Patwa als sprachliches Mittel zum Ausdruck jamaikanischer Identität

Eine makro-soziolinguistische Studie über ethnisch-kulturelle Identität in Jamaika


Magisterarbeit, 2008
181 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Pidgin- und Kreolsprachen
2.1 Pidgin
2.2 Kreol
2.3 Forschungsüberblick Kreolistik

3. Einordnung des jamaikanischen Patwa in das Forschungsfeld
3.1 Jamaikanisches Patwa
3.2 Etymologie des Terminus Patwa
3.3 Dialekte
3.4 Black English
3.5 Lingua Francas und künstliche Sprachen

4. Historische Hintergründe zur Entstehung des Patwa
4.1 Prä-Kolumbianische Ära
4.2 Spanische Besatzung
4.3 Englische Herrschaft
4.4 Sklavenbefreiung
4.5 Zwischenfazit

5. Heutige Situation in Jamaika
5.1 Die soziale Situation in Jamaika
5.2 Schulwesen

6. Sprachliche Situation
6.1 Sprachstandsüberblick
6.1.1 Bilingualismus
6.1.1.1 Kontinuum Modelle
6.1.1.2 DeCamp’s Kontinuum Model
6.1.1.3 Code Mixing
6.1.2 Orthographische Defizite
6.1.3 Analphabetismus
6.2 Soziale Stellung des Patwa in Jamaika
6.3 Sprachliche Merkmale
6.3.1 Grammatik
6.3.1.1 Syntax
6.3.1.2 Verneinung
6.3.1.3 Iteration
6.3.1.4 Zeitenbildung und Verbeflexion
6.3.1.5 Infinitivformen: de und a
6.3.1.6 Pluralbildung
6.3.1.7 Personalpronomina
6.3.2 Phonologie
6.3.3 Lexikon
6.3.3.1 Wortartenwandlung
6.3.3.2 Wortschatz
6.4 Aktuelle Einflüsse auf das Patwa

7. Sprache und Identität
7.1 Sprache und soziale Schließung
7.1.1 Abgrenzung von der Oberschicht
7.1.2 Maroons
7.1.3 Patwa in GB
7.1.4 Fremd- und Selbstdarstellung: Hollywood in Kingston
7.2 Sprache und Religion
7.2.1 Rastafarianismus und Dread Talk
7.2.1.1 Änderung der Bedeutungskonnotation
7.2.1.2 Nach ihrer Laut- oder Sinnbedeutung umgewandelte Wörter
7.2.1.3 I-yaric
7.2.1.4 Neologismen
7.2.2 Kumina
7.3 Sprache und Musik
7.3.1 Reggae, Clashes und Dubplates: sprachliche Profilierung durch Musik?
7.3.2 Sprache gleich Identität? Reggae und Patwa in Deutschland
7.4 Diskussion: Patwa, eine eigenständige Sprache?

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Diskographie

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Current two-dimensional model of Pidgin development

Abbildung 2: Halls Family Tree (Proto-Kreol)

Abbildung 3: Gesellschaftspyramide zur Zeit der Versklavung

Abbildung 4: Linguistische Landkarte Afrika

Abbildung 5: Skala Patwa-Standard Jamaikanisches Englisch

Abbildung 6: Jamaikanische Variationsvielfalt „Go tell your mother“

Abbildung 7: Maroon-Gebiete in Jamaika

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich Black English – Patwa

Tabelle 2: Übersicht über Herkunft und Anzahl von 1764 und 1779- 1788 nach Jamaika verschifften afrikanischen Sklaven.

Tabelle 3: DeCamps Kontinuum Model

Tabelle 4: Bilingualism by Occupation

Tabelle 5: Übersicht Kumina-Vokabular

Widmung

An dieser Stelle möchte ich mich bei Prof. Dr. Spranz-Fogasy für die außerordentliche Unterstützung und Prof. Dr. Keim für die Inspiration zu dieser Arbeit bedanken.

Meiner Oma, Ursel und Walle danke ich für das in mich gesetzte Vertrauen, sowie Sonja D., Sonja S., Steve, Winny, und meinen „Informanten“ (insbesondere Uwe und Seb) für ihre Unterstützung.

Last but not least gilt der größte Dank Tim Wolf.

1. Einleitung

Jamaika ist eine Insel mit vielen Namen: Land of Wood and Water (Xaymaca, Ureinwohner Jamaikas, zitiert nach Zahl, 2002), Insel des Rum und Reggae (Tröder, 1993; Ettmayer, 2004), Jamdown (Tony Rebel, 1992), Jamdung (Barsch, 2003) oder Jamrock (Damian Marley, 2004), um nur einige aufzuführen. So vielfältig wie die Bezeichnungen für diese Insel sind, so vielfältig sind auch ihre Bewohner, ihre Sprache und deren Bezeichnungen[1]. Diese Arbeit soll verdeutlichen, welche Auswirkungen die multikulturellen Vorfahren der heutigen jamaikanischen Bevölkerung sowohl auf deren Identitätsbildung als auch auf deren Sprache hatten und noch immer haben.

Bei der Bezeichnung der jamaikanischen Sprache, die im linguistischen Bereich meist als jamaikanisches Kreol (u. a. Bailey, 1966; Cassidy, 1971; Hinrichs, 2006) bezeichnet wird, wurde bewusst der von vielen Jamaikanern und einigen Linguisten (u. a. Patrick, 1997, 1999; Hinrichs, 2006) verwendete Terminus Patwa verwendet. Die Debatte um die uneinheitliche Namensgebung wird ausführlicher in 7.4 behandelt; eine kurze Begriffsklärung zu Beginn ist dennoch erforderlich. Obwohl viele Gründe gegen die Verwendung des Terminus Patwa sprechen und aufgrund des persönlichen Resultates dieser Arbeit, nach der Jamaikanisch die passendste Bezeichnung wäre, wird es als anmaßend erachtet, einer Gruppe von Sprechern die Fähigkeit abzuerkennen, einen eigenen Namen für ihre Sprache bestimmen zu können. Die bewusste Entscheidung für den Terminus Patwa wurde getroffen, da der Großteil der jamaikanischen Bevölkerung ihre Sprache als Patwa bezeichnet. Die Intention dieser Arbeit soll, trotz aller theoretischen Aspekte vor allem die Realität widerspiegeln, die von den Sprechern der Sprache und nicht von wissenschaftlichen Theorien geprägt wird.

Zur besseren Einordnung des jamaikanischen Patwa in das Gebiet der Kreolsprachen wird zunächst ein Überblick über Pidgin- und Kreolsprachen sowie über das Forschungsfeld der Kreolistik gegeben. Um gängige Vor- und Fehlurteile über die Sprachgruppe des Patwa aufzulösen, wird im 3. Kapitel eine kurze Abgrenzung gegen ähnliche Sprachphänomene erfolgen. Im 4. Kapitel wird ein kurzer historischer Abriss Jamaikas mit Bezug auf die daraus entstandenen sprachlichen Einflüsse auf das Patwa dargestellt. Das 5. Kapitel leitet von der Vergangenheit in die Gegenwart und stellt die soziale Situation und das Schulwesen in Jamaika vor. Im 6. Kapitel wird der aktuelle Sprachstand näher beleuchtet. Im Fokus dieser Arbeit steht das abschließende Analysekapitel 7. Hier erfolgt eine Untersuchung des Zusammenhanges von Sprache und Identität anhand verschiedener gesellschaftlicher Phänomene in Bezugnahme auf die zuvor erörterte soziale und historische Situation Jamaikas. Den Abschluss dieses Kapitels stellt die Diskussion dar, in der erörtert wird, inwiefern es für eine ehemals kolonialisierte Nation wichtig ist, frei über die eigene Sprache entscheiden zu können.

Das wohl größte Problem bei der Definition verschiedener für diese Arbeit notwendigern Termini ist, wie auch schon Roberts (1988) feststellte, der Bedeutungsunterschied zwischen linguistischer Fachsprache und dem allgemeinen Wortgebrauch. Roberts (1988) wies zudem auf die Problematiken hin, dass Definitionen meist als starr und gefestigt angesehen werden und dass es im Bereich der Sprachforschung viele selbsternannte Experten gibt. Dieser Umstand führt dazu, dass sehr genau zwischen wissenschaftlichen Tatsachen und „Hobby-Interpretationen“ unterschieden werden muss, was vor allem außerhalb der linguistischen Fachliteratur oftmals nur schwer möglich ist. Für diese Arbeit wird demnach nach bestem Gewissen versucht, geeignete akademische Definitionen zu finden, die sich zwar teilweise vom allgemeinen Sprachgebrauch unterscheiden, hierdurch aber die wissenschaftliche Herangehensweise an die Thematik betonen sollen. Bei angeführten Theorien wird ebenfalls größter Wert darauf gelegt, dass diese auf wissenschaftlich belegbaren Methoden und nicht auf plausibel klingenden Vermutungen anderer Autoren basieren.

Die verfügbare Literatur zum Patwa ist zum Teil bereits einige Jahrzehnte alt und entspricht und spiegelt aus diesem Grund mitunter nicht mehr den aktuellen Sprachstand Jamaikas wider. Neben verfügbarer Printliteratur wurde deswegen vermehrt auf aktuelle Internetressourcen zurückgegriffen, welche allerdings erst nach Gegenprüfung durch mehrere Muttersprachler des Patwa verwendet wurden. Zudem wurde ein qualitativer Befragungsweg mit persönlichen Gesprächen und, falls diese nicht möglich waren, Email-Kontakten gewählt, um einzelne Stellungsnahmen zu bestimmten Themengebieten zu erfragen[2]. Des Weiteren wurden in über den Rahmen dieser Arbeit hinaus geführten Gesprächen und Interviews bestimmte sprachliche Phänomene wiederholt beobachtet und analysiert[3]. Sofern diese Erwähnung finden, wurden solche Sprachmuster ausgewählt, die unabhängig von sozialer und geographischer Herkunft bei möglichst vielen Patwasprechern identisch oder zumindest sehr ähnlich sind, wobei der Fakt, dass es aufgrund der großen Variationsvielfalt des Patwa (vgl. Kapitel 6.1) unmöglich ist, die „einzig wahre“ Variante festzustellen, durchaus bedacht wurde.

Das jamaikanische Patwa stellt, im Vergleich zu einigen anderen Kreolsprachen, eine sehr vielschichtige und durchaus gut erforschte Sprache dar. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit darauf verzichtet, sämtliche bisherigen Ergebnisse erneut detailliert zusammenzufassen und meist im Rahmen eines kurzen Forschungsüberblickes auf bisherige Literatur verwiesen. Der Forschungsgewinn dieser Arbeit liegt in einem allgemeinen Überblick über das Patwa, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf den Zusammenhang von Sprache und Identität gesetzt wird. Neben einer Beschreibung der sprachlichen Situation in Jamaika, dem Herkunftsland des Patwa, werden zudem Exkurse nach England und Deutschland stattfinden, wo sich das Patwa seit einigen Jahrzehnten in bestimmten sozialen Gruppen ebenfalls ausbreitet. Die vorliegende Arbeit ist interdisziplinärer Art und wagt sich neben dem Schwerpunktgebiet der Soziolinguistik auch zu Exkursen in die Gebiete der allgemeinen Sprach-, Sozial-, Geschichts-, Kultur-, Religions- und Musikwissenschaft.

Auf eine selbst angelegte quantitative Studie wurde in dieser Arbeit bewusst verzichtet, da diese nur unter methodischen Limitierungen hätte stattfinden können und die Ergebnisse nicht repräsentativ wären (vgl. Schnell, Hill & Esser, 1999). Bei Internetfragebögen wäre die Auswahl der Befragten insofern limitiert gewesen, da nur Personen hätten teilnehmen können, die sowohl einen Internetzugang als auch ausreichende PC- Kenntnisse haben, womit beispielsweise ein Großteil der ländlichen Bevölkerung ausgeschlossen wäre, was zu einem Selection Bias geführt hätte (Schnell et al., 1999). Zudem hätte das Problem bestanden, dass der Fragebogen einheitlich in einer Sprache gehalten werden müsste, womit die Entscheidung für ein basi-, meso- oder akrolektales Patwa[4] oder ein britisches bzw. amerikanisches Standardenglisch wiederum weite Teile der Bevölkerung ausgeschlossen hätte. Die einzige methodisch sinnvolle Art der Datenerhebung schien eine Umfrage vor Ort zu sein, die sowohl verschiedene geographische Gebiete als auch unterschiedliche demographische und soziale Gruppen eingeschlossen hätte. Dies war jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich und eine Übertragung dieser Aufgabe an einheimische Jamaikaner schien aufgrund der mangelnden Überprüfbarkeit der Datenerhebungsmethoden und Erhebungsbedingungen ebenfalls wenig ratsam.

2. Pidgin- und Kreolsprachen

Zu Beginn dieser Arbeit wird ein Überblick über Pidgin- und Kreolsprachen im Allgemeinen gegeben, um die Hintergründe zu deren Entstehung näher zu beleuchten. Diese werden in späteren Kapiteln erneut von Relevanz sein. Da sich ein Kreol aus einem Pidgin heraus entwickelt, wird diese chronologische Reihenfolge der Entstehung für den Aufbau der Unterkapitel 2.1 und 2.2 übernommen, bevor in 2.3 eine kurze Darstellung über das Gebiet der Kreolistik gegeben wird.

Die Ursachen für die Entstehung von Pidgin- und Kreolsprachen können unterschiedlich sein, auch wenn sie stets das gleiche Ziel haben: eine gelingende Kommunikation in einer multilingualen Gesellschaft. Es gibt keine geographische Bindung für Pidgins und Kreole; theoretisch können sie in allen Ländern auftreten. Die Mehrheit der linguistisch bereits untersuchten Pidgin- und Kreolsprachen entstand jedoch vor wenigen Jahrhunderten in Gebieten, die von Handel und Kolonialisierung betroffen waren, wie z. B. in Westafrika oder dem Karibik- und Pazifikraum, in welchen Kontakte zwischen europäischen und regionalen Sprachen stattfanden. Dies erklärt den großen Einfluss von Sprachen wie Englisch, Niederländisch, Spanisch und Französisch auf die meisten Pidgins und Kreole, da vom europäischen Kontinent aus viel Handel betrieben, erobert und kolonialisiert wurde. In einer von Hancock (1977) veröffentlichten Auflistung von Pidgin und Kreolsprachen wurden von 127 Pidgins und Kreolen nur 37 als nicht europäisch-basiert angegeben. Dies spiegelt die soziale, wirtschaftliche und politische Hierarchie der damaligen Zeit wider, in der Europäer als Kolonialisten in der sozialen Rangordnung über den Bewohnern der neu erschlossenen Gebiete standen. Die Durchsetzung ihrer eigenen Sprachen führte häufig zu einer Überlagerung bzw. Prägung der ursprünglichen Sprache oder sogar zu deren Aussterben.

2.1 Pidgin

Weltweit sprechen ca. sechs bis zwölf Millionen Menschen ein Pidgin (DeCamp, 1977). Die Herkunft des Begriffs Pidgin ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige Forscher behaupten, er stamme von dem englischen Terminus für Business aus dem Chinesischen Pidgin Englisch ab (Oxford, 2008). Andere sehen eine mögliche Quelle im Hebräischen pidjom, was ebenfalls soviel wie Handel, Austausch bedeutet. Die Aussprache des englischen Begriffs Beach in der Südsee, wo es als beachee ausgesprochen wurde und den Ort beschrieb, an dem häufig Pidgins gesprochen wurden, stellt eine weitere zur Diskussion stehende etymologische Variante dar (Mühlhäusler, 1986).

Bevor detaillierter auf die Thematik eingegangen wird, sollen hier zunächst einige Definitionen des Begriffs Pidgin gegeben werden. Die UNESCO definiert ein Pidgin wie folgt: „A language which has arisen as the result of contact between people of different languages, usually formed from a mixing of the languages.“ (UNESCO, 1963, S. 47). Holm bezeichnet ein Pidgin als „reduced language that results from extended contact between groups of people with no language in common.” (Holm, 2000, S. 5). Eine metaphorische Umschreibung liefert Taylor (1956), der Pidgins als genetische Waisen mit zwei Pflegeeltern definiert, von denen ein Elternteil die morphologischen und syntaktischen Muster, der andere das grundlegende Vokabular bereitstellt. Ein Pidgin ist also eine Zweit- oder Drittsprache, die sich unter erschwerten Bedingungen - aufgrund des Fehlens einer gemeinsamen Sprachgrundlage - entwickelt und manifestiert. Im Gegensatz zu den meisten anderen Zweitsprachen wird sie nicht in der Schule oder in Sprachkursen erworben, sondern entspringt aus der Notwendigkeit einer gemeinsamen Kommunikationsgrundlage zwischen Menschen unterschiedlicher Muttersprachen. Da es sich bei einem Pidgin nicht um eine von Geburt an erlernte Muttersprache handelt, sondern um eine in Ergänzung zu dieser erworbene Sprache, ist es zumeist nur auf das Nötigste beschränkt, was sich vor allem an einer reduzierten Grammatik und dem minimalen Wortschatz erkennen lässt (Todd, 1979). Somit weicht ein Pidgin in vielen Fällen von einer „Standardsprache“[5] ab, was sich beispielsweise durch fehlende Markierungen in den Bereichen Tempus, Aspekt, Kasus, Numerus und Genus niederschlägt (Hellinger, 1985). Es handelt sich bei einem Pidgin demnach um eine sehr spezialisierte, aber noch nicht vollkommen ausgereifte Sprache.

Zur Entstehung eines Pidgins führen oft veränderte Lebenssituationen, in denen die Sprecher sich nicht mehr in ihrer bisherigen Muttersprache verständigen können. Dies tritt besonders im internationalen Handel auf, bei welchem Fachtermini (wie z. B. für Ware, Größe, Qualität, Preise, etc.) erlernt werden müssen, die entweder nicht in der Muttersprache des Handelspartners vorhanden sind oder die von diesem nicht verstanden werden. In solchen Situationen entstanden insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert neue Pidgins, welche sich meist aus Vokabeln europäischer Handelsnationen und vereinfachten Grammatiken von Sprachen der jeweiligen Handelspartner zusammensetzten. In einigen Sprachen ist das ursprüngliche Vokabular zum Teil bis heute in abgewandelter Form erhalten geblieben und hat sich weiter verbreitet[6]. Vor allem seit dem 15. Jahrhundert, zur Zeit der großen Eroberungen und mit dem Beginn des Sklavenhandels, entstanden viele Pidgins. Da bei diesen (meist europäisch-afrikanischen bzw. europäisch-überseeischen) Kontakten eine Verständigung durch Gestik und Mimik nur bedingt ausreichte, bestand die Notwendigkeit, sich auf eine andere Art und Weise zu verständigen. Mathematisch betrachtet könnte ein Pidgin als der „kleinste gemeinsame Nenner“ von zwei oder mehreren verschiedenen Sprachen bezeichnet werden. Im Gegensatz zu sogenannten „künstlichen Sprachen“[7], mit welchen Pidgins oft verglichen werden (Mühlhäusler, 1987), entstehen sie auf natürliche Weise aus bereits existierenden Sprachen, die miteinander in Kontakt kommen, weshalb der Terminus Kontaktsprache oft synonym verwendet wird.

Zur Zeit der Kolonisation der Neuen Welt entstanden Pidgins häufig dadurch, dass die Dominierenden den Unterdrückten ihre eigene Sprache diktierten. Da die Unterworfenen die neue Sprache meist nicht sofort erlernen konnten oder wollten, legte sich die dominante Sprache (Superstrat[8] ) über die bisher gesprochene (Substrat[9] ). Bei dieser Art des Sprachkontaktes (Adstrat[10] -Wirkung) vermischten sich beide Sprachen miteinander, wobei das Superstrat den größeren Anteil an diesem Sprachpool einnahm. Neben Schwierigkeiten beim Erlernen der neuen Sprache aufgrund mangelnder Bildung oder fortgeschrittenen Alters, spielten auch Zeitmangel bedingt durch harte Arbeit, wenig Kontakt zu den Sprechern der neuen Sprache, Widerstand gegen die Unterdrückung und damit eine Verweigerung des Erlernens eine wichtige Rolle dabei, ob sich eine Sprache letztendlich durchsetzen konnte. Meist endete die zwanghafte Einführung einer neuen Sprache in einem Pidgin, das zwar viele Merkmale (meist auf das Vokabular beschränkt) der ursprünglich dominanten Sprache beinhaltete, in vielen Fällen aber so stark von anderen Sprachen geprägt und „unterwandert“ wurde, dass es nach einiger Zeit nur noch wenig mit der Superstrat-Sprache gemeinsam hatte. Vor allem bei Sprachkontakten durch Kolonisation ist ein bestimmtes Phänomen - der sogenannte Foreigner [11] oder Baby Talk [12] - zu beobachten, welches den Umfang eines Pidgins entscheidend beeinflusst. Diese unter anderem von Bloomfield (1933) und Ferguson (1975) vertretene Theorie besagt, dass europäische Kolonialisten die ihnen unterlegene Bevölkerung, bzw. die Sklaven, denen sie ihre Sprache aufzwingen wollten, oft als ungebildet ansahen (Holm, 2000), weshalb sie ihre eigene Sprache auf das Wesentliche reduzierten, in dem Glauben, so besser verstanden zu werden (u. a. Roberts, 1988; Mühlhäusler, 1986). Dieses Phänomen ist auf den ersten Blick mit der ad hoc Entstehung einer „Sprache“ im restringierten Code, beispielsweise eines ausländischen Touristen[13], zu vergleichen. Genauer betrachtet handelt es sich bei diesen spontanen Sprachbildungen nicht um Pidgins, sondern um Jargons, welche, wie Abbildung 1 zeigt, die Vorstufe eines Pidgins darstellen (Mühlhäusler, 2001). Ein Pidgin ist (meistens) dauerhafter und erfüllt bestimmte grammatische und phonologische Normen (Holm, 2000). Je nach Intensität der Nutzung ist ein Pidgin stärker oder schwächer ausgebildet. Todd unterscheidet deshalb zwischen restringierten und erweiterten Pidgins (Todd, 1974).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 1: Current two-dimensional model of Pidgin development (aus Mühlhäusler, 2001, S. 1648)

Vorwiegend entwickelte sich ein Pidgin aber nicht nur aus zwei, sondern aus mehreren, unterschiedlichen, Sprachen - so wie das Patwa, auf dessen „Sprachcocktail“ später noch ausführlicher eingegangen wird. Da die Sprecher eines Pidgins unterschiedlichen Kulturen entstammen, sind Pidgins als Sprachen an sich kulturneutral (Mühlhäusler, 1987).

Frederic Cassidy gelang 1962 der Nachweis, dass viele der in der Karibik gesprochenen, englisch-basierten Pidgins auf einem zu Beginn des Sklavenhandels an der afrikanischen Küste verbreiteten Pidgin beruhen, welches durch die Sklaven in ihre neue Heimat importiert wurde (Cassidy, 1962)[14]. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts verbreitete sich durch den portugiesischen Handel zunächst im westafrikanischen, später auch im ostafrikanischen und indischen Sprachraum, ein auf der portugiesischen Sprache basierendes Handelspidgin (vgl. hierzu auch Kapitel 2.2, Protokreol). Da dieses Pidgin auch von anderen Europäern adaptiert (Cassidy, 1971), weiterentwickelt und vermutlich auch in Bezug auf den Sklavenhandel gesprochen wurde, liegt es nahe, dass aus eben jenem Pidgin einige Begriffe Einzug in die Pidgins der westindischen Inseln hielten. Der im heutigen Patwa gängige Begriff p ickney/ pikny [15] für ein Kleinkind könnte ein Überbleibsel aus dieser Zeit sein, denn die meisten Sklaven waren noch sehr jung als sie aus Afrika in die Neue Welt verschifft wurden.

Wie alle existierenden Sprachen sind auch Pidgins einem stetigen Wandel unterworfen. Die Sprecher eines Pidgins stammen oft aus sich schnell verändernden Lebenswelten an welche die Sprache ständig angepasst werden muss. Hierdurch unterliegt ein Pidgin einem wesentlich stärkeren und schnelleren Wandel als Standardsprachen. Ein Handelspidgin beispielsweise wird nicht mehr benötigt, sobald der Handel abgebrochen wird, die Handelsware sich ändert oder auf eine andere Sprache zurück gegriffen wird (z. B. das heute im Handel übliche Englisch) und stirbt aus. Viele Pidgins existieren über sehr lange Zeiträume parallel zu bestehenden Mutter- oder Zweitsprachen. Es ist aber auch möglich, dass sich ein Pidgin zu einem Kreol weiterentwickelt. Dieser Prozess der Kreolisierung oder Nativisierung[16] wird als Gegenteil zur Pidginisierung angesehen, bedingt durch den Fakt, dass das zunächst auf wenige Vokabeln und grammatikalische Eigenschaften reduzierte Pidgin nun wieder zu einer „vollständigen“ Sprache erweitert wird, um eine uneingeschränkte Kommunikation zu ermöglichen (Holm, 2000). Auf die Unterschiede zwischen Pidgin- und Kreolsprachen, sowie auf deren oben angedeuteten Weiterentwicklungsprozesse, wird im folgenden Abschnitt genauer eingegangen.

2.2 Kreol

Weltweit sprechen ca. 10 bis 17 Mio. Menschen ein Kreol als Muttersprache, wobei englisch-basierte Kreole nach französisch-basierten am weitesten verbreitetet sind (DeCamp, 1977). Während ein Pidgin ausnahmslos als Zweit- oder Drittsprache (jedoch niemals als Muttersprache) auftritt, kann dessen Weiterentwicklung zu einem Kreol führen. Dieses kann von nachfolgenden Generationen als Muttersprache erworben werden, welche, im Gegensatz zu einem nur eingeschränkt nutzbaren Pidgin, alle verbalen Bedürfnisse erfüllen kann. Dieser Prozess bedingt eine Erweiterung und Differenzierung des Pidgins, die zu einer qualitativen und quantitativen Elaboration der sprachlichen Ausdrucksmittel führt (Hellinger, 1985). Sowohl Pidgins als auch Kreole werden in sehr komplexer und bislang nicht eindeutig geklärter Weise von sprachspezifischen Einflüssen und allgemeinen Sprachentwicklungsmechanismen beeinflusst (Hellinger, 1985).

Der Begriff Kreol (engl. Creole) stammt ursprünglich vom lateinischen creãre (kreieren) ab. Über das portugiesische criar (ein Kind aufziehen) und criado (ein in einen Haushalt hineingeborener Diener) entwickelte es sich schließlich zu crioulo (ein afrikanischer Sklave, der in der Neuen Welt geboren wurde) (Holm, 2000). Über das Portugiesische fand die Bezeichnung zunächst Einzug in das Spanische und Französische und schließlich auch in den englischen und von dort aus in den deutschen Wortschatz. Die erste Aufzeichnung des spanischen criollo lässt sich auf das Jahr 1590 datieren (Holm, 2000). Eine leicht abweichende Wandlung der Bedeutungskonnotation wird in Hymes’ Grundlagenwerk zu Pidgin- und Kreolforschung Pidginization and Creolization of Languages (Hymes, 1971) dargestellt. Ursprünglich wurde die Bezeichnung für einen weißen Europäer, der in einer tropischen Kolonie geboren wurde und aufwuchs, verwendet. Später weitete sich die Bezeichnung auf Einheimische und andere Nicht-Europäer (beispielsweise Sklaven) aus und wurde bald darauf auch für deren Sprachen verwendet. Der Einfachheit halber wurde der Terminus für sämtliche Kreol – ähnlichen Sprachen adaptiert, also für solche, die auf europäischen Sprachen basierten (Hymes, 1971). Im Metzler Lexikon Sprache wird der Begriff wie folgt definiert: „aus dem Spanischen Criollo (einheimisch, eingeboren). Nach gängiger Auffassung aus einer Pidginsprache entstandene Muttersprache, doch gibt es auch Kreole, die keine vorgängige Pidginphase durchliefen.“ (Glück, 2005, S. 361). Die Anwendung auf unterschiedliche Gebiete kann vor allem außerhalb des linguistischen Kontextes zu Verständnisproblemen führen (Roberts, 1988), da unterschiedliche Konnotationen keine eindeutige Zuordnung ermöglichen. Für diese Arbeit wird der Begriff Kreol ausschließlich synonym für den Terminus Kreolsprache verwendet.

Pidgins und Kreolsprachen erwecken den Eindruck eines restringierten Kodes[17]. Dieser kann sich jedoch im Laufe der Zeit erweitern wobei, zumindest theoretisch, durchaus die Möglichkeit besteht, dass er sich zu einem elaborierten Kode[18] entwickelt[19]. Der restringierte Kode wird im Allgemeinen eher den bildungsfernen Gesellschaftsschichten zugeordnet (Glück, 2005), was zur Zeit der großen Eroberungen und der Entstehung der meisten europäisch-basierten Pidgins und Kreolen auf den Großteil der Ureinwohner und Sklaven zutraf. Der Gebrauch des restringierten Kodes ist eng mit der sozialen Struktur einer Kultur verknüpft (Glück, 2005). Ähnlich wie bei Pidgins und Kreolen weisen restringierte Kodes vor allem, aber nicht immer und ausschließlich, folgende Merkmale auf: ein begrenzter Wortschatz, eine vereinfachte oder „fehlerhafte“ Grammatik sowie unvollständig wirkende Sätze[20]. Zudem sind häufig Verstärkungen und Nachfragen am Satzende vorhanden, wie beispielsweise Weißt Du?, Ey oder Ne. Meist handelt es sich um sozial geschlossene Gruppen (In-Groups [21] ) in denen ein großes gemeinsames Wissen vorhanden ist, was trotz eines reduzierten Sprachgebrauches eine ausreichende Verständigung ermöglicht. Im Gegensatz hierzu steht der elaborierte Kode, dessen Gebrauch gebildeteren Gesellschaftsschichten zugeordnet wird (u. a. Bernstein, 1970, 1971, 1972). Dieser Kode zeichnet sich durch einen umfangreichen Wortschatz mit vielen Fachtermini, den häufigen Gebrauch von Passiv-Formen, grammatikalischer Korrektheit sowie durch einen argumentativen und logischen Aufbau aus (u. a. Bernstein, 1970, 1971, 1972).

Interessanterweise ähneln sich viele Kreolsprachen weltweit und so können einige dem jamaikanischen Patwa zuzuordnenden Wörter auch in anderen Kreolsprachen gefunden werden. Unter anderem nennt Adler (1977) die Phrasen kudn für could not; mi nou go für I don’t go sowie ein allgemeines em für he, she, it, him und her. Während diese Beispiele auf englischen Basiswörtern basieren, sind auch andere Wörter auffällig oft in unterschiedlichen Pidgins zu finden, beispielsweise chop, eine im westafrikanischen Sprachraum übliche Bezeichnung für eine Mahlzeit oder kwiktaim (quik time) aus dem Australischen als Pendant zu schnell (Adler, 1977). Diese Fakten unterstützen die ursprünglich von Hall (1961) geprägte und u. a. von Hancock (Todd & Hancock, 1986) weiterentwickelte Theorie, dass englisch-basierten Kreolen auf beiden Seiten des Atlantiks ein gemeinsames Proto-Kreol zugrunde liegt, welches bereits im 17. Jahrhundert an der Westküste Afrikas gesprochen wurde. Hancock (Todd & Hancock, 1986) stützte diese Theorie mit einer Liste von 570 Wörtern aus acht verschiedenen englisch-basierten Kreolen, (u. a. dem Patwa) die erstaunliche phonologische und lexikalische Ähnlichkeiten aufweisen. Diese Wörter entstammen nicht dem englischen Wortschatz und haben sich wahrscheinlich aus diesem Proto-Kreol entwickelt (Johnson, 1974). Die Tatsache, dass viele dieser Wörter auch in Sprachen anzutreffen sind, die heute nicht als Pidgin oder Kreol charakterisiert werden, deutet darauf hin, dass diese vor langer Zeit ebenfalls einen Prozess der Pidginisierung durchlaufen haben könnten (Todd, 1979).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Halls Family Tree (Proto-Kreol)

(Hall 1961, S. 143 in Mühlhäusler, 1986, S. 254)

Durch die bestehenden Ähnlichkeiten zwischen den Kreolsprachen gelang es Bickerton (1981) eine Auflistung der sogenannten kreolischen Universalien zu erstellen. Sie umfasst Gemeinsamkeiten, die in fast allen Kreolsprachen vorkommen, unabhängig von deren Entstehungsart und –zeitraum (Steinkrüger, 2004). Diese sehr komplexe Auflistung wurde von McWorther (2001) deutlich vereinfacht in einer Komplexitätsmetrik dargestellt. In vier Simplifikationsthesen stellt er die wesentlichen Merkmale einer Kreolsprache dar:

1. Eingeschränktes phonologisches Inventar
2. einfache Syntax
3. wenige grammatische Kategorien
4. wenige oder keine Flektionsmorphologie

Wie alle Sprachen sind auch Pidgin- und Kreolsprachen als dynamische Systeme Veränderungen unterworfen. Durch die zu ihrer Entstehung führenden Umstände treten diese dort meist stärker auf als bei Standardsprachen. Die von Hall (1966) propagierte life-cycle-theory offeriert fünf Möglichkeiten, in welche Richtung sich Pidgins oder Kreole entwickeln können:

1. Pidginisierung durch Sprachkontakt
2. Stabilisierung und Ausweitung
3. Kreolisierung
4. Kreolkontinuum, in dem die Basissprache präsent ist
5. Dekreolisierung, Sprachwechsel zur Basissprache

Die soziolinguistischen Faktoren, die bestimmen welches Ende eintritt, wurden bislang noch nicht vollständig bestimmt, wobei die Tendenz zu einer Dekreolisierung vermehrt dann auftritt, wenn neben einem Kreol auch der Standard der Basissprache gesprochen wird. Auf die von DeCamp (1971) fälschlicherweise prognostizierte Dekreolisierung des jamaikanischen Patwa wird in späteren Kapiteln näher eingegangen.

2.3 Forschungsüberblick Kreolistik

Der Begriff Kreolistik ist als Oberbegriff für die Forschung im Gebiet der Pidgin- und Kreolsprachen zu verstehen. Er beschränkt sich also keinesfalls, wie man dem Namen nach vermuten könnte, auf Kreolsprachen alleine. Die frühe Arbeit von Van Name (1869-1870), Contribution to Creole Grammar, (Holm, 2000) findet in der heutigen Literatur kaum noch Beachtung, obwohl es die erste komparative Studie von Kreolen aus allen vier lexikalischen Basen in der Karibik darstellte (Französisch, Spanisch, Englisch, Niederländisch). Im Internet werden von der größten Suchmaschine hierzu nur vier Treffer geliefert (Google, 2008). Hugo Schuchardt, der mit ersten Untersuchungen Ende des 19. Jahrhunderts als Begründer der Kreolistik gilt, bemerkte bereits 1914, dass „die kreolischen Mundarten noch nicht voll gewürdigt worden“ sind (Hellinger, 1985, S. 27). Trotzdem ließ die Akzeptanz als wissenschaftliche Disziplin noch einige Jahrzehnte auf sich warten. Erst in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kreolistik als eigenständige akademische Disziplin anerkannt (Holm, 2000). Holm (2000) bemerkte, dass dieses Desinteresse der Forschung nicht nur als Missverständnis der Identität von Pidgins und Kreolen (und folglich deren Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von der Basissprache) zu deuten sei, sondern auch wegen der zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Auffassung über die Notwendigkeit von Sprachforschung.

Im Jahr 1959 wurde in Mona, Jamaika, erstmals eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema Kreolstudien abgehalten. Hier wurden hauptsächlich die drei Fragenkomplexe zur Entstehung der Pidgin- und Kreolsprachen, das Problem ihrer linguistischen Beschreibung und deren sprachlicher Variation behandelt. Im Jahre 1968 folgte die nächste Konferenz in Mona, der hierzu erschienene Sammelband (Hymes, 1971) gehört bis heute zu den wichtigsten Dokumenten der kreolistischen Forschung. Beide Konferenzen werden noch immer als Meilensteine auf diesem Gebiet angesehen.

Trotz der immensen Vielfalt an Kreolsprachen sind doch starke Tendenzen zu erkennen, welche von diesen präferiert analysiert werden. Neben Papiamentu, der Sprache der niederländischen Antillen, und dem Haitianischen gehört auch das jamaikanische Kreol zu jenen, über die schon in den 70er Jahren eine große Anzahl von Veröffentlichungen existierte (Reinecke, 1975). Laut Holm (2000) war Patwa das erste westindische Kreol das tiefergehend analysiert wurde, erstmalig 1868 von Russel. In den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erschienen viele fundierte Werke über Patwa (Holm, 2000), die wohl heute noch relevantesten sind u. a. von Cassidy (1961), Bailey (1966), Hall (1966), LePage & DeCamp (1960), LePage (1961). In der Bibliography of Pidgin and Creole languages (Reinecke, 1975) sind 178 Einträge zum jamaikanischen Kreol vorhanden, eine Zahl, die sich 38 Jahre nach deren Erscheinen deutlich erhöht hat.

Nachdem das Interesse am Patwa bereits in den 70er Jahren wieder abzuflachen schien und nur noch wenige Publikationen über Patwa veröffentlicht wurden, kam Anfang der 90er Jahre eine erneute Welle der linguistischen Forschung in und über Jamaika auf. Hall-Alleyne publizierte 1990 ihre Forschungsergebnisse zum sozialen Kontext von afrikanischen Sprachkontinuitäten im Jamaikanischen. 1991 veröffentlichte Emilie Adams mit Understanding Jamaican Patois - An Introduction to Afro-Jamaican Grammar einen Überblick über den Sprachstand zu diesem Zeitpunkt. Einen detaillierten Überblick über die Varietäten des Patwa, die bereits 1981 von Akers näher untersucht wurden, gibt Sand (1999) anhand einer Studie, die auf einem breiten Korpus jamaikanischer Radio- und Zeitungstexte basiert. Ein breites Feld über das Patwa wird von Patrick (u. a. 1997, 1999) abgedeckt. Sutcliffe (1992) erweiterte den geographischen Rahmen und untersuchte die sprachlichen Besonderheiten des britischen Patwa, die schon 1973 von Wells näher analysiert wurden. Ein neues Forschungsgebiet wurde 2006 von Hinrichs erschlossen, der sich in seiner Publikation auf Code-Switching im Email-Verkehr spezialisierte und in diesem Bereich als Pionier gilt.

Als eine Art Wörterbuch kann das gemeinsam von Todd und Hancock veröffentlichte Werk International English Usage (Todd & Hancock, 1986) bezeichnet werden. Dieses hat zwar nicht Kreolsprachen im Speziellen als Schwerpunkt, weist jedoch auf viele Besonderheiten der international verwendeten Englischvarianten hin - welche wiederum oft einem Kreol entsprechen (wie z. B. das Patwa, das auch als jamaikanisches Englisch bezeichnet wird) und bildet eine gute und übersichtliche Ergänzung zur allgemeinen Forschungsliteratur. Über westindische Sprachen im Allgemeinen gibt es einen umfangreichen Überblick von Roberts (1988). Seine Intention war zunächst der Wunsch nach einer allgemeinen Einführung in die westindischen Sprachen, die sowohl für Nicht-Linguisten als auch für „[...] teachers who are preparing secondary school pupils for CXC (Caribbean Examination Council) [and] English students at the University of the West Indies [...]“ (Roberts, 1988, S. iv.) hilfreich sein sollte.

Die immense Vielfalt von Veröffentlichungen zu Pidgin- und Kreolsprachen lässt in dieser Arbeit keine genauere Auflistung zu, weshalb nur exemplarisch auf einige Werke eingegangen werden kann. Für einen sehr ausführlichen, wenn auch nicht mehr ganz aktuellen, Überblick wird hier deshalb auf A Bibliography of Pidgin and Creole Languages (Reinecke, 1975) verwiesen. In diesem sind in 120 Kapiteln Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu Pidgins und Kreolen aufgelistet und kommentiert, zudem werden nähere Informationen über deren Sprachgruppen gegeben. Zu Beginn werden darin bereits 156 weitere Bibliographien zur Pidgin- und Kreolforschung genannt, die schon im Jahre 1975 verfügbar waren, zusätzlich zu 32 regelmäßig erscheinenden Bibliographielisten. Der Umfang an Literatur war bereits vor mehr als 30 Jahren nur noch schwer zu überblicken, auch heute scheint es nahezu unmöglich diese komplett aufzulisten.

Die Kreolistik beschäftigt sich aber keineswegs „nur“ mit linguistischen Aspekten. Wichtige Beiträge zur Erforschung der Kreolsprachen kommen auch aus Bereichen der Soziologie, Psychologie, Historie, Politik und Ökonomie, da diese Gebiete zusätzlich Aufschluss über Hintergründe zur Entstehung und Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen geben. Einige dieser Faktoren finden in späteren Kapiteln kurz Erwähnung. Adler (1977) gibt in seinem Buch eine Übersicht über verschiedene soziale Aspekte des Vokabulars und der Grammatik von englisch-basierten Kreolen. Ein weiterer Forschungsansatz auf dem Gebiet der Soziologie wurde von LePage & Tabouret-Keller (1985) präsentiert, die den Zusammenhang von Kreolsprache und Identität herausarbeiteten. Dieser Zusammenhang wird in Bezug auf Patwa im 7. Kapitel noch detaillierter behandelt.

3. Einordnung des jamaikanischen Patwa in das Forschungsfeld

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Einordnung des jamaikanischen Patwa in das Forschungsfeld der Linguistik. Aus linguistischer Sicht ist das Patwa zweifelsfrei den Kreolsprachen zuzuordnen (vgl. Kapitel 2). Dennoch gibt es vor allem im allgemeinen Sprachverständnis oft Unklarheiten über die Kategorisierung, welche nicht selten zu Falschaussagen führen, beispielsweise dass Patwa ein englischer Dialekt sei. Um diese Vorurteile aus dem Weg zu räumen und eine genaue Klassifizierung zu ermöglichen, werden verwandt scheinende Phänomene wie das französische Patois, Dialekte, Black English, Lingua Franca und künstliche Sprachen im Folgenden kurz erläutert und dem Patwa gegenüber gestellt.

3.1 Jamaikanisches Patwa

Die Anzahl der Patwasprecher schwankt je nach Quelle zwischen 2,5 Millionen in Jamaika sowie mehreren Hunderttausenden in England (Smith, 1994) und bis zu fünf Millionen Sprechern einschließlich der Diaspora (Jumieka.com, 2008a). Bei einer Population von ungefähr 2,8 Mio. Einwohnern (Welt in Zahlen, 2007b) macht die Anzahl der Patwasprecher somit einen Großteil der jamaikanischen Bevölkerung aus. Holm (2000) nennt, mit Berufung auf eine Bevölkerungszahl von 2.616.000 Einwohnern im Jahr 1998, Jamaika das „most populous Creole-English-speaking country“ und das kulturelle Zentrum der anglophonen westlichen Karibik (Holm, 2000, S. 93). Solche Aussagen sind insofern kritisch zu betrachten, da es einerseits bis heute noch nicht gelungen ist, eine genaue Klassifizierung der Pidgin- und Kreolsprachen zu erstellen[22] und andererseits das Wissen über die Existenz von Pidgins und Kreolen noch unvollständig ist (DeCamp, 1977). Zudem gibt es keine festgelegten Kriterien, nach denen die verschiedenen jamaikanischen Sprachvarianten eindeutig dem Patwa bzw. dem Englischen zugeordnet werden können, womit auch keine zuverlässigen Angaben über die Anzahl der Sprecher gemacht werden können. Die ersten Forschungen über Patwa wurden zwar bereits 1868 von Russel betrieben (Kühnel, 1996), jedoch erst in den letzten 50 Jahren wurden wirklich ernstzunehmende Versuche unternommen, diese Sprache tiefergehend zu beschreiben.

Wie in Kapitel 6 noch ausführlicher dargelegt wird, gibt es für die jamaikanische Sprache keine festgelegte Orthographie. Aus diesem Grund variiert die Schreibweise für den Namen von der französischen Schreibweise Patois (Adams, 1991; Kühnel, 1996) bis zu der phonologischen Transkribierung Patwah (Everythingjamaican, 2007; Zahl, 2002). Sowohl um Verwechslungen mit dem französischen Patois auszuschließen, als auch aus den in Kapitel 5.2.2 und 7.4 genannten Gründen, wird eine abweichende Schreibweise gewählt. Für das Verständnis und die Verwendung des Terminus Patwa, vor allem in Bezug auf die jamaikanische Identitätsbildung, wird es als relevant erachtet, die Herkunft des ursprünglichen Begriffes, Patois, zu klären, da noch immer gewisse Parallelen zum Patwa vorhanden sind.

3.2 Etymologie des Terminus Patwa

Der Name Patwa geht auf den französischen Terminus Patois zurück. Die Schreibweise ist oft identisch, in dieser Arbeit wurde bewusst eine abweichende Orthographie gewählt, sowohl um Verwechselungen zwischen beiden Sprachen auszuschließen, als auch aus den in Kapitel 7.4 aufgeführten Gründen. Zunächst eine Definition des Terminus Patois (Glück, 2005, S. 479):

„Patois ist:

1. Als Terminus synonym mit ↑Sondersprache
2. In Frankreich alltagssprachl. Bezeichnung für die

volkstümliche, informelle Redeweise. Normalerweise pejorativ gebraucht, da im Gegensatz zu regionalem Dialekt keine schriftliche Literatur existiert. P[atois] schließt in Frankreich Dialekte und Minderheiten ein; ↑Argot, ↑Jargon. “

Die Parallelen zwischen Patois und Patwa liegen darin, dass beide Begriffe ursprünglich abwertend konnotiert waren. Zudem wurden dessen Sprecher - die Sklaven - ebenso wie die Sprecher des französischen Patois als eine Minderheit angesehen, obwohl sie zahlenmäßig den Europäern auf der Insel weit überlegen waren. Ebenso wie das französische Patois besitzt auch das jamaikanische Patwa den Status einer Sondersprache,[23] da es weder als Dialekt (siehe Kapitel 3.3) noch als eigenständige Sprache (siehe Kapitel 7.4) angesehen wird.

3.3 Dialekte

Patwa wird im Volksmund oft als englischer Dialekt bezeichnet (Stewart, 1962; Taylor, 1963; Alleyne 1967; Wikipedia, 2008). Um den Unterschied zwischen Patwa und einem Dialekt zu verdeutlichen, werden einige Begriffe aus dem Gebiet der Dialektologie kurz erläutert und vom Patwa abgegrenzt.

Die Bezeichnung Dialekt [24] wird meist synonym mit dem Begriff Mundart verwendet und bezeichnet eine „sprachliche ↑Varietät mit begrenzter räumlicher Geltung im Gegensatz zur überdachenden ↑Standardsprache [...]“ (Bußmann, 2002, S. 162). Charakteristisch für Dialekte ist die Ähnlichkeit zur Standardsprache, die regionale Beschränktheit und die fehlende „Schriftlichkeit bzw. Standardisierung im Sinne offiziell normierter orthographischer und grammatischer Regeln.“ (Bußmann, 2002, S. 162).

„Die Besonderheit erstreckt sich auf alle Sprachebenen: (Lautebene, Phonologie, Morphologie, Lexik, Syntax, Idiomatik), hat aber v. a. in Lautung und Wortschatz eine deutliche Ausprägung, die von anderen Sprachteilhabern der Standardsprache als abweichend bzw. von den Sprechern eines D[ialektes] selbst so wahrgenommen wird.“ (Glück, 2005, S. 139).

Ein Dialekt ist demnach eine von der Standardsprache abweichende, offiziell nicht genormte Varietät, wobei Abweichungen sich nicht auf einzelne sprachliche Ebenen, wie z. B. die Phonologie (beim Dialekt also der Akzent), beschränken lassen. Wird von einem Sprecher sowohl der Standard als auch ein Dialekt beherrscht, spricht man oft von Diglossie.[25].

Auch wenn im Patwa verschiedene Varietäten, die mit Dialekten vergleichbar wären, vorhanden sind, wird bei Kreolsprachen nicht von Dialekten gesprochen. Dies liegt darin begründet, dass Kreolsprachen i. d. R. nicht offiziell anerkannt und genormt sind, womit keine Standardsprache vorhanden ist von der die Dialektformen abweichen könnten. In kreolsprachigen Ländern wird häufig die Basissprache des Kreols (also meist Englisch, Französisch oder Spanisch) als die jeweilige Nationalsprache angegeben. Dies führt vermutlich zu dem Irrglauben, dass Kreole Dialekte seien. Unterschiedliche Dialekte, die von Sprechern aus Nachbargegenden noch verstanden werden, fasst man in einem Dialektkontinuum zusammen. Von Dialekten geographisch weiter entfernter Gebiete grenzen sie sich zum Teil soweit ab, dass sie kaum oder gar nicht mehr von deren Sprechern verstanden werden (vgl. z. B. Münchner und Berliner Dialekt). Dies tritt vor allem in ländlichen Regionen auf, in denen (bedingt durch die über einen langen Zeitraum anhaltende geographische Abgeschiedenheit und minimale Kontakte zu Nachbardörfern) viele Gemeinden oder Städte eigene Dialekte entwickelt haben. Diese Dialekte bestehen trotz verbesserter Mobilität und Medien wie Fernsehen und Radio zum Teil heute noch fast unverändert. Je größer die Distanz zwischen diesen Städten ist, desto größer sind meist die Unterschiede zwischen den Dialekten. Eine genaue Grenze zwischen einzelnen Dialektkontinuen zu ziehen ist jedoch nur begrenzt möglich, da es viele fließende Übergänge gibt.

Eine weitere Schwierigkeit der genauen Zuordnung zu einem bestimmten Dialekt ist der Ideolekt, also das individuelle Sprechverhalten einer einzelnen Person. Ein Sprecher eines bestimmten Dialektes kann durchaus in seinem persönlichen Sprachkontinuum über einzelne Vokabeln, Redewendungen oder phonologische Muster verfügen, die anderen Dialekten zuzuordnen sind. Dieses Phänomen tritt häufig dann auf, wenn ein Sprecher in einem Dialektgebiet aufgewachsen ist, dessen vereinzelte sprachliche Eigenschaften, häufig auf phonologischer Ebene, sich trotz einer Anpassung an den Dialekt im derzeitigen Wohnumfeld nicht unterdrücken lassen.

Ein Regiolekt ist ein Überbegriff für eine stark von den in ihrer Region gesprochenen Dialekten geprägten Sprache, die über einen charakteristischen Akzent verfügt. In Metzlers Lexikon wird unter dem Stichpunkt Regiolekt auf den Regionalatlas verwiesen, der einen Überblick über verschiedene Dialekte einer Region darstellt und beispielsweise für Hessen, Bayern oder Schwaben erhältlich ist (Glück, 2005). Ein Regiolekt ist somit als ein Sammelbegriff zu verstehen, der sämtliche in einer Region vorhandenen Dialekte unter dem Oberbegriff der jeweiligen Region (z. B. bayerisch) zusammenfasst. Trotz der, im Vergleich zu Deutschland, geringeren geographischen Größe Jamaikas gibt es auch dort den Regiolekten ähnliche, lokal geprägte Varietäten des Patwa (Jumieka.com, 2008b). Diese sind vor allem in abgelegenen Regionen, in welchen wenig Kontakt zu anderen Gebieten existiert, zu beobachten. Im Unterschied zu einem Dialektkontinuum[26] besteht ein Regiolekt aus verschiedenen Merkmalen von Dialekten, die in der jeweiligen Region vorkommen.

Neben Sprachvariationen bzw. Dialekten auf geographischer Ebene gibt es weitere Ursachen für sprachliche Abweichungen von einer Standardsprache, beispielsweise den Soziolekt. Dieser Terminus bezeichnet den Sprachgebrauch einer bestimmten sozialen Gruppe, z. B. Jugend- oder Berufssprachen (Meyers Online Lexikon, 2008). Ein Soziolekt weist oft überregional identische Merkmale auf (beispielsweise das Vokabular), auch wenn die Sprecher der einzelnen sozialen Gruppen nie miteinander in Kontakt getreten sind. Ein Soziolekt entsteht durch soziale Schließung von In-Groups, welche oft regional bedingt auftritt, aber nicht diesem Kriterium unterliegt. Beispiele für Soziolekte sind das deutschlandweit auftretende sogenannte „Türkendeutsch“[27] bzw. „Kanakisch“[28] oder Jugendsprachen, die in bestimmten Milieus wie unter Skatern oder HipHoppern anzusiedeln sind. Auch unter Patwasprechern finden sich soziolektal begründete Abweichungen, beispielsweise im Bereich der Musik, auf den in Kapitel 7 näher eingegangen wird.

Beim jamaikanischen Patwa sind alle oben genannten Phänomene präsent. Deshalb wird es häufig in einem Kontinuum[29] zusammengefasst, welches keine genaueren Aufschlüsse über die Ursachen für einzelne Variationen[30] gibt, bzw. nur einige dieser Aspekte berücksichtigt. Aufgrund der kaum überschaubaren Anzahl an Varietäten des jamaikanischen Sprachkontinuums existieren bislang für Jamaika keinen Sprachatlas oder eine linguistische Landkarte, wie sie beispielsweise für Deutschland mit unterschiedlichen Schwerpunkten[31] entwickelt wurden.

3.4 Black English

Trotz der Tatsache, dass Patwa kein sogenanntes Black English ist, wird aufgrund gewisser Ähnlichkeiten und einem vielerorts gängigen Irrglauben, dass beide Sprachen identisch seien, eine kurze Gegenüberstellung als notwendig erachtet. Im Gegensatz zum Patwa, welches auf dem britischen Englisch, das Seefahrer und Sklavenhändlern vor rund 400 Jahren nach Jamaika brachten, basiert, entwickelte sich das Black Englisch aus dem heutigen American English[32] heraus. Die Bezeichnung Black English rührt daher, dass es ursprünglich in In-Groups von Afroamerikanern gesprochen wurde, weshalb es auch synonym African American English genannt wird. Weitere gängige Begriffe sind Black English Vernacular und Ebonics (Glück, 2005). Die ursprünglich afrikanische Herkunft der Black Englisch- und Patwa- Sprecher ist eine der vielen Gemeinsamkeiten beider Sprachen, die sich auf diese auswirkt. Viele der in beiden Sprachen vorhandenen Merkmale werden durch die starke soziale Schließung der afrikanisch-stämmigen Einwohnern verursacht, weshalb sie vermehrt in Ländern auftreten, in denen ihre Vorfahren versklavt wurden, wie beispielsweise in den USA und Jamaika. Hauptsächlich handelt es sich dabei um phonologische und grammatische Merkmale, die noch aus denjenigen afrikanischen Sprachen stammen, die mit den Sklaven in die Neue Welt kamen und sich dort unabhängig voneinander weiter entwickelten.

Laut dem Metzler Lexikon Sprache wird das Black English durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet (Glück, 2005), welche größtenteils auch im Patwa auftreten:

Tabelle 1: Vergleich Black English – Patwa

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Während Labov (1972) das Black English für eine kreolisierte Form des Standardenglischen hält[33], argumentieren Kurath & McDavid (1961), dass die Merkmale einer Kreolsprache auch in anderen Nichtstandard- Varietäten vorhanden sind und Black English deshalb nur ein Dialekt des American English sei. Dieser Diskurs soll jedoch nicht das Thema dieser Arbeit sein, sondern nur auf eine Problematik hinweisen, die in Kapitel 7.4 in Bezug auf das Patwa ausführlicher diskutiert wird.

3.5 Lingua Francas und künstliche Sprachen

Zur besseren Einordnung des Patwa in das Gebiet der Kreolsprachen wird in diesem Unterpunkt zunächst ein kurzer Überblick über die Lingua Franca gegeben. Neben einer Definition soll eine kurze Charakterisierung erfolgen, welche die Unterschiede und Gemeinsamkeiten einer Lingua Franca vom Patwa ausmachen.

Eine Lingua Franca ist eine Sprache, die dann verwendet wird, wenn in einer Kommunikation aufgrund von verschiedenen Muttersprachen eine gemeinsame Sprachbasis erforderlich ist (vgl. Glück, 2005). Der Vergleich zu einem Pidgin liegt somit nahe. Whinnom (1965) sieht in der Lingua Franca die „potentielle Ursprache für alle europäisch-orientierten Pidgin- und Kreolsprachen.“ (Hellinger, 1985, S. 47; Whinnom, 1977) Eine Lingua Franca ist jedoch nicht zwangsläufig selbst ein Pidgin, es kann sich auch um eine vollkommen ausgereifte Sprache handeln (Hellinger, 1985). In der heutigen Geschäftswelt übernimmt die englische Sprache meist die Funktion einer Lingua Franca, was verdeutlicht, dass eine Lingua Franca durchaus auch eine Muttersprache sein kann, wodurch sie sich wiederum von einem Pidgin unterscheidet.

Da es sich bei Patwa um ein auf „natürliche“ Weise aus einem Pidgin entstandenes Kreol handelt, soll hier nur ganz kurz auf den Unterschied zu einer künstlichen Sprache eingegangen werden. Bei einer künstlichen Sprache handelt es sich meist um den Versuch, der Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprachbasis durch eine künstlich entwickelte Sprache gerecht zu werden. Diese sogenannten desk languages („Schreibtischsprachen“) erhalten ihre Bezeichnung daher, da sie künstlich entwickelt werden, anstatt aus einer natürlichen Notwendigkeit heraus zu entstehen. Hierfür werden sowohl Grammatik als auch Wortschatz entweder vollständig neu entworfen oder geringfügig aus bereits existierenden Sprachen übernommen und angepasst. Das in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als Weltsprache geplante Esperanto ist ein solches Beispiel. Die Tatsache, dass sich dieses nicht durchsetzen konnte, zeigt deutlich, dass Sprachen nur dann vollständig akzeptiert werden, wenn die Sprecher eine dringende Notwendigkeit für deren Gebrauch erkennen.

[...]


[1] Mehr zur Problematik des Namens in Kapitel 7.4.

[2] Da es sich meist um informelle Gespräche oder persönliche Emails handelte, welche nur selten aufgezeichnet wurden, wird sich im Folgenden nur auf zwei ausdrücklich zu dieser Arbeit geführte Interviews berufen.

[3] Durch jahrelange Mitarbeit in einer Radiosendung mit Schwerpunkt auf jamaikanischer Musik konnten in unzähligen Interviews, Pressekonferenzen sowie in privaten Gesprächen Einblicke in die sprachliche und soziale Situation in Jamaika gewonnen werden. Diese werden im Folgenden nicht immer explizit Erwähnung finden, sondern zum Teil als Hintergrundwissen eingebracht.

[4] Variationsstufen des Patwa, siehe Kapitel 6.

[5] „Deskriptive Bezeichnung für die historisch legitimierte, überregionale, mündliche und schriftliche Sprachform der sozialen Mittel- bzw. Oberschicht [...] Entsprechend ihrer Funktion als öffentliches Verständigungsmittel unterliegt sie (besonders in den Bereichen Grammatik, Aussprache und Rechtschreibung) weitgehender Normierung“ (Bußmann, 2002, S. 648). In dieser Arbeit wird die Bezeichnung Standardsprache für genormte und offiziell anerkannte Sprachen verwendet, für die es einheitliche Wörterbücher und Grammatikgrundlagen gibt, beispielsweise das britische Standardenglisch.

[6] Vgl. pickney aus dem Portugiesischen im heutigen Patwa, siehe auch Kapitel 2.2.

[7] Vgl. Kapitel 3.5.

[8] „Varietät, die die Struktur einer weniger dominanten Spr[ache] innerhalb einer ↑Sprachgemeinschaft beeinflußt hat. Ein sprachl. S[uperstrat] ist das Resultat von polit., ökonom. und kultureller Überlegenheit. S[uperstrat]-Einfluß macht sich z. B. in einem erhöhten Gebrauch von ↑Lehnwörtern bemerkbar.“ (Glück, 2005, S. 663).

[9] „Sprachl. Varietät, die die Struktur einer dominanteren Sprachvarietät in einer ↑Sprachgemeinschaft beinflußt hat. [...]. Der Einflu[ss] des sprachl. S[ubstrates] ist vielfach auslösend für grammat. und lautl. Veränderungen in der dominanten Spr[ache], wenn die Sprecher der sozial, polit. oder ökonom. unterlegenen Spr. die Spr. der siegreichen Kultur annehmen.“ (Glück, 2005, S. 659).

[10] „[...]Adstrad, Substrat, Superstrat implizieren, daß eine Spr[ache] verschwindet und nur ihre Spuren in der anderen Kontaktspr[ache] hinterläßt.“ (Glück, 2005, S. 12).

[11] Simplifiziertes Register mit individuellen Ausprägungen (Hellinger, 1985).

[12] Auch Ammensprache genannt. „Reduzierte Sprachform, die einige Erwachsene in der Kommunikation mit Kleinkindern verwenden in der Absicht, sich deren sprachl. und kognitivem Niveau anzupassen. [...] Typ[isch] sind [...] morpholog. und syntakt. Reduktionen, phonet. Vereinfachungen [...]“ (Glück, 2005, S. 37). Durch diese reduzierte Sprechweise, mit der viele Kolonialisten den Eingeborenen oder Sklaven gegenüber traten, hatten diese keine Möglichkeit, den vollen Umfang der Besatzersprache zu lernen.

[13] Z. B. „Ich Hunger. Wo essen?“ um nach einem Restaurant zu fragen.

[14] Auch als monogenetische Theorie bekannt.

[15] Basiert auf einem englischen oder an der Sierra Leone gesprochenen portugiesischen Pidgin, welches aus dem ursprünglich portugiesischen Wort pequenino zunächst das englische pickaninny formte, was soviel wie schwarzes Kind bedeutet (Cassidy, 1971; Adams, 1991).

[16] Der Erwerb eines erweiterten Pidgins, das alle kommunikativen Bedürfnisse erfüllt, als Muttersprache (=Kreol).

[17] Beschränkter Sprachstil, der den „Eindruck mangelnder Intelligenz“ (Glück, 2005, S. 324) hinterlässt.

[18] Erweiterter Sprachstil, welcher in sozial höher gestellten und gebildeteren Schichten Verwendung findet.

[19] Vgl. mit Halls (1962, 1966) Life-Cycle-Theory, s.u.

[20] Vgl. u. a. Keim (2004, 2007) und Keim & Tracy (2007) zum Gebrauch ethnolektaler Formen in türkischstämmigen Jugendgruppen in Deutschland.

[21] Als In-group werden sozial geschlossene Gruppen bezeichnet, die im Gegensatz zu den sogenannten Out-groups stehen.

[22] Es fehlen exakte Kriterien um zu bestimmen, wann es sich um regionale oder soziale Varietäten oder um ein eigenständiges Sprachsystem handelt.

[23] „Im (Gegensatz) zur Alltagssprache, [...] differenzierter Ausschnitt des Sprachpotentials, das nicht alle Sprecher teilen [...] Als Kontraspr. werden S. bezeichnet, die es ermöglichen, sich aus einer größeren sozialen Gruppe abzugrenzen [...], bei denen der Kode sich so verändert, daß er für die größere Gruppe unverständl. wird und so verhüllende Funktion erhält.“ (Glück, 2005, S. 602).

[24] Griechisch: dialektos, „Redeweise“, „sich unterreden“. (Bußmann, 2002, S. 162).

[25] Griechisch: diglóssa. „Form von Zweisprachigkeit (↑Bilingualismus), die sich in der herkömml. Konezeption von C. Ferguson nicht auf zwei eigenständige Spr. bezieht, sondern auf ↑Varietäten derselben Spr. [...]“ (Glück, 2005, S. 145).

[26] Vgl. Kapitel 3.3.

[27] Vgl. u. a. die Untersuchungen von Inken Keim (2007) zu den „Powergirls“.

[28] Vgl. Wiese (2006) zur europaweiten Verbreitung dieses Phänomens.

[29] Vgl. Kapitel 6.1.1.1.

[30] Z. B. regionale oder durch soziale Schließung bedingte Abweichungen.

[31] U. a. vom Institut für Deutsche Sprache (Institut für Deutsche Sprache, 2008) oder den digitalen Wenker-Atlas (Digitaler Wenker Atlas, 2008).

[32] Der Begriff impliziert an dieser Stelle nicht, dass es nur ein einziges American English gibt, auf dem alle Varianten beruhen, sondern dient vielmehr zur Abgrenzung gegen das (britische) Englisch, das zur Zeit der Eroberung von Jamaika gesprochen wurde.

[33] Womit es den gleichen „Status“ wie das Patwa hätte.

Ende der Leseprobe aus 181 Seiten

Details

Titel
Patwa als sprachliches Mittel zum Ausdruck jamaikanischer Identität
Untertitel
Eine makro-soziolinguistische Studie über ethnisch-kulturelle Identität in Jamaika
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
181
Katalognummer
V287144
ISBN (eBook)
9783656875420
ISBN (Buch)
9783656875437
Dateigröße
2971 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die Arbeit ist nach Überzeugung des Gutachters eher auf dem wissenschaftlichen Niveau einer Dissertation anzusiedeln und für eine Magisterarbeit daher nur mit der Höchstnote zu bewerten." (Auszug Erstgutachten) "Die Autorin hat eine groß angelegte und äußerst detailreiche Studie vorgelegt, die alle Aspekte, die in makro-soziolinguistischen Forschungsansätzen angeführt werde, berücksichtigt. Die Studie würde sich sehr gut als fundierte Ausgangsbasis für eine eigene Untersuchung des Patwa und seines gegenwärtigen Gebrauchs in sozialen Milieus Jamaikas eignen." (Auszug Zweitgutachten)
Schlagworte
patwa, mittel, ausdruck, identität, eine, studie, jamaika
Arbeit zitieren
Stefanie Krause (Autor), 2008, Patwa als sprachliches Mittel zum Ausdruck jamaikanischer Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287144

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Titel: Patwa als sprachliches Mittel zum Ausdruck jamaikanischer Identität


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