Katalonien. Zur Separationsbewegung aus kulturgeschichtlicher Sicht


Seminararbeit, 2014
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ein kulturgeschichtlicher Abriss zum Katalanismus
1.1 Seine historische Entwicklung
1.2 Seine ideologischen Grundlagen
1.3 Seine sozialen Träger

2. Der Gegensatz Katalonien - Spanien
2.1 Zwei entgegengesetzte Strukturen
2.2 Politischer Separationsprozess
2.3 Katalanisches Änation-building“

3. Zusammenfassung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Der heutige Regionalismus in vielen europäischen Ländern, dem im Gegensatz zum Nationalismus das wesentliche Merkmal, nämlich die Forderung nach einem eigenständigen Nationalstaat, fehlt, steht in der Tradition der europäischen Nationalbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und findet seine Rechtfertigung vor allem in nationalistischen Ideologien. Er ist in der Regel eine Erhebung einer Randregion gegen das Zentrum, mit dem Ziel einer weitgehenden Autonomie innerhalb des bestehenden Staates, d.h. ihn föderalistisch zu organisieren. Dabei stellen tiefgreifende Strukturgegensätze zwischen Peripherie und Zentrum eine wesentliche Komponente dar.1 ÄZu den bis heute bedeutendsten regionalistischen Bewegungen gehört die katalanische Bewegung. Sie erhebt ihre Forderung nach Autonomie der spanischen Region Katalonien seit über 100 Jahre.“2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die autonome spanische Region Katalonien3

Die katalanische Frage zählte schon seit der Jahrhundertwende zu den schwersten innenpolitischen Problemen Spaniens und stellt heutzutage mehr denn je das wohl gravierendste innenpolitische Problem für den spanischen Zentralstaat dar. Mit der Forderung nach einem von der spanischen Regierung akzeptierten Unabhängigkeitsreferendum ist Katalonien Äein Paradigma für den in Gesamteuropa zu beobachtenden Aufstand der Regionen gegen die Zentralen“4. Der sog. Katalanismus soll sowohl unter dem Gesichtspunkt der strukturellen Differenzierung von der Region Katalonien und dem Gesamtstaat Spanien als auch unter dem damit zusammenhängenden politischen Separationsprozess beleuchtet werden, wobei der Schwerpunkt bei der Ausbildung und Entfaltung dieser katalanisch-nationalistischen Bewegung liegt. Der katalanische Historiker Jordi Llorens gibt in seinem Werk Obrerisme i catalanisme einen historischen Überblick zur politischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Kataloniens in der Zeit der Restauration vom Jahre 1875 bis zur Proklamation der Zweiten Republik im Jahre 1931.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Enric Prat de la Riba i Sarrà war einer der Stimmführer des neu erwachten katalanischen Nationalgefühls im 19. Jahrhundert.6

Enric Prat de la Riba (1870-1917), der führende Theoretiker des konservativen Katalanismus, veröffentlichte im Jahre 1906 sein berühmtestes Werk La nacionalitat catalana, in dem er die historische Entwicklung, beginnend mit der Herausbildung eines Nationalismus bis zur Ausbildung einer Nationalität in Katalonien, beschreibt.7

Der katalanische Nationalismus war von Anfang an autonomistisch und nicht separatistisch orientiert, da die diese nationalistische Bewegung tragenden sozialen Schichten, vor allem das Großbürgertum aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen ein Teil des spanischen Gesamtstaates bleiben wollten. In den Schriften von katalanischen Nationalisten wie z.B. Prat de la Riba findet sich diese Orientierung des Katalanismus wieder. Nach dem Bürgerkrieg wurde die nationalistische Bewegung von der faschistischen Regierung Spaniens politisch verfolgt, sodass sie sich in den Untergrund zurückzog und ihre proautonomistische und prokapitalistische Orientierung beibehielt.8

1. Ein kulturgeschichtlicher Abriss zum Katalanismus

1.1 Seine historische Entwicklung

Aus historischer Perspektive konnte Katalonien Äals dominierender Teil des Königreichs Aragon auf eine glänzende Vergangenheit als mittelmeerische Großmacht zurückblicken“9 und behielt nach der Vereinigung mit dem Königreich Kastilien in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine weitgehende Selbstständigkeit, die erst mit dem Niedergang der spanischen Weltmacht und schließlich nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges (1700-1714) mit der Einnahme Barcelonas durch königliche Truppen am 11. September 1714 bis auf Restbestände wie z.B. im Bereich des Zivilrechts beseitigt wurde. ÄDer 11. September ist seitdem der historische Nationalfeiertag der Katalanen, Tag der Trauer und der Freude zugleich.“10 So ist die Ständeverfassung, die sich von der in Kastilien ausgebildeten patrimonialen Monarchie unterschied, da der König ohne die aus

