Celans "Tübingen, Jänner" und Hölderlins "Hälfte des Lebens". Das poetologische und biographische Verstummen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
27 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Intertextualität und kulturelles Wissen
2.1 Poetologische Selbstreflexion und Intertextualität
2.2 Das Verstummen und die Poetik Celans
2.2.1 Die neue gesellschaftliche Aufgabe von Lyrik
2.2.2 Der Meridian und das Verhältnis von Kunst und Dichtung

3 Das Verstummen in Hölderlins Hälfte des Lebens
3.1 Die lebensweltlichen Umstände. Revolution und Rückzug
3.2 Das Gedicht und die lebensweltlichen Umstände
3.3 Das Gedicht als poetologische Stellungnahme. Dichten und Verstummen

4 Das Verstummen bei Celan: Tübingen, Jänner
4.1 Der Kontext des Gedichts
4.2 Hölderlin als Gewährsmann
4.3 Das Verstummen der Dichtung

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

„Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen des Herzens“1

Dieses Urteil Brentanos über seinen Dichterkollegen Hölderlin fand man auf dem Schreibtisch Celans nach dessen vermeintlichem Suizid. Celan hatte noch vier Wochen zuvor eine Hölderlin-Lesung abgehalten, die sein inständiger Wunsch war.2 Ein Zeugnis seiner innigen Beziehung zum Leben und Werk Hölderlins.

Wie das Zitat Brentanos auf Hölderlins wieder und wieder einsetzende und am Ende seines Lebens ihn gar lähmende psychische Instabilität verweist, beschäftigt diese und das damit in Zusammenhang stehende Verstummen seiner Dichtung Celan Zeit seines Lebens. Celan, der selbst zunehmend unter Depressionen litt, sah in Hölderlin einen Gewährsmann in biographischer wie in poetischer Hinsicht. Neben der Bewunderung für sein Werk lässt sich auch ein gesteigertes Interesse Celans an Hölderlins tragischer Biographie nachweisen, in der dieser sein eigenes Dichterschicksal gespiegelt sah. Es finden sich so zahlreiche intertextuelle Referenzen auf Hölderlin und sein Werk.

Die folgende Arbeit möchte dieser Auseinandersetzung Celans mit Hölderlins Wirken und Werken deshalb sowohl auf Ebene der poetologischen als auch der biographisch, lebens- weltlichen Perspektive nachgehen. Dazu werden exemplarisch die beiden Gedichte Hälfte des Lebens und Tübingen, Jänner betrachtet. Beide Gedichte beziehen sich auf eine sowohl autobiographische als auch poetische Zäsur im Leben beider Dichter. Neben dem persönli- chen Schicksal, welches sowohl zurückblickend als auch in einem prophetischen Ausblick verarbeitet wird, findet sich in beiden Gedichten eine poetologische Stellungnahme. Diese ist mit den lebensweltlichen Umständen eng verbunden und stellt eine Einschränkung im Hin- blick auf die Auffassung und Funktion von Lyrik dar. Die zentrale Aussage besteht darin, dass Lyrik nur wenig gegen die lebensweltlichen Umstände ausrichten kann und deshalb ihre appellative Funktion einbüßt; eine Einschränkung, die teilweise zu einem Verstummen führt. Diese Auffassung von Lyrik korrespondiert mit dem Leben beider Dichter. Im Zentrum dieser Arbeit steht also das intertextuelle Verhältnis der beiden poetischen Selbstreflexionen. Vor der Analyse der beiden Texte sollen die theoretischen Grundlagen dafür geklärt werden. Diese sind im Bereich der Intertextualität sowie der Selbstreferentialität von Texten zu situie- ren. Darüber hinaus wird ein kurzer Überblick über die Poetik Celans entworfen, die als Ver- gleichsgröße immer wieder herangezogen werden soll.

