Der Lehrerberuf in der posttraditionalen Gesellschaft

Alles nur Routine? Oder: Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 15 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ulrich Beck

2. Michael Brater

3. Ernst Cloer

4. Hermann Rademacker

5. Werner Helsper

6. Mirko Wojnowski

Literaturverzeichnis

1. „Gegen die Bedrohungen der äußeren Natur haben wir gelernt, Hütten zu bauen und Erkenntnisse zu sammeln. Den industriellen Bedrohungen der in das Indus- triesystem hereingeholten Zweitnatur sind wir nahezu schutzlos ausgeliefert.“1

Ulrich Beck beschreibt die moderne Sozialstruktur in der wir leben als eine Risi- kogesellschaft, die mit jeglicher Modernisierung, jedem Fortschritt und mit jeder neu- entdeckten Technik auch fremde, unbekannte Gefahren erfindet und quasi als Neben- produkt mitproduziert. Das bedeutet „der Machtgewinn durch technisch-ökonomischen ≫Fortschritt≪ wird immer mehr überschattet durch die Produktion von Risiken“2, wel- che pluri-lokal, auch über Ländergrenzen hinweg, in verschiedensten Formen und unter- schiedlichem Grad der Gefährdung, den sie für die Gemeinschaft bedeuten, in Erschei- nung treten. Die Produktion und Verteilung dieser omnipräsenten Gefährdungen des Lebens von Pflanze, Tier und Mensch unterliegen ihrer eigenen Logik, die „im Ver- gleich mit der (das gesellschaftstheoretische Denken bisher bestimmenden) ≫Logik≪ der Reichtumsverteilung entwickelt [wird].“3, was wiederum bedeutet, dass auch lokale, nationale, klassen- oder gruppenspezifische Lebensrisiken und Selbstbedrohungspoten- tiale in einem bis dahin unbekanntem Ausmaß freigesetzt und globalisiert werden. Eine logische Schlussfolgerung ist nun, dass der Modernisierungsprozess selbstreflexiv, ergo sich selbst zum Thema und Streitpunkt werden muss, um die Folgeprobleme der drasti- schen, gesellschaftlichen Veränderungen verharmlosen, kanalisieren und bestenfalls verhindern zu können und sich nicht selbst ad absurdum zu führen, denn „die Risikoge- sellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden“4.

Im Zuge der Veränderung von der Industrie- zur Risikogesellschaft tritt zudem ein Wandel der Erwerbsarbeit in Kraft, welcher drastische Konsequenzen für das einzelne Individuum, aber auch für die Allgemeinheit mit sich bringt. Das „standardisierte Voll- beschäftigungssystem beginnt […] in Flexibilisierungen seiner drei tragenden Säulen - Arbeitsrecht, Arbeitsort, Arbeitszeit - aufzuweichen und auszufransen. Damit werden die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtarbeit fließend. Flexible, plurale Formen der Unterbeschäftigung breiten sich aus“5 und werden „als Synthese von Vollbeschäftigung und Arbeitslosigkeit ins Beschäftigungssystem ≫integriert≪“6, was wiederum ein- schneidende Veränderungen der Situation im Bildungssystem und in den Ausbildungsgängen zur Folge hat.

Der direkte Einstieg in den Beruf oder in eine Ausbildung, wenn ein ganzer Lebensab- schnitt Schule vollendet ist, bleibt heutzutage eher der Ausnahmefall, denn zu einem signifikant steigenden Prozentsatz stehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor den verschlossenen Türen des Beschäftigungssystems. Um der unsicheren beruflichen Zukunft oder der möglichen Arbeitslosigkeit zu entgehen, bleiben junge Menschen län- ger in den Schulen oder wählen den Weg der Zusatz- und Weiterbildung, was Unter- richtsstätten „als institutionelles Arrangement […] jedoch leicht zu Aufbewahrungsan- stalten [bzw.] ≫Wartesälen≪ [verkommen lassen kann], die die ihnen zugeschriebenen Aufgaben einer beruflichen Qualifizierung nicht mehr erfüllen“7. Die Situation und die Glaubwürdigkeit im beruflich orientierten Bildungssystem werden widersprüchlich und Bildung selbst immer notwendiger, aber immer weniger hinreichend, um den ge- wünschten oder überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen. Das Angehen einer so weitreichenden Problematik, die fast jeden Schüler betrifft, alle Schultypen umfasst und auch Hochschulabgänger nicht verschont, muss forciert werden, um einem Autoritäts- verlust der Institution Schule zu entgehen, dessen „extremste[s] und sichtbarste[s] Zei- chen […], die ansteigende Gewalt gegen Lehrer, vor allem in Großstädten mit hoher, konstanter Jugendarbeitslosigkeit“8, bereits heutzutage nicht zu verleugnen ist.

Doch was kann ich als einzelner Lehrer in einer Klasse ausrichten, um meinen Schüle- rinnen und Schülern all diese Probleme bewusst zu machen und sie effektiv auf die, nach ihrem Schulabschluss anstehenden, Schwierigkeiten vorzubereiten? Es ist nicht einfach bei Kindern und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein für Herausforderungen bzw. Widerstände zu wecken, die ihnen noch völlig unbekannt sein müssen und nur in wirklichkeitsnahen Erfahrungen eingeübt werden können. So war es mir auch selbst in der Schule noch nicht bewusst, warum ich einen guten Abschluss oder gute Noten brau- che; der Zweck der Bildung kann erst ab einem gewissen Alter und dem zugehörigen Reifungsprozess erkannt werden.

In der Hoffnung zu konkreten Umsetzungsideen zu kommen, von denen meine späteren Schülerinnen und Schüler nachhaltig profitieren können, will ich mich nun in der dalie- genden Arbeit differenziert mit diesen und anderen Veränderungen auseinandersetzen.

2. „Wer bin ich denn eigentlich?“- „Was will ich in meinem Leben?“ - „Wo braucht mich die Welt?“9

Wenn Michael Brater diese Ungewissheiten als neue, zentrale Leitfragen des mo- dernen Jugendlichen postuliert, so wird offensichtlich, dass Jugendlicher sein und Er- wachsener werden heutzutage nicht mehr dieselben Entwicklungsaufgaben an das Indi- viduum stellt, wie noch vor einigen Jahren. Kernaufgabe der Entwicklung ist in unserer posttraditionalen Gesellschaft nicht mehr „nur das Problem, ab der Pubertät individuell und bewusst Anschluss an die Außenwelt zu finden und die in der individuellen Biogra- phie als privates Erlebnis aufgetretene Kluft zwischen Innen und Außen, Ich und Welt zu überwinden“10, sondern ein subjektiver Selbstfindungsprozess - Brater nennt es die „Ausbildung von Ich-Identität“11 - muss stattfinden, um die Gelegenheit zur Entfaltung des eigenen Ich und des Anschluss Findens an die Welt und die Gesellschaft überhaupt zu ermöglichen. Es geht um die Entdeckung, Definition und Benutzung einer, dem Ein- zelnen innewohnenden, mentalen Richtschnur, welche aber in ihrer konkreten Bestim- mung nie als starr oder endgültig angesehen werden darf, sondern einer ständigen Prü- fung, Modifizierung oder auch Falsifizierung unterliegen muss. Die Ausbildung indivi- dueller Fertigkeiten, „die den einzelnen in die Lage versetzen, sich selbst gültige Orien- tierung zu schaffen“12, muss im Mittelpunkt der Bildungsaufgaben stehen. Vorausset- zungen hierfür sind Wissen, verschiedenste Gelegenheiten des Erfahrungen-Machens, sowie Praxisfelder, in denen der einzelne seine Annahmen und Möglichkeiten erproben und somit bestätigen oder auch korrigieren kann.

Mit dem Wandel der verschiedenen Entwicklungsaufgaben, die an das Individuum ge- stellt werden, ändern sich folglich auch zwingend die Aufträge derjenigen Institutionen, die den Jugendlichen bei seinem Prozess der Selbstfindung unterstützen und begleiten. Eine der wichtigsten dieser Einrichtungen, die den einzelnen jungen Erwachsenen bei seinem „Akt der sozialen Selbsterschaffung“13 assistieren können, ist die Schule. Sie ist „die einzige Institution, die alle Mitglieder der Bevölkerung in einem bestimmten Alter

zusammenführt“14. Wie die Schule aber konkret in die bestehenden Missstände eingrei- fen kann ist unklar geworden und fest steht definitiv nur, dass sie ihre Funktion nicht nur auf die bloße Vermittlung von Wissen beschränken darf, um ganzheitlich erfolgreich zu sein und ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

Auch wenn ich meine eigene Schulzeit reflektiere muss festgehalten werden, dass nur sehr wenige Kenntnisse über das wirkliche Leben oder die Realitäten gegenwärtiger Existenz vermittelt wurden und das Lernen oft vom Gedanken „Das brauche ich in mei- nem praktischen Leben nie wieder“ geprägt war. Dementsprechend wurden bestimmte Wissensinhalte nur zum erfolgreichen Bestehen von Klausuren einstudiert, um sie direkt danach wieder vergessen zu können, also „Platz für Wichtigeres zu schaffen“. Neben der reinen Wissensvermittlung darf die Schule also „ihre Bedeutung als Sozialisations- instanz, die auch effektive Entwicklungsaufgaben hat“15 nicht vernachlässigen.

In Bezug auf die Ich-Werdung, welche „nur als realer, krisenhafter Erfahrungsprozess in Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt geleistet werden“16 kann, lautet die Aufgabe der Schule verschiedenste (soziale) Situationen zu schaffen, in denen sich der einzelne Jugendliche selbst erleben und ausprobieren kann, wobei er wohlwollend dis- tanziert begleitet werden muss; es geht auch um Freiheiten, die zugestanden werden müssen. Da es hier keinen abstrakten Normmaßstab geben kann, sondern eine „hoch- gradige Individualisierung nun auch des Lernens und der Gestaltung von Lernsituatio- nen notwendig“17 ist, stellt sich mir für meine spätere Tätigkeit als Gymnasiallehrer die Frage, wie diese Individualisierung des Lernens konkret aussehen kann und wie morali- sche Grundhaltungen, wie soziales Verantwortungsbewusstsein, Selbstkritik oder auch die Bereitschaft zur persönlichen Weiterentwicklung, gelehrt und gelernt werden kön- nen, also wie grundlegende Eigenschaften einer Person geschult werden können, „die dieser ein Handeln unter Individualisierungsbedingungen ermöglichen“18.

Wenn eine Grundannahme Albert Banduras aus der Lern- und Gedächtnispsychologie, „Menschen lernen durch Beobachtung und unmittelbare Erfahrung“19, miteinbezogen wird, leuchtet ein, dass Michael Braters Forderungen, Lernen müsse „vom passiven Rezipieren zum selbstständigen Erproben und Entdecken werden und […] in möglichst lebensnahen, lebensechten Handlungssituationen als […] Moment des Handelns sich vollziehen“20, eine plausible Antwort auf die zu Anfang gestellten Fragen geben kön- nen. Dennoch bleibt die explizite Umsetzung dieses handlungsorientierten Unterrichtes vor allem bezüglich der Aufgabe des Lehrers bei Michael Brater meiner Meinung nach relativ unpräzise. Ergänzend wurden im Kolloquium des Seminars allgemeinverständlichere Vorschläge zur Realisierung eines anschaulichen, aktiven, produktionsorientierten Unterrichts gemacht, die in meinem späteren Lehrerhandeln verstärkt eingesetzt und auf ihre Nützlichkeit hin überprüft werden sollen.

Das selbständige Erproben des einzelnen Schülers und der einzelnen Schülerin kann in Form von Projekten und Gruppenarbeiten, also der Auseinandersetzung mit bestimmten Schulstoffen im Team, intensiviert gefördert werden. Auch Fallbeispiele aus dem wirk- lichen Leben sollten verstärkt aufgegriffen werden, da sie eidetisch realistische Anfor- derungen und Schwierigkeiten des alltäglichen Daseins reproduzieren. Ebenso sind Planspiele oder auch Erkundungsaufträge, bzw. jede Art des selbstgesteuerten Lernens, denkbar sinnvoll, um die einzelne Klasse zur aktiven Teilnahme und zum selbstständi- gen Austesten und Entdecken zu motivieren. Es ist hier jede Form und jeder Prozess des Lernens inkludiert, in dem „[…] der Lerner - mit oder ohne Hilfe anderer - initiativ wird, um seine Lernbedürfnisse festzustellen, seine Lernziele zu formulieren, menschli- che und dingliche Ressourcen für das Lernen zu identifizieren, angemessene Lernstrate- gien zu wählen und zu realisieren und um die Lernergebnisse zu evaluieren“21, also je- des Lernverfahren, das ein Lernender zum größten Teil selbst steuern und kontrollieren kann und auf diesem Wege seine eigenen Fähigkeiten und Potentiale, das Fundament der eigenen Bildung, nutzt und ausbaut.

Neben den im Seminar erarbeiteten Vorschlägen, wie sich die Schule der Realität öffnen und ein „Lernen in Realsituationen, die nicht zu Lernzwecken erfunden wurden, sondern die Ausschnitte des wirklichen Lebens darstellen“22, schaffen kann und wie sich dies konkret im Lehrerhandeln äußern sollte, spricht auch Hermann Rademacher expliziter als Michael Brater den Wandel der Arbeit und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Schule als Institution und das Handeln der Lehrkräfte, vor allem in Hinsicht auf Betriebspraktika, als eine Variante des handlungsorientierten, vitalen Unterrichts, an. Mit der realitätsbezogenen Unterrichtsform des Betriebspraktikums will ich mich im vierten Kapitel genauer auseinandersetzen.

[...]


1 Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/Main 1985, S. 9-10.

2 Ebd., S. 17.

3 Ebd., S. 17.

4 Ebd., S. 31.

5 Ebd., S. 224.

6 Beck, S. 236.

7 Ebd., S. 238.

8 Ebd., S. 246.

9 Michael Brater: Schule und Ausbildung im Zeichen der Individualisierung, in: Kinder der Freiheit, hrsg. v. Ulrich Beck, Frankfurt/Main 1997, S. 151.

10 Ebd., S. 149.

11 Ebd., S. 151.

12 Ebd., S. 155.

13 Ebd., S. 155.

14 Uwe Sandfuchs: Umgang mit Migration. Bestandsaufnahme und Kritik einer defizitären Schulpraxis, in: Unterrichten/Erziehen 4 (2002), S. 197.

15 Brater, S. 158.

16 Ebd., S. 158.

17 Ebd., S. 159.

18 Ebd., S. 161.

19 Albert Bandura: Aggression. Eine sozial-lerntheoretische Analyse, Stuttgart 1979, S. 85.

20 Brater, S. 163.

21 Eigene Übersetzung von Malcolm Knowles: Self-directed learning. A guide for learners and teachers, Englewood Cliffs 1980, S. 18.

22 Brater, S. 171.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Lehrerberuf in der posttraditionalen Gesellschaft
Untertitel
Alles nur Routine? Oder: Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Pädagogik der Sekundarstufe)
Veranstaltung
Der Lehrerberuf in der posttraditionalen Gesellschaft
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V288032
ISBN (eBook)
9783656881346
ISBN (Buch)
9783656881353
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Sekundarstufe, Lehrer, Lehrerberuf, posttraditionale Gesellschaft, Grundlagen
Arbeit zitieren
Mirko Wojnowski (Autor), 2010, Der Lehrerberuf in der posttraditionalen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288032

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Lehrerberuf in der posttraditionalen Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden