Robert Strange McNamara. Gefangener seines Denkens


Bachelorarbeit, 2014
48 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Robert Strange McNamara
a. Von Kalifornien via Harvard zur Air Force
b. Die Ford-Jahre
c. Verteidigungsminister
d. Weltbank und nukleare Abrüstung

III. Der Vietnamkrieg

IV. Warum Vietnam?
a. Die Domino-Theorie
b. Das Gesicht verlieren
V. 1964: Das verlorene Jahr
a. Der Putsch ins Desaster
b. McNamaras Rolle
c. Kursänderung
d. Wahlkampf und Public Relations
e. Auf des Tigers Rücken
f. Die Qual keiner Wahl

VI. Die Tonking-Resolution
a. 2. August 1964
b. 4. August 1964
c. Der unprovozierte Angriff Nordvietnams
d. Omas Nachthemd

VII. Die falsche Art von Loyalität

VIII. Damals und heute
a. War es das wert?
b. «We were wrong, terribly wrong»
c. «He continues to get it wrong»

IX. Schlussfolgerung
X. Literaturverzeichnis
a. Primärliteratur
b. Sekundärliteratur
c. Film
d. Online

I. Einleitung

«It is not a particularly happy chapter in his life; he did not serve himself nor the country well; he was, there is no kinder or gentler word for it, a fool»[1], schreibt David Halberstam in The Best and the Brightest zu Robert McNamaras Verhalten während dem Vietnamkrieg. Ein Narr sei er gewesen, der damalige Verteidigungs-minister McNamara, der brilliante Analytiker, Weltkriegsveteran und Ford-Retter, der von den Kennedys als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde[2]. Warum liess sich McNamara überhaupt auf das Abenteuer Vietnam ein? Warum führte er die USA in einen Krieg, den er Jahre später als «wrong, terribly wrong»[3] bezeichnete? Warum entsandte er mehr als eine halbe Million Amerikaner in einen Konflikt, obwohl er wusste, dass auch dies nicht reichen würde, um einen militärischen Sieg davonzutragen? Diesen Fragen ist diese Arbeit gewidmet.

Im Zentrum steht dabei das Jahr 1964, «the lost year of war»[4], wie es von Historikern auch beschrieben wird. Das Jahr, in dem die USA die Chance gehabt hätten, sich aus Vietnam zurückzuziehen, stattdessen aber die Weichen für den Krieg gestellt haben (Kapitel V dieser Arbeit). Ich werde – nach einer kurzen Einführung zu Robert McNamara (Kapitel II) und zum Vietnamkrieg (Kapitel III und IV) – aufzeigen, wie die Stimmung bei Robert McNamara und in der US-Regierung langsam kippte; weg von der rein materiellen und politischen Unterstützung für Südvietnam, hin zu einem offenen Krieg gegen Nordvietnam – und welche Faktoren diese Kursänderung bewirkt haben (Kapitel Vc). Auch werde ich aufzeigen, dass McNamara und Präsident Lyndon B. Johnson die Öffentlichkeit bewusst in die Irre geführt haben (Kapitel Vd), vor allem bezüglich der Ereignisse im Golf von Tonking im August 1964 (Kapitel VI), welche als Rechtfertigung für den Kriegseintritt missbraucht wurden. Der rote Faden dieser Arbeit soll aber sein, Robert McNamaras inneren Zwiespalt aufzuzeigen, seine Überlegungen, seine Beweggründe und schliesslich auch seine Hilflosigkeit, als er die Kontrolle über die Geschehnisse verlor. McNamara, der in der US-Regierung in Sachen Vietnam klar die Federführung hatte (Kapitel Va), war bis zuletzt gefangen in einem inneren Konflikt zwischen Loyalität und Rationalität (Kapitel VII und VIII). Dies soll in dieser Arbeit zum Ausdruck kommen.