Der zweite Abschnitt, die Textanalyse, gliedert sich in zwei separate Bereiche zu Hölderlins Hälfte des Lebens und zu Celans Tübingen, Jänner. Letzteres Gedicht soll allerdings stets in seiner Referenz zum Vorherigen betrachtet werden, da es direkt Bezug auf Hölderlins poeto- logische Aussagen in dem Gedicht Hälfte des Lebens nimmt. Innerhalb der Analyse ist zu- nächst herauszuarbeiten, in welcher Beziehung der Text zu den lebensweltlichen Umstän- den steht und inwieweit auf deren Basis eine poetologische Stellungnahme formuliert wird. In einem nächsten Schritt soll in Kontrastierung dazu die interpretative Verarbeitung in Celans Gedicht Tübingen, Jänner betrachtet werden. Auch hier sollen die lebensweltlichen Umstän- de der Entstehung vor allem im Hinblick auf eine Rückwendung zu Hölderlin Beachtung fin- den.

Abschließend soll rekapituliert werden, inwieweit diese aufgezeigten Korrespondenzen für eine weiteführende poetologische Interpretation des Gedichts Tübingen, Jänner genutzt werden können. Im Fokus dieser Arbeit stehen also zum einen der Einfluss der lebensweltli- chen Kontexte auf die poetische Selbstreflexion in den Gedichten und zum anderen das Verhältnis dieser poetischen Selbstreflexionen im intertextuellen Dialog der beiden Dichter.3

2 Intertextualität und kulturelles Wissen

Möchte man, wie in dieser Arbeit, die Beziehung zweier Texte zueinander untersuchen, ist dieses Unterfangen im Bereich der Intertextualität angesiedelt, denn dieser beschreibt und untersucht das Phänomen, dass insbesondere literarische Texte auf andere Texte bezogen sind und mit diesen in einer Wechselbeziehung stehen. Die einzelnen Elemente eines Tex- tes definieren sich erst in Relation zu anderen textinternen oder extratextuellen Elementen. Im Bereich der Intertextualität lassen sich grundsätzlich zwei Ansätze unterscheiden. Wäh- rend ein deskriptiver zum Ziel hat, Ädie intentionale und spezifische Anspielung eines Autors auf das Werk eines anderen“4 zu betrachten, hat ein breiter, ontologischer seinen Ausgangs- punkt gerade bei der Unterminierung einer auktorialen Intentionalität sowie der Werkauto- nomie.5 Unter dem Schlagwort Poststrukturalismus wird sogar davon gesprochen, dass nur noch die Beziehung zwischen Texten relevant sei: ÄThere are no texts, but only relationships between texts.“6 Das Unterfangen dieser Arbeit situiert sich jedoch nicht in dieser extremen Position, sondern vielmehr in einer praktikablen und sinnvollen Zwischenstation. Ihm liegt zunächst die Überlegung zu Grunde, dass die Bedeutung eines literarischen Textes sich nicht mehr allein als die Bedeutung einer Äußerung des Autors in der Kommunikationssitua- tion definiert, sondern umfassender analysierbar wird in der Beziehung zu anderen Texten.7 Darüber hinaus orientiert es sich an dem breiten Textbegriff der kulturwissenschaftlichen Wende, die auch Kultur als Text ansieht. Wenn also die Bedeutung eines Textes immer erst in seiner Beziehung zu anderen Texten entsteht und Kultur sich als Text offenbart, tritt bei einer Textanalyse zu der engen Dimension von Intertextualität auch immer die kulturwissen- schaftliche hinzu:

ÄZentrales Ziel einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Literaturwissenschaft muss es folglich sein, aus dem im Prinzip endlosen Spektrum inter- und extratextueller Kontexte einen mehr oder weniger individuierbaren Kontext zu generieren, der die für einen Text relevanten und konstitutive Bezüge erfassbar und beschreibbar macht“8

Dieses von Danneberg zentral zusammengefasste Ziel möchte diese Arbeit mit der Berück- sichtigung zweier Perspektiven Rechnung tragen: Zum einen der Text-Kontext-Relation und zum anderen der Analyse des intertextuellen Dialogs zwischen zwei literarischen Texten. Die Text-Kontext-Relation orientiert sich dabei stark an den Gedanken der kulturwissenschaftli- chen Wende, die deutlich gemacht hat, dass es keine Texte ohne Kontexte gibt. Jeder Text ist auf sein diskursives Umfeld und das kulturelle Wissen seiner Zeit zu beziehen.9 Bei der Analyse eines literarischen Textes steht demnach nicht nur das ÄSymbolsystem Literatur bzw. die Ästhetik des Literarischen“ im Fokus, sondern ebenso das ÄSozialsystem Literatur“, das heißt in erster Linie das Ägesellschaftliche Funktionspotential von literarischen Texten.“10 Wie Schmidt korrekt postuliert, ist es bei einer umfassenden Analyse unproduktiv, die beiden genannten Ebenen gegeneinander auszuspielen. Viel produktiver ist hingegen die Untersu- chung von Literatur als ästhetisches Symbolsystem und als Sozialsystem.11 Beide Perspekti- ven sind zusammenzudenken: Einerseits die unvermeidliche Frage, wie ein Text auf sich selbst rekurriert und andererseits die ebenso wichtige Ebene, auf der ein Text auf andere Texte referiert. Die ÄTextualität der Kultur“ ist hier unbedingt zu berücksichtigen und an die- ser Stelle zu spezifizieren, da die weit verbreitete Redeweise ÄKultur als Text“ zu einer zu großen Offenheit und schlussendlichen Beliebigkeit führen kann. Kultur wird in dieser Arbeit als Äder von Menschen erzeugte Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfin- dungsweisen, Werten und Bedeutungen“12 aufgefasst und setzt sich aus den drei sich wech- selseitig beeinflussenden materiellen, sozialen und mentalen Dimensionen zusammen.13 In Texten offenbaren sich vor allem die kollektiv-kulturell vorherrschenden Denkweisen, Über- zeugungen, Normen und Wissensordnungen. Es ist hierbei zu betonten, dass es sich nicht um objektive Tatsachen handelt, sondern um Wertvorstellungen, die sich innerhalb einer Gesellschaft bilden. Dieses als Äkulturelles Wissen“ zusammengefasste Phänomen kann man mit Hilfe von Analysen in literarischen Texten sichtbar machen. Unbedingt zu berück- sichtigen ist dabei die Tatsache, dass Literatur selbst in das mannigfache Geflecht gesell- schaftlicher Machtverhältnisse eingeschrieben ist.14 In Texten offenbaren sich kulturspezifi- sche Wissensordnungen und Diskurse, die es zu rekonstruieren gilt. In einer Analyse geht es darum, Ädas Verhältnis von literarischen Texten zu dem heterogenen Wissen einer Gesell- schaft zu bestimmen und zu zeigen, wie Literatur das soziokulturelle Wissen ihrer Entste- hungszeit aufnimmt und im Medium der Fiktion verarbeitet.“15

Selbstverständlich kann die folgende Analyse nicht alle Aspekte einer kulturwissenschaftli- chen Analyse adäquat untersuchen. Unter Berücksichtigung des von Dannenberg zentral zusammengefassten und oben zitierten Ziels einer kulturwissenschaftlichen Analyse werden die für die spezifische Zielsetzung dieser Arbeit relevanten Kontexte berücksichtigt: Die ent- scheiden Fakten der lebensweltlichen Umstände der Gedichte und deren Auswirkung auf die Funktion von Lyrik.

2.1 Poetologische Selbstreflexion und Intertextualität

Die Analyse des intertextuellen Dialogs zwischen den zeitlich auseinanderliegenden Gedich- ten situiert sich weniger im Bereich der globalen, kulturwissenschaftlichen als vielmehr in einer engeren Dimension, die sich auf nachweisbare Bezüge zwischen literarischen Texten beschränkt. Des Weiteren konzentriert sich die Analyse auf den Aspekt der poetologischen Selbstreflexion.

Zunächst daher einige Anmerkungen zu Selbstreflexivität in der Lyrik. In der wissenschaftli- chen Diskussion werden unterschiedliche Terminologien wie Äpoetologisches Gedicht“ oder Äpoetologische Lyrik“ verwendet, um dieses Phänomen zu beschreiben. Gemeint sind damit immer Gedichte, innerhalb derer poetologische Prinzipien zur Sprache kommen und reflek- tiert werden. Daneben kursiert noch das sogenannte ÄDichtergedicht“, das, wie Schlaffer zu- sammenfasst, vor allem eine Reflexion Äüber den Poeten im allgemeinen, über andere Dich- ter oder über die eigene Dichterexistenz“16 beinhaltet. Die beiden hier zu untersuchenden Gedichte lassen sich demnach unter die ersten Termini subsumieren, da in ihnen eine poeti- sche Stellungnahme verfasst wird, die allerdings - und hier lassen sich Schnittstellen mit dem sogenannten ÄDichtergedicht“ ausmachen - mit der appellativen, einflussnehmenden Funktion, die Lyrik für die Autoren haben kann, verknüpft ist. In dieser Hinsicht wird auch über die Dichterexistenz allgemein reflektiert.

Hilfreich für die Beschreibung dieser poetologischen Selbstreflexion im intertextuellen Dialog sind die von Genette dargestellten Bezüge von Texten zu Texten. Genette unterscheidet dabei fünf verschiedene Formen intertextueller bzw. transtextueller Beziehungen. Für die Zwecke dieser Arbeit sind vor allem das von ihm als Intertextualität im engen Sinne und das als Hypertextualität beschriebene Phänomen anzuführen. Als Intertextualität bezeichnet Ge- nette in seiner engen Definition Ädie effektive Präsenz eines Textes in einem anderen“17 In Celans Gedicht Tübinger, Jänner offenbart sich diese vor allem in Form von Zitaten aus Hölderlins Hymne Der Rhein.

Da sich die folgende Auseinandersetzung allerdings auf das Verhältnis der poetischen Stel- lungnahmen zwischen Tübingen, Jänner und Hälfte des Lebens fokussiert, ist vor allem der als Hypertextualität bezeichnete Bezug von einem Text zum anderen interessant. Nach Ge- nette ist dies Äjede Beziehung zwischen einem Text B (den ich als Hypertext bezeichne) und einem Text A (den ich, wie zu erwarten, als Hypotext bezeichne), wobei Text B Text A auf eine Art und Weise überlagert, die nicht die des Kommentars ist.“18 Hypertextualität deckt also genau jener Teilbereich von Intertextualität ab, der in dieser Untersuchung betrachtet werden soll. Nach der beschriebenen kulturwissenschaftlichen Perspektive bedient sich zwar letztlich jeder Text mehrerer Hypotexte, allerdings soll hier letztendlich nachgewiesen wer- den, dass es sich um einen bewussten Umgang mit einem Hypotext handelt, der reflektiert und kommentiert in dem Hypertext verarbeitet wird. Wie bereits erwähnt, beschränkt sich diese Arbeit dabei auf die Kommentierung und Weiterführung der aus Hölderlins Gedicht stammenden poetischen Stellungnahme in Celans Tübingen, Jänner. Dieses Vorhaben situ- iert sich damit im Schnittpunkt zwischen den vorgestellten Dimensionen von Intertextualität. Es soll sowohl die kulturwissenschaftliche Dimension im Rahmen der Darstellung und dem Einbezug der lebensweltlichen Umstände als auch das hypertextuelle Verhältnis der Texte zueinander berücksichtigt werden.

2.2 Das Verstummen und die Poetik Celans

Damit die erwähnte Kommentierung und Weiterführung der poetischen Stellungnahme des Hölderlin-Gedichts adäquat erfasst werden kann, soll im Folgenden ein kurzer Überblick über die poetologischen Überlegungen Celans gegeben werden.

Celan hat vor allem in zwei Reden Auskunft über seine Auffassung von Lyrik gegeben. In der Bremer Rede betont er die gesellschaftliche Erinnerungsfunktion von Lyrik und in der Büch- nerpreis-Rede grenzt er Dichtung dazu als eine besondere Form von Kunst ab. Die Grund- gedanken beider Reden sollen im Folgenden jeweils kurz zusammengetragen werden.

