Symbolismus des Automobils. Zwischen Mythos und Material


Hausarbeit, 2007

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Symbolismus nach Ernst Cassirer

III. Aufbau des Interviews

IV. Interpretation des Interviews

V. Fazit: Der Mythos Automobil

Quellen

I. Einleitung

Das Automobil zählt heute zu den technischen Mitteln, die die menschliche Gesellschaft in ihrer heutigen Form am wesentlichsten geprägt haben. Nicht nur ermöglicht es seinen Nutzern, große natürliche Räume zu überwinden und Distanzen zu bewältigen, was den Handlungsspielraum des Menschen wesentlich erweitert. Auch wird das Automobil als Konsumgut zum Begleiter im Alltag, zum modischen Accessoire und damit zum Spiegel des persönlichen Geschmacks, der politischen Einstellung oder des gesellschaftlichen Status. Zugleich lässt das Automobil mit seiner Produktion und seinem Markt auch heute noch zahlreiche Arbeitsplätze und spezialisierte Fachberufe in nahezu jedem Industrie- und Schwellenländern der Welt entstehen.

In all diesen Funktionen werden dem Automobil durch die einzelnen Interessengruppen ganz unterschiedliche Bedeutungen beigemessen: Als Symbol der Freiheit scheint es seinem Nutzer eine Unabhängigkeit zu verleihen, es vermag den sozialen Stand nach außen hin zu kennzeichnen, für Ingenieure und Designer wird es zum Gegenstand der eigenen Verwirklichung, für ein Unternehmen oder eine ganze Volkswirtschaft kann es zum Erfolgsfaktor werden.

Diese Arbeit ist ein Versuch, Symbolik und Bedeutungen des Automobils aus den Perspektiven von dessen tatsächlichen und potenziellen Nutzern zu analysieren. in einem knappen Interview geben diese Auskunft über ihre Assoziationen mit dem von ihnen gebrauchten Gut Automobil. Die Antworten der qualitativen Fragebögen sollen vor dem theoretischen Hintergrund des Symbolismus von Ernst Cassirer ausgewertet werden, bevor am Ende versucht wird, in einem Fazit von den Ergebnissen dieser Analyse auf den Mythos Automobil zu schließen und unsere allgemeine Hoffnung in Hinblick auf die von uns produzierten technischen Mittel.

II. Symbolismus nach Ernst Cassirer

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Ernst Cassirer entwarf mit seinem Werk „Die Philosophie der symbolischen Formen“ eine der populärsten Arbeiten über die Symbolik der verschiedenen Facetten der menschlichen Lebenswelt[1]. Etwa ein Jahr nach Abschluss dieses Hauptwerks verfasste der Philosoph im Jahre 1930 den Aufsatz „Form und Technik“[2], das auf der einen Seite die Beziehung zwischen der Philosophie und der Technik verstehen, zum anderen die Bedeutung von Technik für den Menschen umreißen möchte. Im Gesamten versuchen beide Werke, die Bedeutung der Assoziationen, die wir mit den Objekten und Zeichen um uns herum haben, zu betonen und ihre Rolle in unserer Wahrnehmung der Welt zu erläutern.

Nach Cassirer sind schließlich die Werte, mit denen wir einen Gegenstand oder ein Symbol aufladen, maßgeblich für die Gestalt, die wir ihm geben. Diese Werte basieren wiederum auf den Erfahrungen, Hoffnungen, Wünsche und Ängste, die wir mit eben diesen Dingen verbinden[3]: Diese Objekte treten in unsere Lebenswelt ein und verändern diese und uns selbst. Mit diesem veränderten Selbst wiederum blicken wir auf die Objekte, analysieren und beurteilen sie nach diesen Maßstäben.

Dadurch, dass wir Welt und Wirklichkeit um uns herum über die Bedeutung erfassen, die wir ihnen beimessen, so Cassirer, nehmen wir sie stets vermittelt und nie direkt wahr: Wir bilden unser Umfeld vor uns selbst in Symbolen, Zeichen, Mythen und Bildern ab, die Cassirer als „symbolische Formen“ bezeichnet. Die Fähigkeit, seine Umgebung derart zu strukturieren und mit Bedeutungen aufzuladen, wird zum wesentlichen anthropologischen Merkmal, das allein den Menschen auszeichnet. So formuliert, der Mensch „lebt in einer bedeutungsvollen Umwelt, bei der beides: die Bedeutungen und die "Stellvertreter" dieser Bedeutungen, die Symbole, von ihm geschaffen sind“[4]. Am wohl deutlichsten wird dies am Symbolsystem der Sprache: Jedes einzelne Wort macht eine Entsprechung in der realen Welt greifbar und gibt zugleich Auskunft über die Bedeutung, die wir ihr geben. Weil diese Symbole dadurch eine gewisse Wertung von uns enthalten, spiegeln sie oft unsere eigenen Vorstellungen davon wieder, was richtig und falsch, gut und böse, erstrebenswert und ablehnungswürdig ist[5].

Dabei stehen die einzelnen bedeutungsvollen Symbole, mit der wir unsere Welt konstituieren, nicht allein, sondern in einem systematischen Zusammenhang: Die Bedeutung des einen bedingt die Bedeutung des anderen Symbols in einer dynamischen Weise. Auf diese Art kreieren wir unser Gesamtbild von einer Umgebung aus Einzelsymbolen und -zeichen und verleihen den materiellen und immateriellen Dingen um uns herum einen beziehungshaften Zusammenhang. Aus eben diesem Grunde hebt Cassirer in verschiedenen Werken immer wieder den Mythos hervor, der ebenfalls ein strukturiertes System einzelner, verknüpfter Symbole darstellt und Beziehungsgeflechte und Zusammenhänge so gestaltet sind, wie sie uns auch in unserer eigenen Erlebniswelt realistisch erscheinen würden.

Technische Artefakte sind ebenfalls mit Konnotationen und Bedeutungen beladen[6]. Die Bedeutung, die wir den eigentlich sinnleeren materiellen Konstruktionen aus Einzelteilen beimessen, ebenso wie die Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen, sie bezeichnen und sie beschreiben, sagt nicht nur viel darüber aus, welchen Wunsch sie uns erfüllen oder welche Angst sie in uns Wecken. Wie alle anderen Symbole stehen auch diese technischen Artefakte inklusive ihrer Bedeutungen in einem Beziehungsgeflecht mit den Bedeutungen anderer Symbole[7]. Wenn wir also ein solches, technisches Objekt mit bestimmten Begriffen beschreiben, es mit anderen Objekten vergleichen oder es erklären, lernen wir nicht nur etwas über dieses Objekt – sondern immer auch etwas über unser gesamtes erfahrungsbedingtes und bedeutungsvolles Zeichensystem[8]. Die Strukturierung unserer Umwelt mithilfe von wertenden und verweisenden Begriffen ist übrigens nicht streng allein auf Cassirer zurückzuführen – sie gehört heute zu den wesentlichen Grundannahmen zahlreicher Theorien aus der Psychologie oder den Kultur- und Sprachwissenschaften.

Mag sich Cassirer nicht explizit mit dieser spezifischen symbolischen Form beschäftigen, so eignet sich seine Perspektive doch durchaus für die Analyse des Bildes, das unsere geprägte Wahrnehmung vom Automobil zeichnet sowie der Bedeutung unserer Symbole, mit denen wir dieses Bild zeichnen.

III. Aufbau des Interviews

Das durchgeführte Interview besteht aus fünf Fragekomplexen, denen insgesamt zehn Fragen zugeordnet sind. Der erste Teil bringt einige relevante Daten des Befragten in Erfahrung, explizit seinen Beschäftigungsgrad, das Vorhandensein eines Fahrzeugs, dessen Modell und Baujahr sowie die Art seiner Anschaffung (Kauf, Geschenk, Leasing etc.). Der zweite Komplex stellt die offene Frage nach der Zukunft der Mobilität, zu der die interviewten Personen ihre freie Einschätzung abgeben sollen. Im folgenden dritten Abschnitt werden drei konkrete Fragen zu dieser Zukunft gestellt, in denen die Befragten ihre Vorstellungen konkretisieren sollen: Welche Änderungen sich spezifisch in der eigenen Umgebung in Deutschland ergeben werden, wie sich selbige auf Mobilität und Verkehr auswirken und welchen Stellenwert das Fahrzeug einnehmen wird, sollte in diesem Teil des Fragebogens beschrieben werden. Am Ende, im vierten Abschnitt des Interviews wird schließlich direkt nach der persönlichen Bedeutung des Fahrzeuges und des Gefühls von „Fahrspaß“ gefragt.

Die Zusammensetzung der Fragen sowie deren genaue Abfolge sollten vor allem eine sich langsam aufbauende und stetig konkreter werdende Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Automobils für den Befragten hervorrufen. Vor allem mithilfe der Zukunftsprojektion können Hoffnungen und Ängste abgefragt werden, die dem Konzept des Automobils innewohnen und nicht bei dem ersten Gedanken an die alttägliche Nutzung des eigenen Fahrzeugs präsent sind. Zum Ende hin werden die Fragen stetig direkter und bitten letztlich den Befragten ganz gezielt darum, die persönliche Bedeutung des Fahrzeugs und die seiner Nutzung zu beschreiben.

Befragt wurden neun Personen, wobei eine vergleichsweise heterogene Zusammensetzung erreicht werden konnte: Studenten, Angestellte, Auszubildende und leitende Angestellte wurden ebenso einbezogen wie Hausfrauen. Eine ähnliche Vielseitigkeit ergab sich in Hinblick auf Alter und Geschlecht der Befragten sowie in Bezug auf Marke und Baujahr der Fahrzeuge der Interviewten. Zugleich verfügen zwei der Befragten nicht über ein Fahrzeug, sind also keine „Autofahrer“. Die Befragten stammen sowohl aus der ländlichen als auch aus urbanen Gegenden.

Trotz der heterogenen Zusammensetzung der interviewten Personen ergaben sich wesentliche Überschneidungen in ihren Antworten. Während eine detailreiche Nahaufnahme den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde, kann bereits das Aufdecken und analysieren der immer wieder genannten Motive einen ersten, richtungsweisende Eindruck geben.

IV. Interpretation des Interviews

Einen ersten Eindruck von den Bedeutungen und Konnotationen, die die Befragten mit dem technischen Artefakt des Automobils verbinden, ergibt sich aus den wesentlichen Schnittpunkten, die die Antworten der interviewten Personen aufweisen. Auffallend ist, dass die verschiedenen Antworten mit immer gleichen oder ähnlichen Begriffen formuliert wurden. Um eine strukturierte Übersicht über die wichtigsten Aspekte zu erhalten, kategorisiere ich die einzelnen Bedeutungsbegriffe in Clustern, die jeweils eine Facette der Bedeutung des Automobils für die Befragten umreißen sollen. Die Gesamtheit der einzelnen Cluster ergeben einen ersten Eindruck vom gesamten „Mythos“ Automobil.

Die am häufigsten genannten Worte, die die Bedeutung des Automobils in den Antworten der Befragten beschreiben sollten, waren Begriffe wie Individualität, Freiheit, Flexibilität und Unabhängigkeit, die ergänzt wurden durch Bezeichnungen wie Ungebundenheit, Nicht-Angewiesenheit und Uneingeschränktheit, die in Form eines Gegensatzes zu einer negativen Konnotation formuliert werden. Für die Befragten, so geht aus den Interviews hervor, bedeutet „Freiheit“ hier, durch das Automobil ungebunden von festen Zeiten spontan auch alle Arten von Strecken zurücklegen zu können, speziell solche, die mit anderen Verkehrsmitteln oder gar zu Fuß nicht in einer vergleichbaren Zeitspanne bewältigt werden könnten. Freiheit, so kann interpretierend überlegt werden, steht hier für die Befragten also in engem Zusammenhang mit der Überwindung natürlicher Grenzen, die uns die Landschaft, der Zeitverlauf und die physischen Möglichleiten unseres eigenen Körpers[9] – kurz: die Natur – setzen.

