Der "Pfaffe Amis" des Strickers handelt davon, wie ein Pfaffe immer wieder 'list' anwendet, um sein 'guot', sein Vermögen also, zu vergrößern. Die Menschen, die er durch sein Handeln betrügt, lassen sich sämtlichen sozialen Ständen zuordnen.
Die vorliegende Seminararbeit wird die 'list', wie sie in des Strickers "Pfaffe Amis" präsentiert wird, strukturiert aufzeigen und der Frage nachgehen, ob sich das 'list'-Verhalten des Pfaffen auf der Grundlage einer als schlecht angesehenen Gegenwart, wie sie im Prolog des "Amis" dargelegt wird, durch eben diesen gesellschaftskritischen Blickwinkel rechtfertigen lässt.
Inhaltsverzeichnis
I Der Pfaffe Amis – der erste man […] der liegen triegen aneviench
I.1. Prolog: Lob der Vergangenheit, Klage über die Gegenwart
I.2. Zur Semantik von milte und list
I.3. Maßlose milte und das Streben nach guot – der Antrieb für die list des Pfaffen Amis
II. Amis` list als ‚Spiel‘ mit der menschlichen Angst und Wundergläubigkeit
II.1. list als ‚Spiel‘ mit der Angst: Die Kirchweihpredigt, die unsichtbaren Bilder, die Heilung der Kranken
II.2. list als ‚Spiel‘ mit der Wundergläubigkeit: Der auferstandene Hahn, Amis als Wahrsager, die Fische im Brunnen, das brennende Tuch, Wunderheilung des Blinden und Lahmen
III. Höhepunkt der list-Kompetenz des Pfaffen Amis: Der Maurer als Bischof, der Edelsteinhändler
III.1. verbale list > gewalttätige list
III.2. Daz schuf der pfaffe Ameis - Amis` Schaffen neuer Identitäten für den Maurer und den Edelsteinhändler
IV. Fazit: Rechtfertigung von list durch die Schlechtigkeit der ‚Betrogenen‘ in einer ‚beklagenswerten‘ Gegenwart?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Handeln des Pfaffen Amis in der gleichnamigen Dichtung des Strickers und analysiert, inwiefern seine stetige Anwendung von list als eine Reaktion auf die als „beklagenswert“ empfundene Gegenwart zu verstehen ist, um seine Freigebigkeit (milte) und Vermögenssicherung (guot) zu rechtfertigen.
- Die literarische Konstruktion des Protagonisten Amis als „erster Betrüger“.
- Die semantische Verschiebung und Bedeutung von list und milte im Mittelalter.
- Die Inszenierung von list als „Spiel“ mit menschlichen Ängsten und Wundergläubigkeit.
- Die Eskalation von verbaler zu gewalttätiger list in den Kaufmannsepisoden.
- Die soziale Kritik und das Spiegelbild der „schlechten“ Gesellschaft innerhalb der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
I.1. Prolog: Lob der Vergangenheit, Klage über die Gegenwart
Zu Beginn des Werkes verdeutlicht der Stricker einen starken Kontrast: die unterschiedliche Einschätzung der damaligen Gegenwart im Gegensatz zu vergangenen Zeiten.
Einleitend wird festgestellt, dass sich scheinbar kein Zeitgenosse mehr für wortreiche ‚Redekünstler‘ interessiert, von denen man seitenspil singen unde sagen vernehmen kann. Die Frage tritt auf, wie man sich bei Hof zu verhalten habe und der Erzähler gibt zu: Des kann ich nicht gevarn. Das einzige, womit man die Menschen noch begeistern könne, seien Geschichten gegen Sorgen und Armut - womöglich zentrale Themen zu der Entstehungszeit des Werkes.
Zusammenfassung der Kapitel
I Der Pfaffe Amis – der erste man […] der liegen triegen aneviench: Einführung in die Figur des Pfaffen Amis und methodische Klärung der zentralen Begriffe „list“, „milte“ und „guot“ im historischen Kontext.
II. Amis` list als ‚Spiel‘ mit der menschlichen Angst und Wundergläubigkeit: Analyse der Betrugsstrategien des Pfaffen, bei denen er Ängste vor Schande und religiöse Wundergläubigkeit gezielt ausnutzt, um Einnahmen zu generieren.
III. Höhepunkt der list-Kompetenz des Pfaffen Amis: Der Maurer als Bischof, der Edelsteinhändler: Untersuchung der letzten Episoden, in denen der Betrug eine neue Qualität erreicht, indem Amis Identitäten manipuliert und verbale Täuschung in physische Gewalt umschlägt.
IV. Fazit: Rechtfertigung von list durch die Schlechtigkeit der ‚Betrogenen‘ in einer ‚beklagenswerten‘ Gegenwart?: Zusammenführende Interpretation, ob die Taten des Pfaffen als legitime Reaktion auf eine moralisch verfallene Gesellschaft und deren eigene Schlechtigkeit gedeutet werden können.
Schlüsselwörter
Der Stricker, Pfaffe Amis, List, Mittelhochdeutsch, Milte, Guot, Sozialkritik, Mittelalterliche Literatur, Betrug, Identität, Wundergläubigkeit, Höfische Gesellschaft, Schwankroman, Zeitklage, Menschliche Ängste.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Werk „Der Pfaffe Amis“ des Strickers und untersucht die list-Anwendung des Protagonisten als Reaktion auf soziale Missstände.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Moral und Betrug, die Bedeutung höfischer Werte wie „milte“ sowie die Darstellung von Machtstrukturen im 13. Jahrhundert.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Amis' Betrug nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eine Antwort auf eine als negativ empfundene Gegenwart und die Schwächen seiner Mitmenschen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Textanalyse sowie eine sozialgeschichtliche Einordnung der Literatur des 13. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die list-Anwendung in verschiedene Typen: das Spiel mit Ängsten, die Ausnutzung von Wundergläubigkeit und schließlich die manipulative Gestaltung neuer Identitäten in den Kaufmannsepisoden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind List, Milte, Guot, Betrug, Identitätsverlust und Gesellschaftskritik.
Inwiefern spielt der „Knecht“ in der Episode um die unsichtbaren Bilder eine Rolle?
Der Knecht dient als entlarvendes Element, da er als Einziger keine soziale Stellung zu verlieren hat und somit die Wahrheit über den Betrug aussprechen kann, was die Instabilität der höfischen Gesellschaft widerspiegelt.
Wie verändert sich die Art der list im Verlauf des Buches?
Die list entwickelt sich von einer „indirekten“ Form, in der die Opfer sich durch ihre eigenen Ängste selbst belügen, hin zu einer direkten und gewaltsamen Form, in der Amis aktiv in die Identitäten und das Leben seiner Opfer eingreift.
- Quote paper
- Vanessa Middendorf (Author), 2014, Der "Pfaffe Amis" des Strickers und die "list". List-Anwendung als Reaktion auf eine beklagenswerte Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287164