Der doppelte Superlativ im Gegenwartsdeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

15 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Phänomenbereich

3. Bildungssgeschichte

4. Bildungsgrenzen des doppelten Superlativs

5. Der doppelte Superlativ im Vergleich mit anderen Sprachen

6. Bewusster und unbewusster Gebrauch

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bildung des doppelten Superlativs ist ein Phänomen des mündlichen Sprachgebrauchs, das sich zunehmend in der Schriftsprache niederschlägt. Das neue Wortbildungsmuster ist laut Bastian Sick (2005: 42) durch eine „Superlativierungs-Euphorie“ zu begründen, die sich in der Werbung, Politik und Tageszeitungen seit Beginn der 90er Jahre manifestiert. Doppelte Superlativbildungen wie meistverkaufteste sind gegenwärtig keine Ausnahmen in der deutschen Medienlandschaft. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Wörter, die dem standardsprachlichen Gebrauch nicht entsprechen, beim Adressaten eine höhere Aufmerksamkeit erregen. Durch den Gebrauch des doppelten Superlativs erhält die Aussage eine alarmierende, dringliche, akute, engagiert oder enthusiastische Wirkung.

Es gibt einige Tücken in der Anwendung der Komparationsregeln in der deutschen Gegenwartssprache. Am bekanntesten ist wohl der Fehler absolute Adjektive zu steigern wie einzig zu einzigst oder optimal zu optimalst.

Der Wortbildungstyp des doppelten Superlativs wurde bisher besonders ausführlich in einem Aufsatz von Oppenrieder und Thurmair (2005) dargestellt.

In dieser Arbeit soll nach der Beschreibung des Entstehungsmusters untersucht werden, wie der Gebrauch des normwidrigen doppelten Superlativs entsteht und welchen Grenzen dem Phänomen unterliegen. Im Vergleich mit der Superlativbildung der französischen und der englischen Sprache soll im Folgenden aufgezeigt werden, dass die deutsche Sprache besondere Tendenzen zur Bildung dieser Superlative beinhaltet. Inwiefern sich der Gebrauch dieser Wortbildungen bewusst oder unbewusst häuft, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die letztendlich entscheiden, welche Varianten der doppelten Superlativbildung tatsächlich zur Norm werden könnten, um somit den allgemeinen Regularitäten der deutschen Wortstruktur voll zu entsprechen.

2. Der Phänomenbereich

Das Wortbildungsmuster vom Typ meistverkauftest weicht von der deutschen Standardsprache ab: „Als Grundregel gilt, dass bei adjektivischen Fügungen und entsprechenden Komposita immer nur ein Bestandteil gesteigert wird. […]Superlativformen bei Erst- und Zweitglied sind nicht möglich“ (Duden, 2011:960). Das hier untersuchte Wortbildungsphänomen weist aber in beiden Wortgliedern die morphologische Markierung der Superlativkategorie auf. Dennoch sind Wortbildungen mit der beschriebenen Eigenschaft immer wieder anzutreffen. Sie können in drei Bildungsarten der zweigliedrigen Komposita unterschieden werden:

- Adjektiv + Partizip I:

(1) Bestschmeckenste [sic] Zitronenlimonade (siehe Abb.1) (Coca-Cola GmbH, 2010)

(2) Orlando Bloom ist "bestaussehendster Promi-Vater“ (Tecklenburger Land Magazin, 14.06.2011)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Werbetext der Coca-Cola GmbH für eine Zitronenlimonade aus dem Jahr 2010

(Quellle: Coca-Cola Deutschland GmbH, URL: http://www.coca-cola-gmbh.de/markenvielfalt/index.do?brand=sprite, geprüft am 10.04.2012)

- Adjektiv + Partizip II:

(3) die vermeintlich zehn bestangezogensten Stars (Cerrato, G., Schweizer Illustrierte, 2010)

(4) Die meistgenutzteste VoIP-Software ist momentan Skype. (Computer Bild, 2007)

(5) die meistbefahrenste Bahnstrecke Deutschlands (Hasselmann, J., Tagesspiegel, 2007)

(6) die meistverkaufteste Single aller Zeiten (Sueddeutsche.de, 2006)

(7) der aktuell bestplatzierteste Vertreter Thüringens (Sächsische Zeitung, 08.12.2011)

In der Regel treten hauptsächlich Partizip-II-Formen und seltener Partizip-I-Formen auf (vgl. Oppenrieder/Thurmair 2005:433).

- Adjektiv + Adjektiv:

(8) die größtmöglichste Bühne des deutschen Fernsehens (Niethammer, L., Süddeutsche Zeitung = SZ/jetzt.de, 2012)

(9) Berliner Piraten fordern schnellstmöglichste Einführung von Nummernschildern für Polizisten (Amende, P., Pressemitteilung der Piratenpartei Berlin, 2010)

(10) die höchstklassigste Mannschaft im Landkreis Augsburg (Reiser, O., Augsburger Allgemeine, 13.07.2011)

Die Erstelemente best (s.(1)-(3),(7)), meist (s. (4)-(6)), größt (s. (8)), schnellst (s. (9)) und höchst (s. (10)) treten häufig in Verbindung mit einem ebenfalls gesteigerten Zweitelement auf.

Es gibt einige Adjektiv-Komposita, die ebenfalls wie die Partizip-Komposita mit doppelten Superlativmarkierungen auftreten. Allerdings handelt es sich hierbei um ein Kompositum aus einem gesteigertem Erstelement und einem meist untypischen Adjektiv wie möglich und klassig als Zweitglied (vgl. Oppenrieder/Thurmair, 2005:433).

Adjektiv-Komposita wie größtmöglichst können auch als Steigerungsbildung wie urälteste oder saublödeste angesehen werden, die auf dem Zweitelement akzentuiert werden.

Der inflationäre Gebrauch des Superlativs, zu denen die oben erwähnten übersteigerten Formen gezählt werden können, ist typisch für den Stil der Propaganda, der auch vom NS-Regime angewendet wurde(vgl. Kurz, 2010:338). Gegenwärtig findet man übersteigerte Superlativformen im Sprachgebrauch der Politik, Werbung und Berichterstattungen (wie beispielsweise über Katastrophen). Besonders auffällig erscheinen doppelte Superlativformen in Sportberichten, die besonders kreativ mit diese Wortbildungen zur Beschreibung von neuen Rekorden und Spitzenleistungen umgehen. Der Romanist Viktor Klemperer erklärt das fortwährende Bedürfnis nach Übersteigerung des Superlativs folgenderweise: „[…]überall führt anhaltendes Übertreiben zwangsläufig zu immer weiterem Verstärken des Übertreibens[…]“(Klemperer 1991:235).

3. Bildungssgeschichte

Doppelt markierte Wortbildungen des Superlativs werden auch in der Schriftsprache angewendet. Dabei handelt es sich vorwiegend um Wortbildungsmuster aus Adjektiv und Partizip, dessen Entstehungsverlauf mit doppelter Superlativmarkierung im Aufsatz über „Doppelte Superlativbildungen im Gegenwartsdeutschen“ von Wilhelm Oppenrieder und Maria Thurmair (2005) erläutert wird.

Als Entstehungsgrundlage nennen Oppenrieder und Thurmair (2005:434) das Bedürfnis auch Partizipformen, besonders das Partizip II, superlativisch anwenden zu können. Durch den superlativischen Vorgang soll inhaltlich bewirkt werden, dass ein Komparandum mit der maximalen Ausprägung der gewählten Eigenschaft angezeigt wird und dadurch eine Intensivierung des lexikalisch Gehalts erreicht.

In der Regel können Partizipien nicht morphologisch kompariert und graduiert werden (vgl. Duden, 2011:960). In Oppenrieder und Thurmair (2005:437) wird zur Abgrenzung von Ausnahmen dieser Regel zwischen normalen Partizipien und lexikalisierten Partizipien (wie z.B. reizend, entzückend, spannend, verstört) unterschieden. Letztere werden adjektivnah verwendet sowie kompariert und lassen sich kaum noch auf ein zugrundeliegendes Verb zuordnen (z.B. bekannt, erwachsen). Weitere Ausnahmen gibt es bei Partizip-I-Formen, die entweder schon einen hohen Grad einen Eigenbedeutung gewonnen haben (z.B. leuchtenst) oder bei Adjektiv, bzw. Adverb-Partizip-Komposita wie wohlriechend oder hochfliegend. Diese Komposita werden durch das Erstglied so qualifiziert, dass sie kompariert werden können (z.B. wohlriechendere Blume, hochfliegendere Pläne) (vgl. Oppenrieder/Thurmair, 2005:437-439).

Die Hauptursache für die Entstehung von doppelten Superlativformen ist, dass Partizipien nicht komparierbar sind. Daher kann von dem folgenden Entstehungsmuster ausgegangen werden (vgl. Oppenrieder/Thurmair, 2005:440-443):

- Syntaktische Konstruktion: Um den maximalen Grad im Zusammenhang mit Partizipien beschreiben zu können, wird in der Regel auf eine syntaktische Konstruktion ausgewichen, die im gesamten Komplex als superlativisch interpretiert werden kann: die am meisten verkaufte CD, die am besten angezogene Frau, das am meisten genutzte Computerprogramm. Es gibt mehrere Möglichkeiten für die modifikatorische Steigerung der analytischen Superlativbildung (z.B. am besten, am meisten).
- Univerbierung: In diesem Schritt werden die analytischen Elemente zusammengefasst, indem das Funktionswort am weg fällt und das Superlativelement ins Kompositum eingegliedert wird: aus die am meisten verkaufte CD wird die meistverkaufte CD. Dieser Vorgang entspricht der allgemeinen Tendenz zu ökonomischen und syntaktisch kürzeren Konstruktionen.
- Doppelte Superlativbildung: Zuletzt entsteht die nun irreguläre Formbildung mit doppelter Superlativmarkierung durch das zusätzliche Anhängen des Superlativsuffixes an das bereits „univerbierte“ Kompositum: die meistverkaufteste CD.

Für das Anhängen des superlativischen Suffixes kann argumentiert werden, dass durch die Univerbierung das Partizip-Kompositum eine Umkategorisierung erfährt und damit wie im Fall wohlriechend folglich eher dem adjektivischen Schema entspricht.

Adjektiv-Komposita mit doppelter Superlativmarkierung, wie in den Beispielen größtmöglichste, schnellstmögliche und höchstklassigste (siehe P.(8)-(10)), basieren auf zwei Entstehungsmöglichkeiten. Entweder können die Adjektiv-Komposita auch als Steigerungsbildung betrachtet werden ((8)+(9)) oder es liegt wie im Beispiel (10) gar keine Komposition vor, sondern eine Zusammenbildung (vgl. Oppenrieder/Thurmair, 2005:433-444). Steigerungsbildungen zeichnen sich durch den Akzent auf dem Zweitelement aus wie bei sauBLÖD (vgl. Altmann, 2007:109). Auch die Beispiele größtMÖGlichste und schnellstMÖGlichste ((8)+(9)) ensprechen aus dieser Akzentregel. Obwohl und gerade weil die Semantik des Adjektivs möglich im komparierbaren Sinne schwach ausgeprägt ist, muss das Erstglied den superlativischen Grad anzeigen. Das Beispiel höchstklassigste (10) ist zurückzuführen auf die syntaktische Gruppe höchste Klasse. Durch das steigernde Element höchst und einer ig-Suffigierung entsteht eine Zusammenbildung mit ebenfalls adjektivischem Charakter, wie auch in (8) und (9), die ein auch zu einer zweiten superlativischen Markierung tendieren(vgl. Oppenrieder/Thurmair, 2005:444).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der doppelte Superlativ im Gegenwartsdeutschen
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V288077
ISBN (eBook)
9783656882688
ISBN (Buch)
9783656882695
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Superlativ, Linguistik
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Der doppelte Superlativ im Gegenwartsdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288077

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