Die Ausbildung des Architekten im 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Accademia in Italien zur Académie Royale in Frankreich


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Frühe Neuzeit als Weg in die Bildung

2. Die Ausbildung des Architekten vom 15. bis 17. Jahrhundert - Eine geistige Entwicklung von Italien und Frankreich
2.1 Italien im 15. / 16. Jahrhundert
2.1.1 Der Künstler als Architekt
2.1.2 Das Selbststudium der angehenden Architekten
2.1.3 Accademia - Von der losen Verbindung zur festen Organisation
2.2 Die Ausbildung des Architekten im Frankreich des 17. Jahrhunderts - Weiterentwicklung des Akademiegedankens
2.2.1 Die Académie Française
2.2.2 Die Académie royale d'architecture

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Die Frühe Neuzeit als Weg in die Bildung

„Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.“1

Und gerade dann, wenn kein verbindliches Wissen für ein Fach festgeschrieben ist, muss man sich seines eigenen Verstandes bedienen können, um sich die noch unbekannten Normen zu erschließen. Neugier ist gefragt, Tatendrang und vor allem Wissenschaftlichkeit - Voraussetzungen, die zu Beginn der Frühen Neuzeit durch den Geist der Zeit gegeben waren.

Renaissance - das bedeutet Wiedergeburt des antiken Geistes, Rückgriff und Weiterentwicklung der klassischen Antike2, die in allen Lebensbereichen glänzte, und damit einhergehend den Erwerb eines Wissens, das unter anderem speziell für den Architekten und seine Ausbildung richtungsweisend werden sollte, da es bislang keine verbindliche Lehre für den Architekten gab3 und sich auch während der Renaissance noch niemand von Anfang an ausschließlich der Baukunst widmete4. Selbst die Qualität der allgemeinen Grundausbildung variierte je nach gesellschaftlicher Stellung und finanzieller Potenz5, wenngleich es somit zumindest in der Theorie jedem möglich war, sich im Schreiben, Lesen, Rechnen sowie den geometrischen Grundlagen zu üben; die Lateinschulen wurden hingegen meist nur vom gehobenen Bürgertum besucht.6

Was aber war nun konkret nötig, um sich Architekt nennen zu dürfen? Was musste man wissen, und vor allem: Wo konnte man es lernen? Wie bereits angedeutet, spielte die sich wandelnde Geisteshaltung der Renaissance und hierbei besonders ihr geistiges Zentrums Italien eine große Rolle für das Bild des Architekten und seine Ausbildung.

Die folgende Arbeit soll einen Einblick in diese Änderungen und Anstöße, die während des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien gegeben und später im Frankreich des 17. Jahrhunderts aufgegriffen wurden, geben.

2. Die Ausbildung des Architekten vom 15. bis 17. Jahrhundert - Eine geistige Entwicklung von Italien und Frankreich

2.1 Italien im 15. / 16. Jahrhundert

2.1.1 Der Künstler als Architekt

Zu Beginn des Quattrocento gab es noch keine konkreten Ausbildungsnormen für den Architekten7, und doch lässt sich nicht leugnen, dass es bedeutende Architekten gegeben hat, wie etwa Brunelleschi, der durch den Bau der Florentiner Domkuppel hervorstach, oder Bramante, der sich am Neubau des Petersdoms in Rom verdient machte. Betrachtet man die großen Architekten dieser Zeit, so wird man zu dem Schluss kommen, dass die Berühmten unter ihnen meist im Metier der Bildhauerei, Malerei, Holzarbeit8 - also auf dem Gebiet der bildenden Künste ausgebildet wurden, wobei es daneben auch talentierte Architekten wie Palladio aus dem Bereich der Handwerkszünfte gegeben hat.

Dennoch hatten die Künstler gerade zur Zeit der Renaissance gewisse Vorzüge für diesen Beruf. Zwar verstanden sie sich nicht besser auf die Baupraxis als ein Maurer oder Steinmetz, doch stand man als solcher im Ruf, intellektuell geschulter zu sein9, künstlerischer und vor allem wissenschaftlicher zu arbeiten. Gerade diese Wissenschaftlichkeit war wichtig, wenn man sich im 15. Jahrhundert einen Namen als Architekt machen wollte, da man selbst Studien betreiben musste, um Gesetzmäßigkeiten zu finden und diese in eigenständig verfassten Schriften darlegen zu können10.

Andererseits bot sich die Ausbildung zum Künstlers an, da man bestrebt war, alle Künste, also auch die Architektur, unter dem Prinzip des Disegno zu vereinigen11. Bereits Alberti hielt in seinem Werk De re aedificatoria fest, dass die wichtigste Ausbildung des Architekten in der Malerei und Mathematik liege, da der Gedanke sich letztlich im Entwurf, also in der Zeichnung selbst, kristallisiere, und der Gebrauch der Mathematik hierbei unerlässlich für die Festlegung schöner Proportionen sei12. Der Architekt als denkende Kraft, die sich die Hände nicht länger schmutzig macht13 - diese Unterscheidung vom einfachen Handwerker ist charakteristisch für das Bild des Architekten der Renaissance.

Somit erscheint es an dieser Stelle sinnvoll, dass bei der Frage nach der Ausbildung des Architekten ein Blick auf die Ausbildung des Künstlers in der italienischen Renaissance geworfen wird, da von dieser Grundlage aus jede weitere Entwicklung stattfand. Diese erfolgte in der Regel in Künstlerwerkstätten und beinhaltete zunächst das Einüben der Praxis. Bilder des Meisters wurden den Lehrlingen zum Kopieren vorgelegt, und erst nachdem man sich eine gewisse Technik angeeignet hatte, erfolgte die theoretische Unterweisung14. Was genau aber gelehrt wurde, darüber gibt es „wenig konkrete Nachrichten“15. Fest steht, dass sich das vermittelte Wissen an den Fertigkeiten des Meisters selbst orientierte und alles, was darüber hinausging, sich von den Schülern selbst angeeignet werden musste16.

So verhielt es sich letztlich auch mit dem konkreten Wissen über die Architektur. Naturgesetze, aufgrund derer ein Bau zusammenhielt, waren bislang nicht bekannt17. Dieses Wissen schufen erst während des 17. Jahrhunderts Galilei mit seinen Discorsi e Dimostrazioni matematice, intorno a due nouve scienze und Newton mit dem Kräfteparallelogramm18. Zu Beginn der Renaissance verließ man sich auf die Erfahrung der mittelalterlichen Baumeister. Jedoch stand im Vordergrund der Arbeit eines neuzeitlichen Architekten auch nicht die handwerkliche Arbeit, sondern wie gesagt der Entwurf - das Disegno. Somit ging es dem Künstlerarchitekten weniger um Fragen der Statik oder Bautauglichkeit, sondern um Ästhetik und das Umsetzen der Ideale der Zeit, die sich an den Vorbildern der Antike orientierten.

Da es aber auch hierfür zu Beginn der Renaissance keinen tatsächlichen Kanon gab, war es für einen Künstler, der sich zu Beginn der Renaissance zum Architekten fortbilden wollte, unerlässlich, sich selbstständig mit dieser Materie auseinanderzusetzen.

2.1.2 Das Selbststudium der angehenden Architekten

Bereits zu Beginn der Renaissance begannen Künstler und Humanisten sich mit der Antike auseinanderzusetzen, indem sie die Ruinen Roms untersuchten19 und ihre Erkenntnisse schriftlich festhielten. Eine der wichtigsten Personen zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist hierbei Leon Battista Alberti, der mit seinen Arbeiten De pictura, De Statua und De re aedificatoria sowohl auf dem Gebiet der Kunst als auch der Architektur ein theoretisches Fundament geschaffen hat20. Überdies hielt er in seinem Architekturtraktat wie bereits erwähnt auch erstmals die Bedeutung von Malerei und Mathematik für die Ausbildung des Architekten fest, wodurch er ihn als kunstsinnigen Gelehrten vom gemeinen Handwerker abgrenzte und Architektur und Künste in die Nähe der Wissenschaften rückte21. Alberti beschäftigte sich allerdings nicht nur mit den antiken Bauten selbst, sondern als einer der Ersten mit dem Architekturtheoretiker der Antike schlechthin: Vitruv. Dessen Werk De architectura libri decem bildete gewissermaßen den „Hintergrund der italienischen Architekturtheorie des Quattrocento“22 und so entstand - angeregt vom Erschwernis der lateinischen Sprache, die meist nur den Gelehrten und Akademikern verständlich war, und der oft mangelnden Anschaulichkeit vorher-gegangener Ausgaben - eine Vielzahl von Vitruvübersetzungen, -kommentaren und eine beträchtliche Anzahl von durch Vitruv beeinflussten Traktaten.

Vor allem die Werke des 16. Jahrhunderts gewinnen hierbei Wert von dauernder Bedeutung23, wie etwa Serlios Sette Libri d'architettura, die zu einer der einflussreichsten Architekturveröffentlichungen überhaupt wurden, da sie „auch dem 'mittelmäßigen' Kollegen“24 in Form eines weniger beschreibenden als zeigenden Handbuches Anregungen und Hilfe zur Architektur boten, und somit nicht mehr so theorielastig erschienen wie die Schriften seiner Vorgänger25. In diesem behandelt er neben Geometrie und Perspektive die Zusammenhänge von Malerei und Architektur, setzt sich kritisch mit Vitruv auseinander und liefert brauchbare Musterbücher und anwendbare Regeln für den Architekten26.

„[D]as meist gebrauchte architektonische Lehrbuch überhaupt“27 lieferte allerdings Vignola mit den 1562 veröffentlichten Regola delli cinque ordini d'architettura.

Zumindest Anleitungen und Vorlagen für die eigentliche Aufgabe des neuen Architekten - das Entwerfen - wurden mit diesen Traktaten also im Selbststudium erarbeitet und festgehalten, wobei man bei praktischen Fragen nach wie vor auf die Erfahrung anderer zurückzugreifen und sich auch untereinander über Gedanken, Konzepte und Entwürfe verständigen musste28.

[...]


1 Schopenhauer, A.: Die Welt als Wille und Vorstellung (Band 2), Leipzig 1859, S.84.

2 Vgl. Renaissance, in: Duden - Bedeutungswörterbuch URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Renaissance am 9.3.2013.

3 Vgl. Ettlinger, L.: The Emergence of the Italian Architect during the Fifteenth Century, in: Kostof, S. (Hrsg.): The Architect - chapters in the history of the profession, New York 1977, S.96 (Im Folgenden: Ettlinger 1977, S. …).

4 Vgl. Burckhardt, J.: Die Baukunst der Renaissance in Italien, München, Basel 2000, S.19.

5 Vgl. Günther, H.: Der Beruf des Architekten zu Beginn der Neuzeit, in: Ralph, J. (Hrsg.): Entwerfen: Architektenausbildung in Europa von Vitruv bis Mitte des 20. Jahrhunderts, Hamburg 2009, S.252 (Im Folgenden: Günther 2009, S. …).

6 Vgl. Günther 2009, S.252.

7 Vgl. Günther 2009, S.248.

8 Vgl. Burckhardt 2000, S.19.

9 Vgl. Günther 2009, S.250.

10 Vgl. Günther, H.: Der Architekt in der Renaissance, in: Nerdinger, W. (Hrsg.): Der Architekt - Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes - Publikation zur Ausstellung des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne, 27. September 2012 bis 3. Februar 2013, München 2013, S.81f (Im Folgenden: Günther 2013, S. …).

11 Vgl. Wilkinson, C.: The new Professionalism in the Renaissance, in: Kostof, S. (Hrsg.): The Architect - chapters in the history of the profession, New York 1977, S.134 (Im Folgenden: Wilkinson 1977, S. …).

12 Vgl. Kruft, H.-W.: Geschichte der Architekturtheorie - Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1985, S.53.

13 Vgl. Günther 2013, S.84.

14 Vgl. Günther 2009, S.262.

15 Günther 2009, S.259.

16 Vgl. Günther 2009, S.263.

17 Vgl. Günther 2009, S.259.

18 Vgl. Binding, G.: Meister der Baukunst - Geschichte des Architekten- und Ingenieurberufes, Darmstadt 2004, S.18.

19 Vgl. Günther 2013, S.81.

20 Vgl. Kruft, 1985, S.55.

21 Vgl. Günther 2013, S.81.

22 Kruft, 1985, S.72.

23 Vgl. Burckhardt 2000, S.36.

24 Kruft 1985, S.80.

25 Vgl. Blunt, A.: Art and Architecture in France - 1500 to 1700, London 1953, S.46.

26 Vgl. Kruft 1985, S.84ff.

27 Kruft 1985, S.88.

28 Vgl. Günther 2009, S.263.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Ausbildung des Architekten im 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Accademia in Italien zur Académie Royale in Frankreich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Departement für Kunstwissenschaften)
Veranstaltung
Das Berufsbild des Architekten in der Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V288220
ISBN (eBook)
9783656883869
ISBN (Buch)
9783656883876
Dateigröße
2683 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Architekt, Renaissance, Accademia, Académie
Arbeit zitieren
Gina Kacher (Autor), 2013, Die Ausbildung des Architekten im 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Accademia in Italien zur Académie Royale in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288220

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