Die Frau im Wächterstand des idealen Staates. Die Feminismus-Frage in Platons "Politeia"


Seminararbeit, 2013
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Feminismus

Die Stellung der Frau im klassischen Athen

Platons Vorstellungen der physischen und psychischen Beschaffenheit der Frau in der Politeia

Weitere hilfreiche Textstellen

Rezension zu Platons Vorstellung von Frauen im Wachterstand
Aristoteles als vermutlich erster Kritiker
Ein neuzeitliches Beispiel: Jean-Jacques Rousseau
Moderne Feminismus-Debatte um Platon

Fazit

Literaturliste

Einleitung

Nicht auch, sprach ich, wenn sich das Geschlecht der Manner und der Frauen in bezug auf eine Kunst oder ein anderes Geschaft eines vom andern verschieden zeigt, werden wir sagen, dafi man dies nur einem von beiden zuteilen musse; wenn sich aber zeigt, dafi sie dadurch allein verschieden sind, dafi der Mann erzeugt und das Weib gebart: so werden wir sagen, es sei dadurch um nichts mehr bewiesen, dafi in bezug auf das, wovon wir reden, das Weib von dem Mann verschieden sei, sondern wir werden noch ferner glauben, dafi unsere Huter und ihre Frauen dasselbe betreiben mussen.

Platon, Politeia 454de

Im Kontext der Entstehung des idealen Staates diskutieren hier Sokrates und Glaukon die Tauglichkeit der weiblichen Natur fur den Wachterstand zur Verteidigung der noAig. Sokrates bringt das zitierte Argument hervor und im weiteren Verlauf kommt es zur Befurwortung einer gleichwertigen Erziehung und Ausbildung fur Frau und Mann und damit auch zur Chance eines Aufstiegs uber den Wachterstand zur Philosophenherrschaft fur das weibliche Geschlecht.

Diese viel rezensierte Stelle aus dem funften Buch der Politeia Platons loste eine weite Debatte uber sein Frauenbild aus, die tatsachlich noch bis heute andauert. Schon im vierten Jahrhundert vor Christus muss Platon damit fur viel Gesprachsstoff gesorgt haben, da die Einbeziehung der Frau in das offentliche Leben, geschweige denn die Erwagung einer fur Manner und Frauen gleichgestellten Zuteilung staatlicher Aufgaben hochst ungewohnlich im athenischen Stadtleben war.

Es besteht heutzutage vor allem die Frage, ob Platon sich damit als ein Feminist in gegenwartiger Bedeutung auszeichnet. Daruber existieren allerdings auSerst verschiedene Meinungen. Einige AutorenInnen wie John Lucas sind uberzeugt von der Annahme, dass sich Platon damit als ein Feminist im modernen Sinne beweist, andere ForscherInnen hingegen, wie beispielsweise Julia Annas weisen darauf hin, dass Platons Motivation hier allein vom Gemeinwohl des Staates abhing und das Potential der Frauen hier beizutragen lediglich nicht brach lassen wollte, ohne individuelle Vorteile fur die Frau im Auge gehabt zu haben.

Warum die Feminismus-Frage in bezug auf Platon so kontrovers ist, ist wahrscheinlich in der Vielzahl widerspruchlicher AuSerungen in seinen Werken, was das weibliche Geschlecht angeht, begrundet. Sogar in denselben Passagen des obigen Zitats, sind gleichzeitig Darlegungen zu finden, die eher als frauenfeindlich interpretiert werden konnen.

Meine Intention fur diese Arbeit ist es, auf Grundlage der zitierten Stelle 454de, herauszuarbeiten, welche Interpretationsweisen Platon mit der Einbeziehung der Frau in den Wachterstand eroffnete. Gab es mehr Befurwortung eines feministischen Ansatzes oder Zuruckweisung? Welche Rezeptionen entstanden durch die vermeintliche Gleichstellung von Frau und Mann in Platons Politeia?

Ich werde dafur verschiedene Schriften einiger moderner AutorenInnen heranziehen, aber auch eine antike und eine neuzeitliche Kritik in Augenschein nehmen. Zudem werde ich andere Werke Platons zu Rate ziehen, um stutzende oder entkraftende Argumente zu finden und sie fur unsere Untersuchung nutzen zu konnen. Im Sinne der Nachvollziehbarkeit werde ich zunachst versuchen den Begriff des Feminismus zu klaren und anschlieSend eine kurze historische Darlegung zur Stellung der Frau im klassischen Athen geben, bevor ich mich danach der eigentlichen Debatte widme.

Feminismus

Die Problematik der Einstufung Platons als Feministen ruhrt wahrscheinlich mitunter von dem weiten Bedeutungsfeld des Feminismus her. Die unterschiedlichen Stromungen, die sich uber die Jahre hinweg ergeben haben, machen eine einheitliche Festlegung fur die Theorie schwierig.

Der Begriff selbst wird auf das spate 19. Jahrhundert zuruckgefuhrt, als die franzosische Frauenrechtlerin Hubertine Auclert sich selbst als eine Feministin bezeichnete[1].

Es stellt sich nun die Frage, ob sich der antike Platon mit solch einem modernen Begriff uberhaupt in Verbindung bringen lasst. Dafur ist es notwendig zu verstehen, wodurch sich der Feminismus im Allgemeinen eigentlich auszeichnet und ob es sich auf die antike Vorstellung ubertragen lassen konnte.

Interessant ist, dass bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff Feminismus im deutschen Worterbuch solche Erklarungen wie „Verweichlichung“ oder „Verweiblichung des Mannes“ zu finden waren, was sich nun gar nicht mit der Emanzipation der Frau in Verbindung bringen lasst. Erst durch die Frauenbewegung zur selben Zeit anderte sich dies. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Begriff nochmals eindringlich gepragt und die Debatte um Platon als Feministen neu entfacht.

Heute finden wir eher solche Beschreibungen im deutschen Duden: „Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedurfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veranderung der gesellschaftlichen Normen (z.B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt“. Der Feminismus ist also, allgemein gesprochen, der Einsatz fur die Forderung der Stellung der Frau innerhalb einer Gesellschaft, der untergestellten Position gegenuber Mannern entgegenwirkend.

Betrachten wir einige Definitionen in Lehrbuchern stofit man auf aufierst verschiedene Ansatze:

Es existieren Gleichheitstheorien, die eine absolute Gleichstellung der Frau dem Mann gegenuber in rechtlicher, politischer, wie gesellschaftlicher Hinsicht verlangen. Vor allem gesellschaftlich gepragte, spezifische Geschlechterrollen sollen beseitigt werden[2]. Die Frau gilt als dem Manne physisch und psychisch ebenburtig.

DifferenzfeministenInnen hingegen gehen von biologisch fundierten Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus, die beispielweise eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung rechtfertigen kann[3].

Kultureller Feminismus, ein eher radikaler Ansatz, stutzt sich auf spezifische Eigenschaften der Frauen, wie Schwangerschaft o.a., um zu argumentieren, dass die weibliche Moralvorstellung der bessere Ansatz fur das Gemeinwohl sei[4].

Es ist nur wenig erdenklich, dass diejenigen Wissenschaftler/-innen, die sich mit Platons Frauenbild auseinandersetzten, alle dieselbe Vorstellung von Feminismus vertreten. Ausgehend von verschiedenen Vorstellungen des Feminismus existieren resultierender Weise viele verschieden Auffassungen von Platons Position zu Frauen. Da ein Kulturfeminist wohl ausschliefilich Frauen als Philosophenherrscherinnen sehen wurden, ist es nachvollziehbar, dass diejenigen Vertreter Platon nicht als Feministen bezeichnen wurden, auch wenn zu vermuten ware, dass eine Gleichstellung der Geschlechter von ihm vorgenommen wurde.

Unsere zu behandelnden Autoren fur diese Arbeit aufiern sich meist nicht explizit zu einer Feminismus-Definition, oder lehnen eine allgemeine Bezeichnung sofort ab, oder aber sehen Gleichheitsbestimmungen zwischen Mann und Frau in Platons Politeia.

Die Stellung der Frau im klassischen Athen

Zu Platons Lebzeiten (ca. 427-348 v. Chr.)[5] dominierten die Manner auf politischer Ebene das antike Griechenland. Auch wenn sich die Rechte und Pflichten der Frau regional unterschieden, war der Ausschluss vom politischen und militarischen Mitspracherecht allgegenwartig. Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau hingen durchaus von dem sozialen Status ab. Die Pflichten einer Sklavin waren nicht mit denen einer freien Burgerin zu vergleichen. Dennoch konnte die gesellschaftliche Anerkennung der Ehefrau eines reichen ^exoiKog[6] einen hoheren Status haben als den einer freien Burgerin aus einer armeren Schicht.

Fur eine athenische Frau standen die Aufrechterhaltung des oko und die

Kindererziehung im Vordergrund, sie hielt sich damit hauptsachlich im Haus auf. Sogar die Einkaufe erledigten die Ehemanner.

Sie stand immer unter der Obhut eines mannlichen Vormundes, von dem sie auch in Rechtssachen vertreten wurde. EheschlieSungen wurden ohne Mitspracherecht der Braut arrangiert und Erbe konnte sie nur stellvertretend annehmen, wenn mannliche Nachkommen ausstanden[7]. Somit war die Frau immer abhangig von ihrem mannlichen Vormund, er traf die Entscheidungen und agierte in offentlichen Angelegenheiten fur sie. Dennoch sollten wahrscheinlich diese rechtlichen Einschrankungen nicht in allem MaSe als Unterdruckung interpretiert werden, denn wie viel Einfluss die Ehefrau tatsachlich auf ihren Ehemann hatte, hing vermutlich von der Harmonie innerhalb der ehelichen Beziehung ab. Ob sie einen Beruf ausubte oder nicht war, wie vieles, abhangig von ihrem sozialen Status[8].

Die Geschlechterrollen waren also im antiken Athen ganz klar verteilt, wobei der Mann als die dominierende Entscheidungskraft fungierte. Doch diese gesellschaftliche Organisation von Mann und Frau war nicht in ganz Griechenland verbreitet. In Sparta beispielsweise wurden der Frau einige Rechte mehr zugesprochen als in Athen. Die spartanischen Frauen hatten zwar ebenso wenig politisches Mitspracherecht, aber konnten in vielen anderen Dingen autonom agieren und waren auch, rechtlich gesehen, oft dem Mann gleichgestellt. Sie verfugte uber Mitspracherecht bei Heirat, verfugte uber Erbrechte, dazu war sie voll und ganz selbststandig geschaftsfahig und unterlag nicht der Rechtsgewalt ihres Ehemannes[9] [10] [11]. Sparta galt aber hinsichtlich der Einstufung der Frau in der Gesellschaft als Ausnahme.

Es lasst sich vermuten, dass es einen gesellschaftlichen Konsens in Athen gab, uber die dem Mann untergeordnete Stellung der Frau und es wahrscheinlich schon als eine Art Tradition galt, die von den Mannern vertreten und beansprucht wurde. Perikles, der athenische Politiker und Feldherr, auSerte sich beispielsweise einmal folgendermaSen: „Die beste Frau ist die, von welcher man wenigsten spricht“ 10 . Ein Zitat von Demosthenes, ein bedeutender athenischer Redner und Staatsmann, machte es noch deutlicher: „Die Hetdren haben wir wegen des Genusses, die Huren um der tdglichen Pflege des Korpers willen, die Ehefrauen aber fur das rechtmdfige Kinderzeugen und um eine verldssliche Wdchterin der Dnge im Haus zu haben''11. Ganz klare Erwartungen an die Frau spiegeln sich hier wieder.

Nun stellt sich aber die wichtige Frage inwiefern Platon, der ja ebenfalls aus Athen stammte und dort lebte, von diesem Frauenbild seines Umfeldes beeinflusst war. Es lasst sich aber, ausgehende von dem vorherrschenden Frauenbild in Athen, doch schon behaupten, dass seine Vorstellung von Frauen im Wachterstand und moglicherweise auch in der Herrscherklasse, an der Seite der Manner, durchaus innovativ und ungewohnlich war.

Platons Vorstellungen der physischen und psychischen Beschaffenheit der Frau in der Politeia

Wie es dazu kam, dass Platon im weiblichen Geschlecht das Potential fur die Wachterklasse sah, darauf mochte ich nun naher eingehen.

Die Ausgangssituation zeigt Sokrates und seine Gesprachspartner daruber diskutierend, welche Aufgaben die Frauen im idealen Staat ubernehmen, wenn die Manner im Stand der ^uAaKeg der wichtigen Tatigkeit nachkommen den Staat zu schutzen und zu bewachen.

Eine Analogie des Wachhundes soil zeigen, dass es allein an der Art und Weise der Erziehung und der Gewohnheiten liegt, ob Frauen denselben Aufgaben nachkommen konnen wie die Manner, denn der weibliche Schaferhund soll die Herde ebenso huten wie der mannliche und nicht nur das Haus huten und Nachkommen versorgen[12].

Widerspruchlich scheint aber dennoch der Gedanke zu sein, dass beide Geschlechter dieselben Tatigkeiten ausuben, da ja Sokrates zuvor dafur pladierte, dass ein Staat nur gerecht sein kann, wenn jeder to to auToa

npairav. Konnen Mann und Frau von Natur aus dieselben Aufgaben zugeteilt bekommen haben, obwohl sich ihre ^uoig so sehr unterscheidet[13] ? Problematisch ist, dass eine eindeutige Bestimmung fur die Art dieser Verschiedenheit noch aussteht und somit nicht festgelegt werden kann, ob diese Verschiedenheit einen Einfluss auf die Tatigkeiten hatte. Sokrates bedient sich dafur an einem rein physischen Beispiel von Beharrten und Kahlen, denn wenn man diesen eine verschiedene Natur zusprache, konne man auch nicht verlangen, dass sie einer gemeinsamen Aufgabe nachgingen, wie das Schustern. Sein Gesprachspartner lehnt eine naturlich bedingte Unterscheidung als lacherlich ab[14].

Letztendlich kommen sie dann in 454de zu dem Entschluss, dass sich die Geschlechter allein in dem Punkt unterscheiden, dass der Mann erzeugt und die Frau gebart und diese Unterscheidung daher von korperlicher Beschaffenheit herruhrt und folglich keine Verschiedenheit in den ihnen zukommenden Aufgaben implizieren muss. Somit ist es notwendig, dass die beiden Geschlechter von klein auf dieselbe Erziehung erhalten.

[...]


[1] Vgl. Offen, K., European Feminisms (2000), S.19ff

[2] Vgl. Mauer, S., Die Frau als besonderes Schutzobjekt strafrechtlicher Normen (2009), S.14

[3] Vgl. Mauer, S., (2009), S.15

[4] Vgl. Alcoff, L., Cultural Feminism versus Post-Structuralism (1988)

[5] Vgl. Krefeld, H., Hellenika (2002), S.212

[6] Metoke: ein dauerhaft angesiedelter Fremder.

[7] Vgl. Krefeld, H., (2002), S.41

[8] Vgl. Krefeld, H., (2002), S.42

[9] Vgl. Krefeld, H., (2002), S.41

[10] Hamerling, R., Aspasia (2012), S. 295

[11] Demosthenes, in: Freudiger, J., Platon und die Sache der Frau (1995), S.14

[12] Vgl. Platon, Politeia, 451d

[13] Vgl. Platon, Politeia, 453c

[14] Vgl. Platon, Politeia, 454c

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Frau im Wächterstand des idealen Staates. Die Feminismus-Frage in Platons "Politeia"
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Platons Staat
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V287836
ISBN (eBook)
9783656880189
ISBN (Buch)
9783656880196
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Frau, Wächterstand, Feminismus, Rousseau, Athen, Philosophenherrscher, Politeia, Timaios, Symposion, Émile, Aristoteles
Arbeit zitieren
B.A. Vanessa Mühlhausen (Autor), 2013, Die Frau im Wächterstand des idealen Staates. Die Feminismus-Frage in Platons "Politeia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287836

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