Kreativität, Selbstbesinnung, Vorstellungsvermögen - für die griechische Antike war mit der Erinnerung weit mehr verbunden, als in den Begriff der 'memoria' als bloße Erinnerung einer früheren Handlung oder eines Ereignisses später hineingenommen wurde. Vor allem Platons Unterscheidung zwischen Gedächtnis und Wiedererinnerung, die die bloß latente Wahrnehmung 'beseelt', verdient Beachtung, denn sie führt direkt zu Husserls Analysen des Zeitbewusstseins. Nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der gegenwärtigen und zukünftigen Zeit lässt die Seele in uns "Schriften und Bilder" entstehen, sagt Platon im Philebos .
Heißt das aber nicht, dass sich die Seelentätigkeit überhaupt an den drei Zeiten orientiert, daß Zeitlichkeit die Form vorgibt, in der 'Schriften und Bilder' erst in uns entstehen können? Ist dann nicht Zeitlichkeit die Form, in der Bewusstsein erst existieren kann ? Und wenn nur durch Erinnerung Selbstbesinnung möglich ist, bedeutet das nicht, dass die im Zeitfluss existierende Seele dennoch gleichsam innehalten und von ihrer Form wissen kann? Diese Fragen leiten Husserls phä-nomenologische Analysen des inneren Zeitbewusstseins. Die vorliegende Arbeit zeichnet nach, dass die Erinnerung, in der allein der Bewusstseinsstrom erfahrbar wird, sich für Husserl zur zentralen Kategorie heraus kristallisiert, und zwar sowohl ontologisch als auch erkenntnistheoretisch.
Die Zeitlichkeit ist für Husserl die universelle Form, in der sich ‚jedes erdenkliche Ego für sich selbst konstituiert; diese ‚egologische Genese’ folgt eben jener Gesetzmäßigkeit, nach der sich ständig strömend ‚Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eins konstituieren’.
So eröffnet sich für Husserl in der Analyse des inneren Zeitbewusstseins die Phänomenologie der originären cogitationes, die dem lebendigen Bewusstsein sein Präsenzfeld geben.
Inhaltsverzeichnis
I Mnemosyne
II Voraussetzungen der Husserlschen Zeitanalyse: Die Begriffe der Konstitution und Fundierung
III Das originäre Zeitfeld
IV Die primäre Erinnerung
V Die sekundäre Erinnerung
VI Schlußbemerkung: Erinnerung als Grundlage der transzendentalen Phänomenologie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Erinnerung für die Konstitution des Zeitbewusstseins in Edmund Husserls Phänomenologie. Ziel ist es, die Rolle der primären und sekundären Erinnerung innerhalb des Bewusstseinsstroms zu explizieren und deren Relevanz für die transzendentale Phänomenologie herauszuarbeiten.
- Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins
- Differenzierung von primärer (Retention) und sekundärer Erinnerung
- Konstitutionsanalyse von Zeit und Identität
- Bezugnahme auf platonische und augustinische Gedächtnisbegriffe
- Die Funktion der Erinnerung als Grundlage des transzendentalen Ichs
Auszug aus dem Buch
Die primäre Erinnerung
Die zweite Konsequenz des originären Zeitfeldes ergibt sich aus der, wie Husserl sagt, "eigentümlichen Intentionalität" (VPhiZ, §12, 5.392) der Retention.
Die "im Jetzt" geschehende primäre Erinnerung, die keine Verbildlichung der Impression, sondern "originäres Bewußtsein" ist, führt dazu, daß Zeitanschauung überhaupt "in jedem Punkt ihrer Dauer ( ... ) Bewußtsein vom eben G e w e s e n e n ist und nicht bloß Bewußtsein vorn Jetztpunkt des als dauernd erscheinenden Gegenstands" (ebd.). Das heißt also: indem die Retention Wahrnehmung originär bewahrt, kommt sie mit ihr überein; Retention und Wahrnehmung fallen insofern zusammen: "Nennen wir aber Wahrnehmung den Akt, in den aller 'Ursprung' liegt, der originär konstituiert, so ist die primäre Erinnerung Wahrnehmung. Denn nur in der primären Erinnerung sehen wir Vergangenes, nur in ihr konstituiert sich Vergangenheit, und zwar nicht repräsentativ, sondern präsentativ" (VPhiZ, §17, 5.401).
So ist also in Husserls originärem Zeitfeld das zu finden, was Platon 'Gedächtnis' nannte: Die 'Aufbewahrung der Wahrnehmung' wird in Husserls differenzierter Bewußtseinsanalyse zum kontinuierlichen Sichfortsetzen einer Retentionskette und eröffnet damit dem Bewußtsein erst sein Präsenzfeld.
Zusammenfassung der Kapitel
I Mnemosyne: Historische Einordnung des Erinnerungsbegriffs ausgehend von der griechischen Antike und Platon.
II Voraussetzungen der Husserlschen Zeitanalyse: Die Begriffe der Konstitution und Fundierung: Darstellung des phänomenologischen Anspruchs Husserls und der Begriffe der Konstitutionsanalyse sowie Intentionalität.
III Das originäre Zeitfeld: Analyse der Struktur von Urimpression, Retention und Protention als Basis des Zeitbewusstseins.
IV Die primäre Erinnerung: Erläuterung der Retention als originäre Bewusstseinsleistung, die das "Soeben-Gewesene" festhält.
V Die sekundäre Erinnerung: Abgrenzung und Funktion der Wiedererinnerung als bewusster Akt der Vergegenwärtigung vergangener Erlebnisse.
VI Schlußbemerkung: Erinnerung als Grundlage der transzendentalen Phänomenologie: Zusammenführende Reflexion über die Bedeutung der Erinnerung für das Selbstbewusstsein und die transzendentale Konstitution.
Schlüsselwörter
Husserl, Zeitbewusstsein, Retention, Protention, Urimpression, Phänomenologie, Erinnerung, Wiedererinnerung, Konstitution, Intentionalität, Bewusstseinsstrom, Transzendenz, Zeitlichkeit, Cogito, Präsenzfeld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit untersucht, wie Erinnerungsprozesse in Husserls Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins dazu beitragen, dass wir Zeit als strukturierte und sinnhafte Einheit wahrnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Retention, der primären und sekundären Erinnerung sowie die philosophische Grundlegung der Zeitkonstitution.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Bewusstsein durch kontinuierliche Erinnerungsleistungen die Bedingungen für eine objektive Zeitwahrnehmung schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der phänomenologischen Analyse und Interpretation der Schriften Edmund Husserls, ergänzt durch historische Bezüge zur Philosophiegeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Stufen der Zeiterfahrung – vom originären Zeitfeld bis hin zur sekundären Wiedererinnerung – und deren Bedeutung für das transzendentale Ich.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist maßgeblich durch die Begriffe Retention, Konstitution, Bewusstseinsstrom und Zeitlichkeit geprägt.
Wie unterscheidet Husserl laut dieser Arbeit zwischen primärer und sekundärer Erinnerung?
Die primäre Erinnerung (Retention) ist eine unthematische, originäre Mitgabe des Soeben-Gewesenen im Jetzt, während die sekundäre Erinnerung ein aktiver, reproduktiver Akt des gezielten Rückblickens auf ein vergangenes Erlebnis ist.
Welche Rolle spielt die Metapher von "Mnemosyne" in der Arbeit?
Sie dient als historischer Ankerpunkt, um die philosophische Bedeutung des Gedächtnisses als konstitutive Kraft für Selbstbesinnung und Bewusstsein einzuführen.
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- Heike Obermanns (Author), 1996, Die Bedeutung der Erinnerung für die Konstitution der Zeit in Husserls "Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28774