Xinhai-Revolution, Französische Revolution, Tunesische Revolution im Vergleich

Unterschiede und Gemeinsamkeiten


Hausarbeit, 2014
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

1. Gegenüberstellung dreier Revolutionen - eine Betrachtung auslösender und beeinflussender Faktoren

2. Ursachen und Ausgangslage
2.1 Politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren
2.2 Ideologische Paradigmen und Zielsetzungen

3. Verbreitung der revolutionären Ideen
3.1 Träger der Revolution
3.2 Mediale Verbreitung
3.3 Regionale Verbreitung

4. Gemeinsamkeiten, Ergebnisse und Folgen

Literaturangaben

Zeitschriften

1. Gegenüberstellung dreier Revolutionen - eine Betrachtung auslösender und beeinflussender Faktoren

Revolutionen sind gekennzeichnet durch einen Wandel verschiedener Bereiche in einem historisch kurzen Zeitabschnitt. Es wird von politischem, gesellschaftlichem oder kulturellem Wandel gesprochen, für den das jeweils auslösende Moment jedoch auf sehr verschiedenen Gebieten liegen kann. Die drei in dieser Arbeit behandelten Revolutionen zeichnen sich jede für sich durch einen besonders tiefgreifenden Einschnitt in den bisherigen Geschichtsfluss aus, weshalb man sie mit Recht auch als Totalrevolutionen bezeichnen darf. Die Vielschichtigkeit der betrachteten auslösenden Prozesse bedingt dabei zwingendermaßen auch eine ähnlich große Komplexität der Wirkungen. Ein Vergleich dieser drei bedeutenden, in ihren langfristigen, bis heute andauernden Folgen, kaum als bedeutsam genug anzusehenden Revolutionen, kann in diesem begrenzten Rahmen naturgegebenermaßen nur relativ oberflächlich erfolgen. Jedoch ist oftmals gerade durch eine Zusammenstellung nur der prägnantesten Eckdaten und Fakten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, eine freie erste Einschätzung komplizierter Sachverhalte möglich, weshalb dieses Konzept hier als Richtlinie dienen mag. Die vorliegende Arbeit richtet ihr Hauptaugenmerk folgerichtig auf den Vergleich des tragenden ideologischen Gedankengutes, der maßgeblichsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren sowie der Verbreitung der revolutionären Ideen – und zwar im Hinblick auf die eigentlichen menschlichen Träger der jeweiligen Revolution sowie deren rein physischer Verbreitung mittels medialer Hilfsmittel. Eng verknüpft mit den meisten dieser Punkte ist auch der geographische Aspekt, welcher aufgrund der jeweiligen regionalen Besonderheiten in den einzelnen Ländern interessante Rückschlüsse und Schlussfolgerungen auf die sozialen innerstaatlichen Gruppen und deren politisches Umfeld zulässt, und der deshalb die ihm gebührende Beachtung finden soll. Die Aktualität und Wichtigkeit der betrachteten Revolutionen bis in unsere heutige Zeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden – gerade im Hinblick auf die Arabellion sehen wir einen noch nicht abgeschlossenen, in steter Wandlung und Veränderung begriffenen Prozess von globalpolitischer Auswirkung. Die Tunesische Revolution von 2010 – 2011, die als Auslöser dieser überregionalen Veränderungen gelten kann und deren Auswirkungen in jüngster Zeit ein gewisses Maß an Stabilität zeitigten, soll diesbezüglich als ein Schwerpunkt dienen ­− jedoch immer auch im Hinblick auf die eng verwandten politischen Umwälzungen in den Nachbarstaaten. Unter diesem Gesichtspunkt eines noch nicht abgeschlossenen Prozesses ergibt sich die Zielsetzung vorliegender Arbeit, nämlich unter Betrachtung älterer Umstürze und deren wichtigsten Ergebnissen, namentlich der französischen Revolution 1789-1799 sowie der Xinhai-Revolution 1911 - 1912 eventuell vorhandene Parallelismen und Ähnlichkeiten aufzudecken und so gegebenenfalls zukünftige Entwicklungen antizipieren zu können. Umgekehrt gilt natürlich, durch Erkennen eventuell bestehender Gemeinsamkeiten im Ablauf der exemplarisch aufgezeigten Ausgangslagen und Geschehnisse, neue Einblicke hinsichtlich der französischen beziehungsweise der Xinhai-Revolution zu gewinnen, zum Behufe sie im Sinne einer historischen Redundanz in ein Schema einordnen zu können. Die Abhandlung der einzelnen Punkte erfolgt daher zur Erleichterung des Auffindens dieser Parallelen chronologisch, jeweils mit der französischen Revolution als maßgebliche normative Größe des heutigen modernen Revolutionsbegriffes beginnend. Die behandelten Themen orientieren sich nach Möglichkeit immer am aktuellen Forschungsstand, während der Vergleich der Daten aus diesen drei Themenkreisen an sich selbst eine hohe Aktualität genießt.

2. Ursachen und Ausgangslage

2.1 Politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren

Die sozioökonomischen Strukturen des Ancien régime des 18. Jahrhunderts waren in erster Linie gekennzeichnet durch eine massive Ungleichverteilung rechtlicher und materieller Privilegien. Sowohl unverhältnismäßig große Teile des französischen Bodens als auch die maßgeblichen Teile der Administration wurden von privilegierten Adeligen in Anspruch genommen, die ihre ehemals machtvolle Position im Staatsgefüge, welche unter der streng absolutistischen Herrschaft Ludwigs XIV. gelitten hatte, unter dem im Vergleich eher schwachen König Ludwig XVI., restaurieren konnten. Demgegenüber zählte diese Klasse, angesichts einer damaligen Gesamtbevölkerung von immerhin 26 Millionen Franzosen, nur 350.000 Personen, also 1⅓ Prozent. ˡ Weiterhin von Bedeutung war der 2. Stand, der Klerus (0,5 Prozent der Bevölkerung), der durch üppige Diözeseneinkünfte und Zehnterträge als kaum weniger vermögend gelten darf. Vor allem der hohe Klerus, also Bischöfe, Stiftskanoniker und Domherren seien hier genannt, während der niedere Klerus, hauptsächlich mit der Last der Seelsorge betraut, sich meist mit bescheidenen Einkünften zufrieden geben musste und sich später teilweise auf die Seite der Revolutionäre schlug.2 3 Gemeinhin nannte man die restlichen 98 Prozent der damaligen französischen Bevölkerung den 3. Stand, was insofern irreführend ist, da es sich um ein hochgradig heterogenes Gemisch aus den verschiedensten sozialen Schichten handelte. Zu nennen sind zuvorderst die Bauern und Landarbeiter mit schätzungsweise mindestens 50 Prozent Anteil an diesem Konglomerat, welche jedoch in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht von dem relativ jungen Bürgertum weit überflügelt wurden. 1787 und 1788 unternommene Reformversuche um die Produktionskapazität und damit die Lage der Bauern zu verbessern blieben größtenteils erfolglos, beziehungsweise gereichten eher den ohnehin schon vermögenden, meist adeligen Großgrundbesitzern zum Vorteil.4 Gleichzeitig reichte der zur Verfügung stehende Boden oftmals kaum aus, die oft großen Bauernfamilien zu ernähren, viele waren gezwungen sich zusätzlich als Tagelöhner bei reichen Landbesitzern zu verdingen oder von diesen zusätzliches Land zu pachten.5 Die junge, zur Zeit des Merkantilismus meistens in Städten gediehene bürgerliche Schicht aus Handwerkern, Unternehmern, Anwälten, Schankwirten um nur einige Tätigkeiten zu nennen, teilte mit der ländlichen Bevölkerung eine Ablehnungshaltung gegenüber der vererbten Privilegien der beiden anderen Stände, ein Umstand der sich angesichts wirtschaftlich zunehmend schwieriger Zeiten im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts mit der Zeit immer mehr verschärfte.6 Der wirtschaftliche Aufschwung Frankreichs und damit des Bürgertums im 17. Jahrhundert war maßgeblich der umsichtigen Finanzpolitik Ludwigs IV. Finanzminister Jean-Baptiste Colbert geschuldet, welcher mit einer Neuausrichtung des wirtschaftlichen Systems (zu nennen seien vor allem Steuer- und Handelsrechtsreformen) den Grundstein für Frankreichs große wirtschaftliche Potenz legte. Jedoch zerrüttete das große Engagement Ludwigs IV. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775 die Staatsfinanzen nachhaltig, ein Umstand der Colberts Nachfolger Jaques Necker bei dringend notwendigen Reformversuchen oftmals die Hände band, da ein erheblicher Teil des Staatshaushaltes für Schuldentilgung und zur Bedienung der Zinsen aufgewandt werden musste.7 Letztendlich stellte diese finanzielle Zwangslage das auslösende Moment der Revolution dar, als die Generalstände zum ersten Mal seit 1614 einberufen wurden, um über neue Steuern zu verhandeln.8 Die Etablierung des französischen Handels begünstigte speziell in städtischen Zentren das Wachstum neuer Industriezweige. Erfolge der Außen- als auch der Binnenwirtschaft brachten eine neue Klasse oft vermögender Schiffseigner und Kaufleute hervor, die - angesichts des Widerspruchs der neuen wirtschaftlichen Dynamik zum veralteten System - der geltenden Ordnung meist ablehnend gegenüberstanden.9 Mit dem wirtschaftlichen Erfolg ging allmählich ein bedeutender Zuwachs der Bevölkerung einher, allein in Frankreich innerhalb von 74 Jahren um acht Millionen Menschen, mit dem aber die rechtliche Stellung derselben nach wie vor in keiner Weise korrespondierte.10 Andererseits hatte das französische Bürgertum nun die Mittel, sich intellektuelle Aktivitäten die über die eigentliche Arbeit hinausgingen, überhaupt zu leisten, ein Umstand der in vielerlei Gesprächszirkeln und schriftstellerischen Tätigkeiten seinen Niederschlag fand. Politische Themen, restriktive Gesetze, vergesellschaftet mit ausufernden Privilegien des Adels, die Dekadenz am Königshof und der ersten beiden Stände überhaupt, entwickelten sich zu rege diskutierten Schwerpunkten im allgemeinen Diskurs, wobei die von den Kriegsveteranen des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in die Heimat importierten revolutionären Gedanken eine nicht unwesentliche Rolle spielten.11 Mit den nach wie vor meist recht- und mittellosen Bauern zusammen hatte sich im Laufe der Zeit ein revolutionäres Potential gebildet, welches durch seinen großen Anteil an der Bevölkerung und dem eigenen Bewusstsein darüber einen Umsturz in absehbarer Zeit wahrscheinlich machte.

Ein partiell ähnliches Bild zeigt sich im China des frühen 20. Jahrhunderts. Die überwältigende Mehrzahl des 500 Millionen Menschen zählenden chinesischen Volkes war arm und von angesichts des ebenfalls autokratischen Herrschaftssystems von jeglicher politischen Teilhabe ausgeschlossen. Überdies wurde der einträgliche Handel seit den beiden verlorenen Opiumkriegen und den sich anschließenden allesamt für China demütigenden ungleichen Verträgen von europäischen Großmächten dominiert, die einige der für den Handel bedeutsamsten Städte Chinas als Konzessionsgebiete an diese abtreten musste, womit dort eine quasikoloniale Ordnung eintrat.12 Das überkommene Feudalsystem Chinas mit seinen systemimmanenten Schwächen und Ungerechtigkeiten zeigte sich der plötzlichen Kraftprobe mit modernen Industrienationen in keiner Weise gewachsen und trug durch seine Unreformierbarkeit und Unvereinbarkeit mit den Anforderungen, welche die modernen Entwicklungen darstellten, ähnlich wie bei der französischen Revolution bedeutend zum Fall der Qing-Dynastie bei. Die Versuche derselben ab 1861 in der sogenannten Selbststärkungsbewegung (自强) oder der Reform der hundert Tage 1898 dem Vorbild Japans folgend durch eine Nachahmung der europäischen Mächte den Rückstand auf nahezu allen Gebieten aufzuholen, erwiesen sich am Ende als nicht ausreichend.13 Der Dominanz der französischen Adeligen in Sachen Besitz und Privilegien entsprachen in China die herrschenden Mandschus, die mit der Qing-Dynastie seit 1644 das Herrscherhaus und den größten Teil der einflussreichen Posten im Verwaltungs- und Militärapparat stellten. Die

Mandschus stammen vom tungusischen Volk der Jurchen ab und unterschieden sich in Tradition und Sprache teils erheblich von den vorherrschenden Han-Chinesen, weshalb sie oft als Invasoren und Fremdkörper im chinesischen Kulturraum wahrgenommen wurden.14 Freilich trug auch die herrschende Gesetzeslage zu dieser Wahrnehmung als Fremdherrschaft im chinesischen Volk bei. Neben der erwähnten Dominanz der Mandschus auf administrativer Ebene waren auch Heiraten zwischen beiden Ethnien sowie die Ansiedlung im Mandschu-Gebiet im Norden Chinas die längste Zeit verboten, Maßnahmen die von früheren Kaisern ursprünglich dazu gedacht waren, die eigene Volksgruppe ob eines Anteils von nur einem Prozent an der Gesamtbevölkerung vor Assimilation zu schützen. Diese ethnisch motivierten Ressentiments wurden im Vorfeld der Xinhai-Revolution in zunehmendem Maße propagiert, revolutionären Gruppen gingen soweit, die Anwesenheit der Mandschus in China mit der der Europäer zu vergleichen sowie dazu aufzurufen, sie gleichermaßen zu bekämpfen.15 Ein Hauptvorwurf an die Qing-Dynastie war ihr schwächliches Auftreten den europäischen und - nach dem kürzlich verlorenen 1. Sino-japanischen Krieg besonders erniedrigend - japanischen Ambitionen gegenüber. Das althergebrachte Verständnis von China als dem Reich der Mitte und damit dem Zentrum der Welt wurde unter den neuen Umständen einer harten Belastungsprobe unterzogen, weshalb in den Augen vieler Chinesen die herrschende Qing-Dynastie jeglicher Autorität und Legitimität verlustig ging.16 Demgegenüber stand ein Block wirtschaftlich und militärisch überlegener Nationen, die angesichts ihrer verwandten Interessenslage in China miteinander kooperierten und mit ihren immer weitergehenden Forderungen in der Bevölkerung schlimmste Befürchtungen bezüglich der weitern Zukunft Chinas weckten.17 Die chinesische Administration war nicht zuletzt wegen ihrer aus der Historie gewachsenen und durch die schiere Größe des Landes bedingten dezentralen Organisation unfähig, die zahlreichen inneren und äußeren Probleme adäquat zu lösen. Dadurch ebenfalls bedingte grassierende Korruption auf allen Ebenen förderte den allmählichen Zerfall der feudalen Herrschaftsform, die sich den Erfordernissen des 20. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen zeigte. Bedeutendes Interesse an der Änderung der politischen Situation hatte das Bürgertum, respektive Kaufleute und Händler, welche zu den größten Unterstützern und Geldgebern der Tongmenghui gehörten und oft in kriminelle Machenschaften verstrickt waren. Sie erhofften sich in erster Linie eine Erweiterung ihres Einflusses durch Ausschaltung sowohl der restriktiven Gesetzgebung als auch der europäischen Konkurrenz, standen den Mandschus darüber hinaus allerdings auch schon seit alters her ablehnend gegenüber.18 Ähnlich verbreitet waren konstitutive Gruppen, die das autoritäre Qing-Regime zumindest in eine der Zeit entsprechende Verfassung eingebettet sehen wollten.19 Als Katalysator der Bewegung darf der antieuropäische Boxeraufstand gelten, zu dessen Anlass die Qings die vielleicht letzte Chance verpassten, das Volk hinter sich zu vereinen. Anfangs im Sinne einer Wahrung der Beziehungen zu den mächtigen Großmächten entschlossen ihn zu unterdrücken, suchte man zu spät die Verständigung mit den Aufständischen, was die Regierung zum wiederholten Male in den Augen des Volkes machtlos und inkompetent erscheinen ließ.20 Die Bevölkerung, die unter den anschließenden drakonischen Strafmaßnahmen der Europäer sehr zu leiden hatte, nahm infolgedessen ihre Anliegen durch Gründung zahlreicher Gesellschaften zur Rettung Chinas selbst in die Hand, eine Entwicklung der die Qing-Dynastie umso ablehnender gegenüberstand da sie direkt ihre eigenen Herrschaftsambitionen in Frage stellte.21

Für nahezu alle Beobachter kam hingegen der Arabische Frühling überraschend, wobei die hauptsächlichen Anliegen und Probleme der Bevölkerung jedoch oft ähnlich gelagert und auch bekannt waren. Die betroffenen Länder hatten als gemeinsamen Nenner allesamt eine hohe Arbeitslosigkeits- und damit Armutsrate, die Bevölkerung dabei wenig Chancen diesem Zustand anders als durch Emigration zu entkommen. Die arabische Welt wurde und wird meist autoritär regiert, in einigen Staaten wie Saudi-Arabien, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Jemen existieren nach wie vor trotz teilweise modernster Städte und Ausstattung obrigkeitszentrierte und quasifeudale gesellschaftliche Strukturen, während in Ägypten, Libyen oder Syrien militärisch geprägte Regimes zivilgesellschaftlichen Prozessen und Reformen ebenfalls feindlich gegenüber standen beziehungsweise stehen.

Gemeinsames Schicksal der Region ist eine blockierte Entwicklung von einer ländlich geprägten Feudal- in eine moderne städtische Industriegesellschaft, jedoch ohne eine damit Schritt haltende Entwicklung der vorherrschenden Wertesysteme und Mentalitäten, die nach wir vor in vielen arabischen Nationen feudalistisch geprägt sind.22 Im Zuge der relativ plötzlichen und planlosen Unabhängigkeit dieser Staaten nach dem 2. Weltkrieg kam in vielen der von der Arabellion betroffenen Staaten eine kleine elitäre Schicht von circa 3-5% der Bevölkerung an die Macht, die durch Zugriff auf die staatlichen Ressourcen über lange Zeiträume die Kontrolle ausüben konnte, und - solange sie aus den Rohöl- oder Erdgas-einnahmen genügend Geld für die Versorgung der Bevölkerung abzweigte - sich deren Akzeptanz relativ sicher sein konnte. Oft bestand diese, die Führungspositionen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Militär bekleidende Elite, aus verwandten oder verschwägerten Angehörigen eines meist ideologisch, ethnisch oder religiös abgegrenzten Kreises, in den ein Aufstieg aus niederen Schichten der Bevölkerung so gut wie ausgeschlossen war.23 Ein großes Ausmaß an Korruption kombiniert mit einer verschwommenen Trennung zwischen Staatshaushalt und dem Privatvermögen der Machthaber, beließ trotz oft erheblicher Bodenschätze den Großteil der Bevölkerung in Armut und führte dazu, dass die wirtschaftliche und geographische Infrastruktur wenigstens in den ländlichen Gebieten brach lag, was angesichts der rapide wachsenden Bevölkerung verheerend wirkte. Vor allem in Tunesien, dessen Revolution hier als Beispiel dient, traten Züge einer Kleptokratie um den Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali herum deutlich zutage, ein Zustand der auch dem Volk im Zeitalter moderner, staatenunabhängiger Kommunikationsmittel nicht verborgen blieb.24 Angesichts der mangelnden Sorge um die eigene Bevölkerung (jeder dritte Tunesier war arbeitslos, jeder zehnte lebte unterhalb der Armutsgrenze25), führten die allgemeine Perspektivlosigkeit sowie - ähnlich wie im Ancien Régime - kurzfristig stark er-höhte Lebensmittelpreise zu einem Flächenbrand, der auch vor den gleichsprachigen Nachbarstaaten, in denen ähnlich repressive und drückende Bedingungen herrschten, nicht Halt machte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Xinhai-Revolution, Französische Revolution, Tunesische Revolution im Vergleich
Untertitel
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät I, Lehrstuhl Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Vom "Imperialismusopfer" zum kommunistischen Utopia - Geschichte Chinas 1839-1976
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V286682
ISBN (eBook)
9783656875383
ISBN (Buch)
9783656875390
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Französische Revolution, Xinhai, Tunesische Revolution, Jasminrevolution, Arabellion, Arabischer Frühling, Guomindang
Arbeit zitieren
Matthias Hasenstab (Autor), 2014, Xinhai-Revolution, Französische Revolution, Tunesische Revolution im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286682

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Xinhai-Revolution, Französische Revolution, Tunesische Revolution im Vergleich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden