Zwang der Gesellschaft oder persönlicher Antrieb? Das Motiv der Ehre in "Le Cid" von Pierre Corneille


Hausarbeit, 2013

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über die Ehre

2. Die Ehre in Le Cid von Pierre Corneille - Druck von Außen oder persönlicher Antrieb?
2.1 Die Ehre im Konflikt Rodrigues
2.1.1 Der Druck des Vaters
2.1.2 Die Entscheidung aus individuellem Antrieb
2.2 Die Ehre im Konflikt Chimènes
2.2.1 Der Druck der Familienehre
2.2.2 Der innere Zwang gegenüber der Meinung der Gesellschaft

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Über die Ehre

„[E]he man zu Ehren kommt, muss man zuvor leiden.“1 So stand es schon in der Bibel, und getreu diesem Grundsatz verlaufen auch zahlreiche dramatische Handlungen in der Literatur.

Das Ehrmotiv ist durch seine „individuelle und gesellschaftliche Dimension“2 Auslöser zentraler Konflikte und Streitpunkt der Generationen, so dass sich gerade Familiendramen häufig um die Themen Ehre und Ehrverlust drehen. Man erhält sie entweder als Standesprivileg durch Geburt oder erreicht sie durch die Erfüllung religiöser Pflichten, den Erwerb geschätzter Tugenden oder den Aufstieg in höhere Klassen3. Fest steht jedoch in jedem Fall, dass sie sich am Wertesystem einer Gesellschaft orientiert4 und für den Einzelnen gilt: Es ist besser zu sterben als unehrlich zu leben5.

Dieses Prinzip verdeutlichte bereits in den Dramen der Antike, wo die „Triebfeder[n] im Handeln des Helden“6 lagen, und speziell in der Renaissance entwickelte sich eine Vorliebe für Rachetragödien, die diesem Grundsatz folgten. Obwohl die Ehre aber in erster Linie als gesellschaftlich definiertes Ideal erscheint, sind die Grenzen zwischen individueller Motivation und treibendem Druck von Außen nicht immer klar ersichtlich. Im Folgenden soll dies an der Tragikomödie Le Cid, welche 1636 von Pierre Corneille geschrieben wurde, deutlich gemacht werden.

2. Die Ehre in Le Cid von Pierre Corneille - Druck von Außen oder persönlicher Antrieb?

In diesem Drama bauen zahlreiche Ehrkonflikte wie in einem Teufelskreis aufeinander auf, und je weiter die Handlung fortschreitet, desto undurchsichtiger wird, ob es sich bei der verfolgten Ehre tatsächlich um einen äußeren Zwang oder um ein individuelles Bestreben handelt. Diese Arbeit wird sich allerdings darauf beschränken, die Motivation der Ehre in den Konfliktsituationen der beiden Protagonisten sowie die dazugehörige Rolle der Gesellschaft herauszuarbeiten.

2.1 Die Ehre im Konflikt Rodrigues

Der Konflikt Rodrigues ist eine Folge auf die anfängliche Auseinandersetzung zwischen dessen Vater Don Diègue und dem Grafen. Diese spitzte sich zu einem Duell zu, welches Diègue aus Altersschwäche verlor, und zur Wiederherstellung seiner Ehre nun seinen Sohn zur Rache auffordert.

2.1.1 Der Druck des Vaters

Rodrigue sieht sich in erster Linie dem Druck von Außen, nämlich dem seines Vaters und seiner verletzten Familienehre, ausgesetzt. Er soll sich duellieren „[f]ür eine Beleidigung, so grausam, / daß sie [ihrer] beider Ehre tödlich verletzt“7, und sich erweisen „als würdiger Sohn [s]eines Vaters“8.

Doch die Empfindungen in Anbetracht dieser unweigerlich auf ihn übergehenden Schande entsprechen nicht, wie bei Diègue, von Anfang an den vorgeschriebenen Erwartungen der Gesellschaft, da Rodrigues Gegner, der Graf, der Vater seiner zukünftigen Verlobten ist. „Gegen [seine] Ehre nimmt [seine] Liebe Partei“9, so dass der Zwang, der auf ihn ausgeübt wird, seinen individuellen Neigungen entgegen steht, weil er sich zwischen dem Ansehen seiner Familie und seinen Gefühlen für Chimène entscheiden muss.

2.1.2 Die Entscheidung aus individuellem Antrieb

Dennoch lässt sich sein Entschluss für die Ehre sowohl auf diesen äußeren Druck als auch auf einen individuellen Antrieb zurückführen. Ginge es nur um die beiden Alternativen Ehre und Liebe, so würde Rodrigue es vorziehen, zu „sterben, ohne Chimène zu verletzen“10. Obwohl er sich vor die Wahl gestellt sieht, „entweder [seine] Liebe zu verraten / oder als Ehrloser zu leben“11, würde er letzteres bevorzugen. Jedoch kommt er während seines Monologes selbst zu dem Schluss, dass seine Liebe zu Chimène in jedem Fall verloren ist: Tötet er ihren Vater, zieht er ihre Verachtung auf sich; tut er es nicht, wird er selbst, ehrlos wie er inzwischen ist, ihrer unwürdig12.

Somit ist es keine Entscheidung mehr zwischen Liebe und Ehre, sondern nur noch für oder gegen die Ehre. Hierbei treibt ihn natürlich sein eigener Stolz dazu, wenigstens die Ehre zu verteidigen, welche so gesehen also individueller Antrieb und nicht nur Druck von Außen ist, zumal die Liebe selbst die Rache vorzuschreiben scheint13.

Andererseits ist an dieser Stelle auch anzumerken, dass die Ansichten der Gesellschaft dazu beitragen, dass er, weil sein Vater das Duell verloren hat, seiner Geliebten nicht mehr würdig ist beziehungsweise sie nicht mehr heiraten kann, sollte er den Grafen töten. Die Ehrvorstellungen der Gesellschaft tragen dadurch zumindest einen Teil zu seiner Entscheidung bei, da er sich in einem „Wertegefüge [bewegt], das bereits ausgelegt und in dem die Wahl deshalb bereits vorentschieden ist“14.

2.2 Die Ehre im Konflikt Chimènes

Nach Rodrigues Entscheidung für die Ehre kommt es zum Duell mit dem Grafen, in welchem Letzterer fällt. Deshalb findet Chimène sich nun ebenfalls in der Konfliktsituation wieder, sich zwischen der Liebe und ihrer verletzten Familienehre entscheiden zu müssen.

2.2.1 Der Druck der Familienehre

Obwohl Chimène selbst sagt, dass die Ehre keine Rücksicht auf ihre liebsten Wünsche nimmt15, entscheidet sie sich ohne zu Zögern dafür, „Rache“16 für ihren Vater beim König einzuklagen. Sein Blut schrieb in den Staub, was sie zu tun habe17. Deshalb macht es zunächst den Anschein, dass der Druck von Außen, also das Ansehen der Familie in der Gesellschaft und die Schuldigkeit18 gegenüber dem Vater, der ausschlaggebende Beweggrund für Chimène sind.

Zudem legt sie die Racheforderung vor dem König so aus, als ob es sich dabei um ein öffentliches Interesse handelt, schließlich betreffe die Ermordung ihres Vaters nicht nur sie selbst, sondern viel mehr das Ansehen des Königs19, da das Duell einen der besten Männer des Reiches gefordert hatte. Die Ehrwiederstellung geschehe nicht zu ihrer Erleichterung20, sondern zu der des Königs. So zeigt sie deutlich, dass es kein innerer Trieb, sondern die von der Gesellschaft geschriebenen „Gesetze der Ehre“21 sind, die sie zum Handeln bewegen.

[...]


1 Bibel, Spr 15,33 LUT 1912

2 Ehre, in: Daemmrich, H. S. / I.: Themen und Motive in der Literatur: ein Handbuch, Tübingen, Basel 1995², S.119

3 Vgl. Ehre, in: Daemmrich, S.119

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ehre, in: Daemmrich, S.119

7 Corneille, P.: Le Cid, Ditzingen 2007 (Reclam Verlag), V.267f

8 Corneille, V.288

9 Corneille, V.302

10 Corneille, V.330

11 Corneille, V.305f

12 Vgl. Corneille, V.324ff

13 Vgl. Floeck, W.: „Las mocedades del Cid“ von Guillén de Castro und „Le Cid“ von Pierre Corneille - Ein neuer Vergleich, Bonn 1969, S.169

14 Sick, F.: Pierre Corneille, Le Cid (1637), in: Krauß, H. / Kuhnle, T.R.: 17. Jahrhundert -Theater, Tübingen 2003, S.56

15 Vgl. Corneille, V.459

16 Corneille, V.689

17 Vgl. Corneille, V.676

18 Vgl. Floeck, S.164

19 Vgl. Corneille, V.694

20 Vgl. Corneille, V.690

21 Floeck, S.164

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zwang der Gesellschaft oder persönlicher Antrieb? Das Motiv der Ehre in "Le Cid" von Pierre Corneille
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Departement für Theaterwissenschaften)
Veranstaltung
Repertoire- und Formenkunde: Familiendrama
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V288222
ISBN (eBook)
9783656884736
ISBN (Buch)
9783656884743
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Le Cid, Pierre Corneille, Ehre
Arbeit zitieren
Gina Kacher (Autor), 2013, Zwang der Gesellschaft oder persönlicher Antrieb? Das Motiv der Ehre in "Le Cid" von Pierre Corneille, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288222

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