Der Zusammenhang zwischen Semantik und Pragmatik bei der Interpretation komplexer Ausdrücke steht heutzutage im Mittelpunkt der sprachwissenschaftlichen Diskussion. Mehrere Theorien nehmen sich zum Ziel, der Frage nachzugehen, wie die Satzbedeutung, die laut dem Kompositionalitätsprinzip erfasst wird, pragmatisch bereichert werden kann und welche pragmatischen Anpassungsmechanismen die Interpretation der komplexen Ausdrücke erlauben, deren Bedeutung nicht kompositionell hergeleitet werden kann.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Argumentforderung des Verbs hören. Das Verb hören bedeutet „akustisch wahrnehmen“ und soll dementsprechend Argumente erfordern, die Geräusche oder Töne repräsentieren.
In Rahmen der Zwei-Ebenen-Theorie der Semantik (Bierwisch, Lang, Maienborn) kann hören als ein semantisch unterspezifiziertes Prädikat analysiert werden, das auf der Ebene der semantischen Form über eine Kernbedeutung verfügt, die auf der Ebene der konzeptuellen Struktur durch das Weltwissen spezifiziert wird. In dieser Studie wird ein Versuch untergenommen, die Bedeutung des Verbs hören mit dem Interpretationsspielraum in Rahmen der vorgestellten Theorien zu skizzieren.
Die wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit bilden Aufsätze von Pustejovsky, Bierwisch, Lang und Maienborn. Das angeschnittene Problem der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle wird mittels einer Korpusrecherche untersucht. Dementsprechend ist die vorliegende Arbeit folgenderweise gegliedert: Nach einer kurzen Einleitung werden in Kapitel 2 der Aufbau, die Durchführung und die Ergebnisse der durchführten Korpusrecherche vorgestellt, die empirischen Befunde werden diskutiert. Des Weiteren folgt der Versuch, die Semantik des Verbs hören in Rahmen der genannten Theorien formal darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Argumentforderung des Verbs hören
2.1 Korpusstudie: Aufbau und Durchführung
2.2 Empirische Befunde
2.3 Selektionsrestriktionen und Kombinatorik
2.3.1 Lexikoneintrag des Verbs hören
2.3.2 Präkategoriales vs kategoriales Hören
2.3.3 Kompositionalität
2.3.4 Generatives Lexikon
2.3.4 Zwei-Ebenen-Semantik
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Argumentforderung des Verbs „hören“ an der Schnittstelle zwischen Semantik und Pragmatik, insbesondere im Kontext von Objekten, die nicht unmittelbar akustisch wahrnehmbar sind, und analysiert die Möglichkeiten ihrer formalen Interpretation.
- Empirische Analyse der Argumente des Verbs „hören“ mittels Korpusstudie
- Untersuchung von Typenkonflikten bei der Argumentwahl
- Anwendung der Theorie des Generativen Lexikons auf „hören“
- Formalisierung mittels Zwei-Ebenen-Semantik
- Differenzierung zwischen präkategorialem, kategorialem und agentivem Hören
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Präkategoriales vs kategoriales Hören
Nimmt man die Ergebnisse der Korpusanalyse unter die Lupe, wird deutlich, dass das Verb hören verschiedene Lesarten hat, die sich in zwei Hinsichten differenzieren lassen: Art der Wahrnehmung (+/-kategorial) und Beteiligung des Hörenden an dem Prozess (+/- agentiv). Folgende Beispiele (13-14) veranschaulichen die angedeutete Unterscheidung.
• Präkategoriale Wahrnehmung: - kategorial, - agentiv
Bei dieser Lesart handelt es sich um ein Hören-Ereignis, bei dem ein Geräuschereignis lediglich wahrgenommen wird, ohne dass weitere Verarbeitung stattfindet.
(13) Als sie sich in der Gegend des Burgbergs befanden, hörten die beiden plötzlich das Donnern von Pferdehufen. (Burgenländische Volkszeitung, 02.01.2008, S. 10; Die reitenden Geister)
• Kategoriale Wahrnehmung (akustisch wahrnehmen + kategorisieren): + kategorial
In diesem Fall wird das Geräuschereignis wahrgenommen und einer Kategorie zugeordnet. Beispiel (14) macht deutlich, dass der Hörer die Rede akustisch wahrnimmt und sie als Kritik charakterisiert.
(14) Die Schülerin hört nur die Kritik, verschließt sich, die Ratschläge prallen an ihr ab. (Mannheimer Morgen, 19.10.1996, Soziales; Durch meine Brille)
• Agentives Hören (Hören als Aktivität): + agentiv
Der Hörer in Beispielen wie (15) ist am Hören-Ereignis willentlich beteiligt. In Bezug auf seine thematische Rolle lässt sich festhalten, dass er sowohl als Experiencer (nimmt das Geräuschereignis wahr), aber auch als Agens (willentlich an dem Prozess beteiligt) analysiert werden kann. Im Unterschied dazu können die Hörenden in (13) nur in einer Experiencer-Relation zum Hören-Ereignis stehen.
(15) Wenn noch Zeit ist, setze ich mich an den Computer oder höre meine Harry-Potter-Hörbücher. (Braunschweiger Zeitung, 09.08.2007; Bennet geht gern im Badeland schwimmen)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den Zusammenhang zwischen Semantik und Pragmatik bei der Interpretation komplexer Ausdrücke, speziell am Beispiel der Argumentforderung des Verbs hören.
2. Argumentforderung des Verbs hören: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Analyse der argumentativen Struktur des Verbs durch Korpusauswertungen und theoretische Modellierungen.
2.1 Korpusstudie: Aufbau und Durchführung: Es werden die methodischen Grundlagen der empirischen Untersuchung sowie die Kriterien für die Auswahl der Beispielsätze aus dem IDS-Korpus erläutert.
2.2 Empirische Befunde: Die Ergebnisse der Korpusstudie werden präsentiert und in die drei Kategorien Ereignisse, Gegenstände und Informationsgehalte unterteilt.
2.3 Selektionsrestriktionen und Kombinatorik: Hier werden die theoretischen Voraussetzungen untersucht, unter denen das Verb hören als Prädikat mit seinen Argumenten kombiniert wird.
2.3.1 Lexikoneintrag des Verbs hören: Die semantische Einordnung von hören als zweistelliges Prädikat und dessen Selektionsbeschränkungen für das externe und interne Argument werden definiert.
2.3.2 Präkategoriales vs kategoriales Hören: Die Lesarten des Verbs werden hinsichtlich der Art der Wahrnehmung und der Agentivität des Subjekts differenziert.
2.3.3 Kompositionalität: Es wird die Frage diskutiert, ob sich die Satzbedeutung strikt kompositionell berechnen lässt oder ob Typenkonflikte entstehen.
2.3.4 Generatives Lexikon: Dieser Abschnitt wendet die Theorie von Pustejovsky an, um mittels Coercion-Operationen die Interpretation nicht-kompositioneller Argumente zu erklären.
2.3.4 Zwei-Ebenen-Semantik: Alternative Lösungsansätze werden unter Nutzung der Unterscheidung zwischen semantischer Form und konzeptueller Struktur diskutiert.
3. Zusammenfassung: Die Arbeit rekapituliert die Ergebnisse zur Argumentforderung, bewertet die angewandten Theorien und weist auf Forschungsbedarf bei AcI-Sätzen hin.
Schlüsselwörter
Argumentforderung, hören, Semantik, Pragmatik, Generatives Lexikon, Kompositionalität, Zwei-Ebenen-Semantik, Korpusstudie, Typenkonflikt, Coercion, kategoriales Hören, semantische Unterbestimmtheit, konzeptuelle Struktur, Wahrnehmungsverben
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Verb „hören“ mit verschiedenen Objekten kombiniert wird, insbesondere wenn diese nicht direkt akustische Ereignisse darstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Semantik von Wahrnehmungsverben, dem Prinzip der Kompositionalität und der Schnittstelle zwischen linguistischer Struktur und Weltwissen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wie die Argumentforderung von „hören“ formal korrekt beschrieben werden kann, wenn die Argumente (wie „Buch“ oder „Hund“) nicht den strengen semantischen Typenvorgaben entsprechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung kombiniert eine empirische Korpusanalyse mit theoretischen Ansätzen aus dem Generativen Lexikon sowie der Zwei-Ebenen-Semantik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Korpusstudie, eine Analyse von Selektionsrestriktionen sowie die formale Darstellung der Bedeutungsausweitung durch Coercion-Operationen und konzeptuelle Spezifizierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Argumentforderung, Typenkonflikt, Coercion, Kompositionalität, semantische Unterbestimmtheit und konzeptuelle Struktur.
Was ist der Unterschied zwischen präkategorialem und kategorialem Hören?
Beim präkategorialen Hören wird lediglich ein Geräuschereignis ohne weitere Kategorisierung wahrgenommen, während beim kategorialen Hören das Geräusch identifiziert und einer Kategorie zugeordnet wird.
Wie löst das Generative Lexikon das Problem der Argumentauswahl?
Durch sogenannte Coercion-Operationen (Uminterpretation) wird das Argument basierend auf Qualia-Strukturen so angepasst, dass es den Typenanforderungen des Prädikats entspricht.
Warum reicht strikte Kompositionalität laut der Autorin nicht aus?
Strikte Kompositionalität kann Sätze mit Objekten wie „Peter hört das Buch“ nicht erklären, da das „Buch“ kein primär akustisches Objekt ist und somit einen Typenkonflikt auslöst.
Was ist die Rolle der Zwei-Ebenen-Semantik in dieser Studie?
Die Zwei-Ebenen-Semantik ermöglicht es, auf der Ebene der semantischen Form unterspezifizierte Variablen einzuführen, die erst auf der Ebene der konzeptuellen Struktur durch Weltwissen spezifiziert werden.
- Arbeit zitieren
- Ksenia Kosareva (Autor:in), 2013, Die Argumentforderung des Verbs "hören", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287794