Literarische Frauenbilder in der DDR und BRD. Ein Vergleich

Frauenbilder in Christa Wolfs „Was bleibt“ und Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung von Frauen in der DDR in Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“
2.1 Der Einfluss der Observation durch die Stasi auf die Protagonistin
2.2 Die Protagonistin und ihr Umgang mit Menschen aus ihrer direkten Umgebung

3. Die Darstellung von Frauen in der BRD in Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“
3.1 Die Darstellung der unterschiedlichen Frauencharaktere
3.2 Die Abhängigkeit der Frauen in „Tauben im Gras“

4. Vergleich der unterschiedlichen in der DDR oder BRD dargestellten literarischen Frauenbilder

5. Literatur und Kritik in Ost und West
5.1 Die Rezeption von Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ in der DDR und in der BRD
5.2 Die Rezeption von Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ in der DDR und in der BRD

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden“ (Wolf, Christa: Was bleibt. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Luchterhand Literaturverlag 1990. S. 7.). In der Erzählung „Was bleibt“ von Christa Wolf, die 1990 erschien, wird aus dem Leben einer Ostberliner Schriftstellerin berichtet, die von der Stasi observiert wird. Nicht nur ihr berufliches, sondern auch ihr privates Leben werden beeinflusst von der Beobachtung, der sie täglich ausgesetzt ist. Die dadurch ausgelösten Gefühle, die die Ich-Erzählerin in einem ständigen inneren Monolog wiedergibt, spiegeln zum Einen ihre ursprünglich loyale Haltung gegenüber der DDR wider, zum Anderen stellen sie aber auch ihre wachsenden Selbstzweifel und Ängste dar. Sie sucht deprimiert nach einer Methode, ihre Erlebnisse in neue Worte fassen zu können, was in dem oben genannten Zitat zum Ausdruck kommt. Der tägliche Druck, unter dem die Schriftstellerin ihren Alltag zu bewältigen hat, findet seinen Höhepunkt bei einer Lesung. Bei dieser begegnet die Frau trotz Einfluss der Stasi einer neuen Generation, deren Wille, an der momentanen Situation in der DDR etwas zu verändern, ungebrochen ist. An dieser Stelle zeigt sie allerdings auch, dass sie die Hoffnung aufgegeben hat, an der misslichen Lage, in der sie sich befindet, etwas ändern zu können.

In Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“, der 1951 erstmals publiziert wurde, wird Deutschland im Westen in der Zeit zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Wirtschaftwunder dargestellt. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verschiedener Charaktere werden in dem Roman ausführlich beschrieben. Die Ausländerfeindlichkeit gegenüber denen beim Wiederaufbau helfenden Amerikanern und die Hilflosigkeit der deutschen Bürger werden repräsentiert, indem alle Charaktere Schicksale erleiden, die auf unterschiedliche Art und Weisen miteinander verbunden sind. Die Frauen und Männer des Romans versuchen ein geregeltes Alltagsleben miteinander zu führen, was sich jedoch als sehr schwierig für die meisten von ihnen herausstellt. Zudem wird die Stadt und der Zuwachs an Ausländern kritisiert und von der Unzufriedenheit der Bürger erzählt. Die Frauen des Romans müssen mit Vorurteilen und Kritik umgehen und sind aufgrund dessen immer wieder Situationen ausgesetzt, in denen sie schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen, beispielsweise über einen Schwangerschaftsabbruch.

Sowohl in Koeppens Roman, als auch in Wolfs Erzählung, werden unterschiedliche Frauenbilder dargestellt. Meist befinden sich die Frauen in schwierigen Lebenslagen und versuchen, angemessen damit umzugehen. Sie sind dem politischen oder gesellschaftlichen Druck ausgesetzt und reagieren verschieden darauf.

In dieser Hausarbeit soll der Weg aufgewiesen werden, welchen die Frauen in den Erzählungen, die sowohl in der DDR als auch in der BRD spielen, wählen, um mit ihren Erlebnissen umzugehen. Des Weiteren werden ihre Charakterzüge und ihr Verhalten dargestellt. Außerdem wird die teilweise unterschiedliche Darstellung der Frauenbilder in der DDR und der BRD deutlich. In einigen Hinsichten korrespondieren diese Frauenbilder mit den jeweiligen politischen Systemen. Während in Wolfs Erzählung die Ostberliner Schriftstellerin versucht, mit ihren Ängsten alleine umzugehen, ist eine wesentlich größere Abhängigkeit von Männern bei den Frauen in der BRD erkennbar.

