Archäologie Südwestdeutschlands. Das Kleinaspergle und die Prunkgräber der Frühlatènezeit


Hausarbeit, 2013
52 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Allgemeine Informationen über Prunkgräber
2.1 Forschungsgeschichte
2.2 Fürstensitze
2.3 Grabarchitektur
2.4 Bestattungssitte
2.5 Grabbeigaben
2.6 Das Grabritual
2.7 Woher kam der Reichtum?

3 Die Prunkgräber der Frühlatènezeit
3.1 Das Kleinaspergle
3.1.1 Topographische Einführung
3.1.2 Forschungsgeschichte
3.1.3 Der Grabungsbefund
3.1.4 Funde
3.2 Das Fürstinnengrab von Reinheim
3.2.1 Forschungsgeschichte
3.2.2 Grabungsbefund
3.2.3 Funde
3.3 Der Fürst vom Glauberg
3.3.1 Forschungsgeschichte
3.3.2 Grabungsbefund
3.3.3 Funde

4 Fazit

5 ANHANG

1 Einleitung

Die Erforschung der frühlatènezeitlichen Prunkgräber in Südwestdeutschland hat zwar eine Tradition, die schon über 100 Jahre zurückreicht, allerdings wurden viele Bestattungen bereits im 19. Jahrhundert entdeckt, weshalb nur wenige Informationen in heutiger Zeit vorliegen und die Geschlossenheit bzw. Vollständigkeit der Grabinventare zweifelhaft bleiben müssen. Ausgehend von den Altgrabungen und mit der Hilfe neuer Ausgrabungs- und Analysetechniken wurden im Laufe der Jahre jedoch weitere prunkvolle Bestattungen untersucht und ausgewertet, die der Forschung neuere Erkenntnisse liefern konnten. In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf der Vermittlung eines umfassenden und detaillierten Überblicks über die Prunkgräber der Frühlatènezeit. Zu Beginn werden einige allgemeine Informationen zur Forschungsgeschichte und den Fürstensitzen, in deren unmittelbaren Umfeld sich häufig reich mit Beigaben ausgestattete Gräber der sozialen Elite befanden, sowie ausführliche Angaben über den Bestattungsritus, die Grabbeigaben, - architektur und – ritus gegeben. Des Weiteren wird an dieser Stelle die Frage erörtert, woher der Reichtum für die außerordentlich prächtig ausgestatteten Begräbnisse der sozialen Oberschicht herrührte. Im nächsten großen Gliederungspunkt werden die drei Prunkbestattungen das Kleinaspergle, das Fürstinnengrab von Reinheim und das Fürstengrab vom Glauberg, die sich im südwestdeutschen Raum lokalisieren lassen, vorgestellt. Dabei wird auf die Forschungsgeschichte, den Grabungsbefund und das Fundinventar eingegangen. Anschließend werden in einem Fazit zum einen die Probleme bei der Analyse frühlatènezeitlicher Prunkgräber näher erläutert, zum anderen auf vielversprechende Ansätze zur sozialhistorischen Interpretation der Fürstengräber eingegangen.

2 Allgemeine Informationen über Prunkgräber

Die verschiedenen Listen und Verbreitungskarten frühlatènezeitlicher Fürstengräber, die im Laufe der Forschung publiziert wurden, sind starken Variationen unterworfen. Das ergibt sich aus den abweichenden Ansichten darüber, was als Fürstengrab zu gelten habe und was nicht. Kennzeichnend sind vor allem ein aufwendiger Grabbau, in Form eines großen Holzkammergrabes unter einem mächtigen Tumulus, in räumlicher Nähe zu einem Fürstensitz und prachtvolle Beigaben, wie etwa mediterrane Importe, ein oder mehrere Metallgefäße, Goldschmuck oder auch goldgeschmückte Waffen oder Gefäße, die kunsthandwerklich herausragend gearbeitet waren[1]. Charakteristisch für Prunkgräber ist des Weiteren dass sie keine dauerhafte ortgebundene Herrscherfolge in einer Familie wiederspiegeln. Die kleinen Gruppen von Gräbern gehören zu einem Familienverband des Bestatteten, aber in den seltensten Fällen zu einer Generationsfolge, also einer herausbildenden Dynastie. Das Charisma und die Erinnerung an den prunkvoll bestatteten Toten verblasst und kann bewusst von einem Nachfolger verschüttet werden, wie etwa nachgewiesen durch das Vergraben der Kriegerstatue vom Glauberg[2]. Eine Auffälligkeit ist jedoch, dass gerade am Ende der Hallstattzeit und der Frühlatènezeit vermehrt prunkvolle Frauen- und erstmals vereinzelt auch Kinderbestattungen auftauchen und so von einem veränderten Selbstbewusstsein der sozialen Elite berichten (Abb. 1). Diese Phänomen spricht also dafür, dass es im Laufe des 6. Jahrhunderts v. Chr. zu einer zunehmenden Konzentration der Macht in einzelnen Verwandtschaftsverbänden kam, wobei die Herrschaft über mehrere Generationen vererbt und gefestigt werden konnte[3]. G. Kossack, ein bedeutender deutscher Vorgeschichtsforscher, stellte in einem Bericht die inneren Bedingungen einer Gesellschaft heraus, unter denen Prunkbegräbnisse zustande kamen. Das waren unter anderem ein dynastisches Bewusstsein, der Wille nach Selbstdarstellung wohlhabender Familien und die Absonderung vornehmer Personen von der Gemeinschaft[4]. Man geht davon aus, dass der Bestattete nicht nur reich genug war, sich die Requisiten eines gehobenen Lebensstandards zu leisten, sondern dass er eine bedeutende Position in der Gesellschaft inne hatte. Diese Macht reichte von einer kultischen als Priester, einer militärischen als Kriegsführer, einer traditionellen durch Herkunft und Abstammung sowie einer wirtschaftlichen durch Land- und Viehbesitz, durch die Verfügungsgewalt über Rohstoffe wie Gold, Silber und durch Handelsgewinne[5]. Ein schon lange bekanntes, aber bis heute nicht überzeugend erklärtes Phänomen ist die Verschiebung der Prunkgrabsitte nach Norden am Übergang zur Frühlatènezeit (Abb. 2). Während sich im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. die Fürstengräber in einem Bereich zwischen Burgund und Württemberg lokalisieren lassen, konzentrieren sich die frühlatènezeitlichen Prunkgräber des entwickelten 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr. in der nördlich vorgelagerten Mittelgebirgszone zwischen Champagne und Wetterau[6]. Die prunkvollen Bestattungen sind ein in verschiedenen Epochen und Räumen wiederkehrendes Phänomen mit unterschiedlichen Erscheinungsformen[7]. Allerdings haben die Prunkbestattungen trotz der Vielfalt der Gebräuche bei der Errichtung des Grabes und bei der Behandlung und Ausstattung des Toten, trotz ihrer weiten Verbreitung und trotz ihrer Anwendung in den verschiedenen Kulturzonen über Jahrtausende hinweg viele Gemeinsamkeiten, sodass sie als Einheit wirken[8]. Außerdem muss man sich immer im Klaren sein, dass uns die Analysen von Prunkgräbern weniger etwas über die Tod- und Jenseitsvorstellungen, als vielmehr über die damaligen Alltags- und Lebensverhältnisse der gesellschaftlichen Elite vermitteln[9]. Das Abbrechen der frühkeltischen Prunkgrabsitte nördlich der Alpen markiert das Waldalgesheimer Fürstengrab (Abb. 3). Dabei handelt es sich um ein 1869 entdecktes Wagengrab einer keltischen Frau der sozialen Oberschicht aus der Zeit um 330-320 v. Chr. in Rheinland-Pfalz[10].

2.1 Forschungsgeschichte

Die Erforschung der frühkeltischen Fürstengrabhügel in Südwestdeutschland hat, wie bereits erwähnt, eine lange Tradition, die mehr als ein Jahrhundert umfasst. Insgesamt wurden in den Jahren um 1880 besonders viele Prunkgräber ausgegraben, untersucht und analysiert[11]. Im 19. Jahrhundert wurde der Grundstein der modernen Ausgrabungstechnik gelegt. Einen besonderen Beitrag bei der Etablierung von Ausgrabungs- und Dokumentationsstandards lieferte, unter Anderem, die Publikation „Instruction für die Leiter und Arbeiter bei der Untersuchung alter Grabhügel und Furchengräber“ des Konservators von Hessen-Nassau Oberst Karl August von Cohausen aus dem Jahr 1878[12]. Die gut 30 altergrabenen Fürstengrabhügel lieferten zwar ein reiches Fundspektrum, doch konnten wegen des Fehlens von Beobachtungen kaum Schlüsse aus ihnen gezogen werden[13]. Auf die Problematik bei der Analyse altergrabener Prunkgräber wird an anderer Stelle eingegangen. Aber auch die zeitliche und kulturelle Einordnung der Prunkgräber bereitete damals etliche Schwierigkeiten, da man sie zunächst noch für römisch oder germanisch gehalten hat[14]. Falls es dem Leser noch nicht aufgefallen ist: in diesem Bericht werden für die Bezeichnung einer ungewöhnlich prunkvollen Bestattung mehrere Begriffe verwendet. Eduard Paulus (Abb. 4), ein deutscher Kunsthistoriker und Prähistorischer Archäologe, prägte 1877 für die reichen Funde von der, an der oberen Donau gelegenen, Heuneburg den Begriff „Fürstengrab“, der sich auch bis heute weitgehend durchgesetzt hat. Er bezog sich dabei auf die seit dem Mittelalter für höchste Amts- und Würdenträger übliche Bezeichnung „Fürst“, da er anhand der prachtvollen Beigaben und des außerordentlichen Bestattungsaufwands auf einen hohen sozialen Status des Bestatteten schloss. Jedoch entstand nach dieser Begriffseinführung eine ambitionierte Diskussion über die Macht und soziopolitische Stellung des bzw. der Bestatteten, da man allein aus dem Wert der Beigaben eines Grabes keine hundertprozentigen Rückschlüsse auf die Position und politische Stellung des Toten in der Gesellschaft ziehen kann. Georg Kossack (Abb. 5) lieferte im Jahr 1974 mit dem Begriff „Prunkgräber“ daraufhin eine alternative Bezeichnung, die den Bestatteten nicht direkt in eine hierarchische Ordnung des Adelssystems einbindet. Diese Formulierung hat sich allerdings nie so durchgesetzt, wie der Begriff „Fürstengrab“, was vermutlich auch mit touristischen Gründen im Zusammenhang steht[15].

2.2 Fürstensitze

Die frühkeltische Epoche zeichnet sich durch eine besondere kulturelle Dynamik und Komplexität aus, was sich in der Herausbildung deutlicher Unterschiede bei den Siedlungen wiederspiegelt. Die Siedlungshierarchie des 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. lässt sich vereinfacht in zwei Siedlungstypen untergliedern. Zum Einen Höhensiedlungen, die sich durch ihre fortifikatorisch besonders günstige Lage bzw. durch das Vorhandensein von verschiedenen Arten einer Befestigung eine gewisse Schutzfunktion, vor allem für das Umland, ausübten. Zum Anderen entstanden ab dem späten 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. erstmals zwischen Burgund und Württemberg sogenannte Fürstensitze. Dieser Siedlungstyp beschreibt eine befestigte Höhensiedlung mit weitreichenden Handelsbeziehungen, in deren Umfeld häufig reich mit Beigaben ausgestattete Gräber der sozialen Oberschicht, die Fürstengräber, angelegt wurden (Abb. 6). So entstand im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. an der oberen Donau einer der bedeutendsten Fürstensitze in Südwestdeutschland, die Heuneburg.

Der Fürstensitz war ein monumentales Befestigungswerk mit wirtschaftlicher Zentralfunktion. Der deutsche prähistorische Archäologe J. Biel erkannte, dass zahlreiche ältereisenzeitliche Fürstensitze in Württemberg, wie etwa die Heuneburg, am Ende der Stufe HaC und Ha D1 aufgegeben worden waren, zu einem Zeitpunkt, als die Bedeutung der Fürstensitze in den geographischen Randbereichen, vor allem in den nördlich anschließenden Mittelgebirgsregionen, wie zum Beispiel der Hohenasperg, der sich nördlich von Stuttgart befindet, im Verlauf der Hallstattzeit gewachsen zu sein scheint und zu einem komplexen Zentralort von überregionaler Bedeutung bis in die Frühlatènezeit ausgebaut wurde[16]. Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung unter Umständen zusammen hing. Welche zentrale politische Bedeutung die Prunkgräber bei der Etablierung der Fürstensitze hatten, sieht man eindrucksvoll anhand des Fürstengrabhügels vom Glauberg. Der Grabhügel mit den beiden Prunkbestattungen bildete das Zentrum eines riesigen Ahnenheiligtums, der als religiöser Identifikationspunkt und Stammeszentrum für verschiedene Dörfer und Regionalgruppen, konzipiert war. Die Forschung geht davon aus, dass eine Klimaverschlechterung und die, im Zuge der Zentralisierungsprozesse, größer und komplexer gewordenen und deshalb instabiler und schwerer beherrschbaren politischen Verbände, zum Niedergang der Fürstensitze geführt haben. Kurz nach 400 v. Chr. scheinen nahezu alle frühkeltischen Machtzentren ihr Ende gefunden zu haben[17].

2.3 Grabarchitektur

Die frühlatènezeitlichen Prunkgräber heben sich durch ihren Aufbau, ihre Ausstattung und zumeist auch durch ihre topographische Lage von durchschnittlichen Bestattungen ab[18]. Die Anlage solcher fürstlichen Grabmonumente stellte eine gewaltige Gemeinschaftsleistung dar und unterstreicht deren Bedeutung in der frühkeltischen Epoche. Kennzeichnend für die Fürstengräber ist ein großes Holzkammergrab, welches sich unter einem mächtigen Tumulus befindet (Abb. 7). Die Fürstengrabhügel konnten dabei Durchmesser von mehr als 80 m und eine Höhe von über 12 m erreichen und in mächtige Ahnenheiligtümer integriert sein, die durch lange Prozessionsstraßen zu erreichen waren[19] (Abb. 8).

Die Grabkammern variieren in ihrer Größe zwischen 1,50 x 1,00 m und 4,00 x 3,80 m und ähneln gleichsam unterirdischen Wohnzimmern, ausgestattet mit prunkvollen Beigabendepots, darunter nicht zuletzt Wagen, und Textilbehängen an den Wänden[20] (Abb. 9). Der Leichnam war in manchen Fällen auf Betten bestattet und in Tücher eingehüllt[21]. Aber nicht nur in den Grabkammern wurde auf eine herausragende Ausstattung geachtet, auch ist gelegentlich von hügelbekrönenden Stelen aus Holz oder Stein die Rede[22]. Als Schutz vor Grabräuber, aber auch im besonderen Maße vor der Wiederkehr des Toten waren Grabkammern des Öfteren von einer mächtigen Steinpackung umgeben. Außerdem waren die Grabmonumente zum Teil mit einem offenen oder geschlossenen Kreisgraben umgeben. Hinter dieser Kultur- und Epochengrenzen überschreitenden Sitte sieht die Forschung magisch-religiöse Vorstellungen[23].

2.4 Bestattungssitte

Die Leichenbestattung war schon in der Hallstattzeit mit Abstand die vorherrschende Bestattungssitte der Fürstengräber. Mit dem Beginn der Latènezeit änderte sich allerdings der Bestattungsritus: Neben weiter angelegten Körpergräbern tauchen jetzt im Bereich des jüngeren frühlatènezeitlichen Fürstengräberkreises auch Brandbestattungen auf. Die Gründe für diese Umorientierung müssen von großer Wichtigkeit gewesen sein, da die Brandbestattung gegenüber der Körperbestattung generell einen höheren Aufwand erforderte[24]. Die Forschung zieht hierbei mehrere Gründe in Betracht, wie etwa eine politische Umorientierung, vermehrte Kontakte mit mediterranen Gruppen und vor allem religiöse Gründe[25]. Bei den Körpergräbern waren eine Orientierung und Positionierung nicht dem Zufall überlassen, sodass die männlichen Toten an der Ost-West und die weiblichen an der Nord-Süd-Achse ausgerichtet waren und zahlreiche Funde belegen die gestreckte Rückenlage als vorherrschende Position des Leichnams. Die Armhaltung des Bestatteten ist allerdings Variationen unterworfen und die Forschung geht davon aus, dass diese unterschiedlichen Ausführungen eine gewisse Bedeutung zugesprochen werden muss.

Jedoch waren die meisten Fürstengräber der Frühlatènezeit in Böden angelegt, welche die Erhaltungsbedingungen von Knochenresten stark beeinträchtigten und nur geringe Reste vom Skelett übriggelassen haben. Nach den äußeren Merkmalen kann man drei Grundtypen unter den Brandbestattungen klassifizieren. Im äußersten Westen des frühlatènezeitlichen Fürstengräberterritoriums kommen vereinzelt Brandbestattungen in einem etruskischen Stamnos oder einer Stamnossitula als Urne vor, wohingegen etwas weiter im Osten der Leichenbrand in Verbindung mit einer Kanne, in der Regel einer etruskischen Schnabelkanne, vorherrschend ist. Die dritte Art der Brandbestattungssitte unterscheidet sich fundamental von den Stamnos- und Kannenurnengräbern, da bei der Verwahrung des Leichnams keine Grenzen gesetzt waren. Der Leichenbrand konnte ohne Urne oder in einer anderen Gefäßform, wie etwa einer Ziste oder Amphore, in der Grabkammer beigesetzt werden[26].

2.5 Grabbeigaben

Charakteristisch für die Ausstattung der Fürstengräber sind Beigaben gehobenen Lebensstandards, oft unter Verwendung exotischer und kostbarer Materialien wie Gold, Bernstein oder Koralle. Die Grabbeigaben waren in den meisten Fällen kunsthandwerklich herausragend gearbeitet und konnten regional neuartige Techniken beinhalten. Kennzeichnend war des Weiteren die Totenmitgift von Prestigegütern aus fremden Ländern, wie zum Beispiel Metallgeschirr aus dem etruskischen Mittelitalien, sowie Norditalien[27] (Abb. 10). Bei den Beigaben kann es sich um das Eigentum des Verstorbenen, um freiwillige Abgaben, wie Geschenke, oder Pflichtzuwendungen an den Toten handeln[28]. Bereits während der Mittelhallstattzeit war die komplexe, explizit an mediterranen Vorbildern orientierte, Beigabe von reichem Geschirrsätzen Teil der Bestattung und zahlreich überliefert. Die umfangreichen Gefäßausstattungen, aus verschiedenen Bronzegefäßen, Goldschalen, Röhren- bzw. Schnabelkannen und Trinkhörnern, sind beiden Geschlechtern vorbehalten und konnten natürlich in jedem Prunkgrab eine unterschiedliche Zusammensetzung aufweisen[29] (Abb. 11). Während in der Hallstattzeit Ess- und Trinkgeschirr für bis zu neun Personen und überwiegend aus einheimischem Geschirr in die Fürstengräber gelangte, ist infolge eines fremden südlichen Einflusses eine Verlagerung zu einer symposiastischen Trinksitte für vorwiegend zwei Personen und mit der Einfuhr einiger Prestigegüter in der späten Hallstatt- und frühen Latènezeit feststellbar[30]. Besondere Aufmerksamkeit verdient außerdem der prächtige Trachtschmuck in Form verschiedene goldene Ringensemble, Fibeln, Perlen oder Gürtelhaken. Die verschiedenen Halsreifen, Waffen und Gürtelhaken wurden überwiegend in prunkvollen Männerbestattungen gefunden, wohingegen der Armschmuck und die Fibeltracht bei beiden Geschlechtern gleichermaßen anzutreffen sind. Allerdings darf das Fehlen von Waffen bzw. typisch männlichen Grabbeigaben nicht direkt als Indiz für ein Frauengrab gewertet werden. Ein reicher Perlenschmuck kann einen Hinweis für ein Frauengrab darstellen. Ein weiteres Phänomen der Grabbeigaben bei frühlatènezeitlichen Fürstengräbern ist die Wagenbeigabe, die bei Männern wie auch bei Frauen angetroffen wurde. Der Wagen wurde dabei immer ohne Gespann im Holzkammergrab deponiert[31] (Abb. 12). Anhand vieler erhaltener Textilreste bzw. Reste von organischen Materialien an Keramikgefäßen ist es wahrscheinlich, dass die Beigaben in den meisten Fällen mit Textilien umwickelt niedergelegt wurden (Abb. 13). Die Forschung ist sich über die Beweggründe noch nicht einig. Auf der einen Seite gibt es die Meinung, dass alle mitgegebenen Objekte in der anderen Welt, also im Jenseits, wieder verpackt vorliegen sollten, wohingegen man auf der anderen Seite davon ausgeht, dass die Gerätschaften ihren Zweck erfüllt hatten und somit tabuisiert werden mussten. Eine weitere Überlegung ist, dass sie für die Reise ins Jenseits sicher verpackt wurden[32]. Man muss sich auf jeden Fall immer vor Augen führen, dass die Totenmitgift mehr als eine bloße Anhäufung mehr oder weniger zufällig vorhandener Reichtümer darstellt, sondern dass sie vielmehr dem Bestatteten die Reise in die andere Welt erleichtern und ihm zugleich dort ein standesgemäßes Auftreten und Leben sichern sollten[33]. Die Beigabenausstattung konnte jedoch durch verschiedene Faktoren, wie etwa durch regionale, zeitliche und alter- und geschlechtspezifische Einflüsse und der Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen, Kult- oder Ritusgemeinschaften, variieren[34]. Von besonderer Bedeutung sind außerdem die Rangabzeichen der Fürsten in der Hallstatt- bzw. Latènezeit. Diese Machtsymbole, die als persönliche Ausstattung in den Fürstengräbern und als Attribute an Steinskulpturen überliefert sind, wandelten sich im Laufe der Zeit. Anhand der Statue von Ditzingen-Hirschlanden (Abb. 14) kann man den goldenen Halsring als Attribut des Hallstatt-Fürsten sehr deutlichen darstellen. In der Latènezeit fassen wir ein andersartiges Statussymbol, nämlich einen goldenen Halsring mit zapfenförmigen Anhängern, weitere Schmucktracht, das typische Latèneschwert und eine volutenförmige Kopfbedeckung. Die Machtsymbole der Latènezeit kann man sehr deutlich anhand der Glauberg-Statue nachvollziehen[35] (Abb. 15). Allerdings muss bei der Totenmitgift darauf hingewiesen werden, dass die meisten Grabausstattungen aufgrund von Grabplünderungen und unzureichender Fundbergungen nicht vollständig erfassbar sind[36].

2.6 Das Grabritual

Über die Abfolge aller Handlungen bei einer solchen Bestattung oder Verbrennung liegen uns heute nur noch Teilinformationen vor. Die Forschung stellt sich den Ablauf folgendermaßen vor: Der erste Schritt besteht aus der Aufbewahrung des Toten und der Umfahrt durch sein ehemaliges Herrschaftsgebiet. Das nächste Vorgehen beinhaltet die Vorbereitungen des Grabes mit der Kammer und dem Hügel samt Zufahrt, die Anfertigung der spezifischen Totenausrüstung und Mitgift und die Fahrt zum Grab. Anschließend folgt die Totenfeier mit dem Totenmahl am oder im Grab und die Verbrennung bzw. Bestattung selbst. Danach werden die Beigaben verpackt, der Leichnam zugedeckt und das Grab überhügelt. Der letzte Schritt beinhaltete das Warten des Verstorbenen auf das Erreichen des Jenseits. Dabei wurden immer wieder neue Opfer und Beigaben am Grab niedergelegt und alte Gegenstände, die ihren Zweck erfüllt hatten, entfernt. Der Umfang der Zeremonien und Rituale spiegelt sich sehr gut an weiteren Elementen der Inszenierung der Fürstengrabbestattung, wie zum Beispiel die Größe der Grabanlage und der damit verbundene Arbeitsaufwand und die umfangreiche Prozession zum Grab auf einem Wagen, Pferd oder ähnliches. Des Weiteren der Umfang der Beköstigung der Trauergäste, die prachtvollen Beigaben und Opfergaben im und am Grab, die Organisation der Memorienveranstaltungen im jährlichen Rhythmus und der Ausbau der Grabstätte als Erinnerungsmal und Pilgerziel. Die Forschung hat sich allerdings nicht nur mit den Abfolgen der frühkeltischen Prunkgrabrituale beschäftigt, sondern sich auch die Frage gestellt, wer oder was zur Ablösung alter Zeremonien durch andere neue geführt hat.

Der deutsche Vorgeschichtsforscher G. Kossack nimmt an, dass Impulse zur Änderung eines Rituals als Nachahmung von Erscheinungen in benachbarten Hochkulturen zu verstehen sind[37].

2.7 Woher kam der Reichtum?

Vegetationshistorische Forschungen haben gezeigt, dass sich im 6. Jahrhundert erstmals auch in landwirtschaftlich und klimatisch eher ungünstigen Gebieten nördlich der Alpen dichte Siedlungsstrukturen lokalisieren ließen, was auf ein vorausgehendes Bevölkerungswachstum schließen lässt. Dieser enorme Anstieg der Bevölkerung gründet vermutlich neben einer klimatischen Gunstphase im späten 7. und im 6. Jahrhundert v. Chr. auch in technischen Neuerungen, wie der Eisenherstellung, und in politisch-organisatorischen Verbesserungen. Die eigentliche Basis des frühkeltischen Reichtums bildete somit der Bevölkerungswachstum, die Erschließung neuer Anbauflächen, sowie anderer wirtschaftlicher Ressourcen und ein verändertes Vorratsverhalten. Weitere Faktoren, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie Austausch, Handel, ein Mindestmaß an politischer Stabilität und eine Spezialisierung von Handwerk[38].

3 Die Prunkgräber der Frühlatènezeit

3.1 Das Kleinaspergle

3.1.1 Topographische Einführung

Einer der bedeutenden Fürstensitze der Späthallstatt- und Frühlatènezeit ist der Hohenasperg, ein markanter Zeugenberg, der sich nördlich von Stuttgart befindet, die Umgebung um rund 100 m überragt und sich vermutlich zu allen Zeiten als Bergsiedlung angeboten hat (Abb. 16). Allerdings lässt sich der Fürstensitz nur noch indirekt aus den umliegenden Prunkgräbern erschließen, da das mittelalterliche Dorf Asperg und die Festungsanlage der Renaissance ältere Siedlungsstrukturen weitgehend zerstört haben[39]. Auf die Bedeutung und den Reichtum der hier residierenden Herren verweisen noch etliche Großgrabhügel in der unmittelbaren Umgebung: Das Kleinaspergle, der Grafenbühl, der Römerhügel, mehrere Gräber östlich des Neckar im Steinhaldenfeld von Bad Cannstatt und weitere Bestattungen westlich der Glems[40]. Allein schon in einem Umkreis von 10 km um den Hohenasperg wurden ca. 400 Siedlungsstellen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. lokalisiert[41]. Die Bedeutung des Hohenasperg wurde vermutlich zuerst von Eduard Paulus dem Jüngeren, einem deutschen Kunsthistoriker und prähistorischen Archäologe, erkannt. Im Jahr 1877 wurden bei Arbeiten am Römerhügel zwei reiche Gräber ergaben, die E. Paulus als Fürstengräber betitelte und sie in einen näheren Zusammenhang mit dem nahegelegenen Fürstensitz setzte[42].

3.1.2 Forschungsgeschichte

Fast genau 1 km südlich des Hohenaspergs zwischen Asperg und Möglingen fand Oskar Fraas (Abb. 18), der bereits die Ausgrabungen am Römerhügel archäologisch begleitet hat, 1879 ein reiches Fürstengrab, welches sich durch die Grabbeigaben zweier attischen Trinkschalen im Nebengrab in die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. datieren ließ[43]. Beim Kleinaspergle handelt es sich um das jüngste Prunkgrab der Hohenasperg-Region, allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Datierungsgrundlage nur um eine Nebenbestattung im Hügel handelt[44]. Das spektakulärste bei der Untersuchung des Kleinaspergle bestand in der Art und Weise der Ausgrabung, die völlig unüblich und technisch sehr aufwendig war. Da dem Ausgräber aber nur eine einzige schmale Parzelle des Hügels zur Verfügung stand um ihm des Weiteren klar war, dass er mit der Summe von 400 Mark niemals einen Grabhügel dieser Größe vollständig hätte abtragen oder untersuchen können, trieb O. Fraas einen unterirdischen Stollen in die Hügelmitte, um von dort aus ringförmig weitere Schnitte in die Hügelschüttung voranzutreiben( Abb. 19). Ein weiterer Vorteil dieser Methode ist die Sicherung der Funde, denen man in ihrer natürlichen Lage mit aller Behutsamkeit nachgehen kann[45]. Allerdings hatten die Ausgräber ein riesiges Glück, dass sie dabei auf die Zentralkammer und eine etwas abseits gelegene Nebenkammer gestoßen sind. Dass die Grabkammern nicht immer in der Hügelmitte erwartet werden dürfen sieht man am Beispiel vom Glauberg, in dessen Zentrum sich ein Scheingrab befunden hat, und die beiden untersuchten Grabkammern sich in der Hügelschüttung befanden. Anfang August 1880 wurden die restaurierten Funde erstmals auf der großen Berliner „Ausstellung Vorgeschichtlicher und Anthropologischer Funde Deutschlands“ vorgestellt. Allerdings geriet das Kleinaspergle in den Jahren zwischen 1882 und 1931 wieder in Vergessenheit, blieb aber weiter in landwirtschaftlicher Nutzung. Der verwaltende Direktor der Altertümersammlung und Bodendenkmalpflege Prof. Dr. Peter Goessler setzt sich jedoch bei einer Tagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Stuttgart im Jahr 1931 für die kulturelle Bedeutung der reichen Fürstengräber im Umkreis der Heuneburg a. d. oberen Donau und des Hohenasperg bei Ludwigsburg ein. Im Laufe des Jahres 1937 wurde das Kleinasperle-Programm durchgeführt, wobei das Kleinaspergle als sichtbares Denkmal würdig ausgestaltet werden sollte. Aufgrund einer überdimensional anwachsenden Bautätigkeit nach dem zweiten Weltkrieg, der die Prunkbestattungen im Römerhügel und des Grafenbühl schon zum Opfer gefallen sind, ist jetzt das Kleinaspergle das letzte zu Füßen des Asperg gelegene sichtbare Fürstengrab. Am 1. Juni 1966 erging dann eine Verordnung des Landratsamtes Ludwigsburg zur einstweiligen Sicherstellung des Landschaftsschutzgebietes Kleinaspergle mit Umgebung[46].

[...]


[1] Echt 1999, S. 255.

[2] Steuer 2006, S. 21.

[3] Krausse 2006, S. 70-72

[4] Echt 1999, S. 255.

[5] Steuer 2006, S.22.

[6] Krausse 2006, S. 63.

[7] Nortmann 2002, S. 36.

[8] Kossack 1974, S. 4.

[9] Steuer 2006, S. 25.

[10] Krausse 2006, S. 71.

[11] Biel 1985, S. 9-12.

[12] Beilharz 2012, S. 63.

[13] Biel 1985, S.12.

[14] Biel 1985, S. 12.

[15] Müller2012, S. 12-13.

[16] Steffen 20121, S. 95.

[17] Krausse, Beilharz 2012, S. 205-207.

[18] Baitinger 2002, S. 21.

[19] Nortmann 2002, S. 36-40.

[20] Echt 1999, S. 138.

[21] Bergmann 2002, S. 62.

[22] Nortmann 2002, S. 40.

[23] Echt 1999, S. 138-139.

[24] Ebd. 144-145.

[25] Ebd. 216.

[26] Echt 1999, S. 144-147.

[27] Normann 2002, S. 36.

[28] Echt 1999, S. 150.

[29] Kimmig 1988, S. 259.

[30] Beilharz, Krausse 2012, S.194-195.

[31] Kimmig 1988, S. 74-76.

[32] Steuer 2006, S. 20.

[33] Kimmig 1988, S. 258.

[34] Steffen 20122, S. 202-203.

[35] Beilharz, Krausse 2012, S. 187-194.

[36] Kimmig 1988, S. 259.

[37] Steuer 2006, S. 14-15.

[38] Krausse, Beilharz 20121, S. 205.

[39] Baitinger 2002, S. 26.

[40] Biel, Balzer 2012, S. 139.

[41] Müller 2012, S. 49.

[42] Ebd. 49-50.

[43] Ebd. 50.

[44] Ebd. 52.

[45] Kimmig 1988, S. 64.

[46] Kimmig 1988, S. 36-43.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Archäologie Südwestdeutschlands. Das Kleinaspergle und die Prunkgräber der Frühlatènezeit
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Professur für ur- und frühgeschichtliche Archäologie)
Veranstaltung
Archäologie Südwestdeutschlands
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
52
Katalognummer
V288084
ISBN (eBook)
9783656882749
ISBN (Buch)
9783656882756
Dateigröße
4020 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Archäologie Südwestdeutschlands, Prunkgräber der Frühlatènezeit, Das Kleinaspergle, Fürstinnengrab von Reinheim, der Fürst vom Glauberg
Arbeit zitieren
Nathalie Peter (Autor), 2013, Archäologie Südwestdeutschlands. Das Kleinaspergle und die Prunkgräber der Frühlatènezeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288084

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