Zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Psychopathen im Gerichtsfilm


Seminararbeit, 2014
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition
2.1 Wahrheit
2.2 Gerechtigkeit
2.3 Wahnsinn

3. Psychopathen im Gerichtsfilm - zwischen Wahrheit und Wahnsinn
3.1 Opfer oder Täter?
3.2 Die Darstellung des Wahnsinns
3.3 Der Bestand der Wahrheit

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Aus der Anonymität der Alltäglichkeit ins prüfende Scheinwerferlicht der gerichtlichen Untersuchung geworfen sein, das eigene Leben durchröntgt, verformelt, bewertet zu sehen, was sonst heißt: unter Anklage stehen?[1]

Doch was passiert, wenn der Angeklagte mit dem eigenen Leben und seiner Identität spielt, Wahrheit und Wahnsinn sich unter dem Scheinwerferlicht der Gerechtigkeit vermischen und dies falsch gewertet und verurteilt wird?

Die vorliegende Arbeit wird von der Trias Wahrheit, Wahnsinn und Gerechtigkeit bestimmt. Die Begrifflichkeiten werden als gesellschaftliches Produkt durchleuchtet sowie im Hinblick auf die Problematik des Gerichtsverfahrens betrachtet.

Der Aspekt der Wahrheit im dargestellten Gerichtsverfahren des Films Zwielicht, von Gregory Hoblit aus dem Jahr 1996, erscheint für diese Untersuchung besonders interessant, da das Urteil, die Unzurechnungsfähigkeit des Täters, auf einer Lüge des Wahnsinns basiert und auf diese Weise Wahrheit und Wahnsinn interagieren.

Inwiefern Gerechtigkeit, Wahrheit und Wahnsinn definiert werden können, soll einleitend diskutiert werden. Im Hauptteil der Arbeit soll die Darstellung des Psychopathen bzw. einer Persönlichkeitsstörung im Gerichtsfilm am Beispiel des Films Zwielicht exploriert werden und anschließend unter dem Aspekt der Beständigkeit von Wahrheit diskutiert werden.

Anhand der Untersuchung soll eine kritische Sichtweise auf die Begrifflichkeiten und ihrer Verwendung in Bezug auf gesellschaftlich produzierte Wahrheit und ihrer symbolischen Vermittlung aufgezeigt und im Diskurs des Gerichtsfilms verortet werden.

2. Begriffsdefinition

2.1 Wahrheit

Wahrheit ist keine Eigenschaft, sondern „zu suchen in der Relation zwischen den vom Subjekt formulierten Aussagen über eine Erkenntnis und dem erkannten Objekt.“[2] Die Frage, inwiefern eine Aussage der Wahrheit entspricht, wird in den verschiedenen Wahrheitstheorien jedoch differenziert beantwortet. Unserem Alltagsverständnis von Wahrheit kommt die Korrespondenztheorie am nächsten, die von der Vorstellung von Wahrheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit geprägt ist. Die Kohärenztheorie hingegen baut auf der Überprüfung von widerspruchsfreien Aussagen auf.[3] Zum einen können also Übereinstimmungen der Aussage mit der Wirklichkeit, zum anderen Übereinstimmungen mit anderen Aussagen zur Wahrheit führen.

Dies zeigt, dass die Eigenschaften einer Aussage rational mit dem Sachverhalt untersucht werden können, die Wahrheit an sich jedoch zur Frage wird.[4] Ferner ist die Wahrheit etwas, das jenseits aller Belege existiert. Davidson verweist darauf, dass die Wahrheit unabhängig von unserer Meinung ist:

Unsere Meinungen könnten genau die gleichen sein wie jetzt, und dennoch bestünde die Möglichkeit, daß die Wirklichkeit – und somit die Wahrheit über die Wirklichkeit- eine völlig andere wäre.[5]

Entscheidend ist, in Bezug auf die Begriffsdefinition von der Begrifflichkeit Wahrheit und vor allem bei der Suche nach dieser im Gerichtssaal, der Glaube an Wahrheit.

Sätze werden letztlich stets einer Interpretation unterzogen, denn:

Sind Überzeugungsgrade gegeben sowie die relative Stärke des Wunsches nach der Wahrheit interpretierter Sätze, können wir den Überzeugungen und Wünschen eines Akteurs einen propositionalen Inhalt geben.[6]

Es ist das Denken und der Glaube an die Wahrheit, der sie existieren lässt, gleich der Gerechtigkeit. Letzteres wiederum „lässt sich nur Verwirklichen, wenn man die Wahrheit kennt.“[7]

Nicht die Wahrheit, und damit der unbedingte Drang, Gerechtigkeit verwirklichen zu wollen, setzt sich letztlich durch, sondern die Geschicklichkeit der Anwälte, das komplizierte Gesetzeswerk zum eignen Vorteil auszulegen. Wahrheit ist bedeutungslos geworden, denn bereits der gesamte Alltag ist durchsetzt mit Unwahrheit.[8]

2.2 Gerechtigkeit

Wird sich mit, Persönlichkeitsstörungen im Gerichtsfilm beschäftigt, muss primär die Differenz von Recht und Gerechtigkeit abgehandelt werden. Demnach muss eine Unterscheidung zwischen der Gestalt des Rechts und Gerechtigkeit getroffen werden, da das Recht den Anspruch einnimmt im Namen der Gerechtigkeit zu agieren.

Der Philosoph Jaques Derrida verweist auf die Problematik der Gerechtigkeit im Recht und somit auf die richterliche Verantwortung. Richter dürfen nicht nur Rechtsvorschriften oder einem allgemeinen Gesetz folgen, sondern müssen den Wert übernehmen, was wiederum durch eine Deutung geschieht, als auch eine Neugründung des Rechts inkludiert.[9]

Jeder Fall ist anders, jede Entscheidung verschieden und bedarf vollkommener einzigartiger Deutung, für die keine bestehende, eingetragene, codierte Regel vollkommen einstehen kann und darf. [...] Aus diesem Paradoxon folgt, daß man niemals in der Gegenwart sagen kann: eine Entscheidung oder irgend jemand sind gerecht (daß heißt frei und verantwortlich)’.[10]

Er schlägt daher vor gerecht mit legitim und der Übereinstimmung von Konventionen und Recht gleichzusetzen. Er hält fest, dass es eher der Glaube an die Gerechtigkeit und die Idee der Gerechtigkeit ist, einer unendlichen Gerechtigkeit, die das Recht verkörpert.[11]

Friedrich Nietzsche spannt den Begriff der Gerechtigkeit historisch im Feld von Egoismus und Macht auf. Des Weiteren deutet der Philosoph auf den Aspekt der Rache hin, welcher auch heute noch strittig und in Verbindung zur Moral betrachtet werden kann, sowie die Dimension der Wandelbarkeit der Gerechtigkeit und somit des Rechts verdeutlicht:

Gerechtigkeit ist also Vergeltung und Austausch unter der Voraussetzung einer ungefähr gleichen Machtstellung: so gehört ursprünglich die Rache in den Bereich der Gerechtigkeit, sie ist ein Austausch. Ebenso die Dankbarkeit.[12]

Dies impliziert zugleich die Schwierigkeit der Trennung von Moral und Recht, da sich beide auf Normen beziehen. Doch auch wenn Moral die Bestimmung des Rechts beansprucht, bezieht sich nicht jedes Recht ausschließlich auf moralische Normen. So erkannte auch schon Niklas Luhmann, dass die Gerechtigkeit und Gleichheit, die Scheidung von recht und unrecht, keine Norm ist.[13]

Vor diesem Hintergrund können schließlich aus der Perspektive der Gegenwart die Worte von Gottfried Wilhelm Leibniz wiederholt werden, da sie aktueller denn je erscheinen:

„Erstens ist alles, was notwendig ist, auch gerecht. Zweitens ist alles, was geboten ist, auch nützlich bzw. alles, was ungerecht ist, auch schädlich.“[14]

Die Unterscheidung von gerecht und ungerecht lässt sich also primär auf die Konstante des Schadens und Nutzens konstatieren. Was wiederum einer Deutung erliegt, welche nahezu unberechenbar erscheint.

Das Recht ist nicht die Gerechtigkeit. Das Recht ist das Element der Berechnung; es ist nur (ge)recht, daß es ein recht gibt, die Gerechtigkeit indes ist unberechenbar: sie erfordert, daß man mit dem unberechenbaren rechnet.[15]

Das Recht lässt sich nicht mit Gerechtigkeit gleich setzen sondern ist nur ein Element der Gerechtigkeit, welche einer Eigenschaft und einer Beurteilung vorausgeht.[16]

2.3 Wahnsinn

Der Begriff Wahnsinn wurde nie unumstritten geklärt. In der Aufklärung wurde der Begriff als Abwesenheit von Vernunft also negativ erklärt.[17] Dies jedoch fungiert nicht als genaue Definition, denn dabei wird nur durch eine Abwesenheit bzw. eines Fehlens eine Erklärung gegeben. Nicht nur die Problematik des Charakters der Seele bzw. ihr Sitz auch die Ursachen und dadurch die Heilung kann nicht bestimmt werden. Die gegenwärtige medizinische Definition sieht die Ursache in neuronalen Störungen, welche durch exogene Faktoren oder genetische Veranlagung verursacht werden.[18] Eine psychologische Definition des Wahnsinns ist a priori unmöglich.[19] Der Wahnsinn ist keine Tatsache, sondern vielmehr etwas, dass von der Abgrenzung der Vernunft konstituiert wird.[20] Im Gegensatz dazu wurde bereits im 18. Jahrhundert festgestellt, dass sich Vernunft und Wahnsinn nicht ausschließen müssen, sondern sogar einander bedingen können.[21] In diesem Zusammenhang werden oft Parallelen von Genie und Wahnsinn gezogen.

Die Bestimmung dessen was Wahnsinn und Vernunft jedoch ist, unterliegt der Ideologie der jeweiligen Gesellschaftsnorm, die bestimmt was Wahnsinn ist, wenn Vernunft in Abhängigkeit von Normalität betrachtet wird. Wenn die Vernunft als Gegensatz zu Wahnsinn steht und vom Nicht-Wahnsinn gekennzeichnet ist, dann ist erstens zu hinterfragen inwiefern jeder Mensch stets vernünftig handelt ohne einen Anteil an Wahnsinn in sich zu tragen und zweitens anstatt die Polarität hinzunehmen ein dazwischen zu suchen.[22]

Dieser Definition und Frage nach einem Zwischenraum kommt Michel Foucaults Ansatz gleich, welcher den Wahnsinn als von der Gesellschaft definiert erachtet. Den Zusammenhang des Krankheitsbegriffs mit gesellschaftlicher Produktion von Wahrheit, lieferte Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft in der er eine historische Untersuchung der Geschichte des Krankheitsbegriffs in Bezug auf die Regulierung von Normalität durch Abweichung darlegte. Laut Foucault existiere der Wahnsinn nur innerhalb der Gesellschaft.[23]

Der Philosoph zeigt, dass das Vorhandensein einer Geisteskrankheit gesellschaftlicher Konvention folgt und daher die Bestimmung des Wahnsinns wandelbar und ein Konstrukt ist. Festzuhalten ist, dass diverse Epochen sowie die dazugehörigen Gesellschaften, Geisteskrankheit konträr deuten.[24] Statt einer Krankheit schlägt Foucault vor, z.B. eine wertfreie und persönliche Eigenheit zu erkennen.[25] Er weist daraufhin, dass der Wahnsinn, wie dieser heute betrachtet wird, nicht existiert, da es schon immer Wahnsinnige -im Sinne von geisteskranken Menschen- gab, sich jedoch die Auffassung und gesellschaftliche Meinung erst entwickelt hat. Wahnsinn ist demnach eine Illusion, die sich als Gewissheit komprimiert hat. Diese wird nun als Wahrheit aufgefasst und von den jeweiligen Machthabern hergestellt. So scheint der Stand des Beobachters und die Deutung ähnlich der Wahrheit und der Gerechtigkeit mehr zu verraten als die Definition selbst.[26] Foucault sah Geisteskrankheit als eine kulturelle und soziale Erfindung. Der Philosoph war ein Vertreter der Antipsychiatriebewegung. Das Argument, auf dem die Antipsychiatriebewegung beruhte, war, dass die Gesellschaft definiert, was krank ist und psychische Krankheiten ausschließlich von sozialen, politischen und rechtlichen Kräften bestimmt werden.[27] Auf diese Weise wird eine Verbindung aus Wahrheit, Wahnsinn und Macht hergestellt.

3. Psychopathen im Gerichtsfilm - zwischen Wahrheit und Wahnsinn

Die Bezeichnung des Psychopathen wird gegenwärtig mit diversen Bedeutungen verknüpft. Jedoch entsprechen diese meist nicht der wissenschaftlichen Bezeichnung, sondern sind negativ konnotiert und vermehrt als Beleidigung im alltäglichen Sprachgebrauch vorzufinden.

[...]


[1] Nordhausen, 2011: S. 317.

[2] Wulff, 2003: S. 671.

[3] Vgl. Ebd.: 671f.

[4] Vgl. Warnecke, 2001: S. 139.

[5] Davidson, 2005: S.166.

[6] Ebd.: S. 209.

[7] Warnecke, 2001: S. 135.

[8] Ebd.: S. 136.

[9] Vgl. Derrida, 2002: S. 418.

[10] Ebd.: S. 419.

[11] Vgl. Ebd.: S. 422.

[12] Nietzsche, 2002: S. 298.

[13] Vgl. Luhmann, 2013: S. 140f.

[14] Leibniz, 2002: S. 195.

[15] Derrida, 2002: S. 417.

[16] Vgl. Pogge, 2005: S. 13.

[17] Vgl. Krahmer, o.J.

[18] Vgl. Ebd.

[19] Vgl. Kohns, 2007: S. 7.

[20] Vgl. Ebd.: S. 8.

[21] Vgl. Spurzheim, 1818: S. 112.

[22] Vgl. Barth, 2008: S. 59f.

[23] Vgl. Fellner, 2006: S. 34.

[24] Vgl. Foucault, 1968, S. 99 ff.

[25] Vgl. Foucault 1998, S. 641.

[26] Vgl. Kohns, 2007: S. 8.

[27] Vgl. Fellner, 2006: S.35.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Psychopathen im Gerichtsfilm
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V287616
ISBN (eBook)
9783656878520
ISBN (Buch)
9783656878537
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Courtroom Drama, Die Darstellung des Wahnsinns, Filmgeschichte, Psychopath, Wahnsinn
Arbeit zitieren
Anica Seidel (Autor), 2014, Zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Psychopathen im Gerichtsfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287616

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