Maßnahmen zur Implemetierung von Bibliothekstourismus

Angebote für Bibliothestouristinnen und Bibliothekstouristen


Bachelorarbeit, 2014
53 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand und Begriffsdefinition zum Thema Bibliothekstourismus

3 Chancen und Risiken von Bibliothekstourismus
3.1 Chancen
3.2 Risiken
3.3 Zwischenfazit

4 Vorschläge zur Steigerung der touristischen Attraktivität von Bibliotheken
4.1 Vor-Ort-Maßnahmen
4.2 Management und Einbindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
4.3 Öffentlichkeitsarbeit und Bibliotheksmarketing

5 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Sehenswürdigkeiten sind nicht, sondern sie werden gemacht; sie bestehen nur in der Auslegung des Vermarkters, in der Wahrnehmung des Betrachters, sie sind konstruiert, mindestens interpretiert, wenn nicht überhaupt erfunden […]. (Thurner 2011, 15)

Bibliotheken verstehen sich gemeinhin nicht als touristische Orte. In Reiseführern finden sich daher oftmals lediglich Hinweise auf architektonische Besonderheiten von Bibliotheksgebäuden. Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass Bibliotheken in ihrem Selbstverständnis vor allem Orte des geschriebenen Wortes, der Wissenschaft und Wissensvermittlung darstellen. In den letzten Jahren allerdings zeichnet sich ein Wandel der Bibliotheken hin zum Kompetenzzentrum und Ort der Begegnung ab.

Schon heute, so Hannelore Vogt, gingen Menschen nicht mehr nur in die Bibliothek, um Medien auszuleihen: Mehr als 50% der NutzerInnen besuchen die Bibliothek aus anderen Gründen, etwa um Freunde zu treffen, zu lernen und zu arbeiten (Vogt 2011, 321). Darüber hinaus besuchen viele Reisende Bibliotheken im In- und Ausland, um deren kulturellen Schätze zu besichtigen. Allerdings werden diese BesucherInnen gegenwärtig kaum vor Ort in deutschen Bibliotheken aufgenommen, da der Tourismus kaum bis gar nicht institutionell gelenkt wird. Dabei finden sich hierzu durchaus einige erste Ansätze auf den Internetseiten großer wissenschaftlicher Bibliotheken, so lautet z. B. das Leitmotiv der British Library in London: „Explore the world´s knowledge“ - ein Motto, welches den Erlebnis- und Wissen- schaftscharakter dieser Institution kombiniert und betont. Gleichermaßen stellt die Staatsbibliothek zu Berlin (SBB) den Nutzerinnen und Nutzern eine App zur Verfügung, die es ihnen ermöglicht, Informationen zu 24 herausragenden Objekten aus der Sammlung auf dem Smartphone mit sich zu führen und so ein Wissenszentrum der Hauptstadt mittels eines mobilen Kommunikationsgeräts zu erkunden.1

Hieran wird erkennbar, dass Bibliotheken im Grunde bereits auf den Zeitgeist reagieren, obwohl diesen neuen Ansätze bisher noch eine systematisierte Aufbereitung fehlt, auf deren Basis sich Theorien für eine weitergehende touristische Öffnung der Bibliotheken gründen könnten.2 Die vorliegende Arbeit soll sich daher mit der Frage beschäftigen, inwiefern es sinnvoll erscheint, mögliche Angebote zur touristischen Öffnung von Bibliotheken zu entwickeln: Welche Chancen und Risiken birgt ein systematisierter institutioneller Bibliothekstourismus?

Besonderheiten von Bibliotheken als Bildungsinstitutionen gilt es hierbei im Vorfeld einer touristischen Nutzung zu bedenken: Welche Potentiale und Problemfelder ergeben sich seitens der Bibliotheken, ihrer Leitung, MitarbeiterInnen und StammnutzerInnen? Im Verlauf dieser Arbeit sollen weiterhin konkrete Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität von Bibliotheken umrissen werden. In Anbetracht des relativ geringen Umfanges der vorliegenden Arbeit wird hierbei keinesfalls ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Für die verschiedenen Ebenen der Bibliothek - z. B. vor Ort oder im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit - sollen jedoch exemplarisch attraktivitätssteigernde Maßnahmen aufgezeigt und auf Grundlage der theoretischen Vorarbeiten kritisch betrachtet werden. Die Zukunftsperspektiven sind, so auch im Eingangszitat, deutlich: Tourismus ist „gemacht“ und könnte eventuell das Image und den Stellenwert von Bibliotheken in der öffentlichen Wahrnehmung steigern. Die Frage nach der Umsetzbarkeit angestrebter Konzepte - etwa angesichts knapper Ressourcen im Bereich Finanzierung und Personalbudget - sowie mögliche Interessenskonflikte sollen ebenso angesprochen werden, da diese die Realisierung der zu erarbeitenden Maßnahmen erschweren oder gar verhindern könnten.

