„There is some fascination, surely, when I am moved by the mere presence of such a one, even lying as she lay in a tomb fretted with age and heavy with the dust of cenuries, though there be that horrid odour such as the lairs of the Count have had. Yes, I was moved – I, Van Helsing, with all my purpose and with my motive of hate – I was moved to a yearning for delay which seemed to paralyse my faculties and to clog my very soul.“ (aus: Bram Stoker, Dracula, S.439).
Die Faszination, die sogar der Vampirjäger Van Helsing gegenüber einer im Tagesschlaf liegenden Vampirin verspürt, steht sinnbildlich für die Faszination des Menschen am Horror, am Andersartigen und Dunklen. Obschon er durch seinen Verstand, seine Erfahrung und dem üblen Todesgeruch abgestossen sein sollte vom halbtoten Wesen im Sarg, macht eine nicht fassbare Anziehungskraft diese rationellen Überlegungen zunichte. Und so pendelt auch der Mensch zwischen Ekel und Faszination, zwischen existentieller Angst und genussvollem Schauder angesichts des fiktiven Horrors in Büchern, Filmen und anderswo.
Diese Arbeit will unter anderem versuchen, diese ambivalenten Gefühle am Beispiel des Horrorfilms zu untersuchen und verschiedene Einordnungs- und Erklärungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die sich häufig widersprechenden oder ganz unterschiedliche Perspektiven einnehmenden Theorieansätze werden dabei möglichst sinnvoll integriert, um einen Überblick über das Themengebiete zu geben. Zuerst wird das Genre definiert, danach wird in drei Phasen dessen Entwicklung nachgezeichnet.
Desweiteren beschäftigt sich die Arbeit mit Theorieansätzen und möglichen Interpretationsversuchen des Horrorfilm-Genres, sowohl psychologischen wie auch gesellschaftlichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Definition
3. Genreentwicklung
3.1. Ursprung
3.2. Die klassische Periode 1919 – 1960
3.3. Die Periode der Auflösung und der Pluralisierung 1960 – 2003
4. Theorieansätze und Deutungsversuche
4.1. Allgemein
4.2. Psychologische und psychoanalytische Ansätze
4.3. Gesellschaftlich orientierte Ansätze
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturliste
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalenten Gefühle von Faszination und Ekel, die das Horrorgenre im Rezipienten auslöst. Ziel ist es, verschiedene Definitionen, die historische Entwicklung des Horrorfilms sowie psychologische und gesellschaftliche Theorieansätze zu integrieren, um ein umfassendes Verständnis für die Funktionen und Wirkungsweisen dieses Genres zu entwickeln.
- Analyse und kritische Einordnung gängiger Genre-Definitionen des Horrorfilms.
- Historischer Abriss der Genreentwicklung von den Ursprüngen bis zur Postmoderne.
- Psychologische Untersuchung der Angstlust und der Rolle des "Unheimlichen" nach Freud.
- Beleuchtung der gesellschaftskritischen und subversiven Potenziale des Horror-Kinos.
Auszug aus dem Buch
3.3. Die Periode der Auflösung und Pluralisierung 1960 bis 2003
Ende der sechziger Jahre stand das Horrorgenre in den USA vor einem Wandel, der sich schon in britischen Filmen wie ‚Peeping Tom’ (Michael Powell, 1960) abzeichnete. Doch es war Alfred Hitchcocks ‚Psycho’ (1960), der das Genre redefinierte. Das moderne Monster des Films war nicht mehr ein schleimiges, hässliches, zähnefletschendes Ungeheuer, sondern der ‚Junge von nebenan’. Das Ungeheuerliche lauert hinter der scheinbar intakten Fassade und kann immer hervorbrechen. Auch die Zweiteilung zwischen gut und böse löst sich auf: der anfänglich hilfreiche Nachbar wird zum Mörder, gleichzeitig zum Opfer seines Wahns. Ausserdem legitimierte der anerkannte Filmemacher Hitchcock den Horrorfilm auch im ‚Kunst’-Kino.
Nach ‚Psycho’ veränderte sich das Genre rasch. Autoren wie Seesslen legen hier das ‚Ende’ des Horrorfilms fest, weil er sich nun in einem postmodernen Kontext weiterentwickelt und sich klare Merkmale und Strukturen immer weniger festmachen lassen. Die Pluralisierung des Horrorfilms führte dazu, dass die neuen Subgenres, Regisseure oder gar die einzelnen Filme eigenen inhaltlichen und formalen Regeln folgen. Obschon sich eine Richtung weiter an den Grundsatz hielt, das Phantastische bzw. den Horror in einen realistischen Kontext zu stellen (dabei aber immer amoralischere Thesen aufgriff), wurden die Schlüsselthemen und Erklärungsmuster in vielen Filmen nur innerhalb der Narration verständlich und gründeten nicht mehr in der Realität, in realistischen Ideologien oder Identitäten. Immer öfter blieb das Ende offen, die Handlung geriet ausser Kontrolle und der Zuschauer in einen Sog des Unheimlichen, das er selbst nicht mehr erklären oder festlegen konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die existenzielle Faszination des Menschen für das Horrorgenre und steckt den theoretischen sowie filmhistorischen Rahmen der Arbeit ab.
2. Definition: Dieses Kapitel erörtert die Schwierigkeiten einer eindeutigen Genrebegrenzung und stellt verschiedene Ansätze zur Definition des Horrorfilms vor.
3. Genreentwicklung: Dieser Abschnitt zeichnet die historische Evolution des Genres nach, unterteilt in die Ursprünge, die klassische Periode und die Phase der postmodernen Pluralisierung.
4. Theorieansätze und Deutungsversuche: Hier werden psychologische, psychoanalytische und gesellschaftlich orientierte Erklärungsmodelle auf ihre Anwendbarkeit auf den Horrorfilm geprüft.
5. Schlussbemerkungen: Das Fazit reflektiert den gesellschaftlichen Widerstand gegen das Genre und interpretiert diesen als Anzeichen für dessen subversive Kraft.
6. Literaturliste: Ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Grundlagen.
Schlüsselwörter
Horrorfilm, Genreanalyse, Psychoanalyse, Angstlust, Das Unheimliche, Monster, Gesellschaftskritik, Filmgeschichte, Splatter, Phantastik, Rezeptionsästhetik, Zensur, Katharsis, Postmoderne, Subversion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Genre des Horrorfilms und analysiert, warum Menschen trotz der Darstellung von Grauen und Angst Gefallen an diesem Genre finden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Definition des Genres, seine filmgeschichtliche Entwicklung sowie die psychologischen und gesellschaftlichen Hintergründe seiner Wirkung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, verschiedene theoretische Einordnungen zu integrieren, um zu erklären, wie Horrorfilme funktionieren und warum sie oft auf Widerstand in der Gesellschaft stoßen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine filmwissenschaftliche und kulturtheoretische Analyse, die auf der Integration filmhistorischer Abrisse und psychologischer sowie gesellschaftskritischer Interpretationsansätze basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Genreentwicklung (von der "Gothic Novel" bis zur Postmoderne) und eine theoretische Reflexion über die psychologischen Funktionen von Angst und Ekel sowie die gesellschaftliche Rolle des Horrorfilms.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Horrorfilm, Angstlust, das "Unheimliche", die Bedeutung des Monsters als kulturelle Manifestation und die subversive Ästhetik des Genres.
Wie verändert sich das "Monster" über die Zeit laut der Arbeit?
Die Arbeit beschreibt den Wandel vom übernatürlichen, mythischen Monster (z.B. Dracula, Frankenstein) hin zum psychologisch komplexen oder gar menschlichen Monster ("Junge von nebenan") seit den 1960er Jahren.
Welche Bedeutung kommt der "Angstlust" zu?
Die Angstlust wird als paradoxes Phänomen beschrieben, bei dem die Fiktionalität der Situation es dem Zuschauer ermöglicht, eine Mischung aus Furcht und Wonne zu erleben, ohne dem tatsächlichen Grauen ausgesetzt zu sein.
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- Jonas Morgenthaler (Author), 2003, Der Horrorfilm - Monster, Mythen und Mutanten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28776