Die Person Robert McNamara ist – obwohl eine der bedeutendsten Figuren der US-Geschichte des 20. Jahrhunderts – bis heute wenig erforscht. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil viele Dokumente, vor allem aus Geheimdienstkreisen, lange Zeit unter Verschluss gehalten wurden. Erst seit dem Jahrtausendwechsel sind die meisten Archive zum Vietnamkrieg einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Aber der Wille, sich mit unliebsamen Kapiteln der eigenen Geschichte auseinanderzu-setzen, dürfte gerade bei US-Historikern nicht allzu gross sein. Die Suche nach Artikeln oder Büchern von und über Robert McNamara ist denn auch schnell erschöpft. Auch der Tonkin-Zwischenfall wird häufig nur im grösseren Kontext des Vietnamkrieges oder im Zusammenhang mit Publikationen über die amerikanisch-en Geheimdienste oder Präsident Lyndon B. Johnson erwähnt.

Als Quellen dienen dabei in erster Linie ehemals geheime Dokumente über den Vietnamkrieg, die mittlerweile grösstenteils freigegeben sind; einerseits die sogenannten Pentagon Papers, eine 7000-Seiten starke Studie zu den Beziehungen zwischen den USA und Vietnam, welche Robert McNamara gegen Ende seiner Amtszeit als Verteidigungsminister erstellen liess, und andererseits geheime Abhör-Protokolle der NSA, sogenannte Signals Intelligence (SIGINT), welche NSA-Historiker Robert Hanyok unter dem Titel Spartans in Darkness veröffentlichte. Die beiden Sammlungen zeigen, dass der Krieg gegen Vietnam von langer Hand geplant war und in welchem Umfang die amerikanische Öffentlichkeit von den Entscheidungsträgern bewusst in die Irre geführt worden war – aber auch, dass die Regierung selber Opfer von Falschmeldungen ihrer Militärs oder Geheim-dienste wurde.

Weiter habe ich mich mit Literatur von und über Robert McNamara auseinander-gesetzt. Vor allem mit seinen Memoiren zum Vietnamkrieg, In Retrospect, sowie der Biographie McNamaras, Promise and Power, geschrieben von der ameri-kanischen Journalistin Deborah Shapley.

Und nicht zuletzt habe ich auch Bücher von oder über einige seiner Weggefährten beigezogen: Präsident Lyndon B. Johnson, Senator Robert Kennedy und Aussen-minister Dean Rusk. Ergänzt werden diese Quellen durch Sekundärliteratur und einschlägige Artikel zum Thema.

II. Robert Strange McNamara

a. Von Kalifornien via Harvard zur Air Force

Robert Strange[5] McNamara wurde am 9. Juni 1916 in San Francisco im US-Bundesstaat Kalifornien als Sohn eines irischstämmigen Geschäftsmannes und einer Amerikanerin geboren. Er studierte zuerst Wirtschaft, Mathematik und Philosophie an der öffentlichen Universität Berkeley, bevor er 1939 an der Universität Harvard als Master of Business Administration promovierte.

Nach dem Studium an der Harvard Business School arbeitete er ein Jahr lang beim Wirtschaftsprüfungsunternehmen Price Waterhouse, bevor er zurück nach Harvard ging, um als jüngster und bestbezahlter Assistent überhaupt Buchhaltung zu unterrichten. 1940 heiratete er seine Jugendliebe Margaret Craig, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hatte.

Durch seine Unterrichtstätigkeit in Harvard zu Beginn der 1940er-Jahre, also während des Zweiten Weltkriegs, knüpfte er erste Kontakte zur amerikanischen Luftwaffe, der Air Force, welcher er sich 1943 anschloss. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er mehrheitlich als Statistiker. Er berechnete die Effizienz der amerikanischen Luftschläge, vor allem derjenigen der B-52 Bomber in Indien, China und auf den Marianeninseln.

b. Die Ford-Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, heuerte McNamara mit einer Gruppe Vietnam-Veteranen, welche sich als Whiz Kids[6] einen Namen machte, bei der Ford Motor Company an – als Direktor für Planung und Finanzanalyse. Der Gruppe um McNamara gelang es, das marode Unternehmen dank strikter Planung, Organisa-tion und Kontrolle wieder auf Vordermann und in die schwarzen Zahlen zu bringen. McNamara entpuppte sich schnell als Leitwolf der Whiz Kids. Er arbeitete sich Stück für Stück nach oben, bis er 1960 der erste Ford-Präsident wurde, der nicht aus dem Hause Ford kam.

