Regionale Disparitäten in Deutschland. Der Stadt-Land-Gegensatz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Begriffsdefinition „Disparität“
2.2 Gesetzliche Grundlagen
2.3 Formen räumlicher Disparitäten in Deutschland

3 Stadt und Land – ein Definitionsversuch
3.1 Siedlungsstruktur in Deutschland
3.2 Städtischer Raum und ländlicher Raum
3.2.1 Modell der Stadt-Land-Dichotomie
3.2.2 Definition Stadt
3.2.3 Definition ländlicher Raum

4 Stadt-Land-Gegensatz
4.1 Maße zu Stadt-Land-Unterschieden
4.2 Wirtschaftsstruktur
4.2.1 Arbeitslosigkeit
4.2.2 Nutzung städtischer bzw. ländlicher Räume
4.3 Bevölkerung
4.3.1 Bevölkerungsstruktur
4.3.2 Bevölkerungsentwicklung
4.4 Infrastruktur und Verkehr
4.4.1 Infrastruktur
4.4.2 Konzentration von Einrichtungen der Daseinsvorsorge
4.4.3 Verkehr
4.5 Zusammenfassendes Raumbeispiel Mecklenburg-Vorpommern

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Städtischer und ländlicher Raum 2011 nach BBSR (Quelle: BBSR 2013, web)

Abbildung 2: Siedlungsstruktureller Kreistyp 2011 nach BBSR (Quelle: BBSR 2013, web)

Abbildung 3: BIP pro Kopf der Kreise und kreisfreien Städte 2005 (LIEFNER 2010, S.27)

Abbildung 4: Arbeitslosenquoten im Jahresdurchschnitt 2013 (Quelle: Agentur für Arbeit 2014, web)

Abbildung 5: Anzahl der Gymnasien, die innerhalb von 30 Minuten PKW-Fahrzeit erreichbar sind (Quelle: SPIEKERMANN 2012, S. 14)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Arbeitslosenquote nach Räumen (Quelle BSSR 2010, web)

1 Einleitung

„Die Schaffung und Erhaltung gleichwertiger regionaler Lebensverhältnisse ist eine Gerechtigkeitsnorm. Sie dient der Chancengleichheit der Bürger und soll durch den Abbau regionaler Disparitäten erreicht werden“ (MÖSGEN 2008, S. 19).

Daher stellt der Abbau regionaler Disparitäten ein wichtiges Ziel raumbezogener Politik und Planung dar. Entsprechend sind die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Teilräumen und der Ausgleich der räumlichen und strukturellen Ungleichgewichte zwischen den, bis zur deutschen Einheit getrennten Gebieten als wichtige Leitvorstellungen raumordnerischen Handelns in mehreren Gesetzen festgelegt (vgl. MARETZKE 2006, S. 473).

Regionale Disparitäten äußern sich in sehr unterschiedlichen Mustern. Dabei gelten die Unterschiede zwischen Stadt und Land bereits als „traditionell“ (vgl. MARETZKE 2006, S. 473), denn „Stadt und Land werden im Zuge beginnender Verstädterung und Industrialisierung und des heraufkommenden Sozialismus im 19. Jahrhundert zur gängigen Formel, ja zum Inbegriff der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Konfrontation der beiden großen Bereiche des sozialen Raumes“ (PLANK/ZICHE 1979 zit. nach SCHWEPPE 2000, S. 59). Und auch heute sind hier noch immer deutliche Disparitäten zu erkennen, wie die nachfolgende Untersuchung zeigen wird.

Kapitel 2, das den Begriff Disparität definiert sowie die gesetzlichen Grundlagen zum Abbau regionaler Disparitäten darlegt, und Kapitel 3, welches Definitionsversuche des städtischen und des ländlichen Raumes näher betrachtet, sollen eine Einführung in die Thematik Stadt-Land-Gegensatz liefern.

Kapitel 4 untersucht anschließend gezielt wesentliche Disparitäten zwischen Stadt und Land.

Wichtige Potenzialfaktoren, die die wirtschaftliche Entwicklung und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit einer Region entscheidend beeinflussen, sind „die Ausstattung einer Region mit ‚klassischen‘ Produktionsfaktoren wie Sach- und Humankapital, die sektorale Wirtschaftsstruktur, die Innovationskapazität […], das Marktpotenzial bzw. die geographische Standortgunst und die öffentliche Infrastruktur und Existenz von Agglomerationsvorteilen in Form von Lokalisations- und/oder Urbanisierungsvorteilen“ (MARETZKE 2006, S. 473).

Einige dieser Faktoren werden in Kapitel 4 näher betrachtet und ihre unterschiedliche Ausprägung in städtischen und ländlichen Regionen gegenüber gestellt. Diese Faktoren werden abschließend in einem zusammenfassenden Raumbeispiel, nämlich den städtischen und ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, in Form von quantifizierbaren Daten zusammengeführt. Gleichzeitig werden Lösungsansätze betrachtet, die zu einem Fazit über die aktuelle Ausprägung des Stadt-Land-Gegensatzes führen.

2 Grundlagen

2.1 Begriffsdefinition „Disparität“

Der Begriff Disparität hat seine Ursprünge im Lateinischen und lässt sich von den Begriffen dispar (- ungleich) und disparatum (- Gegensatz) ableiten (vgl. LANGENSCHEIDT 1997, S. 133).

Im deutschen Duden finden sich die Synonyme Ungleichheit und Verschiedenheit (vgl. DUDEN ONLINE 2013, web).

Der spezifischere Ausdruck regionale Disparität wird definiert als „Ausdruck für geographische Unterschiede der Lebens-, Arbeits- oder Wohnverhältnisse (Raumstruktur)“ (WIRTSCHAFTSLEXIKON24.DE 2014, web). Diese Unterschiede sind entweder naturgegeben oder entstehen aufgrund raumdifferenzierender Faktoren. Als wichtige Merkmale bei der Feststellung regionaler Disparitäten gelten z.B. ein regionales Lohn- und Einkommensgefälle, regionale Unterschiede in der Arbeitslosigkeit und regionale Unterschiede in den Bildungsmöglichkeiten. Absolut gemessen sind Disparitäten zumeist nicht aussagefähig, daher wird zum Vergleich ein Mittelwert, beispielsweise der Bundesdurchschnitt, herangezogen (vgl. ebd.).

2.2 Gesetzliche Grundlagen

Das Ziel gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, ist in mehreren Gesetzen verankert:

Raumordnungsgesetz von 1965:

Bereits das Raumordnungsgesetz von 1965 besagt, dass das Ziel der Raumordnung und Landesplanung in Deutschland der Abbau regionaler Disparitäten bzw. die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse sei. So werden beispielsweise folgende Grundsätze formuliert:

„1. Die räumliche Struktur der Gebiete mit gesunden Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie ausgewogenen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnissen soll gesichert und weiter entwickelt werden.

In Gebieten, in denen eine solche Struktur nicht besteht, sollen Maßnahmen zur Strukturverbesserung ergriffen werden“ (RAUMORDNUNGSGESETZ 1965 im BUNDESGESETZBLATT, S. 306, eigene Hervorhebung).

Grundgesetz Art. 72, Abs. 2:

Auch im Grundgesetz findet sich ein Artikel, der dem Bund Gesetzgebungsrecht einräumt, wenn und soweit die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse es im gesamtstaatlichen Interesse erforderlich macht:

„[…] hat der Bund das Gesetzgebungsrecht, wenn und soweit die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet oder die Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit im gesamtstaatlichen Interesse eine bundesgesetzliche Regelung erforderlich macht“ (DEJURE.ORG, ART.72 GG 2006, web).

Dies gilt allerdings nur, „wenn sich die Lebensverhältnisse in den Ländern der Bundesrepublik in erheblicher, das bundesstaatliche Sozialgefüge beeinträchtigender Weise auseinanderentwickelt haben“ (GATZWEILER 2012, S. 54f.). Es wird hiermit also lediglich noch ein Mindeststandard zu Gewährleistung des sozialen Zusammenhalts in der Bundesrepublik Deutschland beschrieben. Dennoch gibt es bisher keine bundesweit gültigen Mindeststandards, beispielsweise zur Gewährleistung der Infrastruktur im Raum (vgl. ebd. S. 55).

2.3 Formen räumlicher Disparitäten in Deutschland

Innerhalb des Landes kann man zwischen großräumigen und kleinräumigen Disparitäten unterscheiden.

Großräumig betrachtet existieren drei Abgrenzungen:

Ein seit der Wiedervereinigung Deutschlands stabiles und sehr deutliches West-Ost-Gefälle sowie ein ebenfalls stabiles, aber wesentlich schwächer ausgeprägtes Süd-Nord-Gefälle.

Des Weiteren werden sechs Großregionen nach Lammers unterschieden, die zwar bezüglich Fläche und Einwohnerzahl vergleichbar sind, zwischen denen jedoch sozioökonomisch ebenfalls Disparitäten auszumachen sind. Es handelt sich um die Region Nord, Nordrhein-Westfalen, die Region Mitte-West, Baden-Württemberg, Bayern und die Region Ost.

Diese sozioökonomischen Disparitäten setzen sich zusammen aus dem BIP pro Einwohner (als ökonomischer Indikator) und der Arbeitslosenquote (als sozialer Indikator). Die genannten Faktoren werden auch von der EU-Kommission im EU-Bericht über die sozioökonomische Lage und Entwicklung der Regionen verwendet, was eine Vergleichbarkeit ermöglicht (vgl. LIETNER 2010, S.18f.).

Kleinräumig betrachtet zeigen sich räumliche Disparitäten innerhalb einer Stadt (innerstädtische Disparitäten), z.B. im Vergleich einzelner Stadtviertel oder in den verschiedenen Nutzungsbereichen. Außerdem existieren Disparitäten zwischen ländlichen Räumen. So sind periphere ländliche Räume u.a. wesentlich stärker von einer verfallenden bzw. fehlenden Infrastruktur betroffen als ländliche Räume in Agglomerationsnähe.

Besonders auffallend bei kleinräumiger Betrachtung sind allerdings die Disparitäten zwischen Stadt und Land bzw. ländlichem Raum, auf die im folgenden Kapitel detailliert eingegangen wird (vgl. ebd., S. 26f.).

3 Stadt und Land – ein Definitionsversuch

3.1 Siedlungsstruktur in Deutschland

Es gibt unterschiedliche Definitionen des ländlichen Raumes, jedoch zeigen alle ein vergleichbares Bild bezüglich der Anteile ländlichen und städtischen Raumes. So geht die EU von 80% ländlichen Räumen in Deutschland aus, in denen rund 40% der Einwohner leben (vgl. DANNENBERG 2010, S. 96).

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung veröffentlichte folgende Karten hinsichtlich der Siedlungsstruktur Deutschlands:

Abbildung 1: Städtischer und ländlicher Raum 2011 nach BBSR (Quelle: BBSR 2013, web)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Siedlungsstruktureller Kreistyp 2011 nach BBSR (Quelle: BBSR 2013, web)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 unterscheidet lediglich zwischen städtischem und ländlichem Raum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 differenziert etwas detaillierter zwischen kreisfreien Großstädten und städtischen Kreisen, welche den städtischen Raum in Abbildung 1 ausmachen, sowie ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen und dünn besiedelten ländlichen Kreisen (siehe auch Kap. 2.3 – Disparitäten zwischen ländlichen Räumen), die den ländlichen Raum in Abbildung 1 bilden.

Die Flächenverteilung zeigt sich bereits deutlich auf den Karten. Die Statistik bezieht neben der Fläche auch die Einwohnerzahl der einzelnen Kreise mit ein:

Auf den städtischen Raum fallen 203 Kreise, in denen knapp 55,8 Millionen Einwohner auf einer Fläche von ca. 115.000 km2 leben. Zum ländlichen Raum gehören 199 Kreise mit ca. 26 Millionen Einwohnern auf knapp 242.000 km2. Somit fallen ca. 70% der Gesamtfläche Deutschlands auf den ländlichen Raum, aber nur 30% der Einwohner (vgl. BSSR 2013, web).

Doch wie genau werden Stadt und ländlicher Raum definiert bzw. voneinander abgegrenzt? Diese Frage beantworten die folgenden Unterpunkte:

3.2 Städtischer Raum und ländlicher Raum

3.2.1 Modell der Stadt-Land-Dichotomie

Das Modell hat in der Vergangenheit einen besonderen Stellenwert eingenommen. Es beinhaltet Konzepte, die die beiden Räume voneinander abgrenzen aber auch Ideologien zur Bewertung von Stadt und Land.

Die Soziologie ging lange Zeit davon aus, dass es „eine[n] fundamentalen Unterschied zwischen dem städtischen und ländlichen Sektor einer Gesellschaft und eine[n] kaum überbrückbaren Gegensatz zwischen diesen beiden Sektoren“ gibt (KÖTTER 1983, zit. nach SCHWEPPE 2000, S. 59).

Das Modell nimmt an, dass sich Stadt und Land durch verschiedene Indikatoren voneinander differenzieren lassen, die kausal miteinander verbunden seien. Allerdings wurden „Ansätze, die von einer solchen, auf quantifizierbaren Unterschieden basierenden Dichotomie von Stadt und Land ausgehen“ (SCHWEPPE 2000, S. 60) durch empirische Forschungsarbeiten widerlegt und haben sich als unbrauchbar erwiesen. Gleiches gilt für die in diesem Dichotomie-Modell vermittelten Ideologien über Stadt und Land, die immer stärker kritisiert wurden. Hierbei wurde zum einen das Land romantisiert und idealisiert, wohingegen die Stadt als Sinnbild für das Verdorbene, das Künstliche und menschliche Verlorenheit stand und zum anderen wurde die gegenteilige Sichtweise verbreitet, nämlich dass die Stadt als fortschrittlich und das Land als rückständig galt (vgl. ebd., S. 60f.).

Das Modell konnte in den Sozialwissenschaften seit den 1950ern der Kritik nicht mehr Stand halten und gilt als überholt. Nach wie vor ist eine Abgrenzung von städtischem und ländlichem Raum schwierig, da „wirtschaftliche, soziale und kulturelle Raumkomponenten zu berücksichtigen sind“ (PLANK/ZICHE 1979 zit. nach SCHWEPPE 2000, S. 62). Nachfolgend soll es jedoch versucht werden.

3.2.2 Definition Stadt

Neben dem geographischen Stadtbegriff nennt auch der statistische Stadtbegriff das Definitionskriterium Dichte und Zentrierung. Je nach kulturellem Kontext schwankt der Schwellenwert der Einwohnerzahl, jedoch lässt sich ab 2000 bzw. ab 5000 Einwohnern von einer Stadt sprechen. Damit einher geht auch eine hohe Bebauungsdichte, die aufgrund der hohen Einwohnerdichte typischerweise mehrgeschossig ist. Die höchsten Dichten werden in zentralen Stadtteilen erreicht.

Neben diesem baulichen Merkmal besitzt die Stadt charakteristische soziale und ökonomische Merkmale. Zum einen verfügt die Stadt über einen funktionellen Bedeutungsüberschuss: Sie ist Arbeitsort, Versorgungszentrum, Bildungsinstanz, bietet ein kulturelles Angebot sowie politische und ökonomische Einrichtungen. Von einem Bedeutungsüberschuss ist die Rede, weil eine Differenz zwischen den in einer Stadt angebotenen Gütern bzw. Dienstleistungen und den von der Stadt benötigten Gütern und Dienstleistungen besteht, die daher vom Umland mitgenutzt werden (vgl. FASSMANN 2009, S. 44f.). „Die Stadt ‚strahlt‘ [also] in ihr Umland hinein und je größer diese ‚Strahlkraft‘ ist, desto wichtiger ist die Stadt“ (ebd., S. 45).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Regionale Disparitäten in Deutschland. Der Stadt-Land-Gegensatz
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Hauptseminar Regionale Disparitäten in Europa und europäische Regionalpolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V287015
ISBN (eBook)
9783656873280
ISBN (Buch)
9783656873297
Dateigröße
1514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Disparitäten, Deutschland, Stadt, Land, ländlicher Raum, urban, Stadt-Land-Gegensatz, Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Melanie Scheid (Autor), 2014, Regionale Disparitäten in Deutschland. Der Stadt-Land-Gegensatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287015

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