Heinrichs von Morungen "Si hat mich verwunt". Klassischer Minnesang?


Hausarbeit, 1998

10 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zum Dichter

2 Besonderheiten des Minnesangs Heinrichs von Morungen

3 Das Lied XXVII: Si hat mich verwunt

4 Literatur

1 Zum Dichter

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Dichtung Heinrichs von Morungen und versucht, die Besonderheiten seines Minnesangs herauszuarbeiten. Anhand der Interpretation des Gedichtes Si hat mich verwunt und anhand der Stilmittel, die Heinrich benutzt hat, soll verdeutlicht werden, ob und inwiefern Heinrich von Morungen ein ‚klassischer‘ höfischer Dichter war.

Die Frage der Herkunft und Lebensumstände Heinrichs von Morungen hat viel mit Mutmaßungen und wenig mit Wissen zu tun. Zwei Urkunden aus dem 13. Jahrhundert scheinen zu bezeugen, dass Heinrich ein Ministeriale des Markgrafen von Meißen war und dem Thomaskloster in Leipzig nahestand. Dass dieser Henricus de Morungen ein Dichter war, findet keine Erwähnung. Die Entstehungszeit der Lieder Heinrichs wird auf das 12. und 13. Jahrhundert geschätzt, was dafür spricht, dass die Urkunden jenen Heinrich von Morungen meinen. Heinrichs Dichtung, die in den überlieferten Handschriften zu finden ist, weist als Autor einen Her Heinrich von Morungen, bzw. einen Her Morung auf, sagt aber nichts über dessen Herkunft. Angeblich ist er 1222 im Thomaskloster in Leipzig gestorben.[1] Die breite Überlieferung seiner Lieder lässt vermuten, dass Heinrich von Morungen sich einer gewissen Wertschätzung im Mittelalter erfreute.

Diese kurzen Ausführungen sollen genügen, denn ich werde mich der Dichtung Heinrichs von Morungen nicht über seine mutmaßliche Biographie nähern, sondern über sein literarisches Werk.

Wie verhält sich Heinrich von Morungen gegenüber den Konventionen des Hofes, denen der Minnesang verpflichtet ist? Hält er sie ein, bricht er sie oder findet er Wege, sie zu umgehen? Anhand eines einzigen Gedichtes ist es sicher unmöglich, endgültige Aussagen über das gesamte Werk eines Autors und dessen Person zu treffen. Mein Anliegen ist es, Einzelheiten zu betrachten und eine der vielen Interpretationsmöglichkeiten zu verdeutlichen ohne bekannte Interpretationen zu kopieren.

2 Besonderheiten des Minnesangs Heinrichs von Morungen

Nach Auffassung des Literaturwissenschaftlers Helmut Tervooren ist die Lyrik Heinrichs „um Grade leuchtender, leidenschaftlicher und ungestümer, als man es sonst im Minnesang gewohnt ist“[2]. Heinrich von Morungen scheint in seiner Dichtung keinesfalls die Verhaltensregeln zu verletzen, die die höfische Gesellschaft ihm auferlegt. Das wird besonders deutlich in seiner Charakterisierung der Frauen. Heinrich von Morungen macht die frouwe in seiner Dichtung anschaulicher, weil er nicht nur ihre inneren, sondern auch ihre äußeren Vorzüge beschreibt. Es ziemte sich nicht, äußere Schönheit besonders hervorzuheben, denn diese war nach der antiken kalokagathia untrennbar mit innerer Schönheit verbunden.[3] Heinrich hingegen scheint sich darum nicht zu scheren und verbindet beide Aspekte auf die ihm eigene Art, indem er ir tugende und ir schoene sprachlich miteinander verbindet. Der mittelhochdeutsche Dichter Heinrich von Rugge hüllt die damals vorherrschenden Moralvorstellungen der höfischen Gesellschaft in folgende Worte, die fast wie eine Warnung an Dichter klingt, die dies nicht zu beachten gewillt scheinen: nach frouwen schoene sol ze vil gefragen, sint si gout[4]. Heinrich von Morungen erfüllt die Konzeption des Minnesangs in seinen Liedern, geht aber ungewöhnliche Wege. Er rückt einzelne Körperteile in den Vordergrund, wenn er ir vil fröiden riches mündelin[5] oder ir rosevarwer roter mund[6] beschreibt oder gar ihre Zähne (ir zene wiz ebene[7]) und ir kinne, ir kele wiz[8] und ihre arme[9]. Durch die Beschreibungen der äußeren Reize einer Frau macht er sie erfahrbarer, vorstellbarer, auch wenn sie ganz deutlich lediglich der Vorstellung des Dichters entspricht, einer Illusion, und in ihrer Vollkommenheit so nicht existiert. Genauso wenig ist sie wirklich erfahrbar, denn sie bleibt stets unerreichbar, wie es die Konzeption der Minne vorschreibt. Heinrich versteht sich darauf, Details in seine Betrachtung mit einzubeziehen, wodurch die Umworbene bildlicher wird. Man kann sie regelrecht vor dem eigenen Auge erscheinen sehen, sie bekommt ein Gesicht und ist nicht mehr nur „entrückter Gegenstand platonischer Verehrung“[10]. In eine Frau, die man sich dergestalt bildhaft vorstellen kann, und die nicht nur von der abstrakten Beschreibung ihrer inneren Werte lebt, kann man sich verlieben, auch wenn diese Liebe, ganz im Einklang mit dem Ethos des klassischen Minnesangs, platonisch gemeint ist. Die übersteigerte oder vielmehr die nicht mehr zu steigernde Wertschätzung der inneren Werte einer edlen frouwe wird hierdurch von Heinrich einerseits erweitert, andererseits wird sie abgeschwächt. Erweitert wird sie dadurch, dass die Begriffe zur Beschreibung der inneren Schönheit auch auf die äußere übertragen werden kann und vor dem inneren Auge eine stereotype Dame erscheint, die sowohl äußerlich als auch innerlich an nichts zu überbieten ist. Abgeschwächt wird sie durch die Beschreibung der Details, die zwar zeigen, dass diese Dame einmalig schön ist, jedoch ein Mensch wie du und ich, mit Zehen, Fingern, Nase und Mund.

Heinrich von Morungen geht sogar so weit, die verehrte frouwe mit eigentlich negativ besetzten Bezeichnungen zu versehen, die sie fast unirdisch und dämonisch erscheinen lassen. Wenn die frouwe auf der einen Seite mit dem Morgenstern verglichen wird[11], der Sonne[12] und einer Krone[13], so wird sie auch als dämonische Macht[14], als rouberin [15] und gar als toeterinne [16] bezeichnet. Natürlich steht diese Bezeichnung ausschließlich im Zusammenhang mit dem ergebnislosen Werben um die frouwe und die ‚grausame Einsamkeit‘, die dem Werbenden dadurch auferlegt wird. Nichtsdestotrotz nimmt sich die Wortwahl durchaus grob aus. Die drastische Darstellung des ergebnislosen und somit sinnlos erscheinenden Werbens des Minnesängers erfüllt allerdings keinen weiteren Zweck, als die „Wertvorstellungen und Seinsprobleme“[17] der damaligen Zeit darstellen zu wollen. Sie sind als Abstraktion zu verstehen, die keine realen Menschen darstellt, sondern die Personifizierung bestimmter wertbesetzter Begriffe. Personen suchen zu wollen, auf die bestimmte Beschreibungen Heinrichs passen könnten, ist müßig und sinnlos. Erstens kann niemand sagen, ob und wie oft jemand wie Heinrich die Gesellschaft hochstehender Damen der Gesellschaft genossen haben kann, noch werden diese Damen vielleicht das gewesen sein, was er besungen hat. Da das Schreiben solcher Verse eine Auftragsarbeit war und zum Vortrag auf Festen gedacht, spielte es wohl auch keine Rolle, ob damit eine ganz bestimmte Person gemeint sein konnte. Das Lied sollte gefallen und zur fröhlichen Stimmung des Festes beitragen. Genauso wenig wie religiöse Verse die Kirche kritisieren oder reale Zustände beschreiben sollten, sollte Minnesang etwas beschreiben, was jeder sehen kann, sondern etwas so beschreiben, wie es sein soll.

[...]


[1] Helmut Tervooren: Heinrich von Morungen und seine Stellung im deutschen Minnesang. In: Heinrich von Morungen, Lieder. Stuttgart 1992. S.208ff.

[2] ebd., S.202

[3] Günther Schweikle: Minnesang. Stuttgart 1995. S.184

[4] Heinrich von Morungen. In: Des Minnesangs Frühling. Bd.1. Nach Karl Lachmann, Moritz Haupt und Friedrich Vogt, neu bearbeitet von Carl von Kraus. 1940, 35. Auflage 1970. Zitiert nach: Schweikle, G.: Minnesang. Stuttgart 1995. S.184ff.

[5] zitiert nach Schweikle 1995, S.185.

[6] ebd., S.184

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] ebd.

[10] Helmut Tervooren: Heinrich von Morungen und seine Stellung im deutschen Minnesang. In: Heinrich von Morungen, Lieder. Stuttgart 1992. S.203.

[11] zitiert nach Schweikle 1995, S.185.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] ebd. S.186

[15] ebd.

[16] ebd.

[17] ebd., S.187

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Heinrichs von Morungen "Si hat mich verwunt". Klassischer Minnesang?
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Heinrich von Morungen - Ein höfischer Minnesänger?
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
10
Katalognummer
V287648
ISBN (eBook)
9783656878001
ISBN (Buch)
9783656878018
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heinrichs, morungen, klassischer, minnesang
Arbeit zitieren
Claudia König (Autor), 1998, Heinrichs von Morungen "Si hat mich verwunt". Klassischer Minnesang?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287648

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