Der Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken

Die Verschiebung von Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum


Hausarbeit, 2013
12 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Öffentlichkeit
2.2 Privatheit

3 Grenzverschiebung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

4 Möglichkeiten von Privatsphäre in postmodernen Gesellschaften

5 Schluss und Handlungsempfehlungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Internetplattformen wie Facebook, StudiVZ, Twitter oder YouTube aber auch TV-Formate wie „ Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Der Bachelor“ zeigen eindrucksvoll den ansteigenden Bedarf an Schau- und Zeigelust in der postmodernen Gesellschaft. Bedingt durch die sozialen Netzwerke und die neuen Medien, entsteht ein gesteigerter Bedarf an Selbstthematisierung und eine rasante Entwicklung des Kommunikationspotenzials. Dieser Fortschritt impliziert eine Entbindung von zwei unüberwindlichen physischen Rahmenbedingungen, die über mehrere Jahrtausende die Kommunikation und Interaktionen zwischen Individuen prägten: Zunächst war es eine notwendige Tatsache, dass sich Organismen immer in räumlicher Nähe zueinander befinden um Kontaktmöglichkeiten zu generieren. Weiterhin war eine Verdichtung an stabilen Aufenthaltsorten erforderlich, um die Komplexität von Kommunikation aufrecht zu erhalten (Höflich/Gebhardt (Hrsg.) 2005: 35). Dieser gesteigerte Bedarf an Kommunikation und Selbstthematisierung beinhaltet allerdings ein weiteres Problem. Aufgrund der Schau- und Zeigelust der Individuen, entsteht eine Verschiebung von Grenzen zwischen dem privaten und öffentlichen Raum. Angesichts der großen Offenheit, die im Internet oder in den eingangs erwähnten Fernsehformaten präsentiert wird, ist von einem Sieg des Exhibitionismus (Greiner 2000) oder der Tyrannei der Intimität (Sennett 1983) die Rede. Markus Schroer relativiert diese Aussagen in „Individualisierung als Zumutung“ allerdings, indem er die Behauptung aufstellt, dass es nach wie vor die Suche nach Privatheit und dem Schutz des Privaten gebe, was in der Öffentlichkeit aber weitestgehend unbemerkt bliebe. So bestünde beispielsweise die Möglichkeit über das An- und Abschalten von Webcams eine Kontrolle über den privaten Raum zu gelangen oder durch den Erwerb von Software ein sicheres surfen im Internet zu garantieren (Schroer 2010: 285).

Ziel dieser Ausarbeitung soll es sein, die Verschiebung der Räume zu benennen und die Möglichkeiten von Privatsphäre in modernen Gesellschaften zu beleuchten. Zunächst werden hierbei die Privatheit und Öffentlichkeit aus soziologischer Sicht charakterisiert. In einem weiteren Schritt wird anschließend die Verschiebung dieser Räume thematisiert. Blickpunkt bildet hierbei die historische Entwicklung von Institutionen wie der Beichte oder dem Tagebucheintrag bis hin zu mobilen Plattformen wie Facebook, StudiVZ oder Twitter. Abschließend wird auf die Möglichkeit der Wahrung von Privatsphäre in modernen Gesellschaften eingegangen, ehe der Schlussteil dieser Arbeit Handlungsempfehlungen für den zukünftigen Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit ausdiskutiert.

2 Definitionen

Das folgende Kapitel dient dem grundlegenden Verständnis von elementaren Begriffen, die in der Ausarbeitung vermehrt ihre Verwendung finden. Blickpunkte bilden hierbei der Begriff der Privatheit, der Öffentlichkeit und der Raumsoziologie.

2.1 Öffentlichkeit

Zu öffentlichen Räumen gehören vor allem Außenräume, die grünbestimmte rundumbebauter Art sind und Innenräume, die für jeden öffentlich zugänglich sind und unentgeltlich benutzt werden können. Die Bewirtung solcher Räume wird vorwiegend durch Gemeinden und Kommunen übernommen. Im allgemeinen Wortgebrauch zählen zu öffentlichen Räumen Verkehrsflächen für Fußgänger-, Fahrrad-, und Kraftfahrzeugverkehr (Engel 2004: S.31). Die Öffentlichkeit bezeichnet eine Sphäre, in der alle Inhalte verhandelt werden können und die als allgemein zugänglich für jedes Individuum gelten. Zunächst wurde die Öffentlichkeit durch die Institution der Religion generiert, da diese ein allgemein gültiges Regelwerk lieferte, an dem sich orientiert wurde. In modernen Gesellschaften erreichen die Medien die Signifikanz für die Konstituierung einer Öffentlichkeit und lösen die Religion als öffentliche Institution ab (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.558).

Beim Internet handelt es sich um einen teilöffentlichen Raum, der im Vergleich zum herkömmlichen Öffentlichkeitsbegriff veränderte Merkmale aufweist: Zweifelsfrei ist auch das Internet grundsätzlich für jeden frei zugänglich, allerdings entsteht eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten. Durch das Bilden von themenspezifischen Communities, in denen die jeweiligen Individuen miteinander agieren, entstehen kommunikative Teilöffentlichkeiten, die letztlich nur Mitgliedern zugänglich sind (Thimm (Hrsg.) 2000: S.52).

2.2 Privatheit

Privatheit beschreibt Ereignisse, die ohne öffentliche Relevanz stattfinden. Es handelt sich um Gegenstände, Bereiche und Räume, die nicht der Allgemeinheit gehören, sondern lediglich der Aufsicht und dem Besitz einer einzelnen Person - in Ausnahmefällen auch einer Personengruppe - obliegen. Die Rede ist weiterhin von einer Sphäre, die differenziert von der Arbeitswelt und frei von staatlichen Eingriffen zu betrachten ist. Ein geschützter Raum, der dem Individuum zur freien Entfaltung dienen soll (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.557).

3 Grenzverschiebung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

„Mein Eindruck - gerade aus der Netzkommunikation – ist, dass Privatheit ganz individuell, ganz verschieden, mit ganz unterschiedlichen Grenzziehungen interpretiert wird. Was für einige privat ist, ist für andere längst nicht mehr oder noch nicht privat. Daher erleben wir durch die Individualisierung, die über das Internet möglich ist, auch eine Individualisierung der Selbstdefinition, meiner Selbst und damit auch des Privaten.“ (Thimm, zit. nach Weiß, Groebel (Hrsg.) 2002: 557).

Anhand dieses Zitats durch Caja Thimm lässt sich feststellen, dass die Grenzen zwischen privat und öffentlich zwar existent aber zugleich situativ und wandelbar sind. In modernen Gesellschaften finden Aushandlungsprozesse von Öffentlichkeit und Privatheit eher entgrenzt statt. Aufgrund von Besonderheiten der modernen gesellschaftlichen und medialen Entwicklungsmuster ist davon auszugehen, dass sich die Lebensstile sowie kulturelle Begebenheiten gewandelt haben. Medial aufgearbeitet begegnen sich daher verschiedene Konzepte und Stile in einer Vielfalt, dass die sozialen Vorstellungen von privat und öffentlich neu erfahren werden. Eine nach wie vor relevante Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit als Aushandlungsprozess ist gegeben. Die Praxis der Individuen bestimmt allerdings diesen Vorgang, der in einem anschließenden Schritt gesellschaftlich und ethisch zu reflektieren ist (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.560).

Eine Differenzierung von privat und öffentlich war ursprünglich durch räumliche und institutionelle Strukturen begrenzt. So wurde das Schreiben von Tagebüchern öffentlichkeitsfern in einem privaten Raum des Hauses vollzogen. Eine Reflexion durch die Masse fand nicht statt, wurde aber auch nicht erwünscht. Ähnlich verhält es sich mit der kirchlichen Beichte, in der ein intimes und privates Verhältnis zwischen dem Pfarrer und dem Individuum geschaffen wurde. Die Intimität und Privatheit war auf den Beichtstuhl begrenzt. Ethische oder vielmehr gesellschaftliche Reflexionen waren nicht gegeben. Diese räumlichen und institutionellen Strukturen, die in der damaligen Zeit als „sicherer Hafen“ (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.561) zu bezeichnen waren, sind heutzutage - oftmals bewusst, teilweise unbewusst - durchlässig. Intime Momente sowie persönliche Vertraulichkeiten werden aus dem „sicheren Hafen“ hervorgeholt, um diese im Fernsehen sowie im Internet rühmlich zu präsentieren. Die Tatsache, dass die Netzwelt durch schnelle und interaktive Kommunikationsmöglichkeiten soziale Reaktionen auf die Selbstpräsentation hervorruft, schmälert das Bewusstsein von Privatsphäre (Schroer 2010: 285). Soziale Plattformen wie Facebook, StudiVZ oder Twitter erreichen einen regelrechten Mitgliederboom. Das erhöhte Interesse an Selbstdarstellung und Reflexion durch die Masse führt zu einer Verminderung von Privatheit und dem privaten Raum. Diese Verschiebung hat weitreichende Konsequenzen: War das Kinderzimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer zur damaligen Zeit noch ein privater Raum, der lediglich einer geringen Personengruppe zugänglich war, so ist

- zumindest die visuelle - Teilhabe von Anderen durch das Benutzen von Webcams nun möglich.

Die grundsätzliche Neugier eines Menschen an dem Privatleben anderer teilzunehmen ist der Erfolgsgarant für mobile Plattformen sowie Reality - TV Formate. Jeder hat das Bedürfnis, in den Nahbereich, in die Privatsphäre des anderen tauchen zu können (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.562). Dadurch ermöglicht sich eine öffentliche Verhandlung über Themen, die ehemals dem Privatbereich zugeordnet waren. Als ein Vorteil, der daraus resultiert, ist sicherlich das Bekanntwerden von häuslicher Gewalt zu nennen, da diese somit nicht länger verschwiegen sondern überhaupt erst zum Thema gemacht werden kann.

Zusammenfassend lässt sich betrachten, dass eine einheitlich gesellschaftliche Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit hinfällig geworden ist. Ersetzt wird diese durch individuelle und multiple Grenzziehungen einzelner Teilöffentlichkeiten sowie des Individuums selbst (Weiß/Groebel (Hrsg.) 2002: S.564).

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken
Untertitel
Die Verschiebung von Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V287910
ISBN (eBook)
9783656883272
ISBN (Buch)
9783656883289
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umgang, privatheit, öffentlichkeit, netzwerken, verschiebung, grenzen, raum
Arbeit zitieren
Dennis Bleck (Autor), 2013, Der Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287910

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