Püree, Mittelmaß und Zeitkritik. Analyse von "Das Ende der Konsequenz" von Hans Magnus Enzensberger


Essay, 2008
6 Seiten

Leseprobe

Textgrundlage: Hans Magnus Enzensberger: Das Ende der Konsequenz (1981)

Bevor ich mich dem Aufsatz im Detail widme, sei es mir vergönnt, ein paar einleitende Worte über meinen Gesamteindruck zu äußern. Zunächst gilt es zu erwähnen, dass dieser Text sprachlich wie auch inhaltlich einige Kraft besitzt. Ich meine, das Zusammenspiel beider Komponenten ermöglicht es mir, diese wenigen Seiten als ergreifend und erschreckend, wenn nicht sogar als ernüchternd zu bezeichnen. Zum einen tiefbeeindruckt, zum anderen zum Schmunzeln angeregt werde ich mich nun ans Detail machen.

Enzensberger besticht mit einer nüchternen Zeitdiagnose, deren er aber eine zunächst verwirrende Einleitung voranschickt. Ich deute dies als Versuch der Einstimmung des Lesers. Zu Beginn wird dem Leser eine Situation vorgestellt, in der sich der Erzähler auf einer Veranstaltung befindet. Einer TV-Diskussionssendung, über die eher abfällig berichtet wird. Man gewinnt den Eindruck, dass der Erzähler sich aus Zwang dort befindet, sei es beruflicher oder gesellschaftlicher Art. Dieser erste Teil des Essays handelt von dem Erzähler persönlich und seiner Situation, in der er sich befindet. Man erfährt etwas über die äußerlichen Umstände, zum Beispiel wen er kennenlernt, und auch über seine Gedanken. Dieser Aufbau ähnelt eher einem Tagebucheintrag oder einer subjektiven Berichterstattung. Ein „kleine[r] Mann mit […] blonden Schnurrbart und […] altmodischer Hornbrille“ (S. 7) nervt ihn zunächst, scheint ihn aber dennoch ungewollt zum Nachdenken anzuregen. So kommt es, dass man von einer Situationsbeschreibung zu der Gedanken- und Ideenwelt des Erzählers gelangt. Das erste Wort des ersten Absatzes „Püree“ und die letzten Worte „Alles Püree“ (S. 7) bilden sozusagen den Auftakt der Zeitkritik, die aber vorerst von dem Mann mit der Hornbrille geäußert werden. Nach dieser Veranstaltung gehen den Erzähler die Worte des Mannes nicht mehr aus dem Kopf. Er machte ihn zum Vorwurf, dass er keine klare Stellung bezogen habe und dass er von ihm enttäuscht sei, denn das „geistige Leben besteht […] nämlich aus Püree“ (S.8). Nach diesen Worten und zum Denken angeregt, konnte der Erzähler sich von seinem Gewährsmann Herr G. trennen und degradiert ihn letztendlich zu einem unfreiwilligen Komiker, der gegen Opportunismus und Anpassung wettert und genau dieses bis zur Vollendung betreibt. Die großen Schlagworte und Forderungen des Herrn G. „Prinzipienfestigkeit, Radikalität, Unbestechlichkeit, kompromisslose Klarheit, unerbittliche Konsequenz“ (S. 10) schlagen ein wie eine Bombe. Damit beginnt der Erzähler – oder ist es in diesem Fall Enzensberger persönliches Urteil – mit seiner ernüchternden und sprachlich beeindruckenden Zeitkritik.

Zum ersten sind solche Typen wie Herr G. bezeichnend für unsere Republik, denn sie erkennen sich nicht einmal selber. Die Kritik an ihm wird somit zu einer Kritik der Bürger. Die einfache Einsicht, dass jeder ein Teil des Problems ist, wird von niemanden geteilt. Die meisten Menschen verdrängen diese Tatsache schlichtweg, denn „[j]e weicher der Brei, desto fester die Prinzipien, und je hilfloser das Gezappel, desto inständiger die Liebe zur Konsequenz.“ (S. 11) Und genau hier haben wir den Übeltäter: die Konsequenz! Der Mensch sehnt sich nach Eindeutigkeit, nach Klarheit, schlichtweg nach Konsequenz. Wie diese beschaffen sei, spielt dabei keine Rolle. Man kann rechte oder linke oder gar verrückte Prinzipien verfolgen, Hauptsache konsequent. Es geht um Standpunkte, Grundsätze und Prinzipien, die es zu verfolgen gilt. Dabei überführt man den andern und kann ihn wirkungsvoll denunzieren. Es ist ein eigenartiger Wesenszug der Menschen, denn die Integrität, die sie bei sich selber nicht finden, suchen sie bei Vorbildern à la Mutter Teresa, Charles Manson oder Ulrike Meinhof. Wobei diese wiederum keinerlei Ansprüche erhoben, jemals ein T- Shirt zu zieren, denn vom Vorbild zum Geächteten ist es nur ein kleiner Schritt.

In einem zweiten Punkt wird das Konsequenz-Gebot hinsichtlich seiner Charakteristika angeprangert, denn allzu oft wird die moralische mit einer logischen Kategorie vertauscht. Die Entschlossenheit ist nun mal wie jedes logische Postulat inhaltlich leer. Man kann ein überzeugter und konsequenter Patriot sein, aber auch ein Faschist, Betrüger oder Dieb. Aus diesem Grund bleibt die Frage, ob Handeln und Denken in jeden Fall übereinstimmen muss. An dieser Stelle berichtet der Erzähler von einer Begegnung mit Herbert Wehner und Bernhard. Bernhard wirft Herrn Wehner vor, unglaubwürdig zu sein, denn er habe 1926 öffentlich Bombenwerfen gefordert und nun nach vielen Jahren tritt er gegen den Terrorismus ein. Dieser unglaublichen Entlarvung hat der Erzähler nur eins entgegen zu bringen: „Ja, lieber Bernhard, stell dir vor: Der Mann hat sich die Sache mit dem Bombenwerfen im Laufe eines halben Jahrhunderts einfach anders überlegt.“ (S. 17) Enzensbergers Sarkasmus besticht hier klar den Leser. Man schmunzelt über diese Wortwahl und kann nur eindeutig zustimmen. Durch diesen lockeren Ton wird der Leser für die harte Zeitkritik sensibilisiert und empfänglich gemacht. Besser als mit nüchternen und trockenen philosophische Schriften gelingt es dem Autor, den Leser in diese Thematik einzuführen und ihn letztendlich für sich zu gewinnen. Durch ironische Kommentare, wie „Und dann gar noch Brötchen fordern, jene Brötchen, die man schließlich eben jenem System verdanke, gegen das hier dauernd gestänkert werde. Nein, wer nicht mit dem Kapitalismus einverstanden ist, der soll nicht essen […]. Alles andere sei schlicht und einfach – inkonsequent.“ (S. 17) überzeugt Enzensberger eindrucksvoll. Mit einem Rückgriff auf Adorno wird gezeigt, dass sehr wohl ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht.

An dieser Stelle gelangen wir nun zu den „Freuden der Inkonsequenz“ (S. 18), denn ihr haben wir unser heutiges Leben zu verdanken. „In Gefahr und großer Not / ist die Konsequenz der Tod.“ (S. 19) Das Durcheinander und Ausprobieren sichert das Überleben, aus ihnen heraus entsteht die Demokratie. Für Helden und Führer ist in dieser Welt kein Platz mehr. „Dieses Milieu der Mittelmäßigkeit, diese Prothesen-Politik“ (S. 20), können wir weltweit finden, denn Improvisation und Bastelarbeit sichern das Überleben und die Regierung. Dennoch fällt es den Intellektuellen schwer darauf zu verzichten. Das alte Spiel „Ich gehe weiter als du!“ wird schon seit Jahrhunderten gespielt, doch nie waren die Einsätze höher als in den ersten fünfzig Jahren des 20. Jahrhundert. Man denke in diesem Zusammenhang nur an der ersten und zweiten Weltkrieg, um gleich die schlimmsten zu nennen. Zunächst aber möchte ich erst einmal Enzensbergers Bescheidenheit loben. Er will es den anderen überlassen, sich und seine Kollegen die „Intellektuellen“ und „Kulturschaffenden“ zu nennen. Sehr lobenswert. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Konsequenz aber auch verheerende Wirkungen haben kann. Der Erzähler bittet hier höflich um Erlaubnis, eine kleine Geschichte zu Untermauerung zu erzählen, und berichtet von einem jüngeren Dozenten der in Paris Volkswirtschaft der Entwicklungsländer lehrte. Seine Lehren kann man als äußerst radikal und fragwürdig beschreiben. In seinem Seminar saßen auch Kambodschaner, die dann seine Ideen mit aller Konsequenz in die Tat umsetzten. Die traurige Bilanz dieser Praxis besteht in zweieinhalb Millionen toten Kambodschanern. Man merkt schnell, dass ein erheblicher Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht. Es sei immerhin keine Schande oder „ein Verbrechen, eine Sache zu Ende zu denken. Das ist schließlich unser Beruf“ (S. 24). Doch der Kardinalfehler besteht nun mal darin, dass die meisten es beim Denken nicht belassen. Sie wollen grade dort, wo es keinen Weg gibt, ihre Theorien mit aller Gewalt in die Tat umsetzen. Ich brauche nun nicht erst den Faschismus als Beispiel anzuführen, es dürfte auch so einleuchtend sein. Die schlussfolgernde Aufforderung des Erzählers:„ Dabei liegt die Alternative ziemlich nahe. Wenn euer Denken, liebe Kollegen, diese Grenze erreicht hat, warum kehrt ihr dann nicht einfach um und probiert den nächsten unerforschten Weg aus? Das tut gar nicht so weh, wie ihr denkt. Natürlich müßt ihr mit eurer Sehnsucht nach den heroischen Zeiten fertig werden, in denen es noch so aussah, als könnte einer ein für alle mal im Recht sein. […]“ (S. 25), überzeugt wieder mit diesem spritzigen Ton und dem wohlformulierten Sarkasmus. Enzensberger versteht es meisterhaft seine Vorwürfe so zu verpacken, dass man sie ihm nicht übel nehmen kann. Vielleicht gelangt der eine oder andere Kollege von ihm zu derselben Einsicht und sieht dies eher als konstruktive Kritik und nicht als Beleidigung, obwohl es „[n]atürlich […] auch nicht immer angenehm [ist], von der eigenen Unfehlbarkeit Abschied zu nehmen.“ (S. 25) Auch im nächsten Abschnitt sprudelt die Ironie aus Enzensberger nur so heraus. Er spricht von „verbiesterten Gesichter“ (S. 26), lädt ein, die Vorzüge der Inkonsequenz kennen zu lernen, und spricht vom Sarkasmus als „Heiterkeit im Angesicht der allgemeinen Depression“ (S. 26). Nun wollen wir uns noch einmal dem Püree, als „weltgeschichtliches Kontinuum“ (S. 27) zu wenden. Es besteht noch immer und wird auch weiterhin bestehen. Man kann ihn weder mit Konsequenz, moralischen Grundsätzen, noch mit Sarkasmus bekämpfen. Es gilt in ihm zu überleben, das heißt ihn zu dulden und zu akzeptieren. Man erstickt nicht am Brei, solange man sich nicht in ihn hineinstürzt, wie zum Beispiel Herr G. Auch wenn es einem schwer fällt, so sollte man doch, laut dem Erzähler, den Brei „stillschweigend, gleichmütig, geduldig über sich ergehen lassen“ (S. 27). Es ist schwer aus dem Matsch herauszukommen, denn die Klebrigkeit hält einen gefangen. Doch das Recht, im Püree zu waten, ist durch die Gesetzgebung verankert. Jeder darf machen, wozu er sich berufen fühlt, es werden dem ewigen Besserwisser keine Grenzen gesetzt. Nun, soll er doch daran ersticken. Ja, das sind harte Worte, die Enzensberger verwendet, doch ich kann ihm nur aus vollem Herzen zustimmen. Was wäre die Welt, wenn sie nur noch aus Püree-Liebhaber besteht? Auf jeden Fall eine traurige.

Nun wollen wir zum Ende noch den Eigensinn hinsichtlich seiner Qualität überprüfen. Der Erzähler stellt mit Scharfsinn fest, dass der Eigensinn eine Frage der Haltung sei und nicht eine des Prinzips. Er bedarf keiner Rechtfertigung, er erhebt keinerlei Ansprüche, er lässt sich nicht erfassen, geschweige denn organisieren, und er entzieht sich der politischen Kontrolle, sowie jeder logischen Kalkulation. Entweder man besitzt den Eigensinn oder nicht. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass man ihn nicht ohne weiteres erwerben kann. Der Erzähler spricht an dieser Stelle von einem unauffälligen Mann, der sich ruhig und zurückhaltend, aber dennoch zielstrebig gibt. Es handelt sich hierbei um Georg Elsner, den leider erfolglosen Attentäter von Hitler. Er plante seine Aktion alleine und führte sie auch aus. Nun, wenn der Name nicht gerade erwähnt worden wäre, würde ihn keiner wissen. (Man möge an dieser Stelle von Historikern absehen.) Es wird nicht viel über ihn berichtet, immerhin gehört er ja auch keiner Verschwörung an. Es stellt sich nun die Frage, warum so wenig von ihm berichtet wird. Nichtsdestotrotz trifft man den Eigensinn auch noch heute an, wie man ihn auch schon vor Jahrhunderten angetroffen hat. Zum Glück werden ihn weder durch Epochen, Gesellschaften, noch durch Privilegierung Grenzen gesetzt. Der Erzähler lässt aber die Frage offen, wo er seinen Ursprung findet und wovon der sich ernährt. Auch ich bin nicht imstande, diese Fragen zu beantworten. Mir bleibt nur die Vermutung, dass gerade die ruhigen und unscheinbaren Menschen, denen keiner etwas zutraut, vermögen, Großes zu leisten.

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Details

Titel
Püree, Mittelmaß und Zeitkritik. Analyse von "Das Ende der Konsequenz" von Hans Magnus Enzensberger
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V286570
ISBN (eBook)
9783668282681
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
püree, mittelmaß, zeitkritik, analyse, ende, konsequenz, hans, magnus, enzensberger
Arbeit zitieren
Melanie Illert (Autor), 2008, Püree, Mittelmaß und Zeitkritik. Analyse von "Das Ende der Konsequenz" von Hans Magnus Enzensberger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286570

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