Zur Bedeutung von Sprachschwierigkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten


Bachelorarbeit, 2014
38 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Migration
1.2 Interkulturelle Psychotherapie

2. Bedeutung der sprachlichen Verständigung im psychotherapeutischen Setting
2.1 Grundlagen Interkultureller Kommunikation
2.1.1 Der Begriff „Kultur“
2.1.2 Der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“
2.1.3 Die Funktion der Sprache
2.2 Das Interview mit Frau K
2.2.1 Darstellung der Fragestellung
2.2.2 Methodik und Durchführung des Interviews
2.2.3 Fallstudie – Frau K
2.3 Zweitsprache - das Betreten einer anderen Wirklichkeit
2.4 Muttersprachliche Psychotherapie

3. Sprach- und Kulturmittler
3.1 Grundsätze für die psychotherapeutische Versorgung
3.2 Kooperation zwischen Therapeut - Dolmetscher - Patient

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Rund 33% der deutschen Bevölkerung leidet jedes Jahr an einer oder mehreren psychi- schen Erkrankungen (vgl. Jachertz, 2013, S. 269). Psychische Erkrankungen treten oft zu- sammen mit anderen Krankheiten auf und können für Menschen folglich einen schweren Einschnitt im Leben bedeuten. Diese Belastung kann zu langfristigen und wiederholten Ausfällen von Arbeitnehmern führen. Für betroffene Menschen und ihre Umgebung ist es oft ein langer Weg des Leidens, wobei der soziale Kontakt massive Einbußen erfährt.

In Deutschland leben ca. 16,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die eben- falls psychische Erkrankungen aufweisen können (Statistisches Bundesamt, 2012). Laut Bermejo u. a. (2011, S. 209) erleiden diese mindestens genauso häufig psychische Erkran- kungen wie die deutsche Bevölkerung. Doch wie häufig psychotherapeutische Behandlun- gen bei Menschen mit Migrationshintergrund erfolgen und wie es aktuell um die psycho- therapeutische Versorgung von Migrantinnen und Migranten in Deutschland steht, wurde bisher kaum untersucht. Die Ursachen für die Entwicklung psychischer Erkrankungen sind hingegen bekannter. So muss das eigene Heimatland zumeist aus der Not heraus verlassen werden und zudem bestehen Sprach- und Kulturprobleme im Aufnahmeland. Die psycho- therapeutische Behandlung ist daher für den Erhalt der psychischen Gesundheit vieler Mig- rantinnen und Migrantinnen und Migranten in Deutschland die einzige Möglichkeit.

Die vorliegende Arbeit befasst sich überwiegend mit der Behandlung von Migrantinnen und Migranten, jedoch können auch bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in zwei- ter oder dritter Generation in Deutschland leben, sprachliche und kulturelle Verständi- gungsprobleme bestehen. Daher handelt es sich bei „Migranten“ um ein Oberbegriff für Menschen deren Muttersprache nicht die deutsche Sprache ist. Zusätzlich wird im Nach- folgenden, zur Vermeidung unnötiger Länge dieser Arbeit, der Begriff „Migranten“ ver- wendet, wobei ausdrücklich und gendergerecht immer von Migrantinnen und Migranten die Rede ist.

Auf Grundlage der Fragestellung „Warum ist die interkulturelle Kommunikation in einer psychotherapeutischen Sitzung, elementar für die erfolgreiche Versorgung von Migrantin- nen und Migranten?“ werden zunächst Begrifflichkeiten erläutert, um eine definierte Ar- beitsgrundlage zu schaffen. Zudem dient es dem näheren Verständnis des Hauptthemas dieser Arbeit, welches die psychotherapeutische Versorgung von Migranten im Hinblick auf sprachlichen und kulturellen Verständigungsproblemen umfasst.

Im Hauptteil wird zum einen ein Interview mit Frau K. analysiert und mit der entsprechen- den Literatur in Beziehung gesetzt, zum anderen werden die drei Varianten der interkultu- rellen Kommunikation in einer psychotherapeutischen Sitzung durchleuchtet. Hierbei wer- den die Verwendung der Zweitsprache durch den Migranten, die Verständigung mit einem muttersprachlichen Therapeuten sowie die Heranziehung eines Sprach- und Kulturmittlers unterschieden. Es ist vorwegzunehmen, dass die sprachliche Verständigung bei der Ver- wendung der Zweitsprache durch den Migranten, die im Aufnahmeland neu erlernt werden muss, nicht so erfolgen kann wie bei Psychotherapeuten und Patienten, die dieselbe Spra- che sprechen. Handelt es sich um einen muttersprachlichen Therapeuten, können die Mig- ranten ihre Gefühle, Erfahrungen und Schwierigkeiten in der eigenen Sprache viel leichter äußern. Ein Sprach- und Kulturmittler muss beide Sprachen beherrschen und bestenfalls die Kulturen des Therapeuten und Migranten kennen und verstehen. Am Ende der Arbeit folgt ein Fazit und es wird versucht einen Ausblick auf die mögliche zukünftige interkultu- relle Psychotherapie zu gewähren.

1.1 Migration

Der Begriff Migration stammt vom lateinischen Wort migrare (vgl. Six-Hohenbalken & Tosic, 2009, S.17) und bezeichnet die dauerhafte Verlegung des Lebensmittelpunktes in eine andere Stadt, Land oder Kontinent. Hierbei werden die Binnenmigration, d.h. die Wanderung innerhalb eines Staates und die Internationale Migration, d.h. die Wanderung über Staatsgrenzen hinweg, unterschieden. Im Folgenden wird nur die Internationale Mig- ration betrachtet, da nur in diesem Fall große sprachliche und kulturelle Schwierigkeiten auftreten können.

Eine Migration hat einen enormen Einschnitt in das kulturelle, soziale und psychische Le- ben eines Menschen zur Folge, da das jeweilige Aufnahmeland zumeist andere kulturelle und soziale Merkmale aufweist als die eigene Heimat. Das Ablegen der soziokulturellen Gewohnheiten stellt einen schwierigen und andauernden Prozess dar, wobei Migrantinnen und Migranten individuelle Lern- und Änderungsprozesse durchlaufen müssen, die neue Ressourcen verlangen. Das Erlernen einer neuen Sprache, der Aufbau eines sozialen Netzwerkes sowie das Aneignen von gesellschaftlichen und kulturellen Normen, sind die ersten Schritte für die Gestaltung einer neuen Lebensphase.

Laut dem Mikrozensus 2012 (Statistisches Bundesamt, 2012) haben in Deutschland 20,0% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, wodurch Deutschland ein beliebtes Ein- wanderungsland darstellt. Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn die Person keine deutsche Staatsangehörigkeit hat, nicht in Deutschland geboren ist oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist (ebd.). Die ersten Arbeitsmigranten wanderten in den 1870er Jahren nach Deutschland ein, da es zu dieser Zeit an Arbeitskräften mangelte. Im Jahr 2012 sind rund 1.08 Millionen Ausländer nach Deutschland ausgewandert, wobei die türkischen Migranten mit rund 2.69 Millionen Menschen die größte Einwanderungsgruppe bilden.

Ursachen für Migration

Die Beweggründe für eine Auswanderung in ein anderes Land sind ebenso vielfältig wie die kulturelle und soziale Herkunft der Migranten. Die individuellen sowie kollektiven Gründe für eine Migration werden u.a. „in der sozialwissenschaftlichen Migrationstheorie und -forschung [als] Push- und Pull-Faktoren [beschrieben]“ (Sieben & Straub, 2011, S. 45). Durch Gefahren wie Kriegszustände, Naturkatastrophen, Armut, Diskriminierungen und Verfolgungen, Korruption und Ungerechtigkeit, schlechte wirtschaftliche Entwicklun- gen oder geringen Arbeits- und Weiterentwicklungschancen werden Menschen aus ihrer Heimat gepusht. Menschen können jedoch auch durch die individuelle Attraktivität der Aufnahmegesellschaften, z.B. aufgrund freier Arbeitsplätze, einer gesunden Wirtschaft, vielseitiger Bildungschancen u.v.m., gepullt werden.

Neben den möglichen Ursachen für Migration können auch verschiedene Typen von Mig- ranten unterschieden werden: Arbeitsmigranten, politischen Flüchtlingen, Studierenden, Auszubildenden bis hin zu Pensionären sind alle Gruppen vertreten (vgl. Sieben & Straub, 2011, S. 46). Es ist jedoch zumeist nur schwer nachzuvollziehen, welche Migrantengrup- pen freiwillig und welche unfreiwillig den Weg in ein neues Leben bestreiten. Von freiwil- liger Auswanderung ist die Sprache, wenn der Migrant die Kontrollmacht über das eigene Leben besitzt und folglich eigene Entscheidungen fällen kann. Das ist eine entscheidende Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Integration in eine neue Gesellschaft. Da freiwil- lig selbstbestimmte Migranten als aktiv handelnde Subjekte agieren und das Erlernen der neuen Sprache freiwillig erfolgt, haben sie zumeist einen „leichteren Zugang zu den Kommunikationsmitteln in der Aufnahmegesellschaft“ (Pirmoradi, 2012, S. 27) als Men- schen, die zur Migration gezwungen wurden.

Es ist festzuhalten, dass Menschen aus verschiedenen Beweggründen ihr Heimatland ver- lassen. Für alle Migranten hat das jedoch einen radikalen Lebenswandel zur Folge.

Krankheitsrisiken bei Menschen mit Migrationshintergrund

Die allgemeine Vorstellung, dass besonders Menschen mit Migrationshintergrund psychi- sche Krankheiten erleiden, wird von H. Glaesmer (2009) widerlegt. Er führte eine deutsch- landweite Studie zum Thema psychische Erkrankungen bei Migranten durch. Untersucht wurden hierbei die am häufigsten vorkommenden Krankheiten bei Menschen mit Migrati- onshintergrund: depressive Störungen, somatoforme Beschwerden, generalisierte Angststö- rungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Es konnten dabei keine signifikanten Prävalenzen psychischer Krankheiten bei Migranten im Vergleich zur heimischen Bevöl- kerung gefunden werden (vgl. ebd., S.18f.). Der langwierige Migrations- und Integrations- prozess, die Trennung von Familie und Herkunftsland sowie die soziale Isolation im Auf- nahmeland können dennoch die Entwicklung psychischer Störungen begünstigen (vgl. Sieben & Straub, 2008; Spallek & Zeeb, 2010). Demzufolge ist eine Psychotherapie für Menschen mit Migrationshintergrund genauso notwendig und wichtig, wie für die restliche Bevölkerung.

1.2 Interkulturelle Psychotherapie

Sigmund Freud, ein Tiefenpsychologe und der Erfinder der Psychoanalyse, hat in einer seiner Vorlesungen das psychotherapeutische Behandlungsverfahren wie folgt beschrie- ben:

In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt. Der Patient spricht, erzählt von vergangenen Erlebnissen und gegenwärtigen Eindrücken, klagt, bekennt seine Wünsche und Gefühlsregungen. Der Arzt hört zu, sucht die Gedankengänge des Patienten zu dirigieren, mahnt, drängt seine Aufmerksamkeit nach gewissen Richtungen, gibt ihm Aufklärungen und beobachtet die Reaktionen von Ver- ständnis oder von Ablehnung, welche er so beim Kranken hervorruft. (Freud, 1978, S. 9)

Psychotherapie ist ein Begriff, der ursprünglich aus der griechischen Linguistik stammt und übersetzt Behandlung der Seele meint. So wird sowohl durch interaktionelle Prozesse als auch auf Grundlage wissenschaftlich begründeter psychoanalytischer Verfahren ver- sucht, Verhaltungsstörungen und Leidenszustände durch verbale und nonverbale Kommu- nikation auf ein gemeinsam erarbeitetes Ziel zu therapieren.

Der interaktionelle Prozess zwischen Therapeut und Klient stellt im interkulturellen Be- handlungsfeld etwas Neues dar. Interkulturalität bedeutet für die Therapeut-Klient- Interaktion eine besondere Herausforderung, da kulturelle Fehlsymbolisierungen zu Miss verständnissen und infolgedessen zu falschen Diagnosen führen können. Die interkulturelle Psychotherapie bietet Migranten jedoch zugleich die Chance eine bessere therapeutische Versorgung zu erhalten und infolgedessen die psychischen Beschwerden erfolgreich zu überwinden. Es ist anzumerken, dass die Faktoren Kultur und der Umgang mit Interkultur- alität immer mehr an Bedeutung in der psychotherapeutischen Versorgung von Migranten gewinnen (vgl. Pirmoradi, 2012, S. 154).

Migration als dritte Individuation

Migranten verlassen ihr Herkunftsland und wandern in andere Länder aus, die kulturelle Unterschiede aufweisen. Migration ist mit Loslösung von Herkunftskultur, gesellschaftli- chen Normen und von der Muttersprache verbunden. Sie verlassen ihre gewohnte Umge- bung sowie die Familie und das gesamte soziale Umfeld. Im Aufnahmeland gilt es neue, kulturell und gesellschaftlich fremde Normen kennenzulernen und zu verinnerlichen. Die- ser Trennungsprozess wird von Machleidt (2013) als dritte Individuation bezeichnet (vgl. S. 23ff.).

In den ersten beiden Individuationsphasen Geburt und Adoleszenz hat das der Mensch die Aufgabe sich schrittweise vom ursprünglichen Objekt zu entfernen und Selbstständigkeit zu entwickeln. Bei der Geburt verlässt das Kind den mütterlichen Schutzraum und begibt sich in die weite Welt. Adoleszenten entfernen sich hierbei Schritt für Schritt von der eige- nen Familie und bauen sich ein eigenes soziales Umfeld auf. In der dritten Individuations- phase müssen sich die Migranten von der Ursprungskultur entfernen um den Wechsel in die Aufnahmekultur bestreiten zu können (vgl. Abb. 1, Machleidt, 2013, S. 25).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Individuationsphasen: Geburt, Adoleszenz, Migration (Machtleidt, 2013, S.25)

Diese Progression kann abhängig vom individuellen Auswanderungsgrund unterschiedlich erfolgreich verlaufen und die sprachliche und kulturelle Integration im Aufnahmeland un- terschiedlich gut gelingen. Migranten haben dann, wie oben bereits erwähnt, einen leichte- ren Zugang zu den Kommunikationswerkzeugen der Aufnahmegesellschaft und können die dritte Individuation aussichtsreich bewältigen.

Der transkulturelle Übergangsraum

Die Interkulturelle Psychotherapie hat neben der therapeutischen Versorgung von Men- schen mit Migrationshintergrund die Aufgabe, die kulturellen Grenzen von Therapeut und Patient zu verwischen und in einem neuen virtuellen Raum, den transkulturellen Über- gangsraum, zu vereinen. Der intermediäre Raum, in dem die kulturellen Gegensätze aufei- nander treffen, ist ein neutraler Ort für den Austausch von Gefühlen und Erfahrungen. Die- ser virtuelle Schutzraum dient der Entfaltung verschiedener Kulturen und wird in der psychotherapeutischen Praxis als transkultureller Übergangsraum bezeichnet. Er ist ange- lehnt an Winnicotts intermediären Bereich, in dem „in gleicher Weise innere Realität und äußeres Leben einfließen“ (Winnicott, 1995, S.11):

Es ist ein Bereich, der kaum in Frage gestellt wird, weil wir uns zumeist damit begnügen, ihn als Sphäre zu betrachten, in der das Individuum ausruhen darf von der lebenslänglichen menschlichen Aufgabe, innere und äußere Realität voneinander getrennt und doch in wechsel- seitiger Verbindung zu halten.

In diesem Zwischenraum hat sowohl der Therapeut als auch der Klient die Möglichkeit, die eigene Kultur mit der des Gegenübers zu verknüpfen und neue kulturelle Symbolisie- rungen zu schaffen. Er dient demzufolge als „Reflektionsraum, der Herstellung von Bedeu- tungszusammenhängen, der Verortung des Eigenen und des Fremden, der Entlastung von Illoyalitäts- und Schuldgefühlen gegenüber der ethnischen Bezugsgruppe“ (Machleidt, 2009, S. 5) herstellt. Doch je größer die individuellen und kulturellen Unterschiede sind, desto schwieriger wird die Kommunikation in der Therapeut-Klient-Beziehung (vgl. Öz- bek & Wohlfahrt, 2006, S. 174). So bleibt es die Aufgabe des Therapeuten, die Differen- zen im transkulturellen Übergangsraum durch seine reflexive Haltung zu steuern und folg- lich Verzerrungen bei der Diagnose vorzubeugen.

2. Bedeutung der sprachlichen Verständigung im psychotherapeutischen Setting

2.1 Grundlagen Interkultureller Kommunikation

2.1.1 Der Begriff „Kultur“

Kultur und Kommunikation sind im interkulturellen psychotherapeutischen Setting zwei Hauptsäulen, die sich gegenseitig beeinflussen und bestenfalls die Basis für eine erfolgrei- che therapeutische Versorgung von Migranten bilden. Demzufolge erscheint es sinnvoll, eine anwendungs- und handlungsbezogene Begriffserklärung dieser beiden Begrifflichkei- ten vorzunehmen.

In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass Kultur eine Orientierung für Patient sowie Therapeut darstellt. Dies entspricht auch der Definition von Thomas:

Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflußt das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung. (1993, S. 380)

Kultur bezeichnet folglich die Summe der gemeinsamen Sichtweisen einer Gruppe oder Gesellschaft zu unterschiedlichen Lebensbereichen. Dies ermöglicht kulturspezifische Symbole innerhalb einer Gesellschaft zu schaffen, die eine erfolgreiche Interaktion zwi- schen den Mitgliedern einer Kultur ermöglicht.

2.1.2 Der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“

Die interkulturelle Kommunikation bezeichnet die Begegnung verschiedener Kulturen, die durch die Nutzung der zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln, die Überschrei- tung kultureller Grenzen ermöglicht. Das bedeutet nicht unbedingt, dass hierbei andere Sprachen gesprochen werden. Allerdings können die Kommunikationspartner nicht auf die gewohnten Kulturstandards zurückgreifen und müssen über die Grenzen der heimischen, kulturellen Muster hinweg agieren. Dabei ist es für die erfolgreiche Kommunikation not- wendig, dass die Kultur des Gegenübers mit einbezogen wird. So formulierte Thomas:

Interkulturelle Kommunikation bedeutet Kommunikation (Formen, Vermittlungsmöglichkeiten und Störungen) unter kulturellen Überschneidungsbedingungen, wobei die kulturellen Unter schiede der Partner maßgeblich das Kommunikationsgeschehen sowohl hinsichtlich der Ablauf- prozesse als auch der Resultate beeinflusst. (2005, S. 101f.)

Aufgrund verschiedener Kulturen der Menschen, können Missverständnisse in der inter- kulturellen Kommunikation auftreten. Das liegt u.a. in den möglichen Informationsdefizi- ten, falschen Situationsinterpretationen oder unterschiedlichen Zielen bzw. Erwartungen begründet (ebd., S.102). Die subjektive Wahrnehmung spielt hierbei eine große Rolle, da die eigenen kulturellen Verhaltenserfahrungen sowie die langjährig aufgebauten und indi- viduellen Muster eigene Interpretationen ermöglichen.

2.1.3 Die Funktion der Sprache

Die zwischenmenschliche Kommunikation bildet die Grundlage jeder Interaktion zwischen Individuen. Es werden die verbale, nonverbale sowie paraverbale Kommunikation unter- schieden. Viele Wissenschaftler beschäftigen sich mit der zwischenmenschlichen Kommu- nikation. So erläutert u.a. Schulz von Thun auf Grundlage des Kommunikationsquadrates , die vier Seiten einer Nachricht. Watzlawick hat mit seinem Axiom Man kann nicht nicht kommunizieren die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation hervorgehoben. Und Carl Rogers machte die personenzentrierte Gesprächsführung populär, die auch noch heutzutage in psychotherapeutischen Settings eingesetzt wird. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die verbale und nonverbale interkulturelle Kommunikation, die für die psychotherapeu- tische Arbeit mit Migranten unerlässlich ist. Das lässt sich dadurch begründen, dass für den Erfolg einer Therapie die Verbalisierungsfähigkeit der Patienten entscheidend ist (vgl. Gün, 2007, S. 152f.). Das Sprachverhalten und die Verwendung der Sprache werden vor allem durch kulturelle Erfahrungen und Vorstellungen geprägt. Diese beeinflussen folglich die Kommunikation mit Menschen anderer Kulturen, wodurch Verständigungsprobleme auftreten können.

Der kulturelle Unterschied erschwert zumeist auch die Interaktion zwischen Therapeut und Patient. Für die Verständigung mit dem Therapeuten muss sich der Patient zumeist in sei- ner Zweitsprache ausdrücken, wodurch er nur begrenzt seine eigenen Gedanken und Ge- fühle mitteilen kann. Denn die Sprache wird in jeder „Gesellschaft auf eine andere Art - also kulturspezifisch - vollzogen“ (Tuna, 1999, S. 47). Migranten können sich in einer an- deren Sprache nicht so verständigen, wie sie es in ihrer Muttersprache tun. Die bereits in der Kindheit erlernten ethnischen Symbole sind in der Zweitsprache nicht mehr gültig, wodurch Neusymbolisierungen notwendig sind.

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Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung von Sprachschwierigkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Jahr
2014
Seiten
38
Katalognummer
V288113
ISBN (eBook)
9783656884439
ISBN (Buch)
9783656884446
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, sprachschwierigkeiten, versorgung, migrantinnen, migranten
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Zur Bedeutung von Sprachschwierigkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288113

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