Der Mythos Ossian als Spiegelbild der napoleonischen Republik in Girodet-Triosons "L’Apothéose des Héros français"


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Trend Ossian.................................................................................................................... 3

2. L’Apothéose des Héros français morts pour la patrie pendant la guerre de la Liberté von Anne Louis Girodet-Trioson........................................................................................................................................ 3

2.1 Die Thematik von Girodets Ossian................................................................................... 4

2.1.1 Die 'französische Seite'............................................................................................. 4

2.1.2 Die 'ossianische Seite'............................................................................................... 5

2.2 Der politische Bezug der Komposition............................................................................. 6

2.3 Besonderheiten in der Umsetzung.................................................................................... 8

3. Fazit......................................................................................................................................... 9

Anhang...................................................................................................................................... 11

Abbildungsverzeichnis.............................................................................................................. 14

Literaturverzeichnis................................................................................................................... 15

1. Der Trend Ossian

„Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt.“ [1], so sagte der junge Werther und sprach damit vielen Romantikern aus der Seele.

Die Gesänge des Barden Ossian oder besser gesagt die Fragments of Ancient Poetry von James Macpherson wurden 1760 veröffentlicht und erfreuten sich rasch großer Beliebtheit. Es handelt sich hierbei um mündlich überlieferte, gälische Mythen, die über die Heldentaten Fingals und seiner Gefährten berichten. Alsbald folgten Übersetzungen in verschiedene Sprachen und so verbreitete sich der Ossianismus in Europa und inspirierte dabei nicht nur Literaten und Musiker, sondern auch viele Künstler, obwohl sich bald herausstellte, dass es sich bei dem Werk weniger um eine Sammlung schottischer Gesänge als eine lyrische Erfindung Macphersons selbst handelte. [2]

Einer der Künstler, der sich mit Ossian auseinander- und die Dichtung wie kaum ein anderer auf Leinwand umsetzte, ist Anne Louis Girodet-Trioson. Mit seinem Gemälde L’Apothéose des Héros français morts pour la patrie pendant la guerre de la Liberté (Abb.1) setzte er sich nicht nur malerisch von anderen Werken dieser Thematik ab, sondern maß dem mythischen Original auch eine weitere Bedeutungsebene bei, die die Politik der napoleonischen Republik widerspiegelt.

2. L’Apothéose des Héros français morts pour la patrie pendant la guerre de la Liberté von Anne Louis Girodet-Trioson

Das Bild wurde am 20.7.1800 im Zuge der Renovierung des Malmaison, in welchem es sich noch heute befindet, durch die Architekten Fontaine und Percier in Auftrag gegeben. Nach den Memoiren Fontaines wünschte Joséphine Bonaparte von den Künstlern der insgesamt sechs georderten Bilder, Auszüge aus dem Leben Napoleons darzustellen[3]. Unter Einfluss des Künstlers Gérard, der sich zu diesem Zweck der von Napoleon verehrten Ossianthematik bediente, änderte Girodet seinen ersten Entwurf einer Herkules-Darstellung ebenfalls in die Umsetzung der schottischen Gesänge [4].

Es handelt sich bei dem Gemälde um Öl auf Leinwand, welches 192 cm hoch und 182 cm breit ist. Der erste Eindruck wird von einer Fülle an Figuren geprägt, deren Durcheinander sich leicht entwirren lässt, wenn man Girodets Beschreibung aus dem Begleitheft des Salons 1802 [5], in welchem das Gemälde erstmals ausgestellt wurde, zu Rate zieht. Da es allerdings nicht Ziel dieser Arbeit ist, den genauen Bildaufbau zu analysieren, werden im Folgenden lediglich die gezeigte Thematik sowie einige relevante Details näher erläutert.

2.1 Die Thematik von Girodets Ossian

Wie unschwer zu erkennen ist, handelt es sich bei den gezeigten Personen um zwei unterschiedliche Gruppen, nämlich die ossianischen Krieger in der linken sowie die französischen Soldaten in der rechten Bildhälfte [6]. Es empfiehlt sich, die Inhalte dieser beiden Lager zunächst getrennt voneinander zu betrachten.

2.1.1 Die 'französische Seite'

Die französischen Soldaten streben von rechts nach links und damit auf die ossianischen Krieger zu, von welchen sie freudig in Empfang genommen werden. Die französischen Generäle sind dank der Lithographien von Aubry Lecomte aus dem Jahr 1821 alle namentlich zu identifizieren [7], wodurch sich ein eindeutiger Bezug zu gewissen Erfolgen der französischen Armee herstellen lässt. So waren beispielsweise Desaix, welcher in der Mitte des Bildes von Ossian umarmt wird, und Kléber an der Ägyptenexpedition Napoleons[8] und einigen damit verbundenen Schlachten gegen die Mameluken [9] beteiligt. Die Siege werden dabei durch die Trophäe, die Kléber und Desaix halten, sowie durch die Flagge in der Hand von Cafarelli-Dufalga [10], der hinter den beiden läuft und das Gesicht nach rechts gewandt hat, verdeutlicht.

Wichtiger für die Gesamtkomposition als diese Anspielungen sind allerdings die Attribute und Symbole, die die französische Armee begleiten. So fliegt über den Köpfen der Franzosen die Siegesgöttin, welche in ihrer ausgestreckten Hand einen Caduceus hält – das Symbol des Herolds und des Friedens. Außerdem trägt sie über ihre rechte Schulter gelehnt ein Bündel aus Palmblättern, Lorbeer- sowie Olivenzweigen, welche ebenfalls eine Friedens- und Siegessymbolik aufweisen. Auf diesem Bündel sitzt ein Hahn, der von einem heiligenschein-ähnlichem Glanz umgeben ist.

Neben diesem befinden sich noch zwei weitere Vögel im oberen Bildbereich (Abb.2): ein Adler über den ossianischen Kriegern sowie eine Taube. Da diese Tiere in gewisser Weise die sich darunter abspielende Situation widerspiegeln bzw. mit einem aktuellen politischen Bezug versehen, soll auf deren Symbolik erst später näher eingegangen und vorerst die Aufstellung der ossianischen Krieger erläutert werden.

2.1.2 Die 'ossianische Seite'

Diese nehmen die linke Bildhälfte ein und teilen sich nochmals in zwei Gruppen auf: die Bewohner Morwens, welche sehr hell dargestellt sind, sowie die Einwohner Lochlins, welche durch ihre dunkle Farbe bestechen. Diese Gruppen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Farbgestaltung, sondern auch in ihrer Reaktion auf die Franzosen.

Die Einwohner Morwens, angeführt durch den Barden Ossian, heißen die fremden Soldaten freudig willkommen. So umarmt nicht nur Ossian einen der Generäle; auch sein Vater Fingal, der hinter ihm steht und eine Krone mit nach oben gerichteten Flügeln trägt, reicht Kléber die Hand. Zudem musizieren und singen die Frauen, während sie am unteren Bildrand auf die fremden Soldaten zu schweben.

Im Hintergrund werden die Siegestrophäen der Krieger gegen das Römische Reich [11] präsentiert. Die Speere, die durch Ossian, Fingal und Comhal (Abb.3) gehalten werden, sind nach unten gerichtet und stellen ein Zeichen für Frieden und Freundschaft [12] dar. Cuthillins Speer (Abb.3) zeigt zwar nach oben, doch ist dieser gebrochen, und weist damit auf eine Niederlage hin, die die Ossianer gegenüber den Franzosen erlitten haben [13]. Da die Sieger eines offenbar stattgefundenen Krieges allerdings fröhlich von den Unterlegenen empfangen werden, handelt es sich um eine Friedensfeier [14]; hierfür spricht auch, dass die Siegesgöttin den ossianischen Kriegern den Caduceus als Zeichen des Friedens entgegen hält [15].

Dieses Fest wird jedoch durch die Bewohner Lochlins gestört. Diese reagieren ärgerlich auf die Ankunft der Franzosen und ablehnend gegenüber dem geschlossenen Frieden[16]. So erkennt man in der linken Ecke des Bildes den Anführer König Starno, der seine eigene Tochter erstechen will (Abb.4), um sie daran zu hindern, in die Freudengesänge der Frauen einzustimmen, sowie eine weitere Gruppe seiner Krieger, die hinter Fingal kauert und mit dem Schwertknauf gegen ein Schild schlägt (Abb.5) – eine Geste, welche in der ossianischen Mythologie ein Aufruf zum Krieg [17] ist.

Während in der Dichtung die Querelen zwischen Morwen und Lochlin allerdings allen Handlungen zugrunde liegen, werden die Kämpfe zwischen den beiden Lagern in Girodets Gemälde kaum thematisiert. Vielmehr liegt die Betonung auf der unterschiedlichen Reaktion auf die Ankunft der Franzosen, womit anzunehmen ist, dass das eigentliche Thema des Bildes sich weniger an einer poetischen Vorlage als an historischen Gegebenheiten orientiert.

2.2 Der politische Bezug der Komposition

Dieser historische Bezug ist aber nicht nur auf die Glorifizierung Frankreichs, verdeutlicht durch die gezeigten Trophäen, zu reduzieren. Vielmehr gibt es eine wesentlich komplexere, politische Bedeutung [18], die sich anhand der Symbolik der Vögel erkennen lässt.

Wie sich durch seine Position im Bild bereits zeigt, steht der Hahn in Verbindung zur französischen Armee, symbolisiert also den Geist Frankreichs [19]. Er streckt beschützend einen Flügel über die herannahende Taube aus, die für den geschlossenen Frieden steht. Die Analyse des Adlers ist auf den ersten Blick weniger eindeutig. Allerdings ist im Hintergrund über dem Hussarenhut Marceaus eine österreichische Flagge (Abb.6) zu erkennen, womit die Vermutung naheliegt, dass es sich bei dem Adler um den Reichsadler Österreichs[20] handelt. Dieser flieht beim Anblick des Hahns und lässt somit von seinem Angriff auf die Friedenstaube ab. Auch ist an seiner Position zu erkennen, dass er in Verbindung mit den Kriegern Morwens steht. Dies wird nochmals dadurch unterstrichen, dass der Flügel des Adlers einen Flügel der Krone Fingals berührt [21].


[1] Goethe, J.W: Die Leiden des jungen Werther, Leipzig 1825, S.175.

[2] Vgl. Bellengere, S. (Hrsg.): La Légende d'Ossian illustrée par Girodet. Montargis, Musée Girodet; 4.11.1988 - 28.2.1989; Bouolgne-Billancourt, Institut de France, Académie des beaux-arts, Bibliothèque Marmottan; 25.4. - 25.6.1989, Montargis 1989, S.7ff.

[3] Vgl. Levitine, G.: L'Ossian de Girodet et l'actualité politique sous le consulat, in: Gazette des Beaux- Arts, Oktober 1956, S.42.

[4] Vgl. Levitine, 1956, S.43.

[5] Nachzulesen in: Bellengere, 1989, S.63-65.

[6] Die Krieger Ossians setzen sich durch ihre helle, nebulöse Darstellung sehr deutlich von den satten Farben der französischen Armee ab. Außerdem nehmen die Lager nicht nur jeweils eine andere Bildhälfte ein, sondern sind mit ihren Blicken und Bewegungen auch in unterschiedliche Richtungen gewandt; so streben die Franzosen nach links, während die Ossianer nach rechts gewandt sind.

[7] Diese sind nummeriert und jeweils mit dem Hinweis „Girodet-Trioson pinxit et direxit 1801 Aubry Lecomte del. 1821“ versehen.

Vgl. Bellengere, 1989, S.69f.

[8] Vgl. Levitine, 1956, S.47.

[9] Unter dem Ziel, Ägypten von den Mameluken zu befreien, kam es zu zahlreichen Schlachten während der Ägyptenexpedition, wie etwa der Schlacht bei Marengo 1800, in der Desaix fiel.

Vgl. hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Ägyptische_Expedition, am 12.9.2013.

[10] Vgl. Coupin, P.: Œuvres posthumes de Girodet-Trioson, peintre d'histoire, suivies de sa correspondance, précédées d'une notice historique (Bd.2), Paris 1829, S.174f.

[11] Vgl. Coupin, 1829, S.175f.

[12] Vgl. Levitine, G.: Girodet-Trioson. An Iconographical Study, New York 1978, S.189f.

[13] Vgl. Levitine, 1978, S.190.

[14] Vgl. Coupin, 1829, S.175.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Coupin, 1829, S.177.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Levitine, 1978, S.187.

[19] Vgl. Coupin, 1829, S.177.

[20] Es handelt sich nach der korrekten Formulierung eigentlich um den Reichsadler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, welches allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits durch Österreich dominiert wurde und dessen Einheit durch die Siege der Französischen Republik zerfiel.

Vgl. Levitine, George: L'aigle épouvanté de l'Ossian de Girodet et l'aigle effrayé du mausolée de Turenne , in: Gazette des Beaux-Arts, November/Dezember 1974, S.320.

[21] Vgl. Levitine, 1956, S.49f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Mythos Ossian als Spiegelbild der napoleonischen Republik in Girodet-Triosons "L’Apothéose des Héros français"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Departement für Kunstwissenschaften)
Veranstaltung
Kunst und Politik in der französischen Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V288219
ISBN (eBook)
9783656883777
ISBN (Buch)
9783656883784
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mythos, ossian, spiegelbild, republik, girodet-triosons, l’apothéose, héros
Arbeit zitieren
Gina Kacher (Autor), 2013, Der Mythos Ossian als Spiegelbild der napoleonischen Republik in Girodet-Triosons "L’Apothéose des Héros français", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288219

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