Das gleiche gilt etwa dafür, dass ein Auto als „praktisch“ bezeichnet wird, weil mit ihm größere Güter transportiert werden können. Auch hier ist das Fahrzeug also Fortsatz des menschlichen Körpers, die eine Erweiterung seiner natürlichen, physischen Kräfte bewirkt: Zu Fuß oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die er zu Fuß erreichen muss, sind die schweren Lasten nicht zu tragen.

Durch diese „Bemächtigung“, d.h. die Erweiterung der eigenen Körperkraft, ruft das Fahrzeug in der Befragten „Stolz“ hervor und wird zum „Statussymbol“, das auch Ausdruck von finanzieller Kraft ist, die oft mit persönlichem Erfolg durch hohe Leistung gleichgesetzt wird. Damit wird die Leistungskraft des Automobils auch die eigene Leistungskraft, auf die man „stolz“ sein kann.

In ähnliche Richtung verweist eine weitere Gruppe von Begriffen, die ebenfalls auffallend häufig verwendet wurde und auf die Ansprüche der Befragten an ihr Fahrzeug verweist: „(spürbare) Leistung“, „Verlässlichkeit“, „Funktionalität“ und „Sicherheit“ sind Wörter, die die interviewten Personen häufig mit dem Automobil und seiner Nutzung verbinden. Ähnlich einem Körperteil, das auch durch äußere Verletzung oder innere Schäden seine Funktion verlieren kann, muss das Auto also verlässlich funktionieren – und Leistung bringen. Sonst kann es, vor dem Hintergrund einer solchen Interpretation, zur kränkelnden Gliedmaße werden, die die Reichweite des (erst durch ihn erweiterten) eigenen Körpers wieder einschränkt.

Ähnliches scheint im Übrigen für die notwendige Bedingung der Effizienz, einem ausgeglichenen Kosten-Nutzen-Verhältnis, Kostenersparnis und Zeitersparnis, die ein Automobil bieten soll. Das ökonomische Prinzip, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen, ist ein natürliches Merkmal der menschlichen Lebensgestaltung und entspricht dem Ausmaß an „Fitness“ im evolutionsbiologischen Sinne[10]: Es geht schließlich darum, mit effizientestem Aufwand eine bestimmte Aufgabe zu bewältigen. Im Falle des Automobils kann das ein Produkt sein, dessen Preis-Leistungs-Verhältnis aus Sicht des Kunden maximal effizient ist.

[...]


[1] Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen (Bd. 1: Die Sprache 1923; Bd. 2: Das mythische Denken 1925; Bd. 3: Phänomenologie der Erkenntnis 1929)

[2] Ernst Cassirer, Form und Technik (1930). In: Recki, Birgit: Ernst Cassirer: Gesammelte Werke. Band 17: Aufsätze und kleine Schriften (1927-1931). Felix Meiner Verlag, 2004, S. 139-183.

[3] Recki 2004: 63

[4] Ernst Cassirer 1930, zitiert über Fuchs 2011: 45

[5] Recki 2004: 31

[6] Cassirer 1930: 144

[7] Recki 2004: 31

[8] Cassirer 1930 145

[9] Hinweise dazu u.a. bei Haas 2000: 102

[10] Hinweise dazu u.a. bei Voland 2007: 143

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Symbolismus des Automobils. Zwischen Mythos und Material
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V288256
ISBN (eBook)
9783656884392
ISBN (Buch)
9783656884408
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
symbolismus, automobils, zwischen, mythos, material
Arbeit zitieren
Katharina Grimm (Autor), 2007, Symbolismus des Automobils. Zwischen Mythos und Material, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288256

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