"Das Nonnenturnier". Strukturalistische Analyse

Mit besonderer Beachtung des Waldaufenthaltes des Ritters


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

1. Rahmenhandlung und Fragestellung

2. Auswahl der bestgeeigneten Theorie

3. Anwendung des Strukturalismus
3.1. Kategorie "Raum"
3.2. Kategorie "Zeit"

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Rahmenhandlung und Fragestellung

Das schwankhafte Mär Das Nonnenturnier (althochdeutsch: Der turney von dem czers), um 1430 entstanden[1], beinhaltet die Geschichte eines erfolgreichen Ritters, der zahlreiche Liebesnächte mit verschiedenen Damen verbringt.[2] Nachdem er das Gesuch einer dieser Damen ablehnt, länger mit ihm zusammen zu sein, rät sie ihm, sich seinen Penis zu entfernen und verspricht ihm dafür Ehre und Ansehen: "ja solt ir in versteinen, den zwischen euwern Beinen, so müsten euch alle frauwen loben und nach euch wüten und toben und gewünne<t> wirde und ere."[3]

Es folgt ein längerer Disput zwischen dem Ritter und seinem zagel, an dessen Ende letzterer tatsächlich vom Körper getrennt und unter die Treppe eines Nonnenklosters gelegt wird.[4] In der Erwartung einer positiven Konsequenz kehrt der Ritter zu der Dame zurück. Diese ruft jedoch sofort andere Frauen herbei und zusammen jagen sie ihn aus der Stadt: mit rocken und mit stecken gaben sie im zulecken mangen starken straich, das im der rück wart weichrecht als vorn der leip.mer wan hundert weipdie jageten in auß der stat,"[5]

Er flüchtet sich in eine Höhle im Wald, wo er noch vierunddreißig Jahre in Trauer und Schande lebt, biß im der tot das leben nam[6], worauf der Text den weiteren Werdegang des zagel behandelt. Der Aufenthalt des Ritters im Wald wirft Fragen auf: Wenn der Ritter mit seinem Penis auch seine Ehre verloren hat, von den Frauen nicht mehr geliebt und sogar verjagt wird, endet seine Rolle als Hauptfigur. Gerade weil der Text an dieser Stelle nicht schließt, sondern die Geschichte des zagel weitererzählt, ist es interessant, dass die des Ritters noch zum Abschluss gebracht wird – sogar bis zu seinem Lebensende. Also: Warum ist das so? Warum ist es nötig, das weitere Dasein des Ritters – das wohlgemerkt keinen Einfluss mehr auf den weiteren Handlungsverlauf hat – noch aufzuzeigen, statt seine Geschichte mit der Flucht in den Wald enden zu lassen? Und warum ist dieses Aufzeigen so kurz? Außerdem: Wenn der Ritter es fertigbringt, sich seinen Penis abzuschneiden (was ihm im Text scheinbar nicht viel Überwindung kostet), wäre er vermutlich auch zu Schlimmerem fähig. Warum erträgt er nach der Hatz auf ihn noch ganze vierunddreißig Jahre in Trauer: "er weint vor sich dar mer dan vierunddreißig jar und wart gar ein armer man, biß im der tot das leben nam."[7]

Er könnte sich auch das Leben nehmen. Aber das Ganze wirkt fast wie eine Selbstgeißelung – was aber verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass der Ritter geglaubt hat, das richtige zu tun: "er sprach:'tuw dar vil trat, nu gebt mir das botenbrot! ich han mein zagel her nu bracht, das er nimmermer keiner frauwen tut kein leit. des dünk ich mich gemait.'"[8]

Mögliche Antworten auf diese Fragen sollen im Folgenden unter Zuhilfenahme einer ausgewählten literaturwissenschaftlichen Theorie gefunden werden.

2. Auswahl der bestgeeigneten Theorie

Im vergangenen Semester wurden in dem Kurs, für den auch diese Hausarbeit geschrieben werden soll, vier literaturwissenschaftliche Theorien und deren Methoden näher beleuchtet: Die Dekonstruktion, der Strukturalismus, die Diskursanalyse und die Hermeneutik. In Anbetracht der Fragestellung zu der Textstelle, an der der Ritter im Wald lebt, muss nun entschieden werden, welche der besagten Theorien am besten geeignet ist.

Der Versuch, die Fragen hermeneutisch anzugehen, ist wenig erfolgsversprechend: Die Textstelle erstreckt sich zwar über vierunddreißig Jahre erzählte Zeit, gibt aber fast nichts Inhaltliches preis, das diesen Zeitraum betrifft. Zudem wird in der Hermeneutik generell von einem Sinn ausgegangen, der zu entschlüsseln ist. Doch gerade mit einem dermaßen grotesken Text dürfte dies schwer zu handhaben sein. Ein hermeneutischer Ansatz ist in diesem Fall also weniger ratsam. Auch der Versuch, mit der Dekonstruktion zu arbeiten, bringt Hindernisse mit sich. Deren Ziel ist es schließlich, den Sinn eines Textes zu zerstreuen und die innere Logik und Struktur zu zerstören. Auch hier stört wieder die Tatsache, dass Der turney von dem czers von Anfang an sehr irritierend ist, und die Frage nach Sinn und Logik sehr spekulativ/interpretativ ist. Hinzu kommt, dass die Geschichte eigentlich aus zwei Teilen besteht, denn nach dem Tod des ersten Protagonisten – des Ritters – wird fortan aus der Sicht des zagel erzählt:

"Nu sult ir stille gedagen, so wil ich euch von dem zagel sagen."[9]

Demnach ist auch die Dekonstruktion ungeeignet. Es bleiben noch die Diskursanalyse und der Strukturalismus. Ersteres scheidet auch aus, da diese Theorie sich mit der Analyse der sprachlichen Handlungen auf mehreren Ebenen beschäftig. In Der turney von dem czers wird zwar gesprochen, aber nicht an der Stelle, die es vorrangig zu untersuchen gilt. Demzufolge bleibt als Konsequenz noch der Strukturalismus. Diese Theorie bietet die Möglichkeit, zeitliche, räumliche, personelle, etc. Aspekte unabhängig vom Textinhalt in den Blick zu nehmen. Und gerade was Zeit und Raum angeht, bietet die Stelle im Text etwas Außergewöhnliches: Zum einen die mit Abstand längste konkret erzählte Zeit des Textes in Form der vierunddreißig Jahre Trauer. Zum anderen einen Schauplatz, der gegenüber dem restlichen Text, in dem mehrmals zwischen der Stadt Saraphat[10] und dem Nonnenkloster (beziehungsweise dem dazugehörigen Turnierplatz) gewechselt wird, aus der Reihe fällt. Allein die Zugehörigkeit zur Zivilisation betreffend, steht eine isolierte Höhle im Wald im starken Kontrast zu einer Stadt oder einem Kloster. Es wird im Folgenden also die Theorie des Strukturalismus angewendet, um durch Interpretationen mögliche Lösungen für die im Text aufgekommenen Unklarheiten zu finden.

3. Anwendung des Strukturalismus

3.1. Kategorie "Raum"

Der turney von dem czers beschränkt sich auf wenige Schauplätze, die zunächst chronologisch dargestellt werden sollen: Verse 1 bis 11 spielen sich am Ort des Vortrags der Geschichte ab, bevor der Erzähler von Vers 12 bis 38 den Ritter vorstellt. Hierbei wird kein expliziter Ort genannt, es ist jedoch anzunehmen, dass sich sein Leben größtenteils am mittelalterlichen Hof abspielt, worauf die folgenden Stellen hinweisen: "den sahen schöne frauwen gern bei kurzweile und bei hohen ern, und wo die meinst mennige was, da man trank und aß."[11] "waidenlichen mit dem sper kond er wol in turnei."[12]

Festliche Anlässe und Ritterturniere waren zu dieser Zeit am Hof üblich, deswegen dieser Schluss. Es folgt zunächst ein Gespräch und dann eine lange Liebesnacht mit einer Dame. Auch das trägt sich am Hof zu, denn besagte Dame wird in Vers 40 des Textes als edele frauwe bezeichnet. Zusammen mit dem Dialog am nächsten Morgen geht diese Stelle bis Vers 140, ab dem der Erzähler den erzählten Ort für eine Voraussage ("allem seinen guten leben wart ein swachs ende gegeben."[13] ) kurz bis Vers 148 verlässt. Nun beginnt das Streitgespräch des Ritters mit seinem zagel, an dessen Ende der Ritter ihn abschneidet. Die bis Vers 242 erzählte Szene enthält ebenfalls keinen Hinweis auf den Handlungsort, aber da der Ritter alters ein (Vers 152) war, ist anzunehmen, dass er sich in seinem Gemach – und damit noch immer am Hof – befindet. Nach der Kastration folgt ein kurzer Part (Vers 243-248) beim Nonnenkloster, wo der Penis unter die Treppe gelegt wird. Dann wechselt das Geschehen wieder an den Hof, von dem der Ritter ab Vers 276 von den Frauen in den Wald verjagt wird, in dem er fortan verweilt, bis er in Vers 288 dann seinen Tod findet. Der Fokus richtet sich nun auf den zagel und damit auf das Nonnenkloster, wo sich von seiner Entdeckung bis zum Beschluss des namensgebenden Turniers alles abspielt (Vers 289-420). Hier wird das Kloster als Handlungsort von dem Turnierplatz abgelöst. Sofern die Einigung der Nonnen, über das Geschehene Stillschweigen zu bewahren, nicht im Kloster stattgefunden hat, endet die Geschichte auf dem Platz.

[...]


[1] Eming, Jutta: Der Kampf um den Phallus. Körperfragmentierung, Textbegehren und groteske Ästhetik im Nonnenturnier. In: The German Quarterly 85 (2012), S. 380-400.

[2] Grubmüller, Klaus (Herausgeber): Das Nonnenturnier. In: Novellistik des Mittelalters. Märendichtung, Frankfurt am Main, Deutscher Klassiker Verlag 1996, S. 944/945.

[3] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 950., Vers 125-129.

[4] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 956.

[5] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 958, Vers 271-277.

[6] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 960, Vers 288.

[7] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 958/960, Vers 285-288.

[8] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 958, Vers 253-258.

[9] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 960, Vers 289/290.

[10] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 958, Vers 278.

[11] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 944, Vers 13-16.

[12] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 944, Vers 26/27.

[13] Grubmüller: Das Nonnenturnier. S. 952, Vers 141/142.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Das Nonnenturnier". Strukturalistische Analyse
Untertitel
Mit besonderer Beachtung des Waldaufenthaltes des Ritters
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V287750
ISBN (eBook)
9783656879756
ISBN (Buch)
9783656879763
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Nonnenturnier, Strukturalismus, Ritter, Kastration
Arbeit zitieren
Paul Hacker (Autor), 2014, "Das Nonnenturnier". Strukturalistische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287750

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