Zunächst wird die Darstellung von Frauen in der DDR in Christa Wolfs Erzählung und die Darstellung von Frauen in der BRD in Wolfgang Koeppens Roman beschrieben, anschließend werden diese verglichen.

Darauffolgend wird Literatur und ihre Kritik in Ost und West beschrieben und somit die Rezeption der dargestellten Werke in der DDR und der BRD.

2. Die Darstellung von Frauen in der DDR in Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“

2.1 Der Einfluss der Observation durch die Stasi auf die Protagonistin

Die Ostberliner Schriftstellerin, deren Leben komplett von der Stasi observiert wird, lebt in völliger Unruhe. Sie hat das Gefühl, es spüren zu können, wenn vor ihrem Fenster die Autos stehen, in denen die Männer sitzen, die sie beobachten (Vgl. Wolf 1990: 15). Auch das sich ständig wiederholende Verhalten von Frau G., das sie voraussagen kann und das sie zumindest beruhigen könnte, da es auf Gewohnheit hinweist (Vgl. Wolf 1990: 8), hält sie nicht davon ab, sich viele Gedanken um ihre Observation zu machen. Frau G., eine Nachbarin, beschwert sich über die anderen Bewohner, über Betrunkene, die nachts heimkehren und über die „Kommunale Wohnungsverwaltung, die es nicht fertigbrachte, eine Klingelleitung zu legen“ (Wolf 1990: 8). Sie wird als missmutige, verbissene und wütende Frau charakterisiert. Wütend sowohl auf ihre Mitmenschen als auch auf die Stadtbehörden, was sie letztlich dann zu ihrem Missmut führt.

Die Hauptfigur der Erzählung schöpft Hoffnung darin, sich durch ihre „andere Sprache“ eines Tages öffnen zu können (Wolf 1990: 7). „[…] [M]eine andere Sprache, die in mir zu wachsen begonnen hatte, zu ihrer vollen Ausbildung aber noch nicht gekommen war, würde gelassen das Sichtbare dem Unsichtbaren opfern […]“ (Wolf 1990: 15). Dieser Gedanke von ihr zeigt, dass sie überzeugt ist, eines Tages das „unsichtbare Wesentliche aufscheinen“ (Wolf 1990: 15) zu lassen durch eine kommunikative Art, die sie sich noch nicht vollends angeeignet hat. Sie möchte sich gerne auf eine ehrliche Art und Weise mitteilen, was sie jedoch nicht kann.

Die Schriftstellerin in der DDR ist sehr verängstigt dargestellt. Sie weiß, dass sie eines Tages über das sprechen werden kann, was sie momentan empfindet, doch aus gegebenem Anlass muss sie es noch für sich behalten. Außerdem hat sie noch nicht die richtigen Worte gefunden, um es zusammenfassend zu erläutern. Sie ist ständig auf der Suche nach ihrer „neuen Sprache“, die ihre Gefühle bezüglich der Observation und der daraus entstehenden Ängste und des Kummers erläutern kann. Sie hat Probleme mit dem Schlafen, die sie im Gegensatz zum Gewichtsverlust und der Unruhe nicht bewältigen kann. Sie möchte über ihre Träume reden. Träume, die sie aufgrund der Bedrohung hat, die sie täglich erfährt. Sie kann es jedoch nicht ausdrücken (Vgl. Wolf 1990: 22).

Ihre Gefühle hinsichtlich ihrer Observation sind verwirrend. Anstatt Wut gegenüber den Männern zu empfinden, die ihr täglich Angst einjagen, ist sie nicht fähig, schlecht über sie zu denken. Sie meint, dass sie die Männer nicht persönlich kennt, auch wenn ihr deren Arbeitsbedingungen schon vieles über sie sagen (Vgl. Wolf 1990: 18). Sie gibt zu, ein Bedürfnis zu besitzen, mit jeglichen Menschen ein gutes Verhältnis zu pflegen und deshalb hat sie sogar schon einmal darüber nachgedacht, den Männern Tee hinab in ihren Observationsposten zu bringen und sich mit ihnen über Irrelevantes zu unterhalten. Sie ist ein sehr gutherziger Mensch. Sie hat nichts persönlich gegen die Männer, aufgrund derer sie Alpträume hat (Vgl. Wolf 1990: 14). Sie weiß, dass es deren Pflicht ist und dass sie nur ihre Arbeit verrichten. Es ist eher der Gram um diese Aufgabe der Männer, der ihren Charakter verändert. Jedes Mal, wenn sie sich in ihrer Wohnung bewegt, bemerkt sie, dass die Männer noch draußen stehen. Auch wenn sie nicht hinausschauen will, merkt sie immer wieder an, dass sie sich noch draußen befinden. Sie redet sich auch teilweise ein, sie würde gar nicht hinausschauen. Dennoch sieht sie die Männer ständig (Vgl. Wolf 1990: 66).

Sie kann nicht offen telefonieren, da die Leitung abgehört wird (Vgl. Wolf 1990: 24). Sie mag es nicht, sich zu verstellen und eine Kodierung für die wahre Nachricht zu verwenden, sie hat es aber aufgegeben, daran zu verzweifeln und weint schon lange nicht mehr deswegen (Vgl. Wolf 1990: 26). Während eines Telefongesprächs und am Anfang der Erzählung wird deutlich, dass die Schriftstellerin eine Frau ist, die Angst davor hat, alt zu werden. Sie erinnert sich und ihr Umfeld (Vgl. Wolf 1990: 26) ständig daran, dass sie eines Tages alt sind und es ärgert sie, die gegenwärtigen Tage nicht freizügig nutzen zu können.

Sie hat schon lange keine Privatsphäre mehr. Seit die Männer der Stasi in ihrer Wohnung waren und dies auch nicht versucht haben zu verheimlichen, ist sie darauf gefasst, dass sich das Ganze wiederholt (Vgl. Wolf 1990: 27).

Die sie beobachtenden Männer haben sie soweit eingeschüchtert und zu einem anderen Menschen gemacht, dass sie sich selbst kaum wiedererkennt. Sie ist oft grundlos emotional und kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Glück oder Freude verspürt hat (Vgl. Wolf 1990: 33). „Zeitlich fiel das ja mit dem Auftauchen der jungen Herren vor unserer Tür zusammen, die allerdings nicht ahnen konnten, dass wir uns nie begegnen würden […]“ (Wolf 1990: 33). Damit ist gemeint, dass ihr wahres Ich ab diesem Zeitpunkt verschwand und durch eine neue, verschüchterte und verstörte Frau ersetzt wurde. Somit sollten die Männer niemals ihren wahren Charakter erleben. Sie versucht ihre Emotionen zwar zu verstecken, diese kommen jedoch an anderen Stellen zum Vorschein, beispielsweise bei traurigen Filmen.

Eine geschwätzige Frau in einem Laden erzählt der Protagonistin von ihrer ehemaligen jüdischen Freundin, die einen Freund bei der SS hatte, der sie letzten Endes auch verraten hat, obwohl er sie liebte. Die Geschichte irritiert die Ostberliner Frau sehr und sie bemerkt, wie sie sich selbst zum Außenseiter macht und wie Bekannte ihren Blicken ausweichen und sie auch nicht das Bedürfnis verspürt, zu diesen hinzugehen und sie anzusprechen (Wolf 1990: 40). Sie beschäftigt sich noch lange mit ihrer eigenen Veränderung und merkt, dass sie nicht damit umgehen kann. Sie schließt aus der Situation mit einem ehemaligen Bekannten, der sie nun vollends meidet, dass jedermann über ihre Lebenslage Bescheid wisse, was sie ein wenig paranoid wirken lässt. Dies bestätigt sich auch, als sie sich viele Gründe dafür zusammensucht, dass der ehemalige Bekannte, der sie nun meidet, derjenige ist, der alle Informationen über sie zusammensucht und zusammensuchen lässt (Vgl. Wolf 1990: 49).

Daraufhin fängt sie an, anstatt einem „inneren Dauermonolog“ (Wolf 1990: 52) einen inneren Dialog mit sich selbst zu führen und fragt sich, wer sie selbst ist. Sie wirkt immer verwirrter, was auf ihre Angst zurückzuführen ist (Vgl. Wolf 1990: 57). Sie selbst stellt dann auch fest, sich in einer schwierigen Phase zu befinden. Sie schreibt dies einem Freund und hofft, dass sie diesen bald sehen kann (Vgl. Wolf 1990: 60).

Die Protagonistin denkt über sich selbst, dass sie ein ganz anderer Mensch war, bevor die Männer von der Stasi kamen. Sie war offenherzig und konnte auf Menschen zu gehen, mittlerweile hat sie eine Scheu vor fremden Menschen und möchte nur selten Kontakt mit diesen.

2.2 Die Protagonistin und ihr Umgang mit Menschen aus ihrer direkten Umgebung

Als die Protagonistin überraschend von einem jungen Mädchen besucht wird (Vgl. Wolf 1990: 74), das ihr Aufzeichnungen zeigt, die sie beeindrucken, wird deutlich, dass sie sich und andere nicht gefährden möchte. Sie möchte das Mädchen, das schon ein Jahr im Gefängnis verbrachte, dazu überreden, diese Aufzeichnungen niemandem zu zeigen und nicht weiterhin für Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, da sie so ihr Leben zerstören könne.

Ein Gespräch mit ihrer jüngeren Tochter beruhigt die Protagonistin zunächst, was zeigt, dass sie sich „in Gesellschaft“ mit bekannten Menschen wohler fühlt als alleine.

Ihrem Mann gegenüber, den die Schriftstellerin im Krankenhaus besucht, kann sie sich aller Worte bedienen ohne die entsprechenden Gefühle zu haben (Vgl. Wolf 1990: 81). Sie präsentiert sich vor ihm furchtlos, zeigt sich von einer starken Seite, die ihr eigentlich abhanden gekommen ist. Sie erzählt ihm beispielsweise auch, sie könne gut schlafen und es sei nichts Erwähnenswertes vorgefallen (Vgl. Wolf 1990: 82). Sie hat Angst, sich „eines Lebens ohne ihn erwehren“ (Wolf 1990: 83) zu müssen und dennoch gibt sie in seiner Anwesenheit vor, es sei bei ihr alles in Ordnung. Sie möchte ihren Mann damit schützen und ihm nicht noch zusätzlich zu seinem Krankenhausaufenthalt mit ihrem Kummer belasten.

Ihren Kummer zeigt sie somit nicht. Sie teilt ihn ihrem Mann und ihren beiden Töchtern nicht mit. Sie versucht, selbst damit zurechtzukommen und das zeigt, dass sie willensstark ist und nicht möchte, dass ihre Mitmenschen sich um sie sorgen müssen.

Als die Hauptfigur der Erzählung in einem Clubhaus vorliest, trifft sie auf eine dort Angestellte, der die Angst in all ihren Taten anzumerken ist und die sich nur auf das bezieht, was ihr Chef sagt. Sie erscheint völlig uneigenständig und beeinflusst durch einen Mann in einer höheren Position, aus Angst, sie könne etwas Unrechtes tun (Vgl. Wolf 1990: 103). Als nach der Lesung ein paar Jugendliche auf die Zukunft anspielen, lacht die Protagonistin, was zeigt, dass sie jegliche Hoffnung in das Leben und in ein friedvolles zukünftiges Miteinander in Ostberlin verloren hat (Vgl. Wolf 1990: 103).

Dennoch kreiert Christa Wolf mit der Figur der Schriftstellerin ein revolutionäres Frauenbild. Sie ist nicht passiv, zumindest normalerweise nicht. Sie hat zwar Angst, dass sie ihr Leben nicht nutzen könnte oder dies in einem Gefängnis verbringen könnte, hat aber trotzdem die Hoffnung, eines Tages wieder sie selbst sein zu können und ihre Meinung frei zu äußern. Sie ist nicht abhängig von ihrem Mann, sondern steht auf ihren eigenen Beinen, auch wenn er nicht da ist. Nichtsdestotrotz versucht sie, ihre Familie zu schützen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Literarische Frauenbilder in der DDR und BRD. Ein Vergleich
Untertitel
Frauenbilder in Christa Wolfs „Was bleibt“ und Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Germanistik)
Veranstaltung
Vergleichende Darstellung von Frauenbildern in der Literatur der DDR und BRD
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V286758
ISBN (eBook)
9783656876298
ISBN (Buch)
9783656876304
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, tauben im gras, christa wolf, brd, ddr, koeppen
Arbeit zitieren
Anastasia Wolter (Autor), 2012, Literarische Frauenbilder in der DDR und BRD. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286758

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Literarische Frauenbilder in der DDR und BRD. Ein Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden