Was ist Arbeit? Der Arbeitsbegriff im Wandel

Zeit für ein neues Verständnis von Arbeit in Deutschland?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Arbeitsbegriff im Verlauf der Geschichte
2.1. Normative Herausbildung
2.2. Ökonomische Aufladung

3. Vorherrschender Begriff der Arbeit in Politik und Wirtschaft
3.1. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Wirtschaftspolitik
3.2. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Politik der großen Volksparteien
3.3. Der Arbeitsbegriff in der Arbeitssoziologie

4. Drei Anläufe zum Aufbrechen des Arbeitsbegriffs
4.1. Erwerbsgesellschaft ohne Erwerbsarbeit - Das System wird sich selbst zum Problem
4.2. Kritik der feministischen Bewegung
4.3. Kritik aus philosophischer Sicht

5. Jenseits des konventionellen Arbeitsbegriffs
5.1. Nicht-Arbeit
5.2. Erweitertes Verständnis
5.3. Der Dritte Sektor

6. Konzepte für eine Gesellschaft mit einem erweiterten Arbeitsverständnis
6.1. Bürgerarbeit - Ulrich Beck
6.2. Bedingungsloses Grundeinkommen - André Gorz

7. Fazit

8. Quellen

1. Einleitung

Arbeit ist heute eine zentrale Institution unserer Gesellschaft in Deutschland und wohl der meisten weiteren westlich orientierten Industrieländer, weshalb diese auch als Arbeitsgesellschaften bezeichnet werden. Subjektiv wird Arbeit vom Individuum stets als soziale Tatsache wahrgenommen, die sich in vielen Facetten zeigen kann: Lust oder Last, Pflicht oder Menschenrecht, Notwendigkeit oder Selbsterfüllung. Altkanzler Schröder äußerte sich 2001 in einem Bild-Interview: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.“ Wer arbeiten könne, aber nicht wolle, dürfe somit nicht mit Solidarität rechnen (Manager- Magazin 2001)1. Diese Aussage verdeutlicht das vorherrschende und selten hinterfragte Verständnis von Arbeit in unserer Leistungsgesellschafft: Arbeit ist Lohnarbeit und Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Erwerbsfähige Menschen müssen einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, um ihre eigenen Lebenserhaltungskosten zu finanzieren und um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Weiterhin ist sie mit Zwang ausgestattet. Wer nicht arbeitet erhält unter bestimmten Voraussetzungen zwar Transferleistungen in Form von Hartz IV, die ein Leben unterhalb der Armutsgrenze ermöglichen, dennoch werden Arbeitslose, die angebotene Stellen verweigern, mit weiteren Sanktionen, bis hin zum völligen Aussetzen von Zahlungen, bestraft. Gleichzeitig wird von den Medien in Reportagen und Reality-Shows ein marktkonformes Bild des „faulen Arbeitslosen“ propagiert und reproduziert, welches Vorurteile und einen sozialen Ausschluss dieser befördert und die Erwerbsarbeit in ihrer zentralen Stellung bekräftigt.

Im Folgenden soll verdeutlicht werden, dass es sich lohnt den Begriff der Arbeit in unserer Gesellschaft zu reflektieren und sich deutlich mit ihm auseinanderzusetzen. So wird zuerst die Geschichte des Arbeitsbegriffs verfolgt, daraufhin das Verständnis von Arbeit in Deutschland betrachtet, um letztendlich Gründe aufzubringen, aus denen es sich lohnt, das vorherrschende Arbeitsverständnis grundlegend zu überdenken. Schließlich werden Vorschläge erörtert, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, die nicht auf dem Primat der Lohnarbeit basiert. Ziel dieser Hausarbeit ist es letztendlich, der verpflichtenden Erwerbsarbeit ihre legitimierende Selbstverständlichkeit zu entziehen und zu einem veränderten Verständnis von Arbeit anzuregen.

2. Der Arbeitsbegriff im Verlauf der Geschichte

Die Engführung der Arbeit auf Erwerbsarbeit und die damit einhergehende ideologische Aufladung ist noch relativ jung, stellt der Soziologe Jürgen Kocka fest. Noch im 18. Jahrhundert wurde „Arbeit im umfassenden Sinn“ (Kocka 2005: S.2) als allgemeiner Begriff verstanden, der folgende, vorsichtig gewählte Merkmale trug: „Arbeit hatte einen Zweck außerhalb ihrer selbst, den Zweck etwas herzustellen, zu leisten, zu erreichen; Arbeit hatte etwas von Verpflichtung oder Notwendigkeit an sich, diente einer von anderen gestellten oder selbst gesetzten Aufgabe; Arbeit war immer auch mühsam, hatte Widerstand zu überwinden, erforderte Anstrengung und ein Minimum an Beharrlichkeit, über den Punkt hinaus, an dem die Aufgabe aufhörte, ausschließlich angenehm zu sein.“ (Kocka 2005: S.2) Die Herausbildung unseres heutigen Begriffs der Arbeit blickt vielmehr auf eine längere Geschichte normativer und ökonomistischer Verknüpfungen zurück

2.1. Normative Herausbildung

Während Arbeit in der Antike noch stark abgewertet wurde und wortgeschichtlich vom althochdeutschen „arebeit“ (Kocka 2005: S.2) abstammt, das für „dunkel, düster und hart“ (ebd.: S.2) steht und auch „mühe, mühsal, not“ (ebd.: S.2) entspricht, war in der jüdisch- christlichen Tradition schon ein Wechselspiel aus „Fluch und Segen, Strafe und göttlicher Auftrag“ (ebd.: S.2) zu erkennen, also Arbeit als „göttlich gewollt, […] mit der Mühsal und Qual der harten Arbeit (aber) auch ein Stück Buße für die menschliche Sündhaftigkeit geleistet werden sollte“ (ebd.: S.2). Im Mittelalter und der frühen Neuzeit kam - in den sich bildenden Städten - der Arbeit und dem Handel schließlich eine wichtige Bedeutung zu. Sie prägten das bürgerliche Stadtleben, wurden mit Freiheit verknüpft und legitimierten Privateigentum und soziale Ungleichheit (vgl. ebd.: S.2). Letztendlich war es wohl die calvinistische Arbeitsethik, die, wie Weber in seiner Protestantismusthese konstatiert, der Arbeit das hohe Ansehen verschaffte und gleichzeitig die schnelle Ausbreitung des Kapitalismus beförderte. Arbeit ist „vor allem von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens überhaupt. […] >>Wer nicht arbeitet, soll nicht essen<<, gilt bedingungslos und für jedermann“ (Weber 1956: S.360). Dabei betont Weber: „Nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit ist eben das von Gott verlangte“ (ebd.: S.362). Sie verlangte Disziplin und Fleiß; der persönliche, wirtschaftliche Erfolg (oder Misserfolg) wurde als ein von Gott gesandtes Zeichen und Vorbote über den Verlauf des weiteren Lebens nach dem Tod verstanden (vgl. Weber 1956: S.370-371).

2.2. Ökonomische Aufladung

Auch die ökonomische Besetzung der Arbeit fand erst im 18. Jahrhundert statt. Der schottische Moralphilosoph und Nationalökonom Adam Smith erhob Arbeit zum „Hauptbegriff der ökonomischen Theorie und der entstehenden Wirtschaftswissenschaften“ (Kocka 2005: S.2) um mit ihm Kritik an der absolutistischen Herrschaft zu äußern. Gesellschaft war nunmehr Wirtschafts- sowie Handelsgesellschaft, Arbeit nun Wertschöpfung, Produktions- und Tauschwert und wurde nach ihrer Produktivität unterschieden, was das Entstehen einer sozialen Ungleichheit begünstigte (vgl. ebd.: S.2). Die endgültige Verengung der Arbeit auf die Erwerbstätigkeit und die damit einhergehende Entwicklung der Gesellschaft zur Arbeitsgesellschaft vollzog sich mit der Industrialisierung und den Reformen im 19. Jahrhundert. Die kapitalistische Marktwirtschaft konnte sich endgültig durchsetzen und die dadurch zunehmende Erwerbsarbeit ließ sich stärker von anderen Tätigkeiten abgrenzen: Während Arbeit vorher stark in das Familien- und Sozialleben integriert sowie diskontinuierlich und pausenhaltig war, wurde sie nun von festen Strukturen umrahmt. Sie wurde an den neu geschaffenen, vom Privatleben abgetrennten ‚Arbeitsplatz‘ in großen Manufakturen und Werkstätten verlagert, mit Messinstrumenten in ‚Arbeitszeit‘ gemessen, mit Kontrollinstrumenten kontrolliert und mit vorgeschriebenen Schichtzeiten und Pausen durchstrukturiert. Letztendlich differenzierte sie sich weiter nach Geschlechterkriterien (vgl. ebd.: S.5). Während Arbeiten im Haushalt zuvor in enger Kooperation von Mann und Frau ausgeführt wurden, kam es zu einer neuen Rollenverteilung und räumlichen Trennung mit weitreichenden Folgen für die „realen Lebens- und Arbeitsperspektiven der Geschlechter, als auch für deren ideologische Typisierung“ (Sieder 1987: S.134): Der Mann und Vater, der der bezahlten Erwerbsarbeit nachging und die Frau und Mutter, die vorrangig für die unbezahlte Familienarbeit Verantwortung übernahm, also für die Sorge um die Nachkommenschaft und als häuslicher Rückhalt des Mannes. „Die Arbeit im Hause, erstmals mit der Frau identisch geworden, wurde tendenziell ihres produktiven Charakters entleert und immer mehr zur reproduktiven Arbeit“ (Sieder 1987: S.134). Sobald „die Familie aufhörte, Produktionseinheit zu sein, verlor die arbeitsteilige Erwerbs-Kooperation der Paare an Bedeutung“ (Kocka 2005: S.5) und durch die Entlohnung der marktorientierten Arbeit und Nichtbezahlung der Hausarbeit entstand ein Werteungleichgewicht zugunsten der ersten. Die kapitalistische Lohnarbeit nach Marx, also die marktfähige Erwerbsarbeit zur Produktion von Gütern und Waren im Tausch gegen Lohn geriet in den Mittelpunkt des Diskurses. Durch das Primat der Erwerbsarbeit traten zunehmend die reproduzierenden Leistungen in den Hintergrund. Sie waren zwar nach wie vor von großem gesellschaftlichen Interesse und hoher Wichtigkeit, aber wurden als unbezahlte Tätigkeiten der männlichen Erwerbsarbeit untergeordnet (vgl. Kocka 2005: S.5-6).

3. Vorherrschender Begriff der Arbeit in Politik und Wirtschaft

Der Begriff der Arbeit ist in Deutschland durch eine starke Engführung auf die Erwerbsarbeit geprägt. Um die Aktualität dieser Einschränkung näher aufzuzeigen, werden die vorherrschenden Assoziationen des Arbeitsbegriffs in der aktuellen Wirtschaftspolitik, in der Politik der großen Volksparteien und im soziologischen Verständnis untersucht.

3.1. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Wirtschaftspolitik

Das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967 regelt die wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen in Deutschland. In §1 sind die vier wirtschaftspolitischen Ziele des sogenannten ‚magischen Vierecks‘: Preisstabilität, Wirtschaftswachstum, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und hoher Beschäftigungsgrad/ Vollbeschäftigung fest verankert. Sie bilden das Staatsziel des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Deutschlands (vgl. StabG §1). Auch in dem über dem Bundesrecht stehenden Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) verpflichtet sich die EU mit „ihrer Politik und ihre[n] Maßnahmen […] der Förderung eines hohen Beschäftigungsniveaus“ (vgl. Art. 9 AEUV)2.

Der deutsche Sozialstaat ist in Artikel 20, Abs. 1 des Grundgesetzes verankert. Das Sozialsystem wurde in den 1880er Jahren von Bismarck errichtet, bis heute weiter modifiziert und ist auf dem Fundament der Erwerbsarbeit gebaut. Es wird zu 60% aus gleichen Anteilen der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge, sowie zu 40% aus Steuern finanziert. Die starke Verkopplung mit der Erwerbsarbeit führt unter anderem dazu, dass Menschen, die bisher nicht im Erwerbsleben waren, von verschiedenen Sozialleistungen ausgeschlossen werden (vgl.: Oschmiansky/ Kühl 2010b).

3.2. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Politik der großen Volksparteien

Auf das wirtschaftspolitische Verständnis von Arbeit haben vor allem die Volksvertreter Einfluss, weshalb es Sinn ergibt, das vorherrschende politische Verständnis von Arbeit zu analysieren. Im Folgenden werden die Parteiprogramme der zwei großen Volksparteien CDU und SPD zur Kurzanalyse herangezogen. Die CDU lässt in ihrer Einleitung des Grundsatzprogrammes von 2007 verlauten: „Der Mensch entfaltet sich auch in der Arbeit. Deshalb ist Vollbeschäftigung das Ziel der CDU“ (Grundsatzprogramm CDU 2007: S.11).

[...]


1 Artikel im Manager-Magazin vom 6.04.2001 über die Äußerung Gerhard Schröders in einem Interview mit der Bild-Zeitung: „Nach Ansicht des Bundeskanzlers gehen die Arbeitsämter viel zu zimperlich mit den Arbeitslosen um, die bereits einen Job abgelehnt haben.“ (Manager-Magazin 2001)

2 Allerdings wird im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union der Preisstabilität eine vorrangige Stellung eingeräumt. Europarecht bricht Bundesrecht. (vgl. Art. 127 AEUV)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Was ist Arbeit? Der Arbeitsbegriff im Wandel
Untertitel
Zeit für ein neues Verständnis von Arbeit in Deutschland?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (FB 2 - Soziologie)
Veranstaltung
Arbeitssoziologie - Was ist Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V287738
ISBN (eBook)
9783656879855
ISBN (Buch)
9783656879862
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Arbeitsbegriff, Grundeinkommen, Erwerbsarbeit, Arbeitsgesellschaft, Beschäftigungsformen, Dritter Sektor, Arbeitsverständnis, Bürgerarbeit, Berufsarbeit, Familienarbeit, Hausarbeit, Arbeitssoziologie
Arbeit zitieren
Tobias Schneider (Autor), 2013, Was ist Arbeit? Der Arbeitsbegriff im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287738

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