Jüdische Sachsen im antisemitischen Königreich? Antisemitismus im Königreich Sachsen 1871-1914


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und methodische Überlegungen

I. Überblick: Antisemitismus im Kaiserreich

II. Jüdisches Leben: jüdischer Sachse?

III. Antisemitismus im Königreich Sachsen

Fazit: Jüdisches Leben in der »antisemitischen Hochburg«

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung und methodische Überlegungen

„Der Antisemitismus [...], der in der Mitte und zu Ende der 80er Jahre seine Wellen schlug, war nicht Sache des einfachen Mannes, und ich sehe noch, wie mein Vater einem Arbeiter die Hand drückt, das Wort eines Führers der Konservativen zitierend, der, um die Arbeiter zu sich herüber zu ziehen, von seiner Hochschätzung des blauen Kittels gesprochen hatte.“1 Diese Kindheits- erinnerungen des jüdischen Juristen und Schriftstellers Paul Mühsam an seinen Vater, einen Schuhhändler in Chemnitz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dokumentieren eindrucksvoll so- wohl die Charakteristika jüdischen Lebens als auch die antisemitische Atmosphäre im König- reich Sachsen: Die jüdische Bevölkerung konzentrierte sich in Sachsen in den Großstädten Leip- zig, Dresden und Chemnitz, wobei die Mehrheit der Erwerbstätigen im Handel und Gewerbe be- schäftig war2. Auf der anderen Seite wird die enge Verbindung von antisemitischen Gedankengut und konservativer Parteipolitik sowie deren Ablehnung durch weite Teile der Arbeiterbewegung dargelegt3.

Der Fokus auf den drittgrößten Staat im Reich mit über 4 Millionen Einwohnern um 1900 und somit der regionalgeschichtliche Zugang erklärt sich durch die besonderen politischen und sozioökonomischen Verhältnisse im Königreich4. Dieser Zugang reiht sich ein in die Debatte, ob der sächsischen Geschichte im deutschen Vergleich eine Besonderheit zugrunde liegt. Hinter- grund dieser Überlegung bildet die Annahme des kanadischen Historikers James Retallack, dass „Preußen eben nicht Deutschland und Deutschland nicht Preußen war“5 - die Geschichte des Kaiserreichs nicht nur unter dem Gesichtspunkt preußischer Hegemonie zu schreiben ist, son- dern regionale Spezifika für ein differenziertes Gesamtbild herauszuarbeiten sind. Der Antisemi- tismus bietet sich für ein solches Vorgehen an, da dieser das Verhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft kennzeichnet und besonders in Zeiten ökonomischer Krisen und gesell- schaftlicher Orientierungslosigkeit offenbart, wie es um die (sächsische) Mehrheitsgesellschaft im Untersuchungszeitraum bestellt war.

Dass das Thema Antisemitismus im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert nach wie vor aktuell ist, beweisen die öffentlichkeitswirksamen Arbeiten von Götz Aly6, der den Neid der deutschen Modernisierungsverlierer als Quell ihres antisemitischen Rassismus identifiziert, so- wie Shulamit Volkovs7 neue Rathenau Biographie, welche der Frage nach der jüdischen Identität eines Deutschen nachgeht. Darüber hinaus ist die Literatur zur deutsch-jüdischen Geschichte kaum noch überschaubar sowie die Theorieangebote mannigfaltig8. Erkennbar ist zum einen die verstärkte Historisierung der Antisemitismusforschung - rein marxistische, psychoanalytische, sozialwissenschaftliche oder gruppensoziologische Zugänge werden heute kaum noch postuliert, so dass die „Geschichte der Judenfeindlichkeit [...] nun ganz überwiegend vor dem Hintergrund der jeweiligen Epoche geschrieben“9 wird, ohne dass Historiker gänzlich auf eine interdisziplinä- re Forschung verzichten müssten. Weiterhin leitete die Goldhagen-Kontroverse Mitte der 1990er Jahre eine differenziertere und auf regionale Besonderheiten bedachte Antisemitismusforschung ein10. Inhaltlich nimmt die vorliegende Studie sowohl Erklärungsmuster der mittlerweile sozial- und kulturgeschichtlich gefärbten politik- und ideengeschichtlichen Historiographie auf - der Emanzipationsprozess der Juden wird hierbei als Grundlage des modernen Antisemitismus gese- hen - als auch der Krisentheorie der Moderne, wonach die Statusunsicherheit der Mehrheitsge- sellschaft in (wirtschaftlichen) Krisen die Akzeptanz von Minderheiten gefährde11. Dabei gilt es, die scharfe Trennung zwischen einem strukturalistischen und individualistischen Forschungszu- gang aufzuheben: Gesellschaftliche Entwicklungen werden ebenso wie einzelne Protagonisten wechselseitig in den Blick genommen. Dies wird in einer von Daniel Ristau geforderten analyti- schen Form geschehen, die den Untersuchungsrahmen nicht allein bei Sachsen belässt, sondern den sächsischen Antisemitismus in ein Verhältnis zum Antisemitismus des Reiches stellt und da- durch mit einer rein deskriptiven Darstellung bricht12. Es ist folglich der Frage nachzugehen, was die sächsischen Spezifika an der Nahtstelle zwischen jüdischen Leben und sächsischen Antise- mitismus in Bezug auf die ideologische, parteipolitische und gesellschaftliche Sphäre wa- ren? Demnach wird eine Betrachtung beider Perspektiven vorgenommen: Die der sächsischen Juden und der sächsischen Antisemiten, um einerseits die Beweggründe der Letzteren zu konkre- tisieren und um andererseits die jüngsten Studien zum Thema zusammenzufassen. Dies ist not- wendig, da diese Publikationen annähernd zeitgleich veröffentlicht wurden, daher keinen gegen- seitigen Rückbezug vorzuweisen hatten und mit jeweils anderen Forschungsschwerpunkten ver- sehen wurden. Denn während Michael Schäbitz13 in seiner Dissertation die sächsische Judenge- setzgebung und die Akkulturations- und Integrationsprozesse der sächsischen Juden untersuchte, konzentrierte sich die posthum veröffentlichte Magisterarbeit von Matthias Piefel14 in quellenge- sättigter Art und Weise auf den politischen Antisemitismus in Sachsen. Des Weiteren wurde sich unter der Redaktion von Solvejg Höppner15 dem Thema spezialisiert genähert: Die Bandbreite der Aufsätze erstreckte sich vom Antisemitismus in der Oberlausitz bis hin zur Individualstudie über »jüdischen Richter« am Leipziger Reichsgericht.

Um das Bild weiter zu verdichten, bedient sich die vorliegende Studie auszugsweise weite- ren Quellen: Zum einen ist die reichhaltige antisemitische Broschürenliteratur zu nennen - ein riesiger Quellenkorpus von über 500 Schriften allein während der Bismarckzeit16 - und zum an- deren die Schriften des jüdischen Politikers und Juristen Emil Lehmann sowie Presseartikel der »Allgemeinen Zeitung des Judentums«. Grundsätzlich besteht jedoch das methodische Problem, dass die Reichweite und Rezeption der genannten Quellen nur schwerlich bestimmt und somit nicht vom Adressant auf die jüdische beziehungsweise nicht-jüdische Gesellschaft Sachsens ge- schlussfolgert werden kann17. Dennoch ist es möglich, zentrale Positionen und Gedankenwelten der Autoren zu erschließen. Problematisch ist weiterhin das unterschiedliche Verständnis der damals genutzten Begriffe, wie auch heute noch ihre Verwendung in der Forschung für Diskussi- onen sorgt. Was beispielsweise der Terminus »Jude« bedeutete, änderte sich im Laufe des Eman- zipations- und Akkulturationsprozesses stetig. Die Spannbreite reichte von einer jüdisch-ortho- doxen Identität zionistischer Prägung bis hin zum Verständnis des sächsischen Staatsbürgers jüdischer Konfession18. Der Vielschichtigkeit des Begriffes wird im Folgenden Rechnung getra- gen, indem der analytische Topos der »jüdischen Bevölkerung« zur Anwendung kommt. Ferner verwendet die neuere Sozialgeschichte den Begriff der Akkulturation anstatt der Assimilation, da dieser eine einseitige Anpassung der jüdischen Bevölkerung bis hin zur identitären Selbstaufgabe impliziert. Akkulturation meint hingegen das Aneignen und Mitgestalten der Mehrheitskultur ohne hierbei eigene kulturelle Spezifika abzulegen19. Nach Schäbitz wird die jüdische Bevölke- rung entsprechend als »soziokulturelle Gruppe« verstanden20. Abschließend sei auf die anhalten- de Debatte um den Gebrauch des Begriffes »Antisemitismus« verwiesen. Er wird trotz berechtig- ter Einwände verwendet21, da er sich zum wissenschaftlichen Standard etablierte und sich darü- ber hinaus kein kritikloses Äquivalent findet, so dass unter Antisemitismus ein Sammelbegriff „für antijüdisches Denken und Verhalten“22 verstanden wird. Antisemitismus fand im Gegensatz zum religiös verstandenen Antijudaismus seine erste Anwendung im Kreis von Wilhelm Marr 1879 als Neologismus in einer säkularisiert-rassistischen Bedeutungszuschreibung23.

