Die Hilfe der Götter im Vergleich der Eneas-Erzählungen von Vergil und Heinrich von Veldeke


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Adaption des Eneas-Stoffes im höfischen Roman 3

B) Hilfe der Götter als Hindernisse für Eneas 4

I. Eneas‘ Flucht aus Troja 6

II. Eneas‘ Beziehung zu Dido 7

III. Anspruch auf Italien 8

IV. Hilfe von Euander 9

V. Rüstung von Vulcan 10

VI. Die ungewollte Flucht von Turnus 12

C) Vergleich ausgewählter Textstellen des Eneas-Roman von Veldeke und dem „Roman d’Eneas“ 13

I. Der Kuss von Ascanius 13

II. Vorwurf der Sodomie an Eneas 14

D) Intentionsunterschiede des antiken und des mittelalterlichen Eneas-Romans 17

E) Literaturverzeichnis 19

A) Adaption des Eneas-Stoffes im höfischen Roman

Vergils „Aeneis“, Heinrich von Veldekes „Eneas“ und dessen französische Vorlage der „Roman d’Eneas“ waren zu Ihrer jeweiligen Erscheinungszeit richtungsweisende Werke für die Literatur ihrer Kulturen sowohl der römischen, als auch dem europäischen Mittelalter. Die Intentionen von Vergil sein 12 bändiges Hauptwerk in Anlehnung an Homers „Ilias“ und „Odyssee“ zu schreiben, sind uns heute bekannter als die Hintergründe der beiden Eneas-Romane des Mittelalters. Vergils Werk gilt nicht nur als Inbegriff der antiken Klassik zur Zeit von Kaiser Augustus, ist Geschichte und Sicherung des Machtanspruchs der Herrscherfamilie zugleich, sondern auch seine Tradierung war Epochen und Kulturen übergreifend. Vielleicht war das auch einer der Gründer für den anonymen französischen Autor diesen kanonischen Stoff auszuwählen, in seine Volkssprache zu übertragen und damit eines der ersten und wichtigsten weltlichen Bücher zu erschaffen, dessen Stoff sich kurze Zeit später auch Heinrich von Veldeke bediente, um im deutschsprachigen Raum ebenfalls Maßstäbe für die entstehende weltliche Literatur zu setzen. Bei der Aneignung des antiken Stoffen wurde, wie im Mittelalter üblich, die antike Welt der eigenen, d.h. der der Autoren und des adligen Laienpublikums, angepasst.[1] Eneas und seine Mitstreiter, sowie seine Feinde hätten sich etwa hundert Jahre später ebenso gut im Umkreis der Tafelrunde aufhalten und die ritterlichen Tugenden verbreiten können. Genauso wegweisend für spätere Literatur sind die vom französischen Autor erweiterten und neueingeführten Minneepisoden. Wie bereits angesprochen, bereiten also die beiden mittelalterlichen Werke sowohl inhaltlich, als auch formal den Weg für eine neue weltliche, unterhaltende und belehrende Literatur. [2]

Doch so klassisch die „Aeneis“ von Vergil auch nachwirken mag, die Adaption im Mittelalter hat den Autoren doch merkliche Schwierigkeiten bereitet. Die Geschichte von Eneas ist auch außerhalb der einschlägigen Literatur weit verbreitet und spaltet sich bereits in zwei Lager. Das Problem der Wahrnehmung, vor allem der des Helden Eneas, war die historische Wahrheit der Geschichte, die bereits bei Homer stark angezweifelt wurde. [3] Er und Vergil wirken besonders in einer christlichen Welt sehr unglaubwürdig, obwohl die Gründung des römischen Reichs und die historische Existenz von Eneas nicht angezweifelt wurden, nur eben die Art der Geschichte, wie sie Homer und Vergil erzählen. In späteren mittelalterlichen Adaptionen der Geschichte von Trojas Untergang wurde vor allem den Aufzeichnungen von, heute als eindeutig fiktiv geltenden, Augenzeugenberichten der Schlacht um Troja, Dares und Dictys Glauben geschenkt und auch viele mittelalterliche Chroniken übernahmen deren Ansichten. Dort etabliert sich vor allem die Tradition des Verräters Eneas, der sein Geschlecht, die Aeniden, über die in Troja herrschende Familie der Priamiden triumphieren sehen will und deswegen mit seinem Bruder Antenor den Griechen hilft.[4] Außerdem gibt es mehrere Zeugnisse, nach denen Eneas ein ungerechter Herrscher gewesen sein soll und natürlich wird er besonders von christlicher Seite häufig als Feigling und gewalttätiger Usurpator verteufelt.[5]

Dieses Bild steht im Mittelalter dem des „pius Eneas“ aus der Antike gegenüber, er kann nicht mehr der makellose Held sein, als den Vergil ihn dargestellt hat.[6] Auf diesen Kontrast scheinen die beiden mittelalterlichen Autoren referieren zu müssen, zudem ergeben sich noch weitere Probleme mit dem Eneas-Stoff, für den eine Lösung gefunden werden musste. Die Erneuerung, die von beiden Autoren in unterschiedlichen Maße vorgenommen wurde und hier untersucht wird, bezieht sich sowohl auf die Darstellung Eneas‘, als auch auf das wohl offensichtlichste Problem der mittelalterlichen Aneignung der „Aeneis“: Die Rolle der antiken Götter.

B) Hilfe der Götter als Hindernisse für Eneas

Die antike Götterwelt in Vergils „Aeneis“ ist sowohl Initiator, als auch Lenker der ganzen Handlung. Über allem steht Eneas‘ Fatum, dass er um jeden Preis erfüllen muss. Dieser Preis sind in allen Versionen des Romans die Taten, die seinen Ruf als Helden im Text, sowie beim Publikum gefährden, beispielweise die Flucht aus dem zerstörten Troja oder das Verlassen von Dido. Wie bereits erwähnt, tragen genau diese nicht gerade heldenhaften Handlungen, zu denen Eneas wegen des Fatums gezwungen ist, zu seinem schlechten Ruf im Mittelalter bei. Im antiken Epos jedoch wird Eneas von Anfang an und ohne große Mühe des Autors immer wieder rehabilitiert: Es ist der Wille der Götter, der Eneas‘ Handlungen lenkt. Er kann nicht zur Verantwortung gezogen werden, denn er ist, obwohl natürlich auserwählt, nur Werkzeug der himmlischen Mächte.

Dem mittelalterlichen Publikum scheint der Götterbefehl Eneas und seine oft sehr widersprüchliche Taten nicht mehr rechtfertigen zu können. Natürlich sind sie im Mittelalter noch mehr als in der Antike als eindeutig fiktiv markiert, doch wie gehen Veldeke und der unbekannte französische Autor mit der Existenz und dem Engreifen der Götter um? Sie ersetzen sie weder durch den christlichen Gott, noch dämonisieren sie die heidnischen Götter. Die Handlung scheint einfach, soweit es möglich war, auf die Ebene der Menschen verlagert worden sein, wie später noch gezeigt werden wird. Die Götter treten in den Hintergrund und wirken kaum noch aktiv im Geschehen mit. Trotzdem gibt es markante Stellen der Handlung - meist eben genau die Szenen, die Eneas im Mittelalter zu einem so fragwürdigen Helden machen – in denen ein Auftritt der Götter unabdinglich ist. So kann zum Beispiel der Sturm, der Eneas und seine Gefährten sieben Jahre auf dem Meer herumirren lässt genauso gut ein Naturereignis oder einfach nur Unglück sein. Das Eingreifen Junos wird hier nur nebenbei erwähnt. Anders verhält sich beispielsweise bei Flucht aus Troja, denn es braucht schon einen handfesten Grund, damit Eneas seine Heimat dem Untergang überlässt.

Doch im Mittelalter ist es eben mehr als einen Götterbefehl nötig, um Eneas Entscheidungen glaubwürdig zu machen. Die französische und die deutsche Bearbeitung beziehen nun die Kritik an Eneas‘ Verhalten in ihre Werke mit ein und das vor allem in den Figuren Dido, der Frau von Latinus und der Frau von Euander, die Eneas direkt seine Schwächen vorhalten und ihn für die Verschlechterung ihrer Lebensumstände beschuldigen. Hier wird das Eingreifen der Götter, das Eneas eigentlich helfen sollte sein Fatum zu verfolgen, plötzlich zum direkten Hindernis für den Helden, nicht nur zum Diskussionspunkt für das Publikum. Doch trotzdem orientieren sich beide mittelalterlichen Eneas-Romane am Eneas-Bild Vergils, sie wollen ihn also auch für ihr Publikum zum Helden machen. Eneas muss sich bei ihnen vor allem selbst bewähren, zeigen, dass er ein Held ist, auch ohne Hilfe der Götter. Ja ganz im Gegenteil, durch die Kritiker, die immer wieder in den Werken auftreten, scheint Eneas auch immer wieder gegen die „Hilfe“ der Götter und deren schlechte Auswirkung ankämpfen zu müssen. Schließlich muss er sich selbst zum Helden machen, es entsteht also ein schon beinah neuzeitliches Heldenbild, das auch die Nähe der beiden mittelalterlichen Werke zum modernen Roman bekräftigt: Der Held, dem Hindernisse in dem Weg gelegt werden und der sich erst aus eigener Kraft zum wahren Helden entwickeln muss. Diese vorgenommenen Änderungen in den Bearbeitungen des antiken Stoffes, die man in Anlehnung an Reiter auch als „de-konstruktive Kontingenz“[7] bezeichnen könnte, also als Vorgang bei dem sich anfängliche Hindernisse zu Möglichkeiten entwickeln, in denen sich im den hier behandelten Texten der Held Eneas bewähren kann, werden hier an ausgewählten Textstellen gezeigt


[1] Opitz 1998: S.53
[2] Ebd., S.50
[3] Fromm 1992: S.139f
[4] Ebd., S.141
[5] Fromm 1992: S.147f.
[6] Ebd., S.145
[7] Reiter 2010: S.33

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Hilfe der Götter im Vergleich der Eneas-Erzählungen von Vergil und Heinrich von Veldeke
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V287840
ISBN (eBook)
9783656879244
ISBN (Buch)
9783656879251
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneas, Heinrich von Veldeke, Vergil, Götter, Antike, Mittelalter
Arbeit zitieren
Sophie Strohmeier (Autor), 2013, Die Hilfe der Götter im Vergleich der Eneas-Erzählungen von Vergil und Heinrich von Veldeke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287840

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