Die Ford-Jahre, in welchen ihn sein ausgeprägt analytisches Denken und sein Führungsstil bis an die Konzernspitze brachten, sollten McNamara nachhaltig prägen, schreibt David Halberstam. Mit Leuten, die seinen Analysen und Statistiken nicht folgen konnten oder wollten, wollte er fortan nichts mehr zu tun haben: «He had little respect for much of the human material he found around him, the people who claimed, when he reeled off his overwhelming statistics, that they had always done it the other way in the auto business. Such people, when they challenged him, were often proved wrong. Slowly he surrounded himself with men who met his criteria, men who responded to the same challenges and beliefs, and he would respect their judgments.»[7]

Der Erfolg mit Ford gab McNamara schliesslich recht, weshalb seine Kritiker ver-stummten. Prägend war diese Erfahrung deshalb, weil er auch Jahre später, als sich im Vorfeld des Vietnamkrieges erste Kritiker zu Wort meldeten, mit ihnen nichts zu tun haben wollte. Sie sprachen nicht seine Sprache, weil sie ihre Argumente nicht mit Zahlen oder Analysen belegen konnten: «They did not think in terms of statistics, or rationalizing systems, and they did not support their judgments with facts as he knew them, but rather by saying that it did not smell right, or that it just did not feel right; he would trust his facts and statistics and instinct against theirs just as he had before at Ford when confronted by the businessmen who had doubted his facts and charts.»[8]

c. Verteidigungsminister

Nur wenige Monate nach McNamaras Wahl zum Ford-Präsidenten ernannte der neu gewählte US-Präsident John F. Kennedy ihn zum Verteidigungsminister[9]. Auch als Secretary of Defense führte McNamara eine grossangelegte Reorganisation durch. Er führte zum Beispiel eine umfassende und systematische Planung und Budgetierung der Ressourcen ein, welche für die Sicherheit der USA nötig waren. McNamara packte die Dinge an, schreibt Halberstam, Bob, so sein Rufname, sei ein Macher gewesen: «He was a man of force, moving, pushing, gettings things done, Bob got things done, the can-do man in the can-do society, in the can-do era.»[10]

In Erinnerung blieb er als Verteidigungsminister aber vor allem wegen zweier prägender Ereignisse des 20. Jahrhunderts, welche in seine Amtszeit fielen: Die Kubakrise und der Vietnamkrieg. Während der Kubakrise im Oktober 1962 war McNamara Mitglied von ExComm, einem geheimen Gremium, welches von Präsident Kennedy einberufen wurde, um das Vorgehen gegen die sowjetischen Raketenstellungen auf Kuba zu diskutieren. Der kühle und besonnene McNamara machte sich für eine Seeblockade Kubas stark und wehrte sich mit Nachdruck und Erfolg gegen ein militärisches Eingreifen. Er war damit mitverantwortlich für die friedliche Beilegung der Krise – und stärkte gleichzeitig sein Ansehen als Verteidigungsminister.

Anders als während der Kubakrise forcierte McNamara im Vietnamkrieg die militärische Option, als sich abzeichnete, dass das kommunistische Nordvietnam mehr und mehr die Kontrolle über den Süden erlangte. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr zweifelte er aber daran, dass Nordvietnam militärisch zu besiegen sei. Als er dies auch öffentlich sagte, kam es zu Spannungen zwischen McNamara und Präsident Johnson, welche schliesslich zu seinem unfreiwilligen Abgang als Verteidigungsminister führten.[11]

d. Weltbank und nukleare Abrüstung

Von 1968 bis zu seiner Pensionierung 1981 war McNamara Chef der Weltbank. Er engagierte sich vor allem in der Bekämpfung der Armut. So verstärkte er die Kreditvergabe an Staaten der dritten Welt, um deren Landwirtschaft mit einer industriellen Infrastruktur auszustatten und so das wirtschaftliche Wachstum zu fördern. Die Vergabe grosser Kredite an arme Länder hatte aber auch zur Folge, dass die betroffenen Staaten plötzlich riesige Schulden hatten. Deshalb entwickelte er 1979 die sogenannten Strukturanpassungsprogramme: wirtschaftliche Mass-nahmen in Ländern der Dritten Welt, welche noch heute Bedingung für Kredite oder einen Schuldenerlass sind. Dazu gehören zum Beispiel Haushaltsdisziplin, kompetitive Wechselkurse oder die Privatisierung von Staatsbetrieben.

Nach seiner Pensionierung beschäftigte sich Robert McNamara wieder verstärkt mit der internationalen Sicherheit. Er schrieb Artikel zum Thema atomare Abrüstung und beriet Politiker und Stiftungen. Er wurde immer mehr zum Kriegs-gegner: Den Irakkrieg unter Präsident George W. Bush kritisierte er 2004 zum Beispiel als moralischen Fehler[12].

In seinen letzten Lebensjahren trat er vehement für eine weltweite atomare Abrüstung ein. Atomwaffen seien die grösste Gefahr für die Menschheit, war er der Überzeugung: «The conventional wisdom is don’t make the same mistake twice, learn from your mistakes. And we all do. (...) There’ll be no learning period with nuclear weapons. You make one mistake and you’re going to destroy nations.»[13]

Robert McNamara starb altersbedingt am 6. Juli 2009 in seinem Haus in Washington D.C. Er wurde 93 Jahre alt.

III. Der Vietnamkrieg

Das Engagement in Vietnam begann für die USA bereits 1950. Auslöser war, dass das kommunistische China und die Sowjetunion die Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam) unter der Führung Ho Chi Minhs anerkannten, obwohl Vietnam damals noch unter Französischer Herrschaft stand. US-Aussenminister Dean Acheson meinte daraufhin: «Dies beseitigt jede Illusion mit Blick auf Hos Nationalismus und zeigt Hos wahres Gesicht als tödlichen Feind jeglicher Unab-hängigkeit für Indochina.»[14] Die USA begannen fortan, Frankreich im Kampf gegen die kommunistischen Rebellen unter Ho Chi Minh finanziell zu unterstützen, jedoch ohne Erfolg: 1954 kapitulierte Frankreich und Vietnam wurde auf einer internationalen Konferenz in Genf zweigeteilt in einen kommunistischen Norden und einen nicht-kommunistischen Süden.

Die Kommunisten beanspruchten jedoch das ganze Land für sich und begannen deshalb einen Aufstand im Süden. 1960 wurde die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams gegründet, umgangssprachlich auch Vietcong genannt. Die USA bekämpften diesen Aufstand nicht direkt, sie unterstützten aber die südvietnamesische Regierung mit materieller Hilfe und später auch mit Militär-beratern. Vietnam war aber zu Beginn der 1960er Jahre für die damalige US-Regierung unter John F. Kennedy nicht prioritär: «In early 1961, Vietnam had loomed somehow very distant. (...) ‚Vietnam’, said Robert Kennedy, ‚Vietnam ... We have thirty Vietnams a day here.’»[15]

Als sich die Situation in Südvietnam zusehends verschlechterte und die Vietcong-Rebellen im Süden gleichzeitig stärker wurden, erhöhten die USA die Zahl der Militärberater, um Südvietnam zu stabilisieren: Von 800 unter Präsident Eisenhower 1960 auf 15’000 unter Kennedy Anfang November 1963. Schliesslich unterstützten die USA auch einen Putsch gegen Südvietnams Präsident Ngo Dinh Diem, welcher bei der Bevölkerung wegen Korruption und Ineffizienz in Ungnade gefallen war. Der Regimewechsel brachte aber keine Verbesserung der Lage, im Gegenteil: Innert kurzer Zeit wechselten sich verschiedene Militärregierungen an der Spitze Südvietnams ab. Deshalb setzte 1964 in der amerkanischen Führung unter Präsident Lyndon B. Johnson ein Meinungsumschwung ein.

Das Verteidigungsdepartement war zu einem stärkeren militärischen Engagement bereit und traf bereits Vorbereitungen für eine Bombardierung Nordvietnams. Noch fehlte jedoch die parlamentarische Unterstützung, welche einen Krieg gegen Nordvietnam möglich machte. Dies änderte sich im August 1964: Nach zwei angeblichen[16] Zwischenfällen in der Bucht von Tonking verabschiedete der US-Kongress mit grosser Mehrheit die Tonking-Resolution.

Auf der Basis dieser Resolution begann Anfang 1965 die Eskalation des Krieges: Im Februar begann die Operation Flaming Dart: 132 Navy-Jets flogen von Flugzeug-trägern aus schwere Angriffe gegen Ziele in Nordvietnam. Im März startete dann die Operation Rolling Thunder: Bis 1968 flogen die Amerikaner 304'000 Kampf-einsätze mit Jets und 2380 Angriffe mit B-52 Bombern, ab März 1965 wurden auch Bodentruppen eingesetzt: Ende 1965 waren bereits 181'000 US-Soldaten in Südvietnam, 1968 waren es über eine halbe Million Soldaten.

Nordvietnam und die Vietcong liessen sich aber auch von den schwersten Angriffen nicht zurückdrängen. Der kommunistische Norden entsandte weiter Truppen und Material in den Süden und überraschte die USA 1968 mit einem Grossangriff, der Tet-Offensive. Die USA konnten den Angriff im Verlaufe des Jahres zwar erfolgreich zurückschlagen, jedoch wurde dies ein Pyrrhussieg: «Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Glauben an den Sieg verloren, Johnson seine Glaubwürdigkeit eingebüsst.»[17] Präsident Lyndon B. Johnson verzichtete daraufhin auf eine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt. Auch seinem Nachfolger Richard Nixon gelang es nicht, Nordvietnam in die Knie zu zwingen. Der Krieg endete für die USA schliesslich 1973 durch ein Friedensabkommen mit Nord- und Südvietnam. Im März 1973 verliess der letzte US-Soldat Südvietnam.

Dieses Friedensabkommen wurde jedoch nur von den USA befolgt: In Vietnam gingen die Kampfhandlungen unvermindert weiter. Ohne US-Hilfe verschlechterte sich die militärische und wirtschaftliche Lage in Südvietnam rapide, 1975 brach Südvietnam nach einer weiteren Grossoffensive Nordvietnams zusammen und gab die bedingungslose Kapitulation bekannt. Im Vietnamkrieg verloren nach neusten Schätzungen rund drei Millionen Menschen ihr Leben, die meisten davon Zivilisten[18].

IV. Warum Vietnam?

Ein kommunistisches Vietnam sei eine Gefahr für die USA, sagte Robert McNamara in einer öffentlichen Ansprache im April 1964: «In communist hands this area would pose a most serious threat to the security of the United States and to the family of free-world nations to which we belong.»[19] Deshalb, und auch, weil die USA eine Pazifikmacht seien, hätten sie ein lebhaftes Interesse an Vietnam: «Whether we like it or not, we are a Pacific power: our West Coast borders the Pacific and our fiftieth state lies halfway across it. Moreover, we have important historical ties and commitments to many of the nations in the Western Pacific. We have therefore a vital strategic interest in that area, an interest we cannot ignore.»[20]

Dies waren aber nicht die einzigen Gründe, weshalb die USA mehr als eine halbe Million Soldaten in ein Land entsandten, welches (Alaska ausgenommen) rund 13'000 Kilometer von der amerikanischen Westküste entfernt lag. 1964 setzten sich in den Köpfen der amerikanischen Führung zwei Argumente durch – eines für die Öffentlichkeit und ein internes – welche ein stärkeres militärisches Eingreifen nötig zu machen schienen und im Folgenden erklärt werden.

a. Die Domino-Theorie

Der Begriff stammt ursprünglich vom amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1953-1961). Er stellte 1954, als Frankreich in Vietnam kapitulierte, die Theorie auf, dass wenn ein Staat falle, also kommunistisch werde, auch die Nachbarstaaten fallen würden – wie Dominosteine. Dies müsse verhindert werden: «Am 12. August 1954 unterzeichnete [Eisenhower] das neue, vom Nationalen Sicherheitsrat ausgearbeitete US-Strategiepapier NSC 5429/2 für Südostasien: Dem-nach sollten alle verfügbaren Mittel eingesetzt werden, um weitere kommunistische Siege in der Region zu verhindern.»[21] Der Terminus alle verfügbaren Mittel zeigt, dass die USA bereits um 1954 gewillt waren, Südvietnam um jeden Preis zu verteidigen.

Die Domino-Theorie wurde auch zehn Jahre später noch verwendet, um die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass ein nicht-kommunis-tisches Vietnam für die Sicherheit der USA wichtig sei: «We took for granted that the United States had a treaty commitment to South Vietnam and that South Vietnam’s security was important to the security of the United States»[22], sagte Aussenminister Dean Rusk später dazu. Und er sei überzeugt gewesen, dass die Bevölkerung dies auch so gesehen habe: «At no time did we think that the American people would not support an effort to prevent Southeast Asia from going Commu-nist.» Verteidigungsminister McNamara schrieb 1964 in einem Memorandum an Präsident Johnson: «The stakes in preserving an anti-communist South Vietnam are so high that in our judgment, we must go on bending every effort to win»[23]. Der Ausdruck every effort zeigt auch hier, dass die USA keine Alternative zu einem nicht-kommunistischen Südvietnam sahen – oder eher: sehen wollten.

McNamara und auch Johnson wussten aber bereits damals, dass die Domino-Theorie in Geheimdienst- und Sicherheitskreisen umstritten war oder sogar abgelehnt wurde: «The CIA and the other intelligence agencies were reporting quite the opposite, that the dominoes were not all the same size, shape and color, that the loss of South Vietnam might have less impact outside of the immediate Indochinese peninsula.»[24] Das Board of National Estimates der CIA schrieb im Juni 1964 an Präsident Johnson: «It is likely that no nation in the area would quickly succumb to communism as a result of the fall of Laos and South Vietnam»[25]. Mitte 1964 war eine Kehrtwende aber bereits kein Thema mehr, wie die nachfolgenden Kapitel zeigen.

b. Das Gesicht verlieren

Gegen aussen, an Pressekonferenzen oder bei öffentlichen Auftritten, hielt Robert McNamara an der Domino-Theorie fest. Innerhalb der Regierung jedoch setzte sich ab 1964 nach und nach eine andere Überzeugung durch, welche einen Rückzug aus Vietnam unmöglich zu machen schien: Die USA würden ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Die Vereinigten Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte, die Joint Chiefs of Staff (nachfolgend JCS) argumentierten: «The failure of our programs in South Vietnam would have heavy influence on the judgement of Burma, India, Indonesia, Malaysia, Japan, Taiwan, the Republic of Korea, and the Republic of the Philippines with respect to U.S. durability, resolution and trustworthiness.»[26] Ein Scheitern in Vietnam hätte weitreichende Konsequenzen für das Ansehen der USA – nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika und Lateinamerika: «Finally, this being the first real test of our determination to defeat the Communist wars of national liberation formula, it is not unreasonable to conclude that there would be a corresponding unfavorable effect upon our image in Africa and in Latin America.»[27]

Auch die CIA meinte, dass «the loss of South Vietnam and Laos ‚would be profoundly damaging to the U.S. position in the Far East’, beacuse of its impact on U.S. prestige and on the credibility of our other commitments to contain the spread of commu-nism.»[28] Ein solcher Image-Verlust war vor allem für US-Präsident Johnson keine Option, wie ich weiter unten darlegen werde.

V. 1964: Das verlorene Jahr

a. Der Putsch ins Desaster

Die USA waren gegen Ende des Jahres 1963 in einer Zwickmühle. Die Situation in Südvietnam verschlechterte sich von Woche zu Woche, jedoch war sich die US-Regierung bewusst, dass ein allfälliger Krieg ohne politische Stabilität in Südvietnam nicht zu gewinnen war. Und eine solche wurde mit der damaligen Führung Südvietnams unter Präsident Ngo Dinh Diem nicht mehr für möglich gehalten. Die Buddhistenkrise[29] hatte diesen Meinungsumschwung beschleunigt.

Die USA liessen Diem deshalb fallen und unterstützten indirekt einen Militärputsch gegen ihn: «Alone in the Oval Office on Monday, November 4, 1963, John F. Kennedy dictated a memo about a maelstrom he had set in motion half a world away – the assassination of an American ally, President Ngo Dinh Diem of South Vietnam. ‚We must bear a good deal of responsibility for it’, JFK said.»[30] Dies war drei Tage nachdem das südvietnamesische Militär unter General Duong Van Minh die Kontrolle über Vietnam übernommen hatte. Der gestürzte Präsident Diem und sein Bruder konnten zunächst fliehen, wurden einen Tag später aber aufgegriffen und ermordet.

Unmittelbare Folge des Machtwechsels war, dass auch Diems Informations-System zusammenbrach. Diem, wie auch der für US-Streitkräfte in Vietnam verantwort-liche US-General Paul Harkins hatten jahrelang Kriegsberichte gefälscht, um die Situation in Südvietnam besser darzustellen, als sie in Wirklichkeit war. Bei einem Besuch in Vietnam im Dezember 1963 sah Verteidigungsminister McNamara deshalb erstmals, wie die Situation wirklich war: «Now the battle reports were disorganized but more candid; they showed far greater enemy control than before. Strategic hamlets were overrun or burned. (...) McNamara was irritable. He realized how badly General Paul Harkins had deceived him and how false the reports were on which he had based the plan for U.S. advisers to withdraw by the end of 1965 and leave the mopping-up job to the South Vietnamese.»[31]

Noch im Oktober 1963 war McNamara bereit, die US-Militärberater in Südvietnam auf Ende 1965 abzuziehen. «We need a way to get out of Vietnam, and this is a way of doing it»[32], sagte er in einem Telefongespräch mit Präsident Kennedy. Sein Besuch in Vietnam zwei Monate später führte bei ihm aber zu einem Umdenken: «In early 1964 he now stressed how vital the U.S. stakes were.»[33] Von einem Rückzug war keine Rede mehr, im Gegenteil: McNamara beauftragte die JCS, verschiedene militärische Optionen zu prüfen: «The available record leaves little doubt that the Secretary of Defense wanted it made clear that he would approve any reasonable proposals for personnel, materiel or funds.»[34] Für McNamara schien bereits zu Beginn des Jahres 1964 nur noch ein Krieg gegen Nordvietnam in Frage zu kommen.

b. McNamaras Rolle

Dass Robert McNamara heute als Architekt des Vietnamkrieges gilt, ist kein Zufall. Er war in Sachen Vietnam jahrelang die dominante Figur in der US-Regierung, aus zwei Gründen: Erstens war McNamara 1964 auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Einflusses angelangt. Weltkriegs-Veteran, Ford-Retter, mitbeteiligt an der friedlichen Beilegung der Kubakrise, möglicher Präsidentschaftskandidat. Der brilliante Denker und Analytiker schien keine Fehler machen zu können, was seinem Wort und seiner Einschätzung enormes Gewicht verlieh.

[...]


[1] Halberstam, The Best and the Brightest, 250.

[2] «Johnson was positioned to be Kennedy’s successor in 1968, but Bobby said he and his brother „thought of moving in the direction that would get the nomination for Bob McNamara“ as the Democratic presidential candidate in 1968, to be sure the country was „placed in the best possible hands“.»: Shapley, Promise and Power, 270.

[3] McNamara, In Retrospect, xv.

[4] Shapley, Promise and Power, 289.

[5] Strange war der Mädchenname seiner Mutter, Clara Nell Strange.

[6] Die Whiz Kids, zu deutsch etwa schlaue Kinder, waren insgesamt zehn Vietnamveteranen, welche bei Ford leitende Positionen hatten.

[7] Halberstam, The Best and the Brightest, 232.

[8] Halberstam, The Best and the Brightest, 232.

[9] Kennedy bot den Posten zuerst Alt-Verteidigungsminister Robert A. Lovett an. Dieser jedoch lehnte aus gesundheitlichen Gründen ab und schlug Robert McNamara vor.

[10] Halberstam, The Best and the Brightest, 215.

[11] Im Film The Fog of War erzählt McNamara: «And I said to a very close and dear friend of mine, Kay Graham, the former publisher of the Washington Post: "Even to this day, Kay, I don't know whether I quit or was fired?" She said, "You're out of your mind. Of course you were fired."»

[12] Friederichs, Hauke: Vom Falken zur Taube.

[13] Morris, The Fog of War.

[14] Steininger, Der Vietnamkrieg, 15.

[15] Halberstam, The Best and the Brightest, 78.

[16] Siehe dazu Kapitel VI. dieser Arbeit.

[17] Steininger, Der Vietnamkrieg, 35-36.

[18] Obermeyer, Ziad: Fifty years of violent war deaths from Vietnam to Bosnia, BMJ, 2008, http://www.bmj.com/content/336/7659/1482, 17. März 2014.

[19] Pentagon Papers Part V.A, Volume II: D, D-6.

[20] McNamara, The Essence of Security, 22.

[21] Steininger, Der Vietnamkrieg, 18.

[22] Rusk, As I saw it, 434.

[23] Caro, The Passage of Power, 533.

[24] Halberstam, The Best and the Brightest, 354.

[25] Pentagon Papers Part IV.C, 2. a., 36.

[26] Pentagon Papers Part IV.C, 2. a., 5-6.

[27] Pentagon Papers Part IV.C, 2. a., 5-6.

[28] Pentagon Papers Part IV.C, 2. a., 36.

[29] Buddhistische Mönche zeigten im Mai 1963 anlässlich des Geburtstages von Buddha trotz Verbot buddhistische Flaggen. Präsident Diem liess Elitetruppen in die unbewaffnete Menge schiessen – neun Menschen starben. Daraufhin kam es zu weiteren Protesten im Land, denen sich Studenten anschlossen und mit denen sich zuletzt auch die Armee solidarisierte.

[30] Weiner, Legacy of Ashes, 242.

[31] Shapley, Promise and Power, 292-293.

[32] Morris, The Fog of War.

[33] Shapley, Promise and Power, 296.

[34] Pentagon Papers Part IV.B, 3., 84.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Robert Strange McNamara. Gefangener seines Denkens
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Geschichte moderner und zeitgenössischer Gesellschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
48
Katalognummer
V287281
ISBN (eBook)
9783656877059
ISBN (Buch)
9783656877066
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit der schweizerischen Höchstnote 6,0 bewertet, was in Deutschland einer 1,0 entspricht.
Schlagworte
Robert Strange McNamara, Lyndon B. Johnson, Dean Rusk, David Halberstam, Vietnamkrieg, Kalter Krieg, USA, John F. Kennedy, Robert Kennedy, Tonkin, Tonking, Tunkin, Agent Orange, Vietnam, Vietcong, Saigon, Hanoi
Arbeit zitieren
Matthias Haymoz (Autor), 2014, Robert Strange McNamara. Gefangener seines Denkens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287281

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