2. Forschungsstand und Begriffsdefinition zum Thema Bibliothekstourismus

Bevor einzelne Aspekte der touristischen Öffnung von Bibliotheken und die Bedingungen, unter denen diese stattfinden sollten, diskutiert werden können, ist zunächst zu betrachten, wie das Thema Bibliothekstourismus in der aktuellen Forschungsliteratur behandelt wird.

Zum einen ist hierbei festzustellen, dass der Begriff „Bibliothektourismus“ bislang noch nicht näher definiert wurde, und weder Monografien noch Sammelbände oder Aufsätze zu diesem spezifischen Gebiet veröffentlicht wurden. Zum anderen lassen sich auch aus den Informations- und Bibliothekswissenschaften bis dato keine richtungsweisenden Impulse und Grundlagen ableiten. Aus diesen Gründen wird im Folgenden eine erste Annäherung an den Begriff „Bibliothekstourismus“ vorgenommen, die sowohl den Status quo der bibliothekarischen Praxis als auch Erkenntnisse möglicher Bezugswissenschaften, etwa den Kulturwissenschaften, mit einbezieht.

Eine naheliegende Herangehensweise besteht aus meiner Sicht darin, Leitbilder großer deutscher Bibliotheken dahingehend zu untersuchen, ob sie in der Selbstdefinition ihrer Handlungsfelder ebenso eine Aufgabe darin sehen, Angebote für Kulturtouristinnen und -touristen bereitzustellen. Dabei entsteht zwangsläufig die Frage danach, inwiefern sich außerdem in den Leitbildern dementsprechend Hinweise auf bereits in der Praxis gängige Maßnahmen finden und ob sich diese ggf. systematisieren lassen. Exemplarisch werden hierfür die Leitbilder der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), der Staatbibliothek zu Berlin (SBB), der Bayrischen Staatsbibliothek (BSB) und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) untersucht.

Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass in allen vier aktuellen Leitbildern dieser großen wissenschaftlichen Bibliotheken erkennbar ist, dass diese ihrer zentrale Aufgabe als kompetenter Partner von Wissenschaft und Forschung, aber auch für die Belange aller Bürger in Wissensfragen verweisen, und dieses als zentrales Ziel definieren. So findet sich im Leitbild der BSB explizit ein Hinweis auf kulturelle Zusammenhänge und Veranstaltungen: „Die Bayerische Staatsbibliothek ist ein Treffpunkt von Kultur und Wissenschaft in München. Dazu gehören jährlich mehrere hochrangige Ausstellungen sowie Lesungen, Konzerte, Buchpräsentationen, Vorträge und Symposien, aber auch Tage der Offenen Tür oder Lange Nächte der Literatur“ (BSB 2007, 32). Anhand dieses Zitats lässt sich sehr deutlich erkennen, dass sich die BSB in ihrer Eigenwahrnehmung zweifelsohne als Ort der Kultur und kultureller Veranstaltungen sieht - auch wenn hierbei noch keine genuin touristischen Angebote klassifiziert werden.

Ähnlich ausgerichtet ist auch das Leitbild der DNB: „Wir stellen mit unseren Sammlungen und Leistungen eine moderne Infrastruktur für die Arbeit in Kultur, Bildung und Wissenschaft bereit. Durch Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen wecken wir das Interesse der Öffentlichkeit und leisten einen Beitrag zum kulturellen Leben in Deutschland“ (Fischer 2012).3 Auch in diesen Zeilen ist ein Bewusstsein für den Stellenwert der in Bibliotheken zugänglichen und lebendigen Kultur- und Bildungsgüter erkennbar, die einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen. Im Vergleich hierzu betont das Leitbild der SBB vor allem den Wert ihrer einzigartigen Sammlung, „die als Teil des internationalen Kulturerbes zu betrachten sind“ (2008).4 Der Umstand, dass sich ein Leitbild nicht nur an nationale, sondern auch internationale Nutzer richtet, stellt hierbei eine zentrale Legitimation für die Erwägungen zum Bibliothekstourismus dar (vgl. Kap. 4.1). Im Leitbild der SUB selbst sind keine Hinweise auf eine mögliche touristische Ausrichtung vorhanden.5 Es wird Bezug genommen auf die zentrale Aufgabe der SUB, die in der Bereitstellung von gedruckter und digitaler Information sowie der Informationsbeschaffung besteht. Es ist jedoch verwunderlich, dass im Leitbild gar kein Hinweis auf die Ausstellungsbereiche im Neubau, z. B. im Foyer, oder auch im historischen Bibliotheks- gebäude vorhanden ist, da diese Werke von großer kultureller Bedeutung zeigen und ein integraler Bestandteil der Bibliotheksführungen vor Ort sind.