Geistlichkeit, Adel und städtisches Patriziat bestehende Ständeversammlung keine Gesetze erlassen oder ändern konnte, gänzlich aufgehoben worden. ÄIn den Decretos de Nueva Planta werden die historisch begründeten autonomen Institutionen der Balearen, Valencias und der Generalitat von Katalonien aufgelöst, die Sonderrechte abgeschafft. An der Spitze der neuen zentralistischen Verwaltung steht nunmehr ein königlicher Generalkapitän (Capitánia General).“11 Auf dieser Grundlage entwickelte sich im 18. Jahrhundert der spanische Einheitsstaat, der bis ins 20. Jahrhundert mit kurzen Unterbrechungen sukzessive weiter ausgebaut worden ist. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als nach den Napoleonischen Kriegen ein neues, liberal konstitutionelles Spanien aufgebaut werden sollte, waren die katalanischen Abgeordneten für eine weitgehende Zentralisierung des Landes in Gesetzgebung und Verwaltung. So wurde in Katalonien die Zerschlagung der jahrhundertelangen administrativen Einheit des Landes und der Abbau der noch bestehenden Sonderrechte akzeptiert und mitgetragen, weil das katalanische Bürgertum davon überzeugt war, dass eine blühende katalanische Wirtschaft nur in einem Einheitsstaat möglich wäre.12 ÄSpanien war demnach ein Land, das ein frühes ‚state-building‘ erfuhr und auch Ansätze für ein frühes ‚nation-building‘ zeigte.“13

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden an der Peripherie des scheinbar festgefügten spanischen Einheitsstaates politische Bewegungen, welche die Existenz einer spanischen Nation in Frage stellten. Die katalanische Nationalbewegung anerkannte zwar Spanien als Staat, betrachtete aber als eigenständige Nation nur Katalonien neben anderen Nationen innerhalb des spanischen Staates und forderte daher Selbstbestimmung sowie Selbstregierung für Katalonien. ÄEs zeigte sich also, daß es in Spanien nicht gelungen war, die einzelnen Territorien des Staates politisch, sozial und kulturell so zu integrieren, daß eine einheitliche Nation entstanden wäre.“14 Die Anfänge des Katalanismus als kulturelle

Renaissance-Bewegung lassen sich bis in die 1830er Jahre zurückverfolgen, und der Schritt zur politischen Artikulation erfolgte nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution in den Jahren 1868 bis 1874. Ab dem Jahre 1881 wurde über die erste politische Vereinigung versucht, Interessenpolitik für die Region zu betreiben, jedoch gelang der Durchbruch für diese politische Bewegung erst um 1900, als sie sich entschloss, auf parlamentarischer Ebene zu agieren und außerdem beim Groß- und Kleinbürgertum Fuß fassen konnte. Innerhalb von wenigen Jahren konnte sie die wichtigsten Selbstverwaltungsgremien besetzen und erreichte im Jahre 1913 mit dem organisatorischen Zusammenschluss der vier katalanischen Verwaltungsprovinzen (Mancomunitat) den ersten Schritt zur institutionellen Anerkennung Kataloniens als einer regionalen politischen Einheit. Im Jahre 1931 wurde in Spanien die Monarchie beseitigt und Katalonien erhielt mit dem im September 1932 erfolgten Erlass eines Autonomiestatutes weitgehende Selbstverwaltungsrechte, welcher die alte Generalitat wiederherstellte. Mit dem Sieg von Francisco Franco im Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 und der Errichtung einer Diktatur begann für die katalanische Autonomiebewegung eine Epoche der gewaltsamen Unterdrückung, die erst mit dem Tod von Franco im Jahre 1975 endete. Durch die Wiedererrichtung einer parlamentarischen Staatsform ist sie nun zu einem bedeutenden Faktor der spanischen Innenpolitik geworden, die vom gesamten politischen Spektrum der Region getragen wird.15

Das Ende der fast 40 Jahre dauernden Diktatur durch den Tod von Franco bedeutete für Katalonien das Ende der gewaltsamen Unterdrückung des katalanischen Nationalbewusstseins sowie der Sitten und Gebräuche. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der das Königtum in Spanien mit Juan Carlos I. de Borbón y Borbón erneuert wurde, konnte bereits am 11. September 1977 zum ersten Mal seit dem Bürgerkrieg der bis dahin verbotene katalanische Nationalfeiertag begangen werden. Dieser Tag entwickelte sich zu einer machtvollen Demonstration, als in Barcelona mehr als eine Million Menschen für ihre Rechte auf Autonomie und nationale Selbstbestimmung auf die Straße gingen. ÄNach den im selben Jahr abgehaltenen Wahlen in Spanien verabschiedete das Parlament zunächst eine neue Verfassung, in der neben den Grundrechten eines modernen Staates auch das Prinzip der Schaffung regionaler Autonomien verankert wurde.“16 Im Jahre 1979 wurde das Autonomiestatut für Katalonien beschlossen und die neue Landesregierung (Generalitat de Catalunya) installiert. An der Spitze der Landesregierung steht der Präsident von Katalonien, der durch das Parlament mit 135 Mitgliedern (Consell Executiu) gewählt wird. ÄIhm obliegt die legislative Gewalt und die Regelung der Zuständigkeitsbereiche mit der Staatsregierung. Die Generalitat hat die alleinige Verantwortung für die Bereiche Kultur, Erziehung und Sprache, Gesundheitswesen, Städtebau und Fremdenverkehr des Landes.“17 Über die Zuweisung der Finanzmittel entscheidet jedoch alleinig die spanische Regierung und verfügt somit über ein wichtiges Instrument der Einflussnahme. Das demokratische Spanien ist in insgesamt 17 autonome Gemeinschaften (Communidades Autónomas) und in 50 Provinzen unterteilt, die eine zweite Struktur- und Verwaltungsebene bilden. Die autonome Region Katalonien (Communitat Autónoma de Catalunya) ist in die vier Provinzen Barcelona, Girona, Lleida und Tarragona unterteilt, die wiederum in insgesamt 38 Kreise (Comarques) als untere Verwaltungseinheiten gegliedert sind, deren heutige räumliche Einteilung weitgehend auf die territoriale Gliederung Kataloniens im Jahre 1932 zurückgeht.18

Auf der Grundlage der demokratischen spanischen Verfassung von 1978 erhielt Katalonien neuerlich den Status einer autonomen Region, und die Kompetenzen sowie die Finanzierung der Region wurden immer weiter ausgebaut, meist auf Druck der katalanischen Nationalbewegung, sodass im Jahre 2006 Katalonien ein neues Autonomiestatut mit erweiterten Kompetenzen von der spanischen Regierung eingeräumt wurde.19

[...]


1 Vgl. Brunn, Regionalismus, S. 157f.

2 Ebd., S. 158.

3 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Katalonien (Zugriff: 14.11.2014).

4 Brunn, Regionalismus, S. 158.

5 Vgl. Llorens, Obrerisme, S. 4f.

6 Siehe http://es.wikipedia.org/wiki/Enric_Prat_de_la_Riba (Zugriff: 23.11.2014).

7 Siehe Prat de la Riba, La nacionalitat catalana.

8 Vgl. Díez, Divided Nations, S. 3f.

9 Brunn, Regionalismus, S. 159.

10 Klüver, Katalonien, S. 41.

11 Klüver, Katalonien, S. 41.

12 Vgl. Brunn, Regionalismus, S. 159f.

13 Ebd., S. 160.

14 Ebd., S. 160.

15 Vgl. Brunn, Regionalismus, S. 160f.

16 Klüver, Katalonien, S. 11.

17 Ebd., S. 11.

18 Vgl. ebd., S. 11ff.

19 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Katalonien (Zugriff: 16.11.2014).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Katalonien. Zur Separationsbewegung aus kulturgeschichtlicher Sicht
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V286646
ISBN (eBook)
9783656868965
ISBN (Buch)
9783656868972
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katalonien, Separationsbewegung, Katalanismus, Spanien
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2014, Katalonien. Zur Separationsbewegung aus kulturgeschichtlicher Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286646

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