Zauberhaftes Legasthenietraining. Ein Wegweiser zum Erwerb der Kulturtechniken Lesen und Schreiben


Fachbuch, 2015

53 Seiten, Note: Bewertung sehr gut


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Der Begriff Legasthenie

Zaubern als pädagogisches Hilfsmittel

AFS-Methode und Zauberpädagogik: konkrete Anwendung

Aufmerksamkeitstraining

Wahrnehmungstraining

Symptomtraining

Lesetraining

Schreibtraining

Einige Unterrichtsprotokolle als Beispiele

Zaubersprüche für Amelie

Im Sinne eines Nachwortes: Die Grenzen der Zauberei

Bibliographie

Vorwort

Die Idee, dieses Buch zu schreiben, kam – wie es so oft bei guten Ideen der Fall ist – von einem betroffenen Kind selbst. Ich hatte im Rahmen meiner Ausbildung zur Legasthenietrainerin gerade der in Tränen aufgelösten Mutter einer legasthenen Grundschülerin erklärt, dass ich mich den „Problemen“ ihrer Tochter annehmen würde, dass man mit einer Legasthenie umgehen lernen könne, dafür aber Zeit brauche. Als ich den üblichen Zeitrahmen eines Legasthenietrainings von ein bis zwei Jahren erwähnte, merkte ich wohl, dass ich dem anfänglichen Enthusiasmus der besagten Mutter einen Dämpfer versetzt hatte. Vorwurfsvolle Augen sahen mich an. Ich hatte Hoffnung gegeben, aber auch sogleich einen Teil davon wieder genommen. Ich sah der Frau an, dass sie in Begriff war, mich nochmals mit einem – in ihrer Situation oh so verständlichen ! – hochemotionalen Wortschwall zu duschen und wollte dem zuvorkommen. Deshalb liess ich mich zu dem eher unbedachten Satz hinreissen:“ Wissen Sie, ich kann auch nicht zaubern.“ Das legasthene Kind hatte die ganze Zeit scheinbar unberührt neben seiner Mutter gesessen, als warte es nur darauf, dass ich irgendein unumstößliches Urteil über seinem Kopf verhängen würde. Erst jetzt schaute mich das Mädchen plötzlich mit einem Glitzern in den Augen an: „Wieso nicht? Ich hätte bestimmt mehr Spass, wenn Sie mich das Zaubern lehren würden, als die blöden Buchstaben.“ „Ja, wieso eigentlich nicht?“, dachte ich mir, hatte ich doch während meiner Erstausbildung bereits einige der zahlreichen Werke über den Einsatz der Zauberkunst im pädagogischen Bereich gelesen. So wurde das Mädchen, nennen wir es hier Hanna, die erste einer ganzen Reihe von Schülern, welche bei mir nicht einen als herkömmliches Legasthenietraining deklarierten „Unterricht“ besuchten, sondern eine „Zauberschule“. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, vor allem den Schülern, die vorher schon in Therapien bei anderen Legasthenietrainern waren, die Zauberei als Hilfsmittel vorzuschlagen. Die Schüler und ihre Eltern sind meist nach anfänglicher Skepsis schnell begeistert, und ich habe sogar schon mehrere positive Rückmeldungen von den Lehrkräften der Betroffenen bekommen. Hanna hat heute gelernt, mit ihrer Legasthenie umzugehen, einen guten Schulabschluss hingelegt und eine Lehre im kaufmännischen Bereich angefangen. Sie schreibt mir nach wie vor zu Weihnachten eine Karte und in einer ihrer letzten stand der Satz: „Gerne denke ich an unsere magischen Stunden zurück und frage mich manchmal, ob Sie keinen Ratgeber für andere betroffene Familien schreiben könnten.“ Sie hat mir damit zum zweiten Mal eine wichtige Anregung gegeben.

Ich beschloss allerdings, diesen „Ratgeber“ nicht an die Eltern der betroffenen Kinder zu adressieren, sondern doch eher an meine Kollegen im Nachhilfe- und Sprachtrainingsbereich. Immerhin hatte ich nicht als Mutter, sondern als Lehrkraft die entsprechenden Erfahrungen gesammelt. Es stand und steht aber nicht in meiner Absicht, hier eine Abhandlung über die Nützlichkeit der Zauberkunst und des Imaginären im pädagogischen Einzel- und Kleingruppenunterricht zu schreiben. Darüber gibt es viele und sehr gute Werke (vgl. u.a. die Bibliographie dieser Arbeit). Auch sträubt sich alles in mir, diesem Schriftstück die Bezeichnung „Ratgeber“ aufzusetzen, denn wie käme ich dazu, meinen meist hochkompetenten und sehr erfahrenen Kollegen Rat zu erteilen? Es geht hier vielmehr darum, meine nun doch schon mehrjährigen Erfahrungen in diesem Bereich zu teilen und vielleicht ein paar Anregungen und Denkanstösse zu geben, die laufend fortentwickelt und den individuellen Begebenheiten eines Legasthenietrainings angepasst werden können. Die erwähnten Zaubertricks in diesem Buch, die aufgelisteten Spiele und Übungen sind weder bahnbrechenden Neuigkeiten noch die Produkte meiner Erfindungskunst, dessen bin ich mir bewusst. Die meisten Ideen sind in ähnlicher Form in einfachen Zauberbüchern, in pädagogischen Wegleitern und auf dem Internet zu finden, wenn man lange genug sucht. Ungewohnter mag hingegen ihr Einsatz, ihre Zusammenstellung und ihre Anhäufung im Rahmen eines Legasthenietrainings sein, das nicht nur vereinzelt auf die Welt der Magie zurückgreift, sondern bestrebt ist, möglichst alle Übungen und den ganzen Stundenablauf der Metapher der Zauberschule und –schulung zu unterstellen. Ich lege deshalb sehr viel Wert darauf, die Zauberpädagogik und die AFS-Methode, nach der ich arbeite, möglichst genau aufeinander abzustimmen und nebst einzelnen Übungsgruppen rund um geeignete Zaubertricks und magische Lesestücke auch beispielhaft den Ablauf einzelner Stunden zu dokumentieren. Als Legasthenietrainerin des Ersten Osterreichischen Dachverbands Legasthenie und als Schweizerin bitte ich um Verständnis, wenn ich in der Ausführung des Legasthenietrainings sowohl einem bestimmten Konzept und Legastheniebegriff folge, als auch gewisse Übungen auf die hiesigen Lehrmittel abstütze. Im ersten Teil dieser Arbeit sollen eben dieser Legastheniebegriff und das ganzheitliche Trainingskonzept des EÖDL nochmals näher umschrieben werden, allerdings nicht wissenschaftlich vollständig, sondern kurz, klar, prägnant und praxisrelevant. Die vorgestellten Übungen wurden zudem, wenn immer möglich, von landesspezifischen Materialien befreit und neutralisiert. Wo die Bemühungen mangels meiner vertieften Kenntnis der deutschen und österreichischen Schulmaterialien unzureichend war, kann man die Idee –so hoffe ich- in Eigenregie leicht abändern und anpassen.

Es liegt mir am Herzen, mich an dieser Stelle zu bedanken: Bei meinen Arbeitgeber zuerst, die mir erlaubten, diese eher unkonventionelle Form des Unterrichts durchzuführen, bei meiner Familie, die mich ermunterte, dieses Buch zu schreiben und mir mit konstruktiver Kritik zur Seite stand, und natürlich bei meinen Schülern, die mich mit ihrem Einsatz und ihrer Fantasie darin bestätigten und bestätigen, dass dieser Ansatz ein gangbarer Weg ist.

Der Begriff Legasthenie

Was ist Legasthenie? Diese Frage wurde bereits unzählige Male von Forschern aus der Medizin, der Psychologie, der Soziologie und der Pädagogik unterschiedlich beantwortet und auch heute noch tauchen neue Antworten im Dschungel der Wissenschaft auf. Es gibt bisher noch keine einheitliche, überall gültige Definition für das Phänomen. Eine der klarsten, kürzesten, allgemeinsten Definitionen mit weiter Akzeptanz findet sich u.a. bei Mechthild Firnhaber: Legasthenie ist für sie: „e) eine angeborene […] Lese-Rechtschreib-Schwäche, die als Legasthenie oder Dyslexia (= internationaler Fachausdruck) bezeichnet wird, bei normaler bis überdurchschnittlich hoher Intelligenz.“ (Firnhaber 2000:29)

Das Phänomen der Legasthenie wird erst seit dem 19. Jahrhundert aktiv erforscht.[1] Legastheniker gab es vermutlich schon vorher, sie fielen aber wegen der damals weit verbreiteten, gesellschaftlichen Illiteralität und der noch nicht normierten Rechtschreibung kaum auf.

Die ersten deutschen Schriftstücke stammten aus dem 8. Jahrhundert und folgten noch keinen festgelegten Orthographieregeln. Das lateinische Alphabet diente als Basis für die Verschriftung, die auf einer phonetisch-phonologischen Grundlage beruhte. Erst im 14. Jahrhundert verdrängte die deutsche Sprache das Lateinische als offizielle Kanzleisprache und mit der Bibelübersetzung 1522 durch Martin Luther sowie mit Hilfe des aufkommenden Buchdrucks begann die Verbreitung der deutschen Schriftsprache. Allmählich erwachte die Forderung nach einer Vereinheitlichung der Schreibweise, was auch durch die Werke berühmter Schriftsteller wie Kant, Herder, Goethe und Lessing unterstützt wurde. Die Popularisierung einer als deutsche Standardsprache bezeichneten Variante des Deutschen durch das Bildungsbürgertum des späten 18. und 19. Jahrhundert führte zur Verdrängung konkurrenzierender Dialekte und somit auch gewisser dialektal gefärbter Schreibweisen. Die zunehmende Scholarisierung forderte allgemeingültige Leitfäden und Richtlinien. 1876 tagte in Berlin die erste orthographische Konferenz zur Herstellung größerer Einigung in der Deutschen Rechtschreibung und knappe vier Jahre später erschienen die ersten landesweit verbreiteten, orthographischen Regelbücher.

Wichtige Eckdaten der Legasthenieforschung (z.B. Studie von Kussmaul 1877) stimmen zeitlich mit dieser Entwicklung überein. Es waren die Mediziner, die sich im Rahmen der Sprachstörungsforschungen des 19. Jahrhunderts zuerst mit dem Phänomen „Legasthenie“ befassten, ein Umstand, den man heute noch an oft verwendeten Ausdrücken wie „Legasthenie-Therapie“, „Symptome und Behandlung einer Legasthenie“ und „eine Legasthenie diagnostizieren“ ablesen kann. Legasthenie wurde anfangs als „Wortblindheit“ bezeichnet und 1916 durch den ungarischen Neurologen Ranschburg sogar als „partielle Idiotie“ (Schenk Danzinger 1975:2ff). Wie vernichtend solche Urteile für legasthene Menschen waren, lässt sich leicht nachvollziehen, auch wenn sie nicht von allen Legasthenieforschern verwendet wurden. Als sich wenige Jahre später die Psychologen und Soziologen mit dem Thema auseinanderzusetzen begannen, erfuhr diese Pathologisierung der Legasthenie eine Verstärkung und Belebung. Neuere neuropädiatrische Forschungstätigkeiten aus den USA und auch im deutschsprachigen Raum gehen heute tatsächlich davon aus, dass Legasthenie eine biogenetische Anlage ist und vererbt werden kann.

Maßgeblich für die Legasthenie sind nach heutigem Wissen die Chromosomen 15 und 6. Darüber hinaus beschäftigt sich die Legasthenieforschung (vor allem in den USA) auch mit den Chromosomen 1, 2, 3 und 18. (Kopp-Duller 2011:16) Vermutlich beeinflussen diese Chromosomen nicht direkt die Lese- und Rechtschreibfähigkeit, sondern sie sind für die Vererbbarkeit der Legasthenie verantwortlich und steuern neurophysiologische und neuropsychologische Funktionen, deren Störungen z.B. bei der Sprachverarbeitung den Schriftspracherwerb entscheidend beeinflussen. (Dietrich 2010: 33) In der Tat konnte auch die Gehirnforschung in den letzten Jahren mittels neuester technischer Methoden sichtbar machen, dass gewisse Hirnareale beim lesenden oder schreibenden Legastheniker weniger intensiv oder anders beansprucht werden als bei Nicht-Betroffenen (vgl. Firnhaber 2005 /Dummer-Smoch 2002).

Ist Legasthenie aber deshalb eine Krankheit, eine Behinderung oder Störung? Aufgrund des Eintrags des Phänomens ins ICD 10 der WHO müsste man diese Frage bejahen.

Der ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist eine Klassifikation psychischer Störungen, die von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als klinisch-diagnostische Leitlinie verwendet wird, und somit international verbreitet ist. Darin findet man Legasthenie im Bereich der „umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ (F 81.0) eingeordnet, und wie folgt definiert:

Lese-Rechtschreibstörung

„Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und eindeutige Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. […] Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibestörungen häufig. […] Entwicklungsstörungen des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache voraus. Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig.“ (http://www.icd10.ch, 24.05.2014, Kapitel V, F 81.0)

Das pädagogische Begriffsverständnis, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, sieht aber davon ab, eine Anlage, die laut neusten Forschungen etwa jeden zehnten Menschen betrifft, als Schwäche, Störung, Behinderung oder Krankheit zu bezeichnen. Schliesslich können legasthene Menschen „das Schreiben und Lesen genauso erlernen wie jeder andere Mensch auch, nur die Voraussetzungen müssen andere sein.“ (Kopp-Duller 2011:27). Legasthenie ist also kein neurobiologisches Schicksal, sondern kann durch geeignete Trainingsmethoden und Fördermassnahmen durchaus positiv beeinflusst - sozusagen normalisiert - werden.

Zudem gilt es zu beachten:

„Legasthenie ist in allen Gesellschaftsschichten zu finden, sie hat mit Intelligenzmangel nichts zu tun. Meist sind legasthene Menschen durchschnittlich und sehr oft überdurchschnittlich begabt. Vor allem, wenn sie in Bereichen tätig sind, die nicht sonderlich stark in sprachliche Fertigkeiten eingebunden sind, wie beispielsweise Kunst, Informationstechnologie, Design und Marketing, Musik, Physik, Mathematik, Verkauf und Sport. Berühmtheiten wie Albert Einstein, Walt Disney, Leonardo da Vinci, Whoopie Goldberg, Keira Knightly, Orlando Bloom, Jamie Oliver, William Hewlett, Ernest Hemingway, Kronprinzessin Victoria von Schweden und Charles Darwin sind einige wenige namhafte Beispiele hierfür. Selbst wenn alle Welt ihre Namen heutzutage kennt, blickt vermutlich jeder von ihnen auf einen steinigen Weg gepflastert mit Schwierigkeiten, Entbehrungen, Rückschlägen und Misserfolgen in ihrer Schulzeit zurück.“ (Tschernitz 2010: 27)

Zurecht unterstreichen Dr. Britta Büchner et alt. in ihrem 2009 erschienen Artikel ausserdem, dass die Pathologisierung der Legasthenie eine medizinisch orientierte Behandlung suggeriert. Man sucht einfach einen Arzt oder Psychologen auf, der die Schwierigkeiten mittels einer eindeutig festgelegten Therapie, eventuell sogar medikamentös, „wegmacht“. Dies entspricht aber nicht der Realität, da eine solche allgemeingültige Behandlungsmethode nicht existiert. Vielmehr wird dadurch der Weg für viele unseriöse Therapieansätze durch pädagogisch ungeschultes Personal geebnet. Zudem kann durch die Pathologisierung der Legasthenie die Eigenmotivation und der Einsatz der Kinder beim Erwerb der Kulturtechniken gebremst werden. Eine Krankheit ist ein Schicksal und ein Zeichen der Schwäche, nicht unbedingt der Startschuss zum Aufbruch - man vertraut darauf, dass Fachpersonen die Krankheit heilen, nicht dass man selber Wege der Besserung finden muss. Gerade die Eigenmotivation, der eigene Einsatz und die Eigeninitiative der Betroffenen sind aber wichtige Voraussetzungen für ein erfolgreiches Legasthenietraining. (Büchner et alt. 2009:4ff) Auch ist an der medizinisch-psychologischer Auffassung „unbefriedigend, dass sie Defizite beim Lesen und Schreiben <zu sehr> in das Kind verlegt und deshalb der Blick auf die notwendigen Verbesserungen in Schule, Unterricht und Lehrerbildung verstellt ist.“ (Dietrich 2010:48) Gerade hier müssten aber die Fördermassnahmen ansetzen, denn eine Legasthenie fällt oftmals vor allem im schulischen Kontext auf und die Schwierigkeiten werden durch festgefahrene pädagogische Ansätze und Lernsituationen hervorgerufen.

Legasthenie kann nämlich – zumindest im Anfangsstadium, auch Primärlegasthenie genannt – durch eine lediglich pädagogisch-didaktische Intervention „behandelt“ werden. Erst wenn Sekundärproblematiken hinzukommen, müssen Psychologen und Ärzte zu Rate gezogen werden. Eine (pädagogische) Intervention ist aber in jedem Falle empfehlenswert, denn

„Eine korrekte Beherrschung der Schriftsprache gilt in der heutigen Gesellschaft als Zeichen für Bildung und Intelligenz.“ (Tschernitz 2010:7)

Frau Dr. Astrid Kopp-Duller hat die pädagogische Sichtweise 1995 so beschrieben:

„Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt eine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole wie Buchstaben und Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens.“ (Kopp-Duller et al. 2008:23)

Durch diese Definition wird erstmals klar und nachvollziehbar die Tatsache anerkannt, dass es Menschen gibt, bei denen der Lese-, Schreib- oder Rechenlernprozess andersartig abläuft als üblicherweise angenommen. Somit wird die Legasthenie als vorrangiges pädagogisches Interventionsgebiet etikettiert und nicht mehr, wie in der Medizin und Psychologie üblich, als lediglich pathologisches Problem definiert (vgl. Kopp-Duller et al. 2008:24).

Grundsätzlich kann man von einer Primärlegasthenie im pädagogischen Sinne sprechen, wenn drei folgenden Faktoren gegeben sind:

1. Eine zeitweise Unaufmerksamkeit des Betroffenen im Zusammenhang mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen. Das legasthene Kind kann sich aber in anderen Situationen, z.B. beim Bauen mit Legosteinen, gut bis sehr gut konzentrieren.
2. Die Sinneswahrnehmungen, auch Teilleistungen oder Funktionen genannt, sind nicht ausreichend geschärft. Dies ist laut IDA (International Dyslexia Association USA) bei rund 15% der Weltbevölkerung der Fall, egal, welche Sprache die Betroffenen sprechen oder welche Schrift sie schreiben. Es handelt sich hierbei um eine andere Wahrnehmung der Welt, nicht um ein medizinisches Hör- oder Sehproblem.
3. Durch die unscharfen Sinneswahrnehmungen und die daraus folgende Unaufmerksamkeit entstehen Wahrnehmungsfehler, die für Laien oft nicht genau von anderen Fehlerarten – z.B. Grammatikfehlern oder auf eine fremde Muttersprache des Schreibenden zurückzuführende Fehler – zu unterscheiden sind. Einer von vielen Hinweisen auf Wahrnehmungsfehler ist die unterschiedliche, manchmal sogar korrekte Schreibweise desselben Wortes in ein und demselben Text.

Eine pädagogische Intervention muss logischerweise in allen drei Bereichen stattfinden, wie es die AFS-Methode vorsieht. Man arbeitet sowohl an der Aufmerksamkeitsprojektion als auch an der Differenzierung der Funktionen und an den Symptomen. Auch ein im Kontext der Zauberei durchgeführtes Legasthenietraining sollte deshalb alle drei Punkte umfassen, so dass diese Arbeit Übungen und ihren Einsatz in allen drei Bereichen aufführt. Ausserdem legt die ASF-Methode auch grossen Wert auf die Motivation und die Stärkung des oft angeschlagenen Selbstbewusstseins des Betroffenen. (vgl. auch Kopp-Duller 2010 (5))

Auch trägt die AFS-Methode als weitgehend offene Methode der Tatsache Rechnung, dass es nicht eine Legasthenie gibt, sondern verschiedenen „Legasthenien“. Nicht bei jedem Legastheniker sind z.B. alle Sinneswahrnehmungen different, die Kombination der betroffenen Funktionen variiert von einem legasthenen Kind zum anderen, ebenso seine Interessen, seine Situation, sein Umfeld und seine Vorgeschichte. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft ist anders, auch jeder Legastheniker. Jedes Legasthenietraining sollte deshalb individuell auf das zu betreuende Kind abgestimmt werden.

Eine zwischen 2001 und 2006 durchgeführte Langzeitstudie an über 3000 Probanden bestätigt die Wirksamkeit der AFS-Methode. 85% der von der Studie erfassten Legastheniker verbesserten ihre Lese- und Schreibleistung innerhalb von zwei Jahren dahingehend, dass sie die Anforderungen der Schule erfüllen konnten. (Kopp-Duller et alt. 2008:165ff)

Zaubern als pädagogisches Hilfsmittel

Es sind verständlicherweise in aller Regel nicht diejenigen Kinder, welche ausgezeichnete schulische Leistungen erbringen, die in einem Lerntraining, einem Lerncoaching oder einer Legasthenietherapie erscheinen. Kerstin Trebess hat die Ausgangssituation bei einem Legasthenietraining treffend beschrieben:

„Zu dem Zeitpunkt, an dem das Kind in die Praxis eines Legasthenietrainers

kommt, befindet es sich oft schon im Stadium der Resignation oder

Verzweiflung und es „hasst“ nichts mehr als die Schule. Seine Motivation für

die Schule und das Lernen überhaupt hat stark nachgelassen. Es macht sich

selbst für seine schulischen Misserfolg verantwortlich. Die enttäuschten

Hoffnungen und Erwartungen der Eltern führen oft zu gegenseitigen

Schuldzuweisungen.“ (Kerstin Trebess 2009: 11)

Es macht in dieser Situation wenig Sinn, sofort an die schulische Vermittlungs-praxis von Wissensinhalten anzuknüpfen. Vielmehr ist es hilfreich, das Gespräch mit den Eltern und dem Kind zu suchen, um Erwartungen zu erkennen, Konflikte anzusprechen und herauszufinden, ob und in welcher Form und Stärke die Motivation für das Erlernen der Kulturtechniken beim Betroffenen noch vorhanden ist. Erst danach können Art und Inhalt des Legasthenietrainings provisorisch festgelegt werden. Meiner Erfahrung nach hat es sich gerade in besonders hoffnungslos wirkenden Fällen als nützlich erwiesen, den eher unkonventionell wirkenden Weg der Zauberschulung vorzuschlagen. Dadurch tritt rein von der inhaltlichen Thematik her das ein, was A. Müller in einem anderen Zusammenhang wie folgt beschrieben hat: Das Legasthenietraining beinhaltet für das betroffene Kind plötzlich „ […] eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise dessen, was in der Schule lernen genannt wird. Und das führt zu einer ganz anderen Rollenverteilung. Zu einer anderen Lernkultur. Zu einer anderen Schule“ (A. Müller 2006: 7) (Müller, A. 2006, Eigentlich wäre Lernen geil S.7).

Bei jüngeren Kindern kann ein einfacher Zaubertrick z.B. die erste Kontakt-aufnahme erleichtern, anfängliche Schüchternheit oder Voreingenommenheit abbauen und eine erste Vertrauensbasis schaffen. Hierbei ist unerheblich, ob der Legasthenietrainer das Kind bereits zaubern lässt oder selber einen einfachen Trick vorführt – wie ich das meistens handhabe. Birgit Widmann-Rebay von Ehrenwiesen hat in ihrem Artikel über die Zauberpädagogik den Vorgang sehr nachvollziehbar beschrieben. Sie beginnt ihre Stunde mit der Frage:

„Hast du eigentlich gewusst, dass du ein Kind mit Zauberkräften bist?“ Die meisten Kinder antworten spontan mit „Nein“. Nur wenige strahlen begeistert und sagen: „Na klar!“ Wenn Sie jetzt eine Postkarte in der Hand halten, vielleicht mit einem wunderschönen Motiv, und diese dem Kind hinhalten und sagen: „ Ich kann ein Zauberloch in diese kleine Postkarte schneiden, das so gross ist, dass du mit deinen beiden Beinen, Armen und deinem Kopf – also mit deinem ganzen Körper – durchstiegen kannst. Magst du das mit mir ausprobieren?“, dann wird kaum ein Kind „Nein“ antworten. Natürlich brauchen Sie für dieses Kunststück einen Zauberstab, eine Zauberschere und die Zauberpuste des Kindes oder der Kinder sowie das Wissen, wie Sie das Papier bearbeiten dürfen, damit der Trick klappt.“ (Widmann-Rebay von Ehrenwiesen, Birgit 2007: 39)

Bei älteren Kindern und Jugendlichen gelingt der Einstieg manchmal mit einer kleinen Diskussion über bekannte Zaubergeschichten aus Jugendliteratur oder TV. Harry Potter und Charmed-Zauberhafte Hexen gehören zumindest hierzulande zum voraussetzbaren Wissen bei den meisten Kinder über zehn. Dies kommt nicht von ungefähr:

Trotz Fernsehen, Computer und Spielkonsole üben die Zauberkunst und die sie umgebende mysteriöse Aura nämlich auch heute noch einen unbestreitbaren Reiz auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus. Grössen wie Johann Wolfgang von Goethe erkannten und anerkannten zudem schon früh den Nutzen der Zauberei im Bereich der Pädagogik:"Die Zauberkunst ist besonders in Gegenwart eines kleinen Publikums ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und zur Erlangung einer körperlichen und geistigen Gewandtheit". (Johann Wolfgang von Goethe, zitiert nach: http://www.awo-heidelberg.de/einrichtungen/heilpaedagogisches-zentrum/zaubern-in-therapie-und-paedagogik.html, 20.08.2014)

Beim Einsatz der Zauberei im Legasthenietraining erfährt der Zauberschüler die Lernsituation in einer für ihn ungewohnten, magischen Atmosphäre. Erfahrene Zauberpädagogen behaupten, dass in dieser neuen Unterrichtssituation Heilungsprozesse schneller in Gang kommen und Blockaden aufgehoben werden (Vgl. u.a. Fred Bossie und Manfred Huber auf ihren Internetseiten, Bibliographie dieser Arbeit). Tatsächlich habe ich schon oft erlebt, dass legasthene Kinder innerhalb weniger Zauber-Lektionen ihre Abneigung gegen Buchstaben oder Zahlen verlieren, wenn diese nicht offensichtlich im Fokus der Stunde stehen. Weil das Beherrschen der Zauberkunst zudem in den meisten europäischen Ländern und in vielen Kreisen unserer Gesellschaft als etwas Positives angesehen ist, wird dem Zauberer viel Aufmerksamkeit geschenkt, was sich vorteilhaft auf seine allgemeine Befindlichkeit und sein Selbstbewusstsein auswirken kann. Anstatt der „Versager beim Lesen“ oder der „Taugenichts in Mathe“ zu sein, wird er zum bezaubernden und bewunderten Künstler. Fremd- und Selbstbild ändern sich. Es wird auf eine Stärke, ein Können, fokussiert, nicht auf eine Schwäche.

[...]

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Zauberhaftes Legasthenietraining. Ein Wegweiser zum Erwerb der Kulturtechniken Lesen und Schreiben
Note
Bewertung sehr gut
Autor
Jahr
2015
Seiten
53
Katalognummer
V287544
ISBN (eBook)
9783656879473
ISBN (Buch)
9783656879480
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zauberhaftes, legasthenietraining, wegweiser, erwerb, kulturtechniken, lesen, schreiben
Arbeit zitieren
lic.phil. Caroline Seeger-Herter (Autor), 2015, Zauberhaftes Legasthenietraining. Ein Wegweiser zum Erwerb der Kulturtechniken Lesen und Schreiben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287544

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