Arbeit ist heute eine zentrale Institution unserer Gesellschaft in Deutschland und wohl der meisten weiteren westlich orientierten Industrieländer, weshalb diese auch als Arbeitsgesellschaften bezeichnet werden. Subjektiv wird Arbeit vom Individuum stets als soziale Tatsache wahrgenommen, die sich in vielen Facetten zeigen kann: Lust oder Last, Pflicht oder Menschenrecht, Notwendigkeit oder Selbsterfüllung.
Altkanzler Schröder äußerte sich 2001 in einem Bild-Interview: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.“ Wer arbeiten könne, aber nicht wolle, dürfe somit nicht mit Solidarität rechnen (Manager-Magazin 2001) .Diese Aussage verdeutlicht das vorherrschende und selten hinterfragte Verständnis von Arbeit in unserer Leistungsgesellschafft: Arbeit ist Lohnarbeit und Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Erwerbsfähige Menschen müssen einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, um ihre eigenen Lebenserhaltungskosten zu finanzieren und um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Weiterhin ist sie mit Zwang ausgestattet.
Wer nicht arbeitet erhält unter bestimmten Voraussetzungen zwar Transferleistungen in Form von Hartz IV, die ein Leben unterhalb der Armutsgrenze ermöglichen, dennoch werden Arbeitslose, die angebotene Stellen verweigern, mit weiteren Sanktionen, bis hin zum völligen Aussetzen von Zahlungen, bestraft. Gleichzeitig wird von den Medien in Reportagen und Reality-Shows ein marktkonformes Bild des „faulen Arbeitslosen“ propagiert und reproduziert, welches Vorurteile und einen sozialen Ausschluss dieser befördert und die Erwerbsarbeit in ihrer zentralen Stellung bekräftigt.
Im Folgenden soll verdeutlicht werden, dass es sich lohnt den Begriff der Arbeit in unserer Gesellschaft zu reflektieren und sich deutlich mit ihm auseinanderzusetzen. So wird zuerst die Geschichte des Arbeitsbegriffs verfolgt, daraufhin das Verständnis von Arbeit in Deutschland betrachtet, um letztendlich Gründe aufzubringen, aus denen es sich lohnt, das vorherrschende Arbeitsverständnis grundlegend zu überdenken. Schließlich werden Vorschläge erörtert, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, die nicht auf dem Primat der Lohnarbeit basiert. Ziel dieser Hausarbeit ist es letztendlich, der verpflichtenden Erwerbsarbeit ihre legitimierende Selbstverständlichkeit zu entziehen und zu einem veränderten Verständnis von Arbeit anzuregen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Arbeitsbegriff im Verlauf der Geschichte
2.1. Normative Herausbildung
2.2. Ökonomische Aufladung
3. Vorherrschender Begriff der Arbeit in Politik und Wirtschaft
3.1. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Wirtschaftspolitik
3.2. Der Arbeitsbegriff in der aktuellen Politik der großen Volksparteien
3.3. Der Arbeitsbegriff in der Arbeitssoziologie
4. Drei Anläufe zum Aufbrechen des Arbeitsbegriffs
4.1. Erwerbsgesellschaft ohne Erwerbsarbeit – Das System wird sich selbst zum Problem
4.2. Kritik der feministischen Bewegung
4.3. Kritik aus philosophischer Sicht
5. Jenseits des konventionellen Arbeitsbegriffs
5.1. Nicht-Arbeit
5.2. Erweitertes Verständnis
5.3. Der Dritte Sektor
6. Konzepte für eine Gesellschaft mit einem erweiterten Arbeitsverständnis
6.1. Bürgerarbeit – Ulrich Beck
6.2. Bedingungsloses Grundeinkommen – André Gorz
7. Fazit
8. Quellen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den historischen Wandel des Arbeitsbegriffs in Deutschland und kritisiert dessen gegenwärtige, starke Verengung auf die erwerbsorientierte Lohnarbeit. Das primäre Ziel ist es, die gesellschaftliche Fixierung auf diese Form der Arbeit zu hinterfragen, die Notwendigkeit einer Neubewertung aufzuzeigen und alternative Konzepte für eine Gesellschaft zu diskutieren, die nicht ausschließlich auf dem Primat der Lohnarbeit basiert.
- Historische Entwicklung und ideologische Aufladung des Arbeitsbegriffs
- Analyse der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Definitionen von Arbeit
- Kritik an der Exklusivität der Erwerbsarbeit durch feministische und philosophische Ansätze
- Identifikation und Aufwertung gesellschaftlich relevanter, unbezahlter Tätigkeiten
- Vorstellung alternativer Zukunftsmodelle wie Bürgerarbeit und Grundeinkommen
Auszug aus dem Buch
2. Der Arbeitsbegriff im Verlauf der Geschichte
Die Engführung der Arbeit auf Erwerbsarbeit und die damit einhergehende ideologische Aufladung ist noch relativ jung, stellt der Soziologe Jürgen Kocka fest. Noch im 18. Jahrhundert wurde „Arbeit im umfassenden Sinn“ (Kocka 2005: S.2) als allgemeiner Begriff verstanden, der folgende, vorsichtig gewählte Merkmale trug: „Arbeit hatte einen Zweck außerhalb ihrer selbst, den Zweck etwas herzustellen, zu leisten, zu erreichen; Arbeit hatte etwas von Verpflichtung oder Notwendigkeit an sich, diente einer von anderen gestellten oder selbst gesetzten Aufgabe; Arbeit war immer auch mühsam, hatte Widerstand zu überwinden, erforderte Anstrengung und ein Minimum an Beharrlichkeit, über den Punkt hinaus, an dem die Aufgabe aufhörte, ausschließlich angenehm zu sein.“ (Kocka 2005: S.2) Die Herausbildung unseres heutigen Begriffs der Arbeit blickt vielmehr auf eine längere Geschichte normativer und ökonomistischer Verknüpfungen zurück
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik der einseitigen Definition von Arbeit als Lohnarbeit in Deutschland ein und skizziert das Ziel, diesen verengten Begriff zu hinterfragen.
2. Der Arbeitsbegriff im Verlauf der Geschichte: Es wird die historische Wandlung des Arbeitsbegriffs aufgezeigt, von einem umfassenden Verständnis hin zur heutigen normativen und ökonomischen Verengung.
3. Vorherrschender Begriff der Arbeit in Politik und Wirtschaft: Dieses Kapitel analysiert, wie Politik, große Volksparteien und die Arbeitssoziologie den Arbeitsbegriff aktuell definieren und auf Erwerbsarbeit fokussieren.
4. Drei Anläufe zum Aufbrechen des Arbeitsbegriffs: Hier werden ökonomische, feministische und philosophische Kritiken vorgestellt, die versuchen, die Exklusivität der Erwerbsarbeit theoretisch und praktisch aufzubrechen.
5. Jenseits des konventionellen Arbeitsbegriffs: Das Kapitel diskutiert Kategorien wie Nicht-Arbeit, Muße und den "Dritten Sektor", um ein breiteres Verständnis von Tätigkeiten jenseits der klassischen Lohnarbeit zu etablieren.
6. Konzepte für eine Gesellschaft mit einem erweiterten Arbeitsverständnis: Es werden konkrete Lösungsansätze wie die Bürgerarbeit von Ulrich Beck und das bedingungslose Grundeinkommen von André Gorz als alternative Zukunftsperspektiven dargelegt.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert dazu auf, herrschaftliche Interessen hinter dem Arbeitsbegriff offenzulegen und eine unvoreingenommene gesellschaftliche Debatte über die Zukunft der Arbeit zu führen.
8. Quellen: Auflistung der verwendeten Literatur und Online-Ressourcen.
Schlüsselwörter
Arbeitsbegriff, Erwerbsarbeit, Arbeitsgesellschaft, Lohnarbeit, Leistungsgesellschaft, Sozialstaat, Dritter Sektor, Bürgerarbeit, Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesellschaftswandel, Arbeitssoziologie, Familienarbeit, Ehrenamt, Beschäftigungspolitik, ökonomische Aufladung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich der Begriff "Arbeit" historisch entwickelt hat und warum er heute in Deutschland fast ausschließlich mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese des Arbeitsbegriffs, der Kritik an der Fixierung auf Erwerbsarbeit sowie der Vorstellung von Zukunftskonzepten wie dem Grundeinkommen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, der verpflichtenden Erwerbsarbeit ihre legitimierende Selbstverständlichkeit zu entziehen und Anreize für ein breiteres, humaneres Verständnis von Arbeit zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine theoretische Aufarbeitung soziologischer und wirtschaftsphilosophischer Texte, um den Diskurs über Arbeit zu reflektieren und Alternativen zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Einengung des Arbeitsbegriffs, politischen Definitionen, feministischer sowie marxistischer Kritik und der Bedeutung des Dritten Sektors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Arbeitsgesellschaft, Erwerbsarbeit, Lohnarbeit, gesellschaftliche Teilhabe, bedingungsloses Grundeinkommen und der Dritte Sektor.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise der CDU von der der Piratenpartei im Dokument?
Die CDU koppelt Arbeit fest an Ökonomie, Wohlstand und Vollbeschäftigung, während die Piratenpartei die Verknüpfung von Einkommen und Erwerbsarbeit kritisiert und ein Grundeinkommen fordert.
Was bedeutet der Begriff "Muße" im Kontext dieser Arbeit?
Im Gegensatz zur Erwerbsarbeit, die auf einen Zweck in der Zukunft hinarbeitet, erfüllt Muße die Gegenwart und beschreibt Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen ausgeübt werden.
- Citar trabajo
- Tobias Schneider (Autor), 2013, Was ist Arbeit? Der Arbeitsbegriff im Wandel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287738