Die Einfachheit der Wirklichkeit. Das Manifest Dogma 95 von Lars von Trier und Thomas Vinterberg


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziele und Absichten dieser Arbeit
1.2 Definition “Wirklichkeit”
1.3 Definition „Einfachheit“
1.4 Dogma 95?

2. Die Sünden der Brüderschaft
2.1. Wie schwer war es zu verzichten?
2.2. Festen
2.3. Idioterne

3. Das “arme” Kino

4. Ist es die Einfachheit, die den Film zur Wirklichkeit führt?

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Ziele und Absichten dieser Arbeit

Am 13. März 1995 unterzeichneten die Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg das Manifest Dogma 95 für eine „Befreiung“ des Kinos von den Einflüssen Hollywoods und dem Überfluss an technischen Manipulationen.

Doch konnten sich die dänischen Regisseure an ihr Keuschheitsgelübde halten? Ist es das „arme“ Kino, welches den Film zur Wahrheit und Wirklichkeit führt?

Im ersten Teil der Arbeit wird versucht, die Wirklichkeit und Einfachheit zu definieren und zu klären, was Dogma 95 ist und welche Gebote bzw. Regeln aufgestellt und unterzeichnet wurden.

Darauf folgend werden die Filme „Das Fest“ von Vinterberg und „Idioten“ von Lars von Trier in Bezug auf die 10 Gebote des Dogma 95 Manifestes untersucht. Es wird geprüft, ob alle Katalogpunkte darin konsequent Berücksichtigung finden.

Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, ob sich Grotowskis Gedanken zum armen Theater sowie das Bazin'sche Konzept zum filmischen Realismus im Dogma 95 Manifest widerspiegeln.

Zum Schluss wird geklärt, ob es die Einfachheit ist, die den Film zur Wirklichkeit führt.

1.2 Definition “Wirklichkeit”

Was ist Wirklichkeit? Diese Frage wird in dieser Arbeit wohl nicht beantworten werden können, aber es wir ein kurzer Abriss gegeben, was Wirklichkeit ist bzw. wie sie definiert wird und was sie nicht ist oder sein könnte.

Wirklichkeit ist all das, was wahrnehmbar und erfahrbar ist. Sie ist das, was nicht bezweifelt wird und als „wahr“ gilt.

Wirklichkeit impliziert Wirken und Wahrnehmen und wird so in den unterschiedlichen Kulturkreisen aufgrund abweichender Wahrnehmung unterschiedlich definiert. So kann man behaupten, dass Wirklichkeit ein soziales Konstrukt ist und von der jeweiligen Kultur abhängt. Daher stellt sich die Frage, ob es überhaupt nur eine Wirklichkeit gibt oder aufgrund der kulturellen Differenzen in der heutigen Gesellschaft man vielleicht eher von unterschiedlichen Wirklichkeiten sprechen sollte, in denen wir Leben.[1]

Ferner ist Wirklichkeit ein individuelles Konstrukt, da jeder Mensch eine andere Wahrnehmung hat und dementsprechend seine eigene Wirklichkeit erfährt bzw. Vorstellung von ihr hat. Wirklichkeit scheint nicht allgemeingültig und für jeden gleich erfahrbar.

Bei der Definition von Wirklichkeit scheint es einfacher, das Gegenstück zu deuten: Unwirklich ist alles nicht Reale, Fantastische, Fiktive, Traumhafte und eben der Wirklichkeit Ferne.

„Ohne eigens darüber nachdenken zu müssen, nehmen wir alles dasjenige als »wirklich«, was uns nie als unwirklich (z. B. als Täuschung, Traum, Illusion etc.) erscheinen könnte. Daher gibt es erstens zwar viele Negationsformen des Wirklichen, aber keinen symmetrischen Gegenbegriff der Wirklichkeit.“[2]

In Bezug auf den Film lässt sich ein vergleichsweise ähnliches Problem mit der Wirklichkeit seit Beginn der Filmgeschichte aufzeigen.

In der Frühphase des Kinos gab es keinen Zweifel an der Wirklichkeit bzw. dem Realitätsgehalt der Filme auf Seiten der Rezipienten.[3]

Ferner wurde dem neuen Medium zu Beginn vorgeworfen, es sei keine Kunst, da es wie die Fotografie nur mechanische Reproduktion der Realität sei und ihm das Illusionäre fehle.[4]

Im Verlauf der Filmgeschichte haben sich verschiedene Theorien über den filmischen Realismus herausgebildet. Zwei Positionen werden hier unterschieden. Zum einen die Formalisten, welche den Film als eine Konstruktion ansehen. Zum anderen die Realisten, welche den Film als Möglichkeit ansehen, zumal er einen Durchblick auf die Wirklichkeit bietet.[5]

Wirklichkeit und Fiktion brauchen einander, um das eine besser von dem anderen unterscheiden zu können, wie bei dem Definitionsversuch des Wortes deutlich wurde.

Der Spielfilm gilt als Pendant zum Dokumentarfilm. Während der Spielfilm erst gar nicht vorgibt, die Wirklichkeit bzw. die Realität zu zeigen, sondern nur mit Momenten der Authentizität bzw. der Illusion spielt, bringt der Dokumentarfilm, wie der Name des Genres schon sagt, Dokumente des Realen zum Vorschein. Natürlich sind diese Bilder von dem Kameramann ausgewählt und zeigen daher „nur“ seine Wirklichkeit. „Eine objektive Wirklichkeit, Realität existiert nicht“.[6] Dies heißt jedoch nicht, dass es keine Abbilder der Wirklichkeit oder Realität sind.

1.3 Definition „Einfachheit“

Der Begriff der Einfachheit bezieht sich in dieser Arbeit vor allem auf die technischen bzw. gestalterischen Mittel des Films.

Einfachheit impliziert, dass nur wenige Faktoren zum Entstehen oder Bestehen beitragen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der „einfache“ Gegenstand durch wenige Regeln beschrieben werden kann bzw. nur aus wenigen Elementen besteht. Er stellt daher genau das Gegenteil von Komplexität dar. Eine einfache, schlichte Gestaltung oder Art kann sich z.B. durch Verzicht ergeben.

Einfachheit kann in allen Kunstformen als Stil oder gestalterisches Mittel verwendet werden, aber wird auch als eine Lebensart verstanden. Man kann den Begriff sowohl positiv, als auch negativ interpretieren. Etwas „Einfaches“ kann als primitiv gelten und negativ konnotiert werden, aber ebenso kann man die Einfachheit mit Glück assoziieren, wie z.B. mit der Kindheit oder „den kleinen Dingen im Leben“.

Die Simplizität im Film kann auf zwei Ebene durchgeführt werden. Zum einen die ungeschminkte, schlichte und auf der Natürlichkeit der gefilmten Dinge basierende Darstellung durch den Verzicht auf filmtechnische Mittel, Tricks und Effekte. Zum anderen kann sie sich auf der inhaltlichen Ebene bzw. der Dramaturgie, welche unkompliziert sein kann, wiederfinden.

1.4 Dogma 95?

Der aus dem Griechischen stammende Begriff „Dogma“ kann mit „Meinung“ oder „Lehrsatz“ übersetzt werden. Er bezeichnet allgemein eine Formulierung von Grundwahrheiten oder Lehrsätzen, kann aber auch als Grundüberzeugung verstanden werden.[7]

In der Enzyklopädie Brockhaus steht ebenfalls: „Gewöhnlich versteht man unter Dogma religiöse Glaubenssätze und -systeme, v. a. im Christentum.“ [8]

Die Verbindung zur Kirche bzw. zur unumstößlichen Wahrheit der zehn Gebote Gottes weist zudem das in dem Filmmanifest Dogma 95 enthaltene „ Gelöbnis der Keuschheit“ auf.

„Dogma 95 ...ist ein Kollektiv von Filmregisseuren, gegründet in Kopenhagen im Frühling 1995. DOGMA 95 hat das erklärte Ziel, >>bestimmte Tendenzen<< im heutigen Kino entgegenzutreten. DOGMA 95 ist eine Rettungsaktion!“[9]

Dies ist der erste Satz des Dogma 95 Manifestes, welches Lars von Trier auf roten Flugblättern im Mai 1995 auf einer Konferenz zum hundertsten Geburtstag des Films im Pariser Odéon-Theater verteilte.[10] Der Zahl `95, der ersten öffentlichen Filmvorführung, wird so eine weitere Bedeutungsebene im Titel des Manifestes zugeschrieben, da sie nicht nur auf das Veröffentlichungsdatum des Manifestes hinweist.[11]

Die Unschuld der frühesten Phase des Kinos unterstreicht das Ziel der Dogma 95 Regisseure, zu den Wurzeln des Films zurückzukehren.

Die gewählte Farbe rot kann nicht nur als eine Art Warnsignal interpretiert werden, ebenso deutet sie auf den Kommunismus hin, wie Trier in einem Interview in Bezug auf den Begriff Dogma hinweist: „Dogma ist auch ein gutes Wort, so wie Kommunismus“[12].

So heißt es im letzten Abschnitt des Kommunistischen Manifestes:

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern(...)“[13]

Man kann dies auch auf das Dogma 95 Manifest übertragen, da dieses als Kampfansage bzw. Befreiungsaktion an den zeitgenössischen Film gerichtet war und vor dem Dreh des ersten Dogma Films veröffentlicht wurde.

Das kommunistische Manifest, als Mutter aller Manifeste, schrieb Marx in Hinblick auf ein universelles Subjekt, das erst noch kommen sollte, wie Hüser schreibt.[14] Des Weiteren erwähnt dieser die genuine Perspektive des Manifestes und betont das erste Substantiv „Gespenster“, welches auf die zukünftige Transformation des Manifestes hindeutet.[15]

Lars von Trier ist der Kopf der selbst ernannten Brüderschaft von dänischen Filmregisseuren. Des Weiteren zählen Thomas Vinterberg, Soren Kragh-Jacobsen sowie Kristian Levring dazu.

Auch dieses Filmmanifest richtete sich gegen die Tendenzen im zeitgenössischen Kino und versuchte sich einer anderen Art des Filmprozesses anzunähern. Das Manifest ist in zwei Teile gegliedert, einer „Art Streitschrift“[16], in welcher sie die Tendenzen des modernen Kinos kritisieren, und einem Regelwerk bestehend aus zehn Verzichtserklärungen.[17] Auf der ersten Seite des Manifestes ist zu lesen:

„Für Dogma 95 ist der Film keine Illusion! Heutzutage tobt ein technologischer Sturm, dessen Folge die Erhebung von Kosmetika zum Gott ist. Durch die Verwendung neuer Technologie kann jeder zu jeder Zeit die letzten Körnchen Wahrheit in die tödliche Umarmung der Sensation eintauchen.“[18]

Das Manifest richtete sich gegen alles, wofür Hollywood steht bzw. bekannt ist: das Starsystem, aufwendige Studioproduktionen und magische Effekte.[19]

Gänzlich ungeschminkt gegen die neuen Technologien, die der zeitgenössische Film zu bieten hat, sowie entgegen der konventionellen und gewöhnlichen Strategien, versuchte die Brüderschaft zurück zu den Wurzeln des Films zu gehen, um so der Wahrheit näher zu kommen. Dies spiegelt sich in ihrem Gelöbnis der Keuschheit wider:

"Ich gelobe, mich den folgenden Regeln zu unterwerfen, die von DOGMA 95 ausgearbeitet und bestätigt wurden:

1. Dreharbeiten müssen an Originalschauplätzen stattfinden. Requisiten und Bauten sind verboten. (Wenn ein bestimmtes Requisit für die Geschichte notwendig ist, muß ein Drehort gefunden werden, an dem dieses Requisit vorhanden ist.)
2. Der Ton darf niemals unabhängig vom Bild aufgenommen werden und umgekehrt. (Musik darf nicht verwendet werden, es sei denn, sie kommt direkt am Drehort vor.)
3. Es darf nur mit einer Handkamera gedreht werden. Jede Bewegung und jede Stabilisierung, die von Hand erzeugt werden kann, ist erlaubt. (Der Film darf nicht da stattfinden, wo die Kamera steht, sondern es muß da gedreht werden, wo der Film stattfindet.)
4. Der Film muß in Farbe gedreht werden. Künstliches Licht wird nicht akzeptiert. (Wenn zu wenig Licht vorhanden ist, muß die Szene gestrichen oder eine einzelne Lampe an der Kamera angebracht werden.)
5. Optische Bearbeitung ist ebenso wie die Verwendung von Filtern verboten.
6. Der Film darf keine vordergründige Action enthalten. (Mord, Waffen etc. dürfen nicht vorkommen.)
7. Zeitliche und geographische Verfremdung sind verboten. ( Das heißt, der Film findet im Hier und Jetzt statt.)
8. Gerne- Filme werden nicht akzeptiert.

[...]


[1] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie Online, Wirklichkeit.

[2] Brockhaus Enzyklopädie Online, Wirklichkeit.

[3] Vgl. Koebner, 2002: S.124.

[4] Vgl. Koebner, 2002: S.494.

[5] Vgl. Elsaesser/Hagener, 2008: S.10.

[6] Krischer, 2008: S.28.

[7] Vgl. Brockhaus Online, Dogma.

[8] Brockhaus Enzyklopädie Online, Dogma.

[9] Hallberg/Wewerka, 2001: S.11.

[10] Hallberg/Wewerka, 2001: S.9.

[11] Vgl. Christen, 2008: S.487.

[12] Björkman, 2001: S.224

[13] Marx/Engels, 1999.

[14] Vgl. Hüser, 2012, S. 13.

[15] Vgl. ebd.

[16] Krischer 2001: S. 14.

[17] Vgl. ebd.

[18] Hallberg/Wewerka, 2001: S.12.

[19] Vgl. Koebner, 2002: S.259.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Einfachheit der Wirklichkeit. Das Manifest Dogma 95 von Lars von Trier und Thomas Vinterberg
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V287620
ISBN (eBook)
9783656878643
ISBN (Buch)
9783656878650
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lars von Trier, Dogma95, Festen, Dokumentarfilm, Filmwissenschaft
Arbeit zitieren
Anica Seidel (Autor), 2013, Die Einfachheit der Wirklichkeit. Das Manifest Dogma 95 von Lars von Trier und Thomas Vinterberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287620

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