In allen Leitbildern lassen sich somit Ansätze von Aspekten der Öffentlichkeitsarbeit, des sogenannten Showcasing, und der kulturellen Infrastruktur erkennen, die durch Bibliotheken betrieben und unterstützt werden sollen.6 Dennoch ist zu konstatieren, dass in keinem der oben genannten Leitbilder dezidiert touristische Angebote definiert werden. Ergänzend dazu allerdings bietet die Internetpräsenz der SBB seit 2013 einen kurzen Imagefilm, der auf der Startseite verlinkt ist und durchaus Potential besitzt, Berlinreisende anzulocken. Mit Musikuntermalung, einem informierendem Voice-Over und aus verschie- denen Kamerawinkeln werden in diesem Film ausgewählte Kulturschätze - Handschriften und seltene Drucke - der SBB filmisch ansprechend präsentiert. In einem kurzen einleitenden Grußwort betont die Generaldirektorin Frau Barbara Schneider-Kempf: „[Die Staatsbibliothek zu Berlin] hat zwei wesentliche Aufgaben: Sie dient sowohl Forschung als auch Kultur, sie macht ihre Schätze nutzbar und sie bewahrt kulturelles Erbe von höchstem Rang“.7 Schneider-Kempf führt hier eindeutig aus, dass die SBB - und übertagbar Bibliotheken im Allgemeinen - wertvolle Kultureinrichtungen sind. Dies unterstreicht die Möglichkeit, angesichts der recherchierten sehr dünnen Forschungslage zum Thema „Bibliothekstourismus“ und angesichts des Erkenntnisinteresses dieser Arbeit, existierende Konzepte und Leitfäden des kulturtouristischen Bereichs kritisch hinsichtlich ihrer Relevanz und Übertragbarkeit auf genuin bibliothekstouristische Konzepte zu prüfen.

Bibliotheken sind im weitesten Sinne als Kultureinrichtungen zu definieren - Somit ist es für eine Annäherung an das Thema „Bibliothekstourismus“ zulässig, sich diesem über die Untersuchungen und Erkenntnisse im Bereich des Kulturtourismus zu nähern. Denn während die denkbare Subkategorie „Bibliothekstourismus“ bislang noch nicht erschlossen ist, wurde der übergreifende Aspekt des Kulturtourismus v. a. innerhalb der letzten Jahre weithin wissenschaftlich erschlossen.

Als Begriff bestehe, so Steinecke, Kulturtourismus seit den 1980iger Jahren und tauche zuerst in Förderprogrammen der Europäischen Union auf (Steinecke 2011, 12). Seitdem wird dem Kulturtourismus als Gegenstand der Tourismusforschung großes Interesse entgegengebracht, was sich nicht zuletzt in den zahlreichen zu dem Thema erschienen Monographien widerspiegelt, u. a. Heinze (2009), Steinecke (2012), Zulauf (2012) und dem Sammelband von Hausmann/Murzik (2011). Ausgehend von der Forschungslage zum Kulturtourismus soll im Folgenden in Analogiebildung eine Bibliothekstourismusdefinition abgeleitet werden. Becker definiert hierbei den Begriff Kulturtourismus, indem er ausführt:

Der Kulturtourismus nutzt Bauten, Relikte und Bräuche in der Landschaft, in Orten und in Gebäuden, um dem Besucher die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsentwicklung des jeweiligen Gebietes durch Pauschalangebote, Führungen, Besichtigungsmöglichkeiten und spezifisches Informationsmaterial nahezubringen. Auch kulturelle Veranstaltungen dienen häufig dem Kulturtourismus. (Becker 1993, 8)

Bei näherer Betrachtung kann diese Definition in drei Ebenen unterteilt werden. In der ersten Ebene wird definiert, welche Gegenstände für Touristen von Interesse sind - Architektur und Relikte, die Orte und Objekte, die es zu entdecken gilt. Im Kontext von Bibliothekstourismus können daher sowohl architektonisch herausragende Bibliotheksge- bäude als auch die in ihnen gesammelten Kulturschätze von touristischem Interesse und

Wert sein. Simon Woodward hat sich mit dem nicht ganz unähnlichem Phänomen des Campustourismus‘ beschäftigt und stellt diesbezüglich fest, dass auch Universitätsgebäude von kulturhistorischem Wert sind: „The historic buildings associated with centuries of learning provide an iconic and attractive physical presence that helps the destination build its sense of place” (2013, 265). Hier zeigt er die Symbiose von Geschichte und Bauwerk auf und weist ihnen „Attraktivität” in kulturtouristischer Hinsicht zu (ebd.). Dieses lässt sich auf viele deutsche Bibliotheken übertragen, die häufig über eine weitreichende Geschichte und stadtgeschichtliche Relevanz, eine Tradition als Bildungsstätte sowie eine herausragende Architektur verfügen.8

In der zweiten Definitionsebene wird formuliert, aus welchen Gründen Kulturtourismus stattfindet bzw. warum Touristen kulturelle Orte aufsuchen. Ergänzend führt Steinecke dazu an:

Der Kulturtourismus umfasst alle Reisen von Personen, die ihren Wohnort temporär verlassen, um sich vorrangig über materielle und/oder nicht-materielle Elemente der Hoch- und Alltagskultur des Zielgebietes zu informieren, sie zu erfahren und/oder zu erleben. (Steinecke 2002, 10)

Wiederum auf die Bibliothek übertragen, bedeutet dies, dass Touristen, die der Definition nach, neue Eindrücke an ihnen bisher unbekannten Orten sammeln möchten, das regional Besondere kennenlernen wollen. Dieses Interesse könnte sich beispielsweise auf kulturelle Veranstaltungen in der Bibliothek oder auch Bücher und andere Medieneinheiten mit regionalem und/oder nationalem Bezug stützen.

Und schließlich wird in der dritten Ebene der Definition von Steinecke darauf eingegangen, in welcher Art und Weise die Kulturtouristen die Orte ihres Interesses besuchen. Hierbei wird darauf verwiesen, dass ihnen durch Pauschalangebote, Führungen und Besichtigungsmöglichkeiten die kulturellen Angebote erschlossen bzw. nahegebracht werden. Das bedeutet in Bezug auf Bibliotheken gedacht, dass Konzepte und Angebote für Reisende erarbeitet werden müssen, die es ihnen ermöglichen, in einer begrenzten Zeit für sie relevante Inhalte zu erfahren (vgl. Kap. 4).

Daraus ergibt sich für den Bibliothekstourismus ebendiese vorläufige Definition: Unter Bibliothekstourismus versteht man eine Form des Kulturtourismus, in der Bibliotheksge- bäude mit ihrer Architektur und ihrer Lage bzw. stadtgeschichtlichen Relevanz, Sammlungen - etwa herausragender seltener Handschriften und Drucke - sowie andere Gegenstände von kultureller Bedeutung Besucherinnen und Besuchern zugänglich gemacht werden. Diesen wird im Rahmen einer zeitlich begrenzten Reise die Kultur-, Geistes- und Gesellschaftsentwicklung/Geschichte der jeweiligen Bibliothek und deren lokalen, regionalen und ggf. nationalen Kontext und Stellenwert durch Führungen, Besichtigungsmöglichkeiten, Kulturveranstaltungen und spezifisches Informationsmaterial nahegebracht.

Die soeben entwickelte erste Definition von Bibliothekstourismus stellt eine solide Arbeitsgrundlage dar. Allerdings sind hierbei die Besonderheiten in den Anforderungen, Chancen und Risiken von bibliothekarischen Institutionen als touristisch erschlossene bzw. zu erschließende Orte noch nicht hinreichend bedacht worden. Bevor die im letzten Teil der Arbeitsdefinition erwähnten konkreten Maßnahmen näher erläutert und im Ansatz diskutiert werden, befasst sich das folgende Kapitel daher zunächst mit den allgemeinen Chancen und Risiken, die eine touristische Öffnung speziell von Bibliotheken mit sich bringen könnte.

3 Chancen und Risiken von Bibliothekstourismus

Im Folgenden sollen die Chancen und Risiken eines systematisierten Bibliothekstourismus‘ erwogen werden - sowohl auf Seiten der interessierten Reisenden, als auch auf Seiten der Bildungseinrichtungen. Dabei sollen unter anderem die Kernaufgaben von Bibliotheken Berücksichtigung finden, indem geprüft wird, inwiefern sich diese mit dem Anspruch vereinbaren lassen, Bibliotheken touristisch zu öffnen.

3.1 Chancen

Fast das ganze 20. Jahrhundert hindurch wurden Tourismus und Kultur, so Richards, als tendenziell diametrale Aspekte des täglichen Lebens betrachtet - Kulturressourcen wurden als Teil des kulturellen Erbes einer Region oder Nation angesehen, die es wert seien, bewahrt zu werden und die einen Beitrag zur lokalen und nationalen Identität leisteten (Richards/OECD 2009, 19). Tourismus hingegen wurde häufig als eine weniger anspruchsvolle Freizeitaktivität verstanden, die kaum über eine Schnittmenge mit dem Alltagsleben und der Kultur einer bestimmten Zielregion verfüge, sondern vornehmlich dem Bedürfnis nach Erholung diene (vgl. ebd.).9

Seit den 1980er Jahren erreichten diese beiden Bereiche schließlich eine neuartige Symbiose. Dadurch, dass nun breitere Bevölkerungsschichten einen relativen Wohlstand und höhere Bildungsgrade erreichten, wuchs auch die Nachfrage an kulturellen Reiseangeboten. Kultur und Tourismus wuchsen auch in der öffentlichen Wahrnehmung zum Konzept des Kulturtourismus zusammen. Weitere Gründe hierfür waren und sind ein in breiten Bevölkerungsschichten beobachtbares Interesse an Kultur als Alleinstellungs- merkmal einer Region in Zeiten des globalisierten Marktes sowie der sich immer stärker ausdifferenzierende Anspruch von Touristen verschiedener Bevölkerungsgruppen, auch im Urlaub etwas Individuelles erfahren und erleben zu wollen (vgl. Gatterer/Kisig 2011). Auch wächst das Bedürfnis der Reisenden danach, die immaterielle bzw. ideelle Kultur ihres Reiselandes kennenzulernen - in diesem Zusammenhang werden auch Fragen nach dem Image und der Atmosphäre eines Reisezieles immer wichtiger (vgl. Richards/OECD 2009, 20). Diesen Entwicklungen und sogenannten Megatrends entspräche es durchaus, auch Bibliotheken als Orte einer solchen Kulturerfahrung zu nutzen.

Konkret, so John R. Whitman, versprächen sich Reisende von einem Bibliotheksbesuch in ihrem Reiseland, die lokale Bevölkerung zu erleben und mit ihr interagieren zu können (2008). Auch Sammlungen und besondere Relikte sowie die Werke lokaler Autorinnen und Autoren in einer solchen Bildungsinstitution kennenzulernen, treffe das Interesse von Kulturreisenden (ebd.).

Aus diesen persönlichen Begegnungen der Kulturtouristen mit den Bibliotheken ihres Reisezieles lassen sich zunächst sehr konkrete Vorteile für die Bibliotheken ableiten, die vor allem im Zusammenhang mit dem in den letzten Jahren vermehrt betonten Schlagwort der Kundenorientierung stehen. So kann und sollte der Erwartungshorizont und Erfahrungs- schatz der Reisenden genutzt werden, um die eigene Institution aus der Außenperspektive wahrnehmen und eigene Angebote im Sinne des Servicegedankens stetig optimieren zu können. Whitman regt an, dass die Touristinnen und Touristen gebeten werden sollten, Fragebögen auszufüllen und ihre Sichtweise auf das Angebot von Bibliotheken darin festzuhalten. Von solchen Befragungen und den dadurch gewonnen Anregungen könnten schließlich auch die StammnutzerInnen einer Bibliothek profitieren (vgl. ebd.).10

Die Vielzahl der in den letzten 20 Jahren veröffentlichten Forschungsliteratur reduziert das Potential und die Chancen von Kulturtourismus auf finanzielle Aspekte (etwa Richards/OECD 2009, 19f.). In Bezug auf den herkömmlichen Kulturtourismus, dessen Gegenstand in erster Linie die Nutzbarmachung von Bauwerken und Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn ist, wird immer wieder dessen Bedeutsamkeit für die Schaffung von Arbeitsplätzen in einer Ferien- und Urlaubsdestination betont. Aus ökonomischer Sicht führt die Steigerung des Tourismusaufkommens in einer Region zu vermehrten Einnahmen in den Bereichen, die eng mit den Bedürfnissen Reisender verbunden sind (Infrastruktur, Restaurants, Unterbringung etc.). Kulturtourismus wurde so zu einem Schlagwort, das vornehmlich mit wirtschaftlichem Wachstum assoziiert wurde.

Die meisten Bibliotheken in Deutschland jedoch sind weniger wirtschaftlichen Interessen unterworfen, da sie sich zum Großteil in der öffentlichen Hand befinden und aus den Mitteln des öffentlichen Haushalts finanziert werden. Indirekt jedoch können sich in Zeiten der finanziellen Krise auch Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland nicht der Frage nach ihrer Legitimation und Effizienz entziehen:

One of the major issues for the cultural sector is funding. As culture is often seen as a necessity to which all should have access, cultural goods are often priced low to facilitate this. […] As regions come under increasing pressure to justify funding for culture along with all other public goods, it is important that the cultural, social and economic value of culture does not go unnoticed. (Richards/OECD 2009, 69f.)

Dies bedeutet, dass auch Bibliotheken in der Gegenwart und Zukunft an ihrer Außen- wirkung arbeiten und ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit erhöhen müssen, wenn sie weiterhin in ihrer heutigen Form fortbestehen sollen. Auch Seefeldt und Syré (2011) stellen unter der Überschrift „Die Zukunft der Bibliothek, die Bibliothek der Zukunft“ die Frage, ob in zehn Jahren noch Bibliotheken wie heute existieren, oder diese durch automatisierte Datenbanken und Suchmaschinen ersetzt werden: „Sind [Bibliotheken] vielleicht nur noch eine Idee, ein virtueller Raum, oder bleiben sie ein physischer Ort mit umbauten Mauern und einem Dach?“ (107). Ebenso konstatieren sie, dass die fundamentale Bedeutung von Bibliotheken und die selbstverständliche Existenz derselben als zentrale Informations- und Bildungseinrichtungen in der Öffentlichkeit und Politik bis dato verkannt würden (ebd.). Die zentralen Ursachen hierfür seien das unzureichende politische Bewusstsein für die Funktionen der Bibliothek und das mangelnde Vertrauen in die Innovationsfähigkeit dieser Jahrtausende alten Institution (ebd.).

Angesichts dieser dringenden Fragen ist nun zu überlegen, welche Maßnahmen und Konzepte geeignet sind, die Präsenz der Bibliotheken in der Wahrnehmung der Gesellschaft zu erhöhen. Entsprechend aufbereitete Angebote für nationale und internationale Touristinnen und Touristen, die dies aufzeigen, könnten in jedem Fall einen nicht gering zu schätzenden Beitrag hierzu leisten. Hier liegt gerade auch für mittelgroße Bibliotheken ein Chance, ihr Profil - letztlich auch gegenüber ihren StammnutzerInnen - zu schärfen und ihr Image zu steigern, wenn diese beispielsweise über herausragende, bedeutende oder gar skurrile Bücher, Relikte oder Handschriften verfügen bzw. in architektonisch oder geschichtlich bedeutsamen Gebäuden untergebracht sind.

Bibliotheken sollten und könnten in ihrer Funktion als touristische Reiseziele das regional und, im Falle der großen Staatsbibliotheken, national Bedeutsame und Besondere - etwa Ideen, Werke und Leistungen großer Dichter, Erfinder und Wissenschaftler - herausstellen, präsentieren und so letztlich auch im kollektiven Gedächtnis bewahren. Angesichts der vielen kulturellen Schätze, die in Bibliotheken untergebracht bzw. bislang weitgehend verborgen geblieben sind, ist es erstaunlich, dass ihr touristischer Wert bislang - anders als etwa in Bezug auf Museen und andere kulturelle Einrichtungen wie Theater, Galerien und Denkmäler - nicht oder kaum erkannt wurde. Es stellt sich die Frage, inwiefern dieses touristische Potential von kulturtouristischer Seite tatsächlich genutzt wird?

Lokal-, regional- und nationalspezifische Kulturgüter in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, sollte gerade in Zeiten der zunehmenden Globalisierung ein wichtiges Anliegen sein, um so ein Bewusstsein für die kulturstiftende und kulturbewahrende Rolle von Bibliotheken zu schaffen.

Sicherlich verfügt nicht jede bibliothekarische Einrichtung, jede Stadtbibliothek, über Relikte und Zeugnisse von herausragender Bedeutung bzw. über eine entsprechende touristische Anziehungskraft, doch auch kleinere Bibliotheken können - in ihrem regionalen Bezug betrachtet - durchaus interessante Angebote für Reisende darstellen. Auf diese Weise könnten Bibliotheken ebenso Besucherinnen und Besucher ansprechen, die sich für ein spezielles Thema - etwa historische Kinderliteratur - interessieren. Für Reisende ergäbe sich so die Möglichkeit, sich vor Ort mit anderen Interessierten und kompetenten MitarbeiterInnen auszutauschen und Zugang zu Altbeständen zu erhalten, die bereits von Expertenhand ausgewählt, aufbereitet und zusammengestellt wurden.11

Da Bibliotheken nicht aus einem reinen Selbstzweck heraus existieren, sondern vielmehr der Bildung und dem Informationsbedarf der Gesellschaft dienen, stellt sich nach Betrachtung der bereits zusammengetragenen Aspekte die Frage, ob es nicht geradezu ihre Aufgabe ist, ihren Teil zur kulturellen Bildung der Gesellschaft auch insofern zu erfüllen, als dass sie ihre kulturellen Schätze nicht nur wenigen Wissenschaftlern im Rahmen der Forschung zur Verfügung stellen, sondern auch - in ansprechend aufbereiteter Form - einem breiteren Zielpublikum. M. E. ist es unumgänglich, dass Bibliotheken es sich zur Aufgabe machen, seltene bzw. bedeutende Werke, etwa im Rahmen von Dauer- und Sonderausstellungen vor Ort (vgl. Kap. 4), der kulturinteressierten Öffentlichkeit zu präsen- tieren, um so ihrer Rolle als „Kulturbildner“ gerecht zu werden und diese zu behaupten.

In diesem Zusammenhang stünden Bibliotheken gerade in Bezug auf den touristisch geprägten Publikumsverkehr in dem Bewusstsein und in der Verantwortung beispielsweise ausländischen Besucherinnen und Besuchern einen tieferen und komplexeren Einblick in die hiesige Kultur und Geschichte zu vermitteln, als es häufig bei den üblichen Urlaubsaktivitäten - etwa beim Besuch von Bars, Geschäften und Museen - der Fall ist (vgl. Whitman 2008). Auch in diesem Aspekt gehen Tourismus und Bildungsauftrag bzw.

-interesse durchaus Hand in Hand.

Deshalb entspräche ein so ausgerichteter Bibliothekstourismus auch den Zielen, die zu Beginn der 1990er Jahre von Vertretern des werteorientierten Kulturtourismus‘ formuliert wurden. So habe dieser - und somit auch der Bibliothekstourismus - die Aufgabe „das Verständnis, für die Eigenart einer Region in einem weiten Rahmen einer europäischen Kultureinheit zu erweitern und zu vertiefen, und zwar durch eine verstärkte Kommuni- kation zwischen den Bewohnern des europäischen Kontinents und durch eine sachlich richtige, vergleichende und diskursive Information über die Zeugnisse aus Vergangenheit und Gegenwart am Ort“ (Eder 1993, 165f.).

Auch in ihrem Standardwerk Portale zu Vergangenheit und Zukunft - Bibliotheken in Deutschland betonen Seefeldt und Syré (2011), dass Bibliotheken der Zukunft einen Beitrag zum lebenslangen Lernen, zum globalem Wissenstransfer und einem freien Zugang zu Bildung und Wissen für alle Bevölkerungsschichten leisten müssten (110). Dabei wollen sie die Bildungsinstitution um neue Aufgaben- und Arbeitsbereiche erweitert sehen. Die Bibliothek bezeichnen sie als „Ort der Begegnung“ sowie Anlaufstelle für Kulturerzeugnisse und Veranstaltungen und heben ebenfalls hervor, dass bei der weiteren Planung und Gestaltung von Bibliotheken „in jedem Fall […] auch betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte stärker betrachtet werden [müssen] als das in der Vergangenheit geschah“ (ebd.).

Ein wichtiges Kriterium für die Einschätzung der Zukunftsfähigkeit von Bibliotheken liegt im Bereich der Kundenzufriedenheit und der nachhaltigen Nutzergewinnung der jüngeren, nachkommenden Generationen. Denn die BibliotheksbenutzerInnen des 21. Jahrhunderts hätten sich, so Seefeldt/Syré, verändert: „Sie sind besser ausgebildet, reicher, mobiler und mündiger [in ihren Entscheidungen] als noch vor 20 Jahren“ - und sie sind digital natives (2011, 107). Hierbei ergeben sich - eine weitere Chance des Bibliothekstourismus als Impulsgeber - durchaus Synergieeffekte. Ähnlich wie Touristen, deren Aufenthalt in einer Bibliothek an einem Reiseort durch äußere Gegebenheiten zeitlich begrenzt ist, wünschen sich auch jüngere NutzerInnen eine multifunktionale Bibliothek, die für sie Inhalte anschaulich aufbereitet und Informationen so auswählt und vermittelt, dass sie innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens aufgenommen werden können.

[...]


1 Die hier erwähnte App „richtet sich an all jene [NutzerInnen, Anm. BB.] die an kulturhistorischen und wissenschaftlichen Kostbarkeiten interessiert sind“ (SBB, 5). Die Objekte, so der Begleittext, könnten eingehend studiert und teils in ihrer Interpretation genossen werden - mit Touchscreens sei eine neue Form des Erfahrens und Erlebens möglich, die die Exponate lebendig werden lasse (ebd.). Zudem nutze die SBB diese innovative Technik erstmals, um den ihr anvertrauten Reichtum für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen (SBB, 5). Die App - das Gleiche gilt im Übrigen für die Apps, die von der BSB bereitgestellt werden (s. Kap. 4.3) - wird bisher nur für Geräte vom Softwarehersteller Apple angeboten - wünschenswert wäre m. E. eine zusätzliche Version, die mit dem Betriebssystem „Android“ kompatibel ist.

2 Erste Ideen für grundlegende Ansätze wurden auf dem Workshop „Bibliothekstourismus - Sehenswerte Bibliotheken in Brandenburg entdecken“ erarbeitet, der am 23.10.13 in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam stattgefunden hat. Die Dokumentation zum Workshop ist abrufbar unter http://bibliothekstourismus.fh-potsdam.de/tagung/.

3 DNB, 1.

4 SBB, 1.

5 SUB, 2.

6 Der Begriff Showcasing leitet sich vom englischen Verb „to showcase“ (dt. etwas darbieten, etwas präsentieren) ab und bezeichnet den Vorgang des Ausstellens von in diesem Fall kulturell relevanten Objekten.

7 Zitiert aus dem Image-Film: „Forschung und Kultur - Die Staatsbibliothek zu Berlin“, über die Sidebar der Internetstartseite der SBB erreichbar (http://staatsbibliothek-berlin.de/), oder über die Internetplattform Youtube (http://www.youtube.com/watch?v=qF8DYaN2IoA).

8 Die an dieser Stelle genannten Aspekte sind daher häufig Themenbereiche, die in Bibliotheksführungen vor Ort angesprochen werden (vgl. Kap. 4.1).

9 Ergänzend ist an dieser Stelle unbedingt das historische Phänomen der „Grand Tour“ zu nennen: bereits im 17. bis frühen 19. Jahrhundert war das Phänomen der Bildungs- und Kulturreisen in adligen Kreisen weit verbreitet (vgl. u. a. Leibetseder 2004 oder Freller 2007). Diese Art des Tourismus‘ ist aber nur bedingt mit der modernen Ausprägung des Kulturtourismus zu vergleichen, da letzterer potentiell sämtliche Bevölkerungsschichten mit einschließt und nicht nur dem Adel und dem Bildungsbürgertum vorbehalten ist.

10 Wie ein effizientes Feedbackmanagement diesbezüglich aussehen kann, wird eines der in Kapitel 4 im Ansatz zu diskutierenden Punkte sein.

11 An dieser Stelle soll noch einmal kurz auf den Workshop „Bibliothekstourismus - Sehenswerte Bibliotheken in Brandenburg entdecken“ verwiesen werden. Im Laufe der Diskussion unter dem Titel „Das kulturtouristische Potential von Bibliotheken: erste Überlegungen zur Konzepterarbeitung“ wurde festgestellt, dass z. B. - neben anderen Bibliothek in Brandenburg - die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam sehr wohl über ein kulturtouristisches Potential verfügt: die präsente Lage im Stadtbild, ihre moderne ansprechende Architektur sowie die Anbindung an die Volkshochschule und die Wissenschaftsetage könnten hierbei von Interesse sein. Dieses Potential gilt es ggf. weiter auszubauen („Tagung in der SLB Potsdam: Rückblick“ Projektteam Bibliothekstourismus, 2014).

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Maßnahmen zur Implemetierung von Bibliothekstourismus
Untertitel
Angebote für Bibliothestouristinnen und Bibliothekstouristen
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
53
Katalognummer
V286673
ISBN (eBook)
9783656869573
ISBN (Buch)
9783656869580
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bibliothekstourimus ist ein äußerst spannendes, aber noch weithin unbekanntes Feld - die vorliegende Arbeit wertet alle bis dato zugänglichen Quellen und Expertisen aus, um einen Grundtstein zu legen.
Schlagworte
Biliothekstourismus, Bibliothek, Tourismus, Kulturtourismus
Arbeit zitieren
Bernd Binner (Autor), 2014, Maßnahmen zur Implemetierung von Bibliothekstourismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286673

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