und desto größer wird die Vereinigung von unterschiedlichen sozialen Impulsen. Mannheim beschreibt dieses Phänomen mit den Worten: "Der Einzelne nimmt dann mehr oder minder an der Gesamtheit der sich bekämpfenden Tendenzen teil" (Mannheim 1995, S. 137). Es ergeben sich zwei Möglichkeiten für die sozial freischwebende Intelligenz. Ihre Mitglieder wählen den freien Weg des Anschlusses an die sich bekämpfenden Klassen oder sie wählen den Weg des Sich Besinnens auf die eigene Person, sodass sie zu einer Art Stellvertreter der geistigen Interessen der Gesamtheit heranreifen. Der erste Weg ist für die Mitglieder nur möglich, weil sie sich durch ihre Bildung und ihre Position in jede beliebige Klasse mühelos hineinfühlen und hineindenken können. Die Vertreter einer eindeutig definierten Klasse können diesen Status nicht erreichen, da sie nicht in der Lage sind über ihre feste soziale Bindung hinaus zu handeln. Das verfolgte Ziel des ersten Weges der freischwebenden Intelligenz kann nur unter einem Aufzwingen der eigenen Meinung verstanden werden. Unter der Berücksichtigung des Aspektes, dass mit diesem Verhalten ein Misstrauen unter den Angehörigen einer festen Schicht geschürt wird, soll die sozial freischwebende Intelligenz als Vermittler zwischen den Schichten fungieren. Der zweite Weg versteht die eigene Bewusstmachung der sozialen Position und der daraus folgenden Mission. Nach Mannheim sollte eine bewusste Orientierung im sozialen Raum unter der Berücksichtigung des geistigen Elementes erfolgen (vgl. Mannheim 1995, S. 139). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ausschließlich in der sozial freischwebenden Intelligenz ein gegenseitiges Durchdringen von geistigen Ansätzen möglich wird. Durch die Individuen unterschiedlichster Herkunft und ihren differenzierten Denkweisen wird ein Fundament für die immer von neuem vorzunehmende Synthese geschaffen.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ist Politik als Wissenschaft möglich? Analyse der Thesen von Karl Mannheim
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Karl Mannheims Wissenssoziologie als Theorie der Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V286546
ISBN (eBook)
9783656868323
ISBN (Buch)
9783656868330
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mannheim, Wissen, Soziologie, Politik, Wissenschaft, Intelligenz, frei
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Sebastian Werfel (Autor), 2010, Ist Politik als Wissenschaft möglich? Analyse der Thesen von Karl Mannheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286546

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