Die Grüne Revolution und ihre Auswirkungen. Indiens Landwirtschaft unter Kontrolle eines Großkonzerns


Essay, 2013

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

„India’s agricultural needs are rising. The solution: Produce more. Conserve more. Improve farmer’s lives.“1

Dieser Schriftzug ziert die auf Indien bezogene Internetpräsenz des amerikanischen Saatgutunternehmens Monsanto. Im Hintergrund sieht man eine lächelnde indische Bauernfamilie, die auf einem grünen, ertragreichen Baumwollfeld steht - ein trügerisches Bild.

Im Zuge des Ziels der Weltbank2, durch ein Agrarprogramm, das als „Grüne Revolution“ bezeichnet wird, weltweit Armut und Nahrungsmangel zu bekämpfen, schickte sich der US-Konzern Monsanto an, zum großen Profiteur des vom damaligen Weltbank-Präsidenten Robert McNamara initiierten Vorhabens zu werden. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, anhand des Länderbeispiels Indien, die Folgen der „Grünen Revolution“ darzustellen. Dabei steht vor allem der Einfluss des Saatgutunternehmens Monsanto im Mittelpunkt, der für den Großteil der indischen Bevölkerung kaum Positives zur Folge hatte. Inwieweit Monsanto die „Grüne Revolution“ ausnutzte und die Situation vieler Inder dadurch massiv verschlechterte, soll rudimentär herausgearbeitet werden. Speziell der letzte Satz des eingangs genannten Zitates ist in der Erörterung von großer Brisanz. Wer, wenn nicht die indische Bevölkerung, profitierte vom Agrarprogramm der Weltbank?

Ende der 1960er-Jahre strebte die Weltbank unter der Leitung von McNamara eine langfristige Verbesserung der Wirtschaft in Ländern der Dritten Welt an, mit dem Ziel, Armut und Unterversorgung mithilfe eines Sofortprogramms für die Agrarindustrie zu mindern sowie den Export zu steigern.3 Es war der Beginn der „Grünen Revolution“. Die Idee der Weltbank bestand darin, durch moderne Agrartechnologien, den Ausbau von Monokulturen und gezieltes Einsetzen von schnell wachsenden und ertragreichen Getreidesorten die Lage in den betroffenen Regionen nachhaltig zu verbessern.4 Insbesondere „Züchtungen hochertragreichen Saatguts“5 standen auf der Agenda der Weltbank weit oben. Die „Grüne Revolution“ sollte auf Basis dieser Strategie sowie mit den nötigen finanziellen Mitteln durch die Weltbank die Landwirtschaft Indiens komplett modernisieren. Allerdings stellte sich früh heraus, dass die Maßnahmen, die von der Weltbank eingeleitet worden waren, mitunter negative Auswirkungen implizierten.

Der ursprünglich auf Chemikalien spezialisierte US-Konzern Monsanto setzte seinen Schwerpunkt in den 1970er-Jahren zunehmend auf genverändertes Saatgut und übernahm relativ zügig die Marktherrschaft.6 So sind inzwischen 90 Prozent der weltweit angebauten genveränderten Pflanzen von Monsanto.7 Das Ziel des Unternehmens ist eindeutig: Es will die „Welt-Landwirtschaft vollständig unter seine Kontrolle bringen“8. Um diesem Bestreben gerecht zu werden, rückte auch Indien, ein Land, das größtenteils von der Landwirtschaft lebt, schnell in den Fokus der US- Amerikaner. Folglich kam es Monsanto entgegen, als Indiens Regierung dem Konzern erlaubte, „the future course of agriculture“9 des Landes zu leiten. Die Versprechen Monsantos waren imposant: Höhere Produktivität, sprich bessere Ernten, effektiveres und sparsameres Arbeiten sowie eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der indischen Bauern.10 Dementsprechend waren die Hoffnungen der indischen Bauern groß - jedoch genauso wie die Enttäuschungen nur kurze Zeit später. Anders als von Monsanto versprochen, liefert die Gentechnik bei Baumwolle keine höheren Erträge, sondern liegt auf dem Niveau der konventionellen Sorten.11 Der Traum vom finanziellen Aufschwung war schnell zerplatzt. Nicht einmal einen Euro verdient ein indischer Landwirt am Tag. In Europa erhält ein Bauer zwei Euro täglich, allerdings nur zum Füttern seiner Kühe, sagt ein indischer Aktivist. Daher ist es nicht überraschend, wenn er sagt, im nächsten Leben sei er lieber eine Kuh in Europa als ein Bauer in Indien.12

Zu den nicht wie erwartet höheren Erträgen kommt das Problem, dass die neuen Hybrid-Pflanzen eine begrenzte Fortpflanzungsfähigkeit haben. Der Ertrag aus den Samen verringert sich von Jahr zu Jahr, wodurch jedes Mal neues Saatgut gekauft werden muss, um die Ernte ansatzweise konstant halten zu können.13 Die daraus resultierenden Kosten waren für die Bauern nicht abzusehen und nicht einkalkuliert. Unbekannt war den Landwirten auch, dass die genveränderten Pflanzen deutlich anfälliger für Krankheiten und Schädlingsbefälle sind als das konventionelle Getreide, war den Landwirten nicht bekannt. Für die Bekämpfung fielen zusätzliche Kosten für Pestizide und Herbizide an. Nach Einschätzung der indischen Gentechnik-Gegnerin Vandana Shiva ist für die Schädlings-Befreiung der Baumwollpflanzen das 13-fache an Pestiziden nötig.14 Ob der amerikanische Saatgut-Produzent von all diesen „Folgeerscheinungen“ nichts ahnte, darf durchaus angezweifelt werden. Trotz aller Misserfolge des Saatguts schmücken heute immer noch dieselben Versprechen die Homepage Monsantos.

Mit der Zeit hatte das Unternehmen nahezu sämtliche Saatgutkonzerne in der Region aufgekauft. Unter anderem das größte private Saatgutunternehmen Indiens, Mahyco.15 Das Monopol des Marktes lag einzig bei Monsanto, sodass es den Bauern gar nicht mehr möglich war, anderweitig Saatgut zu beziehen. Doch nicht nur deshalb entstand eine massive Abhängigkeit der Bauern vom amerikanischen Großkonzern, die sich in vielen kleinen Details negativ bemerkbar machte. Die Bauern häuften durch das sehr teure genveränderte Produkt mit der Zeit Schulden an. Beispielsweise kosteten 1000 Gramm des traditionellen Saatguts 15 Dollar. Für denselben Preis erhielten die Bauern von Monsanto lediglich 100 Gramm.16 Ihre für Monsantos Saatgut aufgenommenen Kredite konnten die Bauern aufgrund der mäßigen Ernteerfolge des neuen Saatguts nicht mehr bezahlen. Es entwickelte sich ein „Teufelskreis“, aus dem viele Inder nicht mehr herausfanden. „Unter dem Druck der Schuldenlast und der Beschämung, als dumme Bauern dazustehen, die auf Monsanto hereingefallen waren, sahen viele Landwirte keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.“17 Bis heute haben sich in Indien rund 200.000 Landwirte das Leben genommen.18 Wie viele davon letztlich durch Monsantos Abhängigkeit den Tod suchten, ist unklar.

[...]


1 Monsanto India Limited (Hg.), online im Internet: <http://www.monsantoindia.com/>, 2011, [zugegriffen am: 16.02.2013].

2 Aufgrund der einfacheren Verständlichkeit verwende ich in dieser Arbeit stets den Begriff „Weltbank“ und unterteile nicht in die einzelnen Bestandteile der Weltbankgruppe.

3 Vgl. Kell, Raphaela: Die strukturelle Reformunfähigkeit der Weltbank. Hintergründe und Argumentationslinien, Marburg 2012. S.194.

4 Ebd.

5 Glietsch, Petra: Der Einfluß der Weltbank auf die wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Frankfurt a.M. 1993. S.100.

6 Vgl. Greenpeace (Hg.): Monsanto. Ein Gentechnik-Gigant kontrolliert die Landwirtschaft. Hamburg 2005. S.1.

7 Vgl. ebd.

8 Ebd.

9 Kurunganti, Kavitha/Madineni, Aishwarya: Monsanto-Ising Indian agriculture. Bhubaneswar 2010. S.7.

10 Monsanto India Limited (Hg.): a.a.O.

11 Vgl. Moldenhauer, Heike: Giftgrüne Technik. Der Kampf um MON810; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr.7, 2009, S.89.

12 Vgl. Schmitt, Thomas: Tausend indische Bauern gehen in den Tod, online im Internet, <http://www.spiegel.de/wirtschaft/selbstmord-serie-tausend-indische-bauern-gehen-in-den-tod-a- 446922.html>, 2006, [zugegriffen am: 17.02.2013].

13 Vgl. Kell, Raphaela: a.a.O.: S.195.

14 Vgl. Maurin, Jost: „Die sind auf Lügen spezialisiert“, online im Internet, <http://www.taz.de/!77350/>, 2011, [zugegriffen am: 17.02.2013].

15 Vgl. Greenpeace (Hg.): a.a.O.: S.3.

16 Vgl. Ahmed, Iqbal: 200.000 Selbstmorde in Indien: Die verheerenden Folgen durch Monsanto, online im Internet, < http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/iqbal-ahmed/moerderisches-saatgut- die-verheerenden-folgen-des-gentechnisch-veraenderten-monsanto-saatgutes-in-i.html>, 2012, [zugegriffen am: 13.02.2013].

17 Ebd.

18 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Grüne Revolution und ihre Auswirkungen. Indiens Landwirtschaft unter Kontrolle eines Großkonzerns
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V287790
ISBN (eBook)
9783656879893
ISBN (Buch)
9783656879909
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grüne Revolution, Indien, Landwirtschaft, Großkonzern, Monsanto
Arbeit zitieren
Nils Heinichen (Autor), 2013, Die Grüne Revolution und ihre Auswirkungen. Indiens Landwirtschaft unter Kontrolle eines Großkonzerns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287790

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