Im Urteil Diderots war Voltaire auf jedem Gebiet der Zweite, ein „touche à tout“. Als ein tiefsinniger Philosoph des Widerspruchs ist Voltaire nicht in die Geschichte der Philosophie eingegangen, Hegel widmet ihm in der seinigen kein Kapitel, wohl aber seinem Gegenspieler Rousseau. Kant schwimmt mit seiner Nebulartheorie, in der er den sicheren Untergang unseres Sonnensystems vorhersagt, nicht nur gegen den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung, sondern ist sich auch des paradoxen Charakters der Weltgeschichte bewußt. Bis in die Wortwahl wird Kant von diesem verfolgt: die Aufklärung sei allmählich, mit unterlaufendem Wahne und Grillen, als ein großes Gut entsprungen. Die Aufklärung entspringt allmählich --- korrekt muß es natürlich heißen: die Aufklärung entsteht allmählich. Der Sprung folgt dem plötzlichen Abbruch einer allmählichen Entwicklung. Erst durch die Allgewalt der Hegelschen Dialektik wird die Menschheit in ihre eigene Geschichte gebannt als abgeschlossene. Der Linkshegelianismus, der gegen diese Identität von Weltvernunft und Weltgeschichte rebellierte, kulminierte in Feuerbachs Fundamentalangriff auf die idealistische Wurzel des Hegelianismus: es gab eine Natur vor der Philosophie Hegels, die Feuerbach als theologischen Mystizismus zu entlarven versuchte. Die Theorie von Marx und Engels kann als eine Synthese von Hegelscher Dialektik und Feuerbachschen Materialismus dargestellt werden, ohne aber zu unterstellen, diese beiden Elementarien unkritisch übernommen zu haben. Der Marxismus stellt in seinem Kern etwas völlig Neues dar, seine materialistische Dialektik ist eine Waffe im finalen Klassenkampf, in dem auch Lenin die völlige Vernichtung der Bourgeoisie forderte. Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, durch ein Ineinanderspiegeln nicht der Marxschen, sondern bereits der Hegelschen Widerspruchstheorie mit der maoistischen den Nachweis zu führen, dass aus der fehlerhaften Widerspruchstheorie Mao Tse tungs politische Fehler resultieren, aus denen die Finsternis aufstieg, die heute die rote Sonne China verdunkelt. Es wird der Nachweis geführt, dass schon der Vergleich mit Hegel hinreichend ist, die Defizite der Theorie Maos aufzuzeigen, zugleich wird die These, der maoistische Marxismus habe Wurzeln in der altchinesischen Mythologie, sei eine asiatische Variante des Marxismus, zurückgewiesen. Mao stand auf der Höhe der philosophischen Diskussion des XX. Jahrhunderts.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufklärung und Dialektik
2. Voltaire und Kant, Hegel und Mao
3. Über den Widerspruch
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die philosophischen Widersprüche innerhalb der Aufklärung sowie deren Transformation in den dialektischen Materialismus, unter besonderer Berücksichtigung der Schriften von Voltaire, Kant, Hegel und Mao Tse-tung.
- Die ideologische Strömung der europäischen Aufklärung und ihre Ambivalenzen.
- Die philosophische Kategorie des Widerspruchs bei Hegel im Vergleich zum historischen Materialismus von Marx.
- Die Rolle der Aufklärung und ihre Kritik durch den Deutschen Idealismus.
- Die Widerspruchstheorie Mao Tse-tungs im Kontext des Marxismus-Leninismus.
- Das Verhältnis von Theorie und Praxis sowie die Rolle des Proletariats und der gesellschaftlichen Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
Die Aufklärung als ideologische Strömung
Die Aufklärung als ideologische Strömung läßt sich geografisch auf Europa, historisch auf die Übergangszeit von der Epoche des Feudalismus zum Kapitalismus eingrenzen. Wenn lateinamerikanische Philosophen im Geiste der Aufklärung Gedanken entwickelten, so war das eine Folge der Ausstrahlung der spanischen. Als ideologische Waffe der aufstrebenden Bourgeoisie gegen den Feudalabsolutismus wurde in ihr deutlich, dass diese sowohl weltlich (konstitutionelle Monarchie) als auch religiös (Deismus) Kompromissen zugeneigt war. John Locke tischte eine Lehre der doppelten Wahrheit auf, es gäbe eine mit der menschlichen Vernunft zu erfassende und eine der göttlichen Offenbarung.
Montesquieu, hundert Jahre vor dem Ausbruch der französischen Revolution geboren, versuchte wie auch Holbach die Lösung der gesellschaftlichen Widersprüche des Feudalabsolutismus durch eine Stärkung der Parlamente zu erreichen. Voltaire, im Frühjahr 1726 zum zweieinhalbjähriges Exil in England gezwungen, wird zeitlebens das Kompromisstalent der englischen Bourgeoisie bewundern, das eine „weise Regierungsform zustande gebracht hat, in welcher der Regent mächtig ist, Gutes zu tun, und im Gegenteil gebundene Hände hat, wenn er Böses tun wollte“.
Zusammenfassung der Kapitel
Aufklärung und Dialektik: Das Kapitel verortet die Aufklärung historisch und ideologisch als Waffe gegen den Feudalabsolutismus und leitet zur dialektischen Widerspruchsproblematik über.
Voltaire und Kant, Hegel und Mao: Hier werden die philosophischen Ansätze dieser Denker im Hinblick auf den Widerspruchsbegriff und die gesellschaftliche Transformation analysiert.
Über den Widerspruch: Dieses Kapitel vertieft die dialektische Analyse des Widerspruchs als Triebkraft der Weltgeschichte und diskutiert die verschiedenen Interpretationen von Hegel bis hin zu Mao Tse-tung.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Dialektik, Widerspruch, Feudalismus, Kapitalismus, Bourgeoisie, Marxismus, Idealismus, Materialismus, Revolution, Klassenkampf, Vernunft, Mao Tse-tung, Hegel, Kant
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Geschichte des Widerspruchsbegriffs von der europäischen Aufklärung über den deutschen Idealismus bis hin zum marxistisch-leninistischen Denken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Einordnung der Aufklärung, die Rolle des Widerspruchs in der Dialektik von Hegel und Marx sowie die Anwendung dieser Theorie durch Mao Tse-tung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Widerspruchstheorie aufzuzeigen und zu prüfen, wie sich diese von einem bürgerlichen, oft widersprüchlichen Denken zu einem dialektisch-materialistischen Verständnis der Geschichte wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-historische Methode, die zentrale Primärtexte (Voltaire, Kant, Hegel, Marx, Mao) immanent analysiert und kritisch zueinander in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Widersprüche der bürgerlichen Aufklärung, deren Überwindung durch Hegels Dialektik und die spezifische Auslegung dieses Erbes im Maoismus detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Dialektik, Widerspruch, Aufklärung, Klassenkampf, Ideologiekritik und historischer Materialismus definiert.
Wie bewertet der Autor Voltaires Widerspruchsverständnis?
Der Autor sieht in Voltaires Widerspruchsverständnis eher oberflächliche Anekdotik, die den tiefgehenden, objektiven Widerspruch des historischen Prozesses nicht erfasst.
Warum spielt die chinesische Kulturrevolution eine wichtige Rolle in der Argumentation?
Sie dient als Fallbeispiel für die praktische Anwendung und Radikalisierung der maoistischen Widerspruchstheorie und verdeutlicht die Probleme bei der gesellschaftlichen Transformation.
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- Heinz Ahlreip (Autor:in), 2015, Aufklärung und Dialektik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287784