2.2.1 Die neue gesellschaftliche Aufgabe von Lyrik

Die sogenannte Bremer Rede hielt Celan 1958 anlässlich der Entgegennahme des Literatur- preises der Freien Hansestadt Bremen.19 Dieser Zeitraum Ende der fünfziger Jahre kann hinsichtlich der Verarbeitung der NS-Diktatur als eine Umschlagsphase bezeichnet werden. Da sich das kommende Wirtschaftswunder bereits ankündigt, ist eine angemessene Verar- beitung der eigenen Vergangenheit und die ständige Erinnerung an ebendiese in der breiten Nachkriegsbevölkerung immer weniger erwünscht. Celan als Opfer der NS-Diktatur und des- halb seismographisch genauer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen in Deutschland, störte sich an dieser Tendenz, die verbrecherische Vergangenheit hinter sich zu lassen, um unbeschwert in eine neue Zeit aufzubrechen. Hinzu kam die Sorge um einen zunehmenden Antisemitismus und einen erneuten weltweiten Konflikt, der diesmal mit Hilfe atomarer Waf- fen ausgetragen würde. Passend dazu fallen in diese Zeit auch die Diskussionen um eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr.20

Celan betont in seiner Bremer Rede sowohl die Erinnerungs- und Appellfunktion der Sprache als auch den Verlust dieser Eigenschaften angesichts (historischer) Ereignisse wie der Shoa, deren unendliche Grausamkeit kaum zu beschreiben ist. Die Konsequenz ist ein Äfurchtbares Verstummen“21 angesichts der Äeigenen Antwortlosigkeit“.22 Allerdings überstand die Spra- che diese Zeit, in der sie vereinnahmt wurde für die menschenverachtende Propaganda der NS-Diktatur und stumm blieb gegenüber den Opfern: Ä[Sie] durfte wieder zutage treten, ‚an- gereichert‘ von all dem.“23 Es wird also deutlich, dass die Sprache ihre Zeit des Missbrauchs zwar überstanden hat, allerdings nicht schadlos. Für Celan ist klar, dass sie sich deshalb neu definieren muss ohne ihre Historie zu leugnen. Für ihn persönlich ist dieser Definierungspro- zess zunächst eine Art Orientierungsmechanismus, um eine (politische) Position zu finden und zu beschreiben. Darauf aufbauend hat aber Sprache und damit insbesondre das Ge- dicht für Celan die Aufgabe, Ädurch die Zeit hindurchzugreifen“24 und damit auch auf die Ge- genwart einzuwirken. Das Gedicht ist zudem eine Kommunikationshandlung, eine ÄFla- schenpost“25, die zwar von jemandem verfasst wurde, allerdings zunächst ohne klare Adres- sierung. Das Gedicht ist so lange unterwegs bis es einen Adressaten emotional berührt und Menschlichkeit gestiftet hat. Das Gedicht erhält so nach Celan eine besondere Fähigkeit, die er in seiner Büchner-Preisrede weiter ausführt: Lyrik kann einen Rezipienten von der Wirk- lichkeit wegführen, um ihn dann emotional Äangereicherter“ wieder in die Gegenwart zu ent- senden. Die Sprache und damit insbesondere die Dichtung hat so für Celan die Eigenschaft gleichzeitig Äwirklichkeitswund und Wirklichkeit[s] suchend“ zu sein. Einem Dichter obliegt die Aufgabe, die negative Seite der Vereinnahmung, die Propaganda, nicht zu vergessen und an sie zu erinnern, gleichzeitig aber mit seiner Dichtung, Orientierung in der Wirklichkeit zu schaffen und Stellung zu beziehen.

2.2.2 Der Meridian und das Verhältnis von Kunst und Dichtung

Die unter dem Titel Der Meridian veröffentlichte Rede hielt Celan anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner Preises im Oktober 1960. Wie es traditionellerweise üblich ist, formuliert auch Celan darin zunächst sein Verhältnis zum Werk und Leben Georg Büchners. Als Kon- sequenz dieser Auseinandersetzung definiert er schließlich die Dichtung als eine Unterbre- chung der Kunst. Die Kunst definiert er dabei als etwas Ämarionettenhaftes, jambisch- fünffüßiges“26 und referiert damit zugleich auf jenen bürgerlichen Kunstbegriff, der auch von Büchner in seiner Auseinandersetzung mit der Weimarer Klassik kritisiert wurde.27 Dort sei in Anlehnung an die antike Kunstauffassung und deren Neuformulierung durch Opitz die Kunst als Handwerk zu verstehen und somit regelgeleitet und zweckorientiert. Die Kunst sei so eine ewige Konstante, die dem Rezipienten das Ideal eines bürgerlichen Lebens in der Fikti- on vorführe. Das Menschliche und Natürliche, so die Kritik Büchners und Celans, komme in dieser idealistischen Kunst nicht zu Geltung.28

Die Dichtung definiert Celan so als ein ÄGegenwort“29, das ebenjene Dimension zu Sprache bringt, die in der idealistischen Kunst übergangen wird, und so das regelhafte, bürgerliche Kunstsystem unterbricht. Auf diese Weise grenzt er Kunst und Dichtung ab. Doch diese Ab- grenzung führt Celan noch weiter, indem er postuliert, dass Kunst - und hier bezieht er sich vor allem auf die nach den idealistischen Prinzipien aufgebaute Kunst - in erster Linie eine Distanz, ein Rausbringen aus dem Alltag schafft: ÄKunst schafft Ich-Ferne.“30 Dichtung, die selbstverständlich ein Teil der Kunst ist, entfernt einen Rezipienten auch von sich selbst, allerdings, und dies ist der entscheidend neue Gedanke Celans, bringt sie einen wieder ver- ändert zu sich selbst zurück.

[...]


1 Michel, Wilhelm: Das Leben Friedrich Hölderlins. Bremen: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1949, S. 516.

2 Böschenstein, Bernhard: Involution. Speier, Hans-Michael (Hrsg.).In: Interpretationen. Gedichte von Paul Celan. Stuttgart: Reclam 2002. S. 102.

3 Allgemein möchte ich anmerken, dass ich in meiner Arbeit nicht explizit die weibliche und männliche Form angeben werde. Syntaktische Gebilde wie Äder/die Rezipient/in“ oder Äder (die) Leser (in)“ möchte ich aufgrund besserer Lesbarkeit vermeiden. Dies ist nicht als Diskriminierung aufzufassen, der jeweils gegengeschlechtliche Part soll implizit mit enthalten sein.

4 Aczel, Richard: Intertextualität und Intertextualitätstheorien. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur-und Kulturtheorie. Fünfte aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013, S. 349.

5 Ebd.

6 Bloom, Harold: A Map of Misreading. New York: Oxford University Press 1975, S. 3.

7 Baßler, Moritz: Texte und Kontexte. In: Anz, Thomas: Handbuch Literaturwissenschaft. Gegenstände und Grundbegriffe (Erster Band). Stuttgart/Weimar: Metzler 2007, S.362.

8 Danneberg, Lutz: Kontext. In: Fricke, Harald (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band 2. Berlin/New York: de Gruyter 2000, S. 333-337.

9 Baßler, S.364.

10 Neumann / Nünning, S. 8.

11 Schmidt, Siegfried J.: Kalte Faszination: Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2000,S. 339.

12 Neumann/Nünning,S.11.

13 Ebd.

14 Neumann/Nünning, S.14.

15 Neumann/Nünning, S.15.

16 Schlaffer, Heinz: Das Dichtergedicht im 19. Jahrhundert, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft (10) 1966, S. 297-335.

17 Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993, S. 11.

18 Genette, S. 14.

19 Celan, Paul: Gesammelte Werke in fünf Bänden, hg. von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rolf Bücher (Dritter Band). Frankfurt am Main: Suhrkamp: 1986, S. 185.

20 Diese Befürchten verarbeitet er zum Beispiel in dem 1957/58 erschienenen Gedicht Engführung, dessen Gedanken eng Verknüpft sind mit den Ausführungen der Bremer-Rede.

21 Celan 1986, S. 186.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Celan 1986, S. 187.

27 Vgl. auch Celan 1986, S. 191: ÄLenz, also Büchner, hat »ach, die Kunst«, sehr verächtliche Worte für den »Idealismus« und dessen »Holzpuppen«.

28 Celan 1986, S. 191.

29 Celan 1986, S. 189

30 Celan 1986, S. 193.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Celans "Tübingen, Jänner" und Hölderlins "Hälfte des Lebens". Das poetologische und biographische Verstummen
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
27
Katalognummer
V286942
ISBN (eBook)
9783656876557
ISBN (Buch)
9783656876564
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
celans, tübingen, jänner, hölderlins, hälfte, lebens, verstummen
Arbeit zitieren
Sören Witt (Autor), 2014, Celans "Tübingen, Jänner" und Hölderlins "Hälfte des Lebens". Das poetologische und biographische Verstummen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286942

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