Diesen - dem weitem Forschungsfeld geschuldeten - umfassenden einleitenden Ausfüh- rungen folgt im ersten Kapitel eine überblicksartige Darstellung des Antisemitismus im Kaiser- reich, um so eine übergeordnete Vergleichsebene für die nachgestellten regional gelagerten Kapi- tel zu schaffen. Anschließend wird das jüdische Leben in Sachsen skizziert, damit der Antisemi- tismus nicht losgelöst betrachtet und so eine entsprechende Rahmung vorgenommen wird. Im dritten Kapitel sind die Spezifika des politischen, administrativen wie gesellschaftlichen Antise- mitismus im Königreich herauszuarbeiten. Schließlich wird das letzte Kapitel zentrale Aussagen zusammenfassen und die Besonderheiten jüdischen Lebens in der »antisemitischen Hochburg« pointiert darlegen.

I. Überblick: Antisemitismus im Kaiserreich

„Noch immer ist unsere Regierung erheblich machtvoller als das Parlament. Sie wird dem Reich den höchsten Dienst erweisen, wenn sie [erkennt H.N.], daß 60 Prozent der Deutschen in die Opposition gedrängt sind. Zwei Pflichten sind zu erfüllen: die Beseitigung der verfassungswidri- gen Wahlkreisgeometrie im Reiche und die Änderung des unwürdigen Wahlrechts in Preußen.“24 Mit diesen Zeilen fasst Walther Rathenau die Spannungsfelder im Deutschen Kaiserreich ein- dringlich zusammen. Die Integration war des jungen Nationalstaates „drängenstes Problem“25. Freikonservative, Linksliberale, Katholiken, konservative Preußen und Sozialdemokraten galt es im Sinne der kleindeutsch-preußischen Variante zu einigen, denn trotz aller Fortschritte war die »Nation« konfessionell, regional und soziokulturell zersplittert26. Auch der innenpolitische Re- formstau um 1900, der auf eine stärkere parlamentarische Kontrolle der Regierung und eine Ü- berarbeitung des undemokratischen Wahlrechts der Bundesstaaten abzielte, führte zu gesell- schaftlichen Spannungen27. Jüdische Emanzipation und Akkulturation sowie die sich als Gegen- antwort verstehende antisemitische Bewegung sind vor dem Hintergrund der skizzierten Prob- lemfelder zu sehen: Es zeigt sich folglich, dass die Adaption des politischen Systems an die öko- nomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsschübe sowie die jüdische Akkulturation als Teilaspekt des gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozesses nur zögerlich verliefen.

Ideengeschichtlicher Exkurs

Grundsätzlich ist die fortschreitende jüdische Emanzipation liberalen Denken zu verdan- ken. Denn die Liberalen kämpften seit dem Ende des 18. Jahrhunderts für bürgerliche Freiheits- rechte, die es ermöglichen sollten, das Staatswesen auf parlamentarischen Wege mitzugestal- ten28. Dieter Langewiesche arbeitete heraus, dass die Liberalen aber keineswegs einer religiös- toleranten Gleichheitsvorstellung nachgingen. Unter der Prämisse der christlichen Überlegenheit sollte sich die jüdische Bevölkerung dem „bürgerlich-mittelständischen Gesellschaftsbild“29 ein- fügen und somit ihre angenommene »Andersartigkeit« im Sinne der Assimilation aufgehoben werden. Das Auslaufen der liberalen Ära um 1870 gefährdete zwar nicht die gewonnenen staats bürgerlichen Freiheitsrechte der israelitischen Glaubensgemeinschaft, dämpfte jedoch die gesell- schaftliche Akzeptanz jüdischen Fortschrittstrebens30. In zugespitzter Weise argumentiert Götz Aly für das Zusammenfallen von Antiliberalismus und Antisemitismus. Demnach sei der Liberalismus gleichwohl für die jüdische Bevölkerung eine nie da gewesene Chance „in der Zukunft alles zu gewinnen“31, wie für die Mehrheitsgesellschaft die Gefahr vorhandene gesellschaftliche Positionen endgültig zu verlieren. Die anpassungsfähige, bildungsorientierte und stark urbanisierte jüdische Bevölkerung erarbeitete sich einen enormen sozialen Aufstieg in Zeiten, die im Zuge der Gründerkrise seit 1873 als schwierig erachtet wurden. Den Anforderungen der durch die Industrialisierung hervorgerufenen gesellschaftlichen Umwälzungen begegneten sie aufgeschlossener als die christliche Mehrheitsgesellschaft32.

Einher mit der Krise des Liberalismus ging der Aufstieg der Naturwissenschaften und mit ihnen die gesellschaftliche Öffnung für sozialdarwinistische und rassistische Theorieangebote. Allen nationalistischen, völkischen und rassistischen Strömungen lag der Abgesang des liberalen Gleichheitspostulates zugrunde33. Richtungsweisend für den rassistischen Antisemitismus war der Mitte der 1850er erscheinende »Essai sur l’inégalité des races humaines« von Comte des Gobineau. Diese fatalistische Rassentheorie postulierte den vielfach rezipierten »Ariermythos«. In Verbindung mit den Erkenntnissen eines Charles Darwin, die auf menschliche Gemeinschaf- ten übertragen wurden, lieferte er den Antisemiten eine (pseudo-)wissenschaftliche Legitimation ihrer Thesen34. Aufgegriffen wurden diese Ideologeme in Housten Stewart Chamberlains »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« von 1899, der in seiner »rassistischen Bibel« den „Kampf des Juden gegen den Arier“35 postulierte. Die Verbindungslinien dieses Ideenkonglomerats zum völkischen Nationalismus, der eine ethnische Gruppe über eine gemeinsame Kultur, Sprache und Tradition definierte, waren fließend. Die »antisemitische Szene« löste sich somit ideengeschicht- lich vom religiösen und ökonomischen Antijudaismus, wodurch der Kreis derjenigen, die es zu bekämpfen galt, ungemein größer wurde. Denn der rassistische Antisemitismus zielte nun auch auf die vollständig assimilierten, das heißt getauften, jüdischen Bevölkerungsteile ab36. Der Ras senantisemitismus war modern wie antimodern zugleich, da er einerseits den jahrhundertealten Antijudaismus mit neuen »wissenschaftlichen« Begründungen ablöste, andererseits aber seltsam mythologisch und esoterisch verklärt verblieb37. Wenn der Versuch unternommen wird, mit der sozioökonomischen Perspektive den Antisemitismus des Kaiserreichs zu erklären, wird oftmals die Moderne per se als antisemitisches Moment identifiziert38. Dabei war es gerade die Kehrseite der Moderne - die monopolisierte Wirtschaft, die starke soziale Fragmentierung und übermäßige Kommerzialisierung - die mit dem vermeintlichen »jüdischem Geist« und der damit untrennbar verbundenen »jüdischen Rasse« identifiziert wurde. Für die radikalen Antisemiten war daher Missionierung und vollständige Assimilation keine Option, sondern allein der Rückbau der jüdi- schen Emanzipation39.

Der politische Antisemitismus

Zu Beginn der 1870er war der Antisemitismus allein ein publizistisches Phänomen. Dies änderte sich jedoch 1878 mit der Gründung der Christsozialen Arbeiterpartei, später Christsozialen Par- tei, des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker im Zuge der antisemitischen »Berliner Beweg- ung«40. Wenig später löste der Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke mit seinem Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern den »Berliner Antisemitismusstreit« aus, wodurch einerseits ganze Generationen des Bildungsbürgertums wie auch mittels Unterhaltungs- und Trivialliteratur untere Bevölkerungsschichten im antisemitisch-nationalistischen Sinne geprägt wurden und an- dererseits der Antisemitismus überhaupt salonfähig wurde41. Der »Antisemitismusstreit« wie auch die mit 250.000 Unterschriften versehende »Antisemitenpetition« von 1880/81, welche auf die Aufhebung der jüdischen Emanzipation abzielte, sorgten für eine mediale Dauerpräsenz und somit für eine Dynamisierung der konstruierten »Judenfrage«42. Auf der Gegenseite verfolgte die jüdische Presse aufmerksam die heraufziehenden Anfeindungen: Die Petition „ist offenbar nur ein sogenannter Fühler, der losgelassen wird, um die Stimmung zu erkunden, und wenn sich ei- nige Anhaltspunkte finden sollten, daran sich festzusaugen. Die erste Mittheilung über diese Pe- tition fand sich in der »Lutherischen Tageszeitung«. Sie geht also vom protestantisch-pietisti schen Lager aus.“43 Des Weiteren ist in die erste Phase des politischen Antisemitismus die - im Gegensatz zur religiös argumentierenden Christsozialen Partei - seit 1879 auftretende rassisti- sche »Antisemitenliga« unter dem Publizisten Wilhelm Marr einzuordnen44. In eindeutiger Weise bricht er in seiner Schrift, »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum«, nicht nur mit mit dem religiösen Antijudaismus, sondern widerspricht bewusst antijüdischen Stereotypen, wie sie beispielsweise in Form der »Ritualmordlegende« jahrhundertelang verbreitet wurden: „Ja! wenn wirklich einzelne fanatische Juden im Mittelalter beim Passahfest - „ Christkinder ge- schlachtet “ h ä tten, - wenn solche hirnverbrannten Vorfälle sich ereignet h ä tten, was historisch nicht nachweisbar ist, so wären dies keine andern Abscheulichkeiten als es diese Verbrechen ü- berhaupt sind, und berechtigten durchaus nicht zu einem generellen religiösen Hass. [...] Gegen jede »religiöse« Verfolgung nehme ich somit die Juden unbedingt in Schutz und ich glaube, es ist in dieser Hinsicht kaum möglich, sich deutlicher auszusprechen als ich es hier gethan habe.“45

Ferner konstituierte sich im Dunstkreis der »Berliner Bewegung« 1881 der konservativ-an- tisemitische »Deutsche Volksverein« unter Max Liebermann von Sonnenberg und Bernhard Förster sowie die »Soziale Reichspartei« unter dem Rasseantisemiten Ernst Henrici46. Abseits von Berlin gründete bereits in dieser ersten Phase 1879 Alexander Pinkert in Dresden den »Deut- schen Reformverein«, ab 1881 die »Deutsche Reformpartei«. Durch die Gründung weiterer Re- formvereine war diese Bewegung im Gegensatz zu den Berliner Vereinigungen auch überregio- nal in Hessen und Westfalen tätig47.

[...]


1 Mühsam, Paul: Ich bin ein Mensch gewesen. Lebenserinnerungen, Berlin 1989, S. 25. Im Sinne der Quellenkritik sollte jedoch reflektiert werden, dass die vorliegenden autobiographischen Aufzeichnungen in der ehemaligen DDR publiziert wurden. Die Darstellung des integren Arbeiters als Gegenpol zum antisemitischen Konservativen kann politisch gewollt sein.

2 Vgl. Vollnhals, Clemens: Jüdisches Leben in Sachsen: Von der Emanzipation zur Judenverfolgung, in: Besier, Gerhard/Stokłosa, Katarzyna: Lasten diktatorischer Vergangenheit - Herausforderungen demokratischer Gegenwart. Zum Rechtsextremismus heute, Münster 2006, S. 93.

3 Vgl. Retallack, James: Herrenmenschen und Demagogentum. Konservative und Antisemiten in Sachsen und Ba- den, in: Retallack, James (Hg.): Sachsen in Deutschland. Politik, Kultur und Gesellschaft 1830-1918, Dresden 2000b, S. 141. Vgl. ebenso: Piefel, Matthias: Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen 1879-1914, Göttingen 2004, S. 28ff.

4 Vgl. Zumbini, Massimo Ferrari: Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus von der Bismarckzeit bis Hitler, Frankfurt 2003, S. 568.

5 Retallack, James: Einleitung. Sachsen und Deutschland, Sachsen in Deutschland, in: Retallack 2000a, S. 14.

6 Aly, Götz: Warum die Deutschen? Warum die Juden. Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, Bonn 2011.

7 Volkov, Shulamit: Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867-1922, München 2012.

8 Eine aktuelle Dissertation, welche die vorhandenen Theorieangebote empirisch prüft: Salzborn, Samuel: Antisemi- tismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt am Main 2010.

9 Gräfe, Thomas: Antisemitismus in Deutschland 1815-1918. Rezensionen-Forschungsüberblick-Bibliographie, Nordstedt 2007, S. 61.

10 Vgl. ebd., S. 62. Die Stimmen der damaligen Debatte sind nachzulesen in: Schoeps, Julius H. (Hg.): Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust, Hamburg 1996.

11 Vgl. Gräfe 2007, S. 95-101. Die politik- und ideengeschichtliche Historiographie rekurriert sich auf die Arbeiten von Reinhard Rürup: Reinhard Rürup: Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur „Judenfrage“ der bürgerli- chen Gesellschaft, Göttingen 1975. Die Krisentheorie bezieht sich auf die Arbeiten von Hans Rosenberg: Rosen- berg, Hans: Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Ber- lin 1967.

12 Vgl. Ristau, Daniel: Juden in Sachsen zwischen 1781 und 1932: Von der „Vorgeschichte“ der Shoa zur Vielfalt jüdischen Lebens, S. 14, in: Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, Ausgabe 10 (2012), in: http://www.medaon.de/archiv-10-2012-inhaltsverzeichnis.html, Zugriff am 17.03.2012.

13 Schäbitz, Michael: Juden in Sachsen - Jüdische Sachsen? Emanzipation, Akkulturation und Integration 1700- 1914, Hannover 2006.

14 Piefel 2004.

15 Ephraim Carlebach Stiftung/Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hg.): Antisemitismus in Sachsen im 19. und 20. Jahrhundert, Dresden 2004.

16 Vgl. Berding, Helmut: Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S. 86.

17 Retallack macht auf dieses Problem in Bezug auf das Verhältnis konservativer Politiker und ihrer Wähler aufmerksam. Vgl. Retallack 2000b, S. 116.

18 Vgl. Ristau 2012, S. 2.

19 Vgl. Gräfe 2007, S. 165. Vgl. ebenso: Schäbitz 2006, S. 15f.

20 Vgl. Schäbitz 2006, S. 18. Solvejg Höppner verwendet unter ähnlich differenzierten Gesichtspunkten »jüdische kulturelle Sphäre«. Vgl. Höppner, Solvejg: Milieu - Ethnizität - Identität. Jüdische Minderheit in einer sächsi- schen Großstadt. Überlegungen zur Beschreibung der Juden als Gruppe im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, in: Bramke, Werner (Hg.): Politische Kultur in Ostmittel- und Südosteuropa, Leipzig 1999, S. 234f.

21 Semantisch betrachtet ist der Begriff Antisemitismus falsch. So gehören zur Sprachfamilie der Semiten ebenfalls Araber, die sich im Laufe der deutsch-arabischen Geschichte des 19./20. Jahrhunderts eher durch Bündnisse als Feindschaften auszeichneten. Darüber hinaus verkürze eine so verstanden nicht existente »jüdisch-semitische« Eigenschaft die gesellschaftliche Komplexität in generalisierender Art und Weise. Vgl. Waldenegg, Georg Christ- oph Berger: Antisemitismus: „Eine gefährliche Vokabel?“. Diagnose eines Wortes, Wien/Köln/Weimar 2003, S. 27ff.

22 Ebd., S. 113.

23 An diesem Punkt sei auf die Kontroversen zum Verhältnis zwischen Antijudaismus und Antisemitismus und deren Periodisierung hingewiesen, wobei aus Platzgründen auf eine entsprechende Erörterung verzichtet wird. Die Dis- kussion erstreckt sich auf die Kontinuitäts-, Parallelexistenz-, Entlehnungs- und Säkularisierungsthese. Vgl. Gräfe 2007, S. 80-83.

24 Brief an Dr. Ernst Friedegg vom 27.01.1912, in: Rathenau, Walther: Briefe. Erster Band, Dresden 1926, S. 90.

25 Ullmann, Hans-Peter: Politik im deutschen Kaiserreich 1871-1918, München 2005, S. 1.

26 Vgl. ebd., S. 2.

27 Vgl. Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1890-1918. Das Kaiserreich in der wilhelminischen Zeit, Stuttgart/Berlin/Köln 1996, S. 152.

28 Vgl. Kraus, Hans-Christof: Politisches Denken und politische Strömungen, in: Wirsching, Andreas (Hg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Neueste Zeit, München 2009, S. 63ff.

29 Langewiesche, Dieter: Liberalismus und Judenemanzipation in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Freimark, Peter/Jankowski, Alice/Lorenz, Ina: (Hg.): Juden in Deutschland. Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung. 25 Jahre Institut für die Geschichte der deutschen Juden Hamburg, Hamburg 1991, S. 149.

30 Vgl. Herzig, Arno: Die Geschichte der Juden in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2002, S. 186.

31 Aly 2011, S. 281. Vgl. ebenso: Gräfe 2007, S. 88f.

32 Vgl. Gräfe 2007, S. 115.

33 Vgl. Kraus 2009, S. 70.

34 Vgl. Berding 1988, S. 141ff. Vgl. ebenso: Herzig 2002, S. 191.

35 Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus. Band VII. Zwischen Assimilation und „Jüdischer Weltverschwörung“, Frankfurt am Main 1988, S. 42.

36 Vgl. Bergmann, Werner: Antisemitismus. Erscheinungen und Motive der Judenfeindschaft, in: Benz, Wolfgang (Hg.): Der Hass gegen die Juden. Dimensionen und Formen des Antisemitismus, Berlin 2008, S. 15. Vgl. ebenso: Berding 1988, S. 141ff..

37 Vgl. Gräfe 2007, S. 130ff.

38 Vgl. ebd., S. 109.

39 Vgl. Breuer, Stefan: Ordnungen der Ungleichheit - die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, Darmstadt 2001, S. 338.

40 Vgl. Gräfe 2007, S. 135.

41 Vgl. Kolditz, Gerald: Antisemitismus und Judenverfolgung in Sachsen zwischen Reichsgründung 1871 und Zweitem Weltkrieg. Eröffnungsvortrag zur Ausstellung „Strukturen der Macht. Die Verfolgung Leipziger Juden 1938/39“ am 12. November 2009 im Staatsarchiv Leipzig, S. 1, URL: http://www3.sn.schule.de/fileadmin/_special/benutzer/8/docs/sdm_13.pdf, Zugriff am 04.03.2013.

42 Vgl. Gräfe 2007, S. 136. Vgl. ebenso: Poliakov 1988, S. 33.

43 Allgemeine Zeitung des Judentums (AZJ), Nr. 36 vom 7. September 1880, S. 564.

44 Um die komplexen mittel- und langfristigen, teils miteinander verwobenen, teils im Streit miteinander stehenden Konzepte, Vereinigungen und Parteien analytisch zu handhaben, wird sich den vier Phasierungen von Helmut Berding angenommen. Vgl. Berding 1988, S. 99-103.

45 Marr, Wilhelm: Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet, Bern 1879, S. 8f. Hervorhebungen wie im Original. Orthografie wurde beibehalten, Interpunktion wurde an die Form der vorliegenden Studie angepasst.

46 Vgl. Berding 1988, S. 99f.

47 Vgl. Piefel 2004, S. 38f. Vgl. ebenso: Gräfe 2007, S. 137.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Jüdische Sachsen im antisemitischen Königreich? Antisemitismus im Königreich Sachsen 1871-1914
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät, Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte)
Veranstaltung
Auf der Suche nach föderalen Elementen – das deutsche Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1914)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V288088
ISBN (eBook)
9783656883692
ISBN (Buch)
9783656883708
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Kaiserreich, Sachsen, sächsischer Antisemitismus, Akkulturation, Judentum, sächsisches Königreich
Arbeit zitieren
Heiko Neumann (Autor), 2013, Jüdische Sachsen im antisemitischen Königreich? Antisemitismus im Königreich Sachsen 1871-1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288088

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Jüdische Sachsen im antisemitischen Königreich? Antisemitismus im Königreich Sachsen 